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Der Kampf mit den Geistern

Artur Brausewetter: Der Kampf mit den Geistern - Kapitel 2
Quellenangabe
authorArtur Brausewetter
titleDer Kampf mit den Geistern
publisherDie Buchgemeinde
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160921
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Erstes Buch

In der Rotbuche sang ein Vogel. Er war keiner der geübten Sänger, sondern ein junger Anfänger, der jetzt zur Mittagszeit, wo die anderen sich ausruhten, seine Kunst und Kraft zu proben schien; etwas Schnarrendes war in seiner Stimme, manchmal auch etwas Zwitscherndes, daß es wie ein Lachen klang. Und die Sonne, die in einem Heere von unzählbaren kleinen glitzernden Körperchen von dem blaßhellen Himmel strahlte, lachte wie er. Und von der Wiese, in der die Leute die Nachmittagsarbeit gerade aufgenommen hatten, drang ein durch die Entfernung gedämpftes Lachen hinüber. Es war, als ob alles da draußen, der Himmel und die Bäume und die Wiesen, über die törichten Menschen lachte, die an einem so wundervollen Junitage, wo die Welt wie ein einziger leuchtender Festtag anzusehen war, nichts Besseres zu tun wußten, als zwischen engen Wänden an langgedeckter Tafel in schwarzen Röcken oder seidenen Gewändern mit feierlich zurechtgemachten Gesichtern zu sitzen.

Aber die hier saßen und aßen, schienen darüber anders zu denken. Die Speisen, die die alte Schönknechtsche, die durch Jahrzehnte bewährte Mamsell von Malkaymen, mit der gewohnten Kunstfertigkeit bereitet hatte, und die auserlesenen Gewächse, deren Jahrgang und Namen der hagere Johann mit den glattrasierten Lippen beim sorgfältigen Einschenken gewichtig verkündete, ließ sie Leuchten und Lachen da draußen kaum entbehren.

Weit waren die beiden schweren Eichentüren geöffnet; sie gaben den Blick frei auf die geräumige Gartenveranda mit den weißen einladenden Korbsesseln und Stühlen und, über sie und den jung angelegten Park hinweg, durch zwei torartig gelichtete und gestutzte Baumgruppen in die üppigen Wiesen und fruchtstrotzenden Felder.

»Man sieht's ganz gern auch mal von ferne, wenn man immer mitten drin steht«, meinte der alte, aber noch sehr rüstige Kammerherr von Oerzen auf Worditten, der täglich seine sechs Stunden zu Pferde saß und die übrigen zwischen Schachbrett und einer guten Flasche gewissenhaft zu teilen wußte, »und diese Honigberger Auslese hat mehr Sonne in sich gesogen, als ganz Malkaymen mit seinen Feldern und Wäldern an einem Tage wie diesem – habe ich nicht recht, Herr Kommerzienrat?«

»Gewiß – diese Sonne ist der beste Landmann, da kann unsereiner getrost feiern.«

»Feiern ist gut. Als ob Sie überhaupt wüßten, was feiern ist. Ob Sie in Ihrer Wohnung in der Stadt Gäste empfangen oder uns hier draußen im hellen Junisonnenschein das auserlesenste Essen geben, das ist ja alles nur – na, wie sagt doch Pastor Hartau, mein oller Philosoph da in Kokoschken? – ach ja, richtig: das ist alles bei Ihnen nur im Unterbewußtsein. Im Oberbewußtsein, oder wie Pastor Hartau das nennt, da wälzen Sie ja nur Ihre Pläne und Projekte, unterhalten sich mit Ihren Zahlen und verdienen bei einem Glase Wein, das Sie meistens noch nicht einmal trinken, zehnmal mehr als unsereiner, wenn er den ganzen Tag auf dem Gaule schwitzt.«

Es war eine Eigentümlichkeit des alten Kammerherrn, daß er von dem Augenblick an, in dem seine Weinseligkeit einsetzte, taktlos wurde.

Den Kommerzienrat berührte es nicht. Vielleicht weil er fühlte, daß der andere so unrecht nicht hatte. Inmitten einer Welt, die ihn Tag für Tag in neue Kreise und Gesellschaften zog, lebte er im Grunde nur sein eigenes Leben, befand sich in seinem Kontor und in der Fabrik, auch wenn er festlich gekleidet an blumengeschmückter Tafel saß, traf Verfügungen, machte Überschläge und führte am nächsten Morgen zielbewußt aus, was er am Abend inmitten einer lustig lärmenden Gesellschaft Gedanken für Gedanken durchdacht und durcharbeitet hatte.

Die Leute um ihn störten ihn nicht. Für seine Person brauchte er nichts. Weder Menschen noch Gesellschaften. Daß er die ersten ertrug, die zweiten beinahe Abend für Abend über sich ergehen ließ, daß er zu seiner vornehmen Villa in der Stadt noch das große Rittergut und Schloß Malkaymen für die Sommerzeit gekauft und sich bei seiner riesigen Tätigkeit die Unbequemlichkeit eines Doppellebens in der Stadt und auf dem Lande auferlegt hatte, das waren nichts als Zugeständnisse, die er seiner Ruhe halber an Frau und Kinder machte.

Ein Klopfen ans Glas störte ihn mitten aus einer Berechnung auf, die er fast zu Ende gemacht hatte.

Ein noch junger Mann in schwarzem Überrock und ebensolcher Krawatte, von der sich das feingeschnittene, ein wenig bleiche Gesicht scharf abhob, war von seinem Platz aufgestanden und begann zu reden. Es war Hans Hartau, der Pfarrer seines Kirchspiels, der Sohn des Alten, der seit vier Jahrzehnten die einträgliche Patronatsstelle Kokoschken des Kammerherrn von Oerzen innehatte, durch dessen warme Befürwortung nun auch der Sohn kurz nach bestandener Prüfung hier angekommen war.

Der Kommerzienrat hörte nur mit halbem Ohre zu. Das alles ging ihn so ganz und gar nicht an, es lag außerhalb des Gebietes seiner Gedanken und Interessen. Aber mit einem Male wurde er doch aufmerksam – das zielte ja auf ihn, und aller Augen waren mit einem fröhlichzustimmenden Lächeln auf ihn gerichtet – richtig – daß er das im Augenblick ganz vergessen hatte! Heute war ja sein Geburtstag, und nur für ihn hatte die Liebe seiner Frau alle diese Menschen, die er jeden dritten Tag sah und von den meisten nicht mehr als ihren Namen wußte, um ihn her gesetzt!

Schon erhoben sie sich von ihren Sitzen, schon war Anneliese, sein jüngstes Töchterchen, an den Flügel geeilt ... nun kamen sie auf ihn zu, die Gläser mit dem schäumenden Wein in der Hand schwingend und dabei mit rauhen und mit zarten Stimmen die vom Flügel angestimmte Weise mitsingend, die er nie hatte ausstehen können: »Hoch soll er leben, lang soll er leben!«

Und er stand da, ließ den ganzen Zug an sich vorüberziehen, ging den Damen einen Schritt entgegen, sprach zu jedem, der es hören wollte, ein höflich nichtssagendes Wort, und dachte in seinem Innern: Wozu ist das alles nur? Hat man in diesem Leben denn nichts anderes zu tun, als einige Fünfzig alt zu werden und sich dafür noch feiern zu lassen?

Jetzt trat auch Frau Adelheid, seine Gattin, zu ihm heran, breitete die weißgepuderten, mit Spangen und Edelsteinen geschmückten Arme ein wenig, eigentlich nur andeutungsweise, ihm entgegen, umarmte ihn ebenso andeutungsweise, hauchte einen symbolischen Kuß auf seine wuchtige Stirn und sagte: »Ich habe nur einen Wunsch für dich: daß du in deinem kommenden Jahr nicht mehr so viel arbeiten und dich einmal ordentlich ausruhen und pflegen möchtest – nicht wahr, du versprichst es mir, Liebster?«

Sie hätte ihm ebensogut eine Reise auf den Mond oder ein gutgehendes Zweiggeschäft auf dem Sirius wünschen können. Aber es hörte sich, mit so ehelich besorgter Stimme gesagt, doch nett an und verpflichtete zu nichts, weder ihn noch sie.

»Gewiß, gewiß, mein Schatz«, erwiderte er, schon wieder ganz in seine Gedanken versunken, in denen ihn der junge Pfarrer durch sein überflüssiges Glasklopfen eben gestört hatte.

Aber schon war auch Anneliese, seine Jüngste, bei ihm, hing sich mit der stürmischen Zärtlichkeit einer Vierzehnjährigen in seinen Arm, sagte ihm allerlei Liebes, und zuletzt, daß er ihr zu seinem Geburtstage das kleine Ponyfuhrwerk schenken möchte, das ihm gestern ein Händler in der Stadt angeboten hatte.

Gleich nach ihr erschien Dora, die älteste Tochter. Sie hatte weder die gesellschaftliche Gespreiztheit der Mutter, die, bei aller Bewunderung für den mit fabelhafter Schnelligkeit zu hohem Ansehen gelangten Gatten, nie vergaß, daß sie, die hoch-, aber arm geborene Freiin Kippenreuter, einen Bürgerlichen geheiratet, noch die stürmische Zärtlichkeit der kleinen Schwester. Etwas Gereiftes und Gemessenes, das ihren neunzehn Jahren weit voraus war, lag über ihrem Gesicht wie über ihrer Haltung, wenngleich man es ihren Augen, die unter einer schöngemeißelten, dem Vater nicht unähnlichen Stirn und unter kastanienfarbenen Haaren träumten, auf den ersten Blick ansah, daß diese Gemessenheit ihrer eigentlichen Natur nicht ganz entsprach.

Sie beglückwünschte den Vater ohne jede Künstelei, aber auch ohne größere Herzlichkeit, die sie weder für ihn noch für ihre Mutter empfand. Mit wirklicher Zärtlichkeit umfaßte sie nur einen Menschen: ihre kleine Schwester Anneliese.

Obwohl die Sonne mit unbekümmertem Glanze vom Himmel strahlte, der die blaßhelle Tönung abgestreift und eine dunklere angenommen hatte, zündete man die Kerzen auf den alten silbernen Armleuchtern an, dem einzig geretteten Erbstück aus dem in Trümmer gegangenen Hausschatze derer von Kippenreuter.

Aber die Sonne kümmerte sich um solche Maßregeln wenig. Mit den großen Siegeraugen lugte sie durch die Spalten und Falten der tabakbraunen Vorhänge, die man vorsorglich vor die hohen Fenster gezogen hatte, über die Gesellschaft dahin, ließ ihre Lichter in lustigem Spiel über die weißgedeckte Tafel streifen und neigte ihr Antlitz zu den Blumen hinab, die ihr wie einer liebenden Mutter entgegendufteten, so daß die Kerzen auf den hohen, silbernen Armleuchtern aus dem Hausschatze derer von Kippenreuter bald eine etwas armselige Rolle spielten. Draußen sang wieder ein Vogel. Aber es war nicht mehr der wenig geübte von vorhin. Es war jetzt ein kunsterprobtes Mitglied der Grasmückenzunft, das sein Lied in quellender Fülle aus der Rotbuche ertönen ließ.

Aber niemand hörte auf die liebliche Musik. Das lebhafte Gespräch übertönte sie und die wachsende Fröhlichkeit, insbesondere bei der Jugend. Hans Hartau, der die Tochter des Hauses geführt, wußte in seiner Unterhaltung den Ernst mit dem Humor gerade so geschickt zu mischen, wie vorhin in seiner Tischrede. Dazu verlieh ihm die Würde seines jungen Amtes, die er, ohne sie jemals außer acht zu lassen, mit lässiger Anmut behandelte, eine gewisse Eigenheit.

Dora Vollprecht hatte, seitdem ihr ein junger Kandidat, der kurze Zeit als Anneliesens Hauslehrer in Malkaymen geweilt und sich von der ersten Stunde an unheilbar in sie verliebt hatte, so manche schöne Stunde durch seine Langweiligkeit und sein unmännliches Schmachten verdorben hatte, wenig mit Geistlichen im Sinne. Aber Hans Hartau hatte sie aus eigenem Antriebe zum Tischherrn erbeten.

Daß sie damit lediglich Theo Fortenbacher, ihren Vetter zweiten oder dritten Grades, strafen wollte, weil er sich vorgestern bei einem Gartenfeste auf Worditten eine kleine Keckheit gestattet hatte, die ihrer durchaus zurückhaltenden Natur nicht gefallen, das wußte die Mutter nicht, als sie ihrem Erstaunen über diese Wahl Ausdruck gab.

Der arme Junge! Er glaubte sich schon nahe am Ziel, das ihm halb seine Liebe, an der sie nicht zweifelte, halb aber auch sein Ehrgeiz, den ihre Klugheit ganz durchschaute, bereits seit einem Jahre gesteckt hatten. Sie kannte seine Pläne fast so gut wie er selbst: Er arbeitete mit großem Eifer dem Assessor entgegen, weil er später einmal die Landratsstelle in Neukirchen zu bekommen hoffte.

»Aber sag mal, Theo«, rief Dora ihm zu, als er sich gerade mit seiner Nachbarin in seinen Lieblingsgegenstand, die Jagd, vertieft hatte, »hat dir der alte Bock an der Grenzlauer Grenze immer noch nicht den Gefallen getan? Lebensmüde ist er. Du kannst mir's schon glauben.«

Sie hatte ihren Zweck erreicht. Er sah, über ihren boshaften Scherz wenig erfreut, mit einem halb verlegenen, halb bösen Blick zu ihr hinüber. Hatte sie ihn noch nicht genug gedemütigt? Anstatt daß sie ihm den Platz an ihrer Seite gab, auf den er sich bereits seit Tagen gefreut, hatte sie ihn hier neben die verblühte, geschwätzige Oerzen gesetzt, die er nicht ausstehen konnte, und die er doch nicht vernachlässigen durfte, weil ihr Vater einen großen Einfluß im Kreise besaß, mit dem er zu rechnen hatte.

Sie aber hatte nie so entzückend ausgesehen als heute in dem mattrosa Kleid, das so ganz in den wundervollen Junisonnentag paßte und sich an sie schmiegte, als gehöre es zu ihrem Körper, dessen blühende Frische die leise über ihn ausgegossene Herbheit nur um so anziehender machte.

Und sie wußte das, wußte genau, daß er die ganze lange Mahlzeit über keinen Gedanken, keinen Blick gehabt hatte, der nicht ihr gehörte.

Nun fing er an, ihr doch ein wenig leid zu tun. Schräg über den Tisch warf sie ihm einen ulkigen Vers zu, den sie der bunten Hülle der eben gereichten Süßigkeiten entnommen, schickte ihm, als sie das Spitzglas mit dem zum Nachtisch gereichten Tokayer an die Lippen führte, ein huldvolles Lächeln hinüber und versetzte ihn durch beides in einen solchen Rausch des Entzückens, daß er alle Demütigung und Kränkung vergaß und sich mit befreitem Antlitz und leuchtenden Augen an der Fröhlichkeit beteiligte, die rings um ihn her herrschte und bereits zur Ausgelassenheit geworden war.

Mit einem Male wurde diese auf unerwartete Weise unterbrochen.

Der hagere Johann hatte sich dem Stuhl der Hausdame genähert; und wenn man erst glaubte, er wollte ihr nach alter Gewohnheit ansagen, daß der Kaffee auf der Veranda bereit wäre, und schon die Gläser leerte und sich zum Aufstehen rüstete, so erkannte man bald, daß es doch etwas anderes sein mußte. Denn Frau Vollprecht, die trotz aller freifraulichen Erziehung noch immer nicht gelernt hatte, ihre Miene auch nur einigermaßen zu beherrschen, machte zuerst ein verdutztes, dann ein erschrecktes Gesicht, erhob sich und ging auf ihren Gatten zu. Der winkte möglichst unbemerkbar den alten Koriller, seinen ersten Wirtschaftsbeamten, der anläßlich der Familienfeier zur Tafel zugezogen war, zu sich heran.

»Schicken Sie sofort den Jagdwagen nach Neukirchen zum Geheimrat Beerwald«, sagte er, die starke Stimme zu einem Flüstern zwingend, »er möchte gleich zu uns heraus kommen. Spannen Sie flinke Pferde vor, vielleicht die beiden jungen Grauschimmel, und lassen Sie den Kämmerer mitfahren.«

»Der Geheimrat ist schon seit langer Zeit krank und fährt nicht über Land.«

»So bitten Sie Dr. Vulpius aus Bladow, es ist zwar ein Stück weiter ...«

»Den mögen die Leute nicht.«

»Wir können uns nicht an das kehren, was die Leute mögen oder nicht mögen«, erwiderte der Kommerzienrat, der Widersprüche gegen seine Anordnungen nicht liebte, bereits verdrießlich, »es kommt doch keiner mehr in Frage.«

»Höchstens der neue ... Doktor Torwald.«

»Wenn Sie keinen anderen bekommen, meinetwegen. Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Das Gespräch, so leise und schnell es auch geführt wurde, war der Gesellschaft nicht verborgen geblieben. Man empfand, daß etwas geschehen war, wußte aber nicht, was es war, ja, man hatte das Gefühl, daß die Gastgeber es mit Absicht verbargen, um der Festesstimmung keinen Einhalt zu tun. Aber Frau Vollprecht hob die Tafel ein wenig unvermittelt auf, und man sah, daß ihr Gesicht unter der kunstvoll hochgetürmten Haartracht besorgt und angsterfüllt dreinblickte.

»Gib doch auf Anneliese acht«, flüsterte sie Dora zu, als man auf die Gartenveranda hinausgetreten war. »Sie darf nicht auf den Hof oder gar ins Dorf. Sie muß immer bei uns sein. Sowie die Sonne untergeht oder es kühler wird, soll sie nach oben. Ich werde sie selber zu Bett bringen.«

»Ja, was ist denn geschehen? Du bist wie entgeistert, und auch der Vater ...«

»Wir haben eine schwere Epidemie im Dorfe.«

»Der alte Koriller sagte schon bei Tische, daß einige Krankheitsfälle vorgekommen wären.«

»Es lag kein Grund zur Besorgnis vor. Ich wollte Vaters Geburtstag nicht stören. Nun aber ließ mir die Gemeindeschwester aus Neukirchen, die zufällig im Dorfe war und jetzt dort geblieben ist, eben durch Johann sagen, daß bereits zwei Kinder unter sehr schweren Anzeichen liegen.«

»Um wen handelt es sich?«

»Um die beiden Konradts im ersten Insthause.«

Der Diener erschien. Die kleinen Mausaugen unter den buschigen Brauen suchten seine Herrin.

»Die Krankheit hat sich bereits auf das zweite Haus erstreckt«, sagte Frau Vollprecht. »Die kleine Dörthe, die Jüngste vom Schmied Matthießen, liegt im heftigsten Fieber.«

»Das ist ja wie ein Feuer.« Doras Stimme klang nicht mehr so ruhig wie bisher.

»Ja, wie ein Feuer. Und dabei der herrliche, trockene Tag. Man sollte gar nicht glauben, daß bei solchem Wetter so furchtbare Krankheiten entstehen können.«

Wirklich, es war ein seltener Sommertag. In dem leisen flimmernden Schimmer der Sonne, die westwärts gezogen war, lag der Garten wie in weiche, warme Mutterarme gebettet. Von der Wiese drüben, über die die ersten leisen Schatten strichen, klang wie fernes Gesumme das Schwatzen der Leute, die sich zum Heimwege rüsteten.

»Wie wäre es mit einer Partie Krocket? Nach dem leckeren Geburtstagsessen tut solch eine sanfte Bewegung Leib und Seele gut«, wandte sich Theo Fortenbacher an Dora, derer er nach einigen Versuchen endlich habhaft geworden war. »Herr Pfarrer Hartau und die Baroneß Oerzen sind auch dabei. Vielleicht nehmen wir noch Anneliese und den jungen Borke hinzu.«

»Krocket ist ein guter Gedanke. Nur sechs sind zu viel.«

»Dann lassen wir Anneliese und den kleinen Borke.«

»Nein, Anneliese spielt mit.«

»Zu Fünfen können wir nicht in Parteien spielen.«

»Allein ist man am stärksten.«

Die Reifen standen auf dem großen, von wenigen Zierbüschen eingefaßten Platz vor der Veranda immer aufgestellt. Die Kugeln waren schnell verteilt, die Partie nahm ihren Anfang. Alle fünf waren gute und geübte Spieler.

Die übrige Gesellschaft hatte sich im Garten und Park verteilt. Es war still auf dem Platze. Nichts hörte man als das Anschlagen der Hämmer an die Kugeln, ab und zu einen unterdrückten Ausruf, den laut zu äußern gegen die Malkaymer Spielregel verstieß, oder ein helles, schadenfrohes Lachen, das gestattet war.

Die kleine Anneliese beherrschte das Spiel. Theo Fortenbacher folgte ihr auf dem Fuße, überholte sie sogar einmal, blieb dann aber um ein beträchtliches zurück. Dora, die sonst die Meisterin war, spielte heute nicht mit der gewohnten Sicherheit.

Über die Dorfstraße, die hart am Garten vorbeiführte, holperte ein Wagen, und durch die Bäume, die den niedrigen Zaun deckten, schimmerte das Grau der beiden jungen Schimmel, die Dora mit Vorliebe fuhr. Sie wußte, daß sie den Arzt brachten.

Die anderen hatten nichts davon gemerkt, sie waren in das Spiel versunken, in dem Anneliese immer noch die Führende war.

In seinem Arbeitszimmer stand der Kommerzienrat mit dem alten Koriller.

»Wer ist nun gekommen?«

»Doktor Torwald.«

»Und was sagt er?«

»Gar nichts. Er sagt nie etwas.«

»Will er wieder zurück?«

»Nein, er meinte, er müßte nach zwei Stunden noch einmal nachsehen. Da will er bleiben.«

»So bitten Sie ihn zu uns.«

Der alte Koriller rieb mit der dunkelbraunen Handfläche über den Mund und den borstigen Schnurrbart. Das tat er immer, wenn er nicht recht wußte, was er sagen sollte.

»Er wird nicht kommen«, meinte er schließlich.

»Er wird nicht kommen? Was soll das heißen?«

»Hm ... er geht nie zu den Herrschaften. Beim Kammerherrn auf Worditten tat er es auch nicht, als der ihn einlud.«

»Sagen Sie ihm, ich ließe ihn bitten, mir als Gutsherrn über den Fall Bericht zu erstatten. Ich wünschte es.«

»Es wäre vielleicht ganz richtig, wenn er nicht käme«, meinte Frau Vollprecht, die, als sie den Inspektor in das Zimmer ihres Gatten treten sah, sogleich hinzugeeilt war. »Schon der Ansteckungsgefahr wegen nicht.«

»Ich bitte dich, bei einem Arzt!«

»Aber Anneliese lasse ich trotzdem auf ihr Zimmer gehen, es ist auch Zeit zum Schlafen für sie.«

Nach Anneliesens Ausscheiden entschloß man sich doch, in Parteien zu spielen. Dora bestimmte das Los Hans Hartau zum Partner, während Theo Fortenbacher zu seiner geringen Freude wieder mit seiner Tischnachbarin verbunden war. So wollte er Dora, die heute wenig auf der Höhe schien, zum mindesten ein gefährlicher Feind werden.

Aber Dora schien mit einem Male ihre Kraft wieder gewonnen zu haben. Sie ging in einem Zuge durch die Glocke, ja bis dicht an den oberen Pfahl und blieb dem siegessicheren Theo, der sich in seinem heißen Eifer gleich bei dem ersten Schlage vertat, völlig unerreichbar.

Da knarrte die Pforte, die zum Vorhof führte. Ein Fremder trat in den Garten, blieb eine Weile unschlüssig stehen, hielt nach den verschiedenen Seiten Ausblick und schritt dann auf den Krocketplatz zu. Er trug hohe Stiefel, unter denen der Kies knirschte, ein Mittelding zwischen Joppe und Jackett, einen von der Sonne ausgezogenen Filzhut über dem gebräunten Antlitz und glich in Kleidung wie im Aussehen einem Gutsinspektor.

»Wer ist denn das?« fragte Theo Fortenbacher voller Erstaunen. »Und wie kommt der hierher?«

Schon stand der Fremde an seiner Seite. »Verzeihen Sie die Störung«, sagte er mit einer halb schüchtern, halb rauh klingenden Stimme, »aber Herr Vollprecht hat mich hierher gebeten.«

»Und wen darf ich Herrn Kommerzienrat Vollprecht melden?«

»Ich heiße Torwald und bin der Arzt aus Neukirchen.«

»Und Herr Kommerzienrat hätte Sie zu sich gebeten – gerade heute?« gab Theo Fortenbacher, der keine Ahnung von den Vorgängen im Dorfe hatte, mit einer Verwunderung zurück, die wenig erfreulich klang.

»Ja, obwohl ich ihn wissen ließ, daß ich nicht gerne käme. Und ich muß schon bitten, ihn recht bald von meinem Hiersein zu unterrichten.«

Er sagte es so bestimmt, daß Dora aufmerksam wurde, die am entgegengesetzten Ende des Platzes mit ihrer Kugel beschäftigt war, die durch den letzten Reifen sollte.

»Ich höre, daß Sie der Herr Doktor aus Neukirchen sind«, sagte sie schnell hinzutretend, »ich werde sofort meinen Vater benachrichtigen.«

*

In dem Eßsaal war eine Tafel mit kaltem Speisen aufgestellt. Man saß zwanglos an kleinen Tischen, auch auf der geräumigen Veranda, da der Abend warm und windstill war. Der Mond, der erst vor kurzem am Himmel aufgestiegen war, hüllte den Garten in seinen weichen Glanz und nahm allen Dingen das Körperhafte. Aber gegen das helle elektrische Licht auf der Veranda war sein Schein blaß und bleich, und Garten wie Park lagen in seinen Armen still und starr wie Tote.

Um so lebhafter ging es auf der Veranda und im Eßsaal zu. Die fröhliche Stimmung, die schon vorher an der Tafel geherrscht, nahm bei der vorzüglichen Erdbeerbowle ihren unbesorgten Fortgang, und auch Frau Adelheid war wieder guter Dinge, da sie ihre Anneliese oben auf ihrem Zimmer wohlig gebettet hatte und es ihrem Geschick gelungen war, ihren Gästen die ernsten Dinge zu verheimlichen, die sich in ihrer unmittelbaren Nähe abspielten.

Nur die Erscheinung des fremden Arztes, den man, wie Frau Vollprecht überall verkündete, eines Krankheitsfalles im Dorfe halber hatte rufen und zum Abendessen zuziehen müssen, fiel allgemein auf.

Ein Wunder war es nicht. Seine bäuerliche Kleidung in den hohen Stiefeln und sein Wesen, das, obwohl es keine Form verletzte, doch jeder in diesen Kreisen gewohnten gesellschaftlichen Kultur entbehrte, stachen gar zu sehr gegen die anderen Herren ab, die, bis auf die Lackschuhe und die seidenen Strümpfe hinunter, tadellos angezogen, sich mit einer ihnen zur zweiten Natur gewordenen Sicherheit bewegten.

Dora konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, wenn sie sah, welche Überwindung es dem in allem Formenwesen sehr peinlichen Theo kostete, einmal das Wort an ihn zu richten, wie sich auch die anderen Herren mit fast beklommener Scheu um ihn herumdrückten und ihn nur, wenn es unumgänglich war, mit einigen gesuchten Redewendungen in ihre Unterhaltung zogen. Der einzige, der ihm mit völliger Unbefangenheit begegnete, war Hans Hartau, der ihn bereits zu kennen schien und ihm in seiner frischen Lebhaftigkeit allerlei Dinge aus der Gemeinde erzählte, während der andere meist schweigend zuhörte, wenig aß und auch von dem vor ihm stehenden Glase nur nippte.

Nachdem die kurze Mahlzeit beendet war und der hagere Johann mit Hilfe einiger Mädchen die Tafel abgeräumt und zur Seite gestellt hatte, setzte sich die ältliche Baroneß Oerzen an den Flügel und spielte einen Walzer. Die Jugend begann zu tanzen, die Mütter sahen ihr zu, während sich der Kammerherr mit dem Kommerzienrat und zwei anderen Besitzern an den Spieltisch begaben.

Dora, die die ersten Runden mitgetanzt hatte, fühlte die Verpflichtung, sich nach dem fremden Gast umzusehen, um den sich zu kümmern jetzt wohl niemand Zeit hatte.

Sie fand ihn weder im Eßsaal, noch in der Veranda und glaubte schon, er hätte sich unbemerkt davongemacht, als sie ihn, nur wenige Schritte vom Hause entfernt, nicht weit von der großen Rotbuche, im Garten erblickte.

Er stand still, als wäre er in Gedanken versunken. Das Mondlicht, dessen Schein weißer und heller geworden war, umflutete seine Erscheinung und gab ihr etwas Körperloses.

Einen Augenblick zögerte sie, dann ging sie auf ihn zu.

»Das ist nichts für Sie«, sagte sie, indem sie leicht mit dem Kopf auf den erleuchteten Saal wies, aus dem die prickelnde Tanzweise und das Schurren und Hüpfen der Füße durch die lichtschwere Stille tönten.

»Nein«, antwortete er.

Schon waren sie mit dem Gespräch zu Ende.

»Ich glaubte, als ich Sie nirgends fand, Sie wären zu den Kranken ins Dorf zurückgegangen. Aber die zwei Stunden sind wohl noch nicht um.«

»Ich wäre dennoch gegangen – wenn es nicht so schwer wäre.«

»So schwer? Für einen Arzt, der so etwas alle Tage muß?«

»Und doch ist es auch für ihn nicht so ganz leicht, dem Tode ins Antlitz zu sehen.«

»Dem Tode ins Antlitz zu sehen?« wiederholte sie, und ein großes Erschrecken war in ihrer Frage.

»Ja ... die Kinder sterben alle drei.«

»Sterben ... alle drei? Und das sagen Sie so ruhig?«

»Ich kann nichts dagegen tun. Glauben Sie denn, ich stünde noch hier bei Ihnen müßig im Garten, wenn ich noch eine Möglichkeit, zu helfen und zu retten, sähe?«

Sie hatte seine Worte kaum gehört. Vor ihrer Seele standen die drei Kinder. Sie kannte sie ganz genau. Die beiden Konradts im ersten Insthause waren Anneliesens liebste Spielgefährtinnen. Zwei Mädchen von zwölf und vierzehn Jahren mit Wangen wie von Blut und Schnee und mit so hurtigen, fröhlichen Bewegungen! Sie hatte sie noch gestern mit der Schwester diesen selben Gang hinauf, auf dem sie jetzt stand, um die Wette laufen sehen. Und nun ... es war ihr, als striche eine kalte, harte Hand über die Freude dieses Tages dahin, über alles Glück ihrer bis jetzt gedankenlos und sorgenlos verbrachten Jugend. Vollends mit dem Tode hatte sie sich noch nie beschäftigt. Und nun stand er mit einem Male vor ihr, schwer und unerbittlich ... in ihrer nächsten Nähe! Etwas Unfaßbares war in alledem.

»Das können Sie aber doch nicht wissen«, sagte sie schließlich, »jeder Arzt kann irren und hat gewiß oft geirrt.«

»Wenn ich doch irrte!«

»Gibt es denn ganz bestimmte Anzeichen für die Medizin, daß ein kranker Mensch nicht mehr zu retten ist?«

»Für die Medizin nicht. Aber für mich.«

»Für Sie? Für Sie allein?«

»Mag sein ... für mich allein.«

Er schien keine Neigung zu spüren, das Gespräch weiter zu führen. Mit einer raschen Bewegung wandte er sich um, als wollte er zum Hause zurückkehren. Aber sie rührte sich nicht von der Stelle.

»Nein«, sagte sie, »Sie müssen mir hierauf erst Antwort geben. Wie können Sie mit solcher Gewißheit behaupten, daß diese blühenden Kinder, die Sie doch vor einer Stunde zum ersten Male gesehen, rettungslos dem Tode verfallen sind ... alle drei?«

Er sah sie mit einem kurzen Blick an. »Ich hatte einen Vater ...«, sagte er langsam.

»Er war auch Arzt?«

»Ja und nein. Ich kann Ihnen das wirklich jetzt nicht so genau erklären. Wenn er zu einem Schwerkranken gerufen wurde, so sah er auf den ersten Blick, ob dieser sein Leiden überstehen würde oder nicht.«

»Das ist doch unmöglich. Woran konnte er es denn sehen?«

»An seinem Gesichte sah er es. An dem Ausdruck, der in ihm war. Und wohl auch an seinem Auge. Es war etwas medizinisch nicht zu Erklärendes. Es hat auch niemand zu erklären vermocht. Man hat ihn verlacht und angefeindet. Die Tatsache aber blieb bestehen, daß er sich niemals getäuscht hat. Das war das Unbegreifliche.«

»Es war also eine Art des Hellsehens?«

»Mag sein. Jedenfalls hat sich diese wunderbare Gabe auf mich vererbt. Ich weiß nicht, ob zu meinem Segen oder zu meinem Fluch. Ich glaube aber das letztere. Denn ich habe die Menschen lieb, und die Unmöglichkeit, retten und helfen zu können, wenn andere, auch die klügsten und tiefblickendsten unter meinen Kollegen immer noch hoffen ...«

Er brach ab. Eine tiefe Traurigkeit war in seiner Stimme, und seine Augen blickten über sie hinweg in die monddämmernde Nacht.

Auch sie stand eine kurze Weile unter dem Eindrucke seiner Worte. Dann aber raffte sich ihre gesunde Natur mit all der Energie auf, die ihr von Kindheit eigen gewesen.

»Und doch ... wäre ich ein Mann und hätte ich einen Beruf wie den Ihren, dann würde ich gegen diese Macht in meinem Innern ankämpfen bis zum letzten. Ja, wenn sie mir sagte, daß alles zu spät wäre, nur um so stärker würde ich mich wider sie auflehnen.«

Er lächelte. »Und Sie glauben, das hätte ich nicht getan? Jedesmal habe ich es versucht, mit jeder mir zu Gebote stehenden Kraft. Aber dann stand der andere neben mir, der mächtiger ist als alle meine Kraft und Kunst. Der sagte: ›Laß die Hand von diesem Leben! Es gehört mir.‹ Und so war es denn auch jedesmal.«

Nun überschlich sie doch etwas wie leises Grauen. Alte Geschichten, die sie in der Kindheit vernommen, dämmerten in ihr auf und spannen ihre Fäden durch die geheimnisschwere Nacht. Auch da stand der Tod mal zu Füßen, mal zu Häupten des Kranken. Stand er aber zu Häupten, so mußte der junge Arzt, dessen Gevatter er war, jeden Versuch der Rettung unterlassen. Tat er das nicht, so war er selbst dem Tode verfallen.

Aber das war das Wunderliche bei alledem: Der Mann, dessen Gestalt und Züge sie im hellen Mondlicht mit ziemlicher Genauigkeit sehen konnte, hatte so gar nichts Geheimnisvolles oder gar Phantastisches an sich. Alles an ihm, sowohl an seiner Erscheinung wie in seinem Gesichte, war so einfach und schlicht, so ganz ungekünstelt und unangekränkelt: diese klare, gar nicht besonders hohe Stirn, das eckige Kinn, das ein dünner, mattblonder und wenig gepflegter Bart deckte, die grauen, ernsten Augen, aus denen viel Klugheit sprach, aber mehr noch eine große Liebe.

»Ich habe die Menschen lieb«, hatte er eben erst zu ihr gesagt. Und daß es keine Redensart gewesen, das war ihr in dieser Stunde klar.

»Aber die Kinder dort im Dorfe haben Sie gleich aufgegeben.«

»Bei ihnen ist nichts mehr zu hoffen«, gab er mit einer Schroffheit zurück, die etwas Erzwungenes hatte. »Bei den beiden im ersten Insthause handelt es sich um zwei aussichtslose Scharlachfälle ... das Gift ist bereits ins Innere gedrungen.«

»Und bei der dritten? Der kleinen Tochter vom Schmied?«

»Ist die Krankheit noch nicht so weit gedrungen. Aber auch sie kommt nicht durch.«

Ein unsagbares Furchtgefühl erfaßte sie. Ihre Gedanken waren bei Anneliese.

»Ich habe eine Schwester.«

»Wie alt ist sie?«

»Vierzehn Jahre.«

»So schicken Sie sie fort ... unverzüglich ... heute abend noch!«

Er sagte es schnell und sehr bestimmt.

»Sie liegt oben, von allen abgesondert, auf ihrem Zimmer im Bette. Ich glaube, sie schläft schon.«

»Wecken Sie sie, nehmen Sie einen geschlossenen Wagen und fahren Sie mit ihr in die Stadt, gleichviel wohin, nur fort von hier! Es handelt sich in Ihrem Dorfe um eine schwere Epidemie, die aller Wahrscheinlichkeit nach weiter greifen wird. Und nun gute Nacht, ich will zu meinen Kranken; wenn ich auch nicht mehr helfen kann, so doch der Beruhigung halber.«

»Und ich werde ins Haus zurückgehen, damit diese entsetzliche Musik wenigstens aufhört. Für Ihren Rat bin ich Ihnen dankbar. Ich werde ihn meiner Mutter mitteilen, und es wird sicher alles befolgt werden, was Sie gesagt haben.«

Die Gesellschaft war bereits im Aufbruch begriffen. Aber Frau Vollprecht war nirgends zu finden.

Dora wechselte wenige flüchtige Worte mit Theo Fortenbacher, ohne zu hören, was er sagte, ließ die gewohnten Liebenswürdigkeiten des alten, durch die Erdbeerbowle in den höchsten Grad der Weinseligkeit versetzten Kammerherrn über sich ergehen, beantwortete zerstreut einige Fragen, die der junge Geistliche an sie stellte, und machte sich, als er das Gespräch weiter ausdehnen wollte, mit einer kurzen Entschuldigung von ihm los, um nach der Mutter zu sehen.

Schon auf der Treppe kam ihr diese entgegen.

»Ich wollte dich eben rufen«, sagte sie, »ich weiß nicht, Anneliese macht einen so merkwürdigen Eindruck. Sie will es mich wohl nicht merken lassen. Aber ich glaube, sie hat noch nicht einen Augenblick geschlafen.«

»Laß sehen!« erwiderte Dora und fühlte ihr Herz bis an den Hals hinan schlagen.

»Ich will indessen hinuntergehen und das Thermometer holen.«

Als Dora leise und behutsam in die Stube trat, hob Anneliese ein wenig den Kopf.

»Bist du es, Dora? Gott sei Dank, daß du kommst. Setze dich zu mir, nein, hier an mein Kopfende. Aber sei still, ich bitte dich, ganz still ... die Mutter quält mich mit soviel Fragen.«

Dora erwiderte kein Wort, nahm einen der kleinen Hocker, stellte ihn an das Bett und setzte sich zu seinen Häupten.

Das Licht auf dem Nachttisch war eingeschaltet und breitete seinen unter dem grünen Vorhang gedämpften Schein über das feine, zarte Gesicht der kleinen Schwester, aus dem alle Munterkeit geflohen war. Müde ruhten die beiden Hände auf der weißen Bettdecke, etwas Regungsloses war in der ganzen Erscheinung.

Draußen fuhren die Wagen vor, die Gäste verabschiedeten sich. Einige Male vernahm Dora des Vaters Stimme, der wohl Frau und Tochter entschuldigte. Aber sie hörte das alles nur von weitem her, wie im Traume ... es war alles so gleichgültig geworden.

Da mit einem Male öffnete Anneliese die Augen und sah die Schwester mit einem großen, glänzenden Blick an: »Weißt du es schon, Dora? Hast du es schon gehört?« sagte sie mit einer Stimme, in der ein leiser singender Ton war, wie er ihr nie eignete.

»Was soll ich gehört haben, liebste Anneliese?«

»Die Grete und die Mieze Konradt ... sind tot ... beide tot. Eben sind sie gestorben ... da unten in der kleinen Kate, in der ich noch gestern bei ihnen war.«

Dora hatte Mühe, das Erschrecken zu verbergen, das diese unbegreiflichen Worte in ihr hervorriefen.

»Wer hat dir das gesagt? Hast du es geträumt?«

»Nein ... nein ... nicht geträumt. Denkst du, ich habe nicht gehört, was der Johann der Mutter bei Tisch erzählte; daß sie beide krank wären, sehr krank. Und daß sie tot sind, das ... weißt du ... das fühle ich jetzt.«

Sie atmete tief und schwer. Dora sah, daß sie fieberte. Und doch, ihre Worte, so sehr sie sie anfangs erschreckt hatten, gaben ihr eine gewisse Beruhigung. Sollte es vielleicht nur die wohlverständliche Aufregung über die plötzliche Erkrankung ihrer beiden geliebten Spielkameradinnen gewesen sein, die die empfindliche Kleine in diesen krankhaften Zustand versetzt hatte? War es ihr eine Befreiung gewesen, sich endlich ihr gegenüber vom Herzen sprechen zu können, was sie der Mutter nicht sagen mochte?

»Nehmen Sie einen geschlossenen Wagen und fahren Sie mit ihr in die Stadt, gleichviel wohin ... nur fort von hier!« Diese Worte kamen ihr nicht mehr aus dem Sinn. Es war jetzt vielleicht noch Zeit. Man konnte sie in ihre Kissen packen, hinuntertragen und in den Wagen heben, der draußen für sie bereit stand. Sie mußte alles mit der Mutter besprechen und anordnen, so schnell als möglich.

Da stand auch schon Frau Vollprecht an der halb geöffneten Tür, winkte sie zu sich nach draußen und schloß die Tür.

»Die beiden Kleinen von Konradts sind eben gestorben«, flüsterte sie ihr zu. »Daß es nur Anneliese nicht erfährt!«

»Sie weiß es schon.«

»Sie weiß es schon?«

Dora berichtete der Mutter, was sich hier eben zugetragen.

»Aber eine Hoffnung«, fügte sie hinzu, »habe ich doch: daß diese seelische Erregung ihren Zustand beeinflußt hat. Sie macht jetzt schon einen besseren Eindruck.«

Frau Vollprecht atmete erleichtert auf.

»Aber um so schneller müssen wir handeln«, fuhr Dora fort. »Anneliese muß von hier fort ... heute, in dieser Stunde noch.«

Und nun erzählte sie, was ihr der Arzt mit so dringenden Worten zur Pflicht gemacht.

»Aber wir müssen ihn doch erst hören.«

»Wir wissen ja gar nicht, wo er jetzt ist, ob er überhaupt noch im Dorfe weilt.«

»Er ist beim Schmied Matthießen. Mit der Kleinen soll es aussichtslos stehen.«

»Aber sie lebt noch?« fragte Dora schnell.

»Ja, eben lebte sie noch.«

»Und wegen der Ansteckungsgefahr, die du vorhin für Anneliese so fürchtetest, hast du jetzt keine Bedenken?«

»Einen Arzt müssen wir auf jeden Fall haben. Einen anderen können wir nicht gut holen, abgesehen davon, daß wir ja auch gar keinen bekommen würden.«

»Ich weiß nicht,« sagte da Dora nach einer längeren Pause, »ich habe eine so furchtbare Angst.«

»Angst ... wovor?«

»Vor diesem Menschen ... er sieht alles.«

»Es ist doch gut, wenn der Arzt einen scharfen Blick hat.«

»Ja, gewiß ... er sieht aber auch ...«, nein, sie bekam es doch nicht über die Lippen. Wozu die Mutter, die schon genug besorgt war, noch mehr beunruhigen? Sie mußte es für sich behalten und mit sich allein abmachen.

»Wir können nicht wissen, wie lange er noch bei der Kleinen von Matthießen zu tun hat«, sagte sie schließlich. »Indessen versäumen wir hier die beste Zeit, und die Nacht schreitet auch vorwärts. Ich für meine Person würde die Verantwortung übernehmen.«

Da trat der Kommerzienrat, dem das lange Fortbleiben der Frauen unverständlich war, zu den beiden.

»Ohne den Arzt zu hören, können wir nichts unternehmen«, entschied er. Und dann zu dem Mädchen, das Frau Vollprecht gerufen hatte: »Sie gehen zu Herrn Koriller hinüber und bitten ihn, zu veranlassen, daß der Herr Doktor sich sogleich eines Krankheitsfalles halber zu uns bemüht.«

Nach einer kurzen Zeit kehrte das Mädchen zurück: »Der Herr Doktor ist augenblicklich beim Schmied beschäftigt. Er wird aber kommen, sowie es möglich ist.«

»Er hätte sofort kommen müssen«, grollte der Kommerzienrat. »Aber so sind diese Menschen!«

Eine qualvolle Zeit verstrich. Obwohl noch keine halbe Stunde vergangen war, dünkte es die beiden Frauen, die hier am Krankenbette saßen, indessen sich der Kommerzienrat wieder nach unten in sein Arbeitszimmer begeben hatte, eine Ewigkeit.

Ganz still lag die Kranke. Wenn sie auch immer noch nicht schlief, sondern zuweilen die Augen weit öffnete und sie mit großem, verwundertem Blick in der Stube umherwandern ließ, so blieb sie doch teilnahmslos und unempfänglich für alles, was um sie her geschah, ja, sie schien sich in keiner Weise zu wundern, daß ihre Mutter und Schwester an ihrem Bette saßen. Vielleicht sah sie sie nicht einmal.

Der Kommerzienrat, der unten in seinem Zimmer ebensowenig Ruhe gefunden, trat wiederum ein.

»Es ist unerhört!« sagte er. »Ich habe noch einmal zu ihm geschickt.«

»Lebt die Kleine vom Matthießen noch?« fragte ihn Dora ganz leise.

»Ich weiß es nicht«, gab er kurz zurück.

Wieder verging eine qualvolle Zeit, wieder wurde die Minute zur Ewigkeit.

»Wenn er doch nur käme«, dachte Dora bei sich, »daß wir sie noch fortbringen können!«

Endlich ein etwas schwerer, aber behutsam auftretender Schritt die Treppe hinauf. Der Kommerzienrat öffnete die Tür, ging dem Arzt entgegen.

In derselben Sekunde richtete sich die Kranke in ihrem Bett empor und sah den Eintretenden mit weit aufgerissenen Augen an, in denen jetzt wieder der wunderbare Glanz von vorhin war.

»Wer ist der Mann?« fragte sie Dora.

»Das ist der Herr Doktor aus Neukirchen.«

»Und was will er hier?«

»Er will dafür sorgen, daß du gesund wirst.«

»Daß ich nicht sterbe wie die Grete und die Mieze, nicht wahr?«

Was sie noch weiter sagte, blieb unverständlich. Ihre Stimme war sehr leise geworden, sie hatte sich in die Kissen zurückgelegt, und Doktor Torwald war dicht an sie herangetreten.

Einige Sekunden stand er ihr stumm beobachtend gegenüber, ließ sie sich dann noch einmal aufrichten und die Brust freimachen, strich mit der schlanken Hand tastend über ihre Haut dahin, setzte auch das Hörrohr an, sprach bei alledem aber kein Wort, weder zu ihr, noch zu den ängstlich an ihrem Bette Harrenden. Dann streifte er ihr das Hemd wieder über die Brust, knöpfte es selber am Halse zu, legte ihr leicht die Hand unter das Kinn und schaltete das Licht anders ein, damit er eine hellere Beleuchtung erzielte und es sie zugleich nicht blendete.

Nun schaute er ihr ins Auge ... eine ganze, lange Weile.

Dora, die ihm gegenüber am Fußende stand, klammerte die Hand an die Bettlehne, so fest sie nur konnte, wandte aber nicht eine Sekunde den Blick von dem Arzte.

Der gab Anneliesens Kopf frei, legte ihn mit derselben Zartheit, mit der er alle seine Verrichtungen ausführte, in die Kissen zurück, zog das Bettdeck bis an den Hals hinan, streichelte die jungen Mädchenhände und sprach nun zum ersten Male während der langen Untersuchung zu ihr ... freundliche, aufmunternde Worte. Eine wunderbare Weichheit war in seiner Sprache und eine große Güte in allem, was er sagte.

Die Kranke kuschelte den fiebernden Kopf tiefer in die Kissen, ein Ausdruck stiller Geborgenheit lag auf ihren Zügen, und ihre Lippen lächelten dem Arzte leise zu.

Der strich ihr noch einmal mit der flachen Hand über die Stirn. Da sah Dora, daß die Schwester schlief – ganz fest und ruhig, wie sie den langen Abend über nicht ein einziges Mal geschlafen hatte.

Eine Frage brannte ihr auf den Lippen, sie drängte sie zurück. Eine unbeschreibliche Furcht hinderte sie, sie auszusprechen.

Dann hatte sie es doch getan.

Er sah sie mit seinen ernsten Augen an. »Es ist zu spät«, sagte er.

Sie fühlte den Boden unter ihren Füßen wanken. Aber sie überwand ihre Schwäche und hielt sich standhaft.

»Als Sie ihr in die Augen sahen ... nicht wahr?«

Er kämpfte einen schweren Kampf. »Sie haben mich mißverstanden«, sagte er, sich ein wenig zu ihr hinabbeugend, »ich nahm an, Ihre Frage bezöge sich auf unsere Vereinbarung, nach der wir Ihre Schwester so schnell wie möglich von hier fortschaffen wollten. Dazu allerdings wäre es jetzt zu spät. Das wollte ich Ihnen sagen, weiter nichts.«

»Es ist Scharlach«, wandte er sich jetzt zu den Eltern. »Der Zustand ist ernst.«

Ganz still war es in dem Zimmer. Nichts hörte man als die unregelmäßigen Züge der Schlafenden, die dann und wann erwachte, jäh von ihren Kissen in die Höhe fuhr und sich immer erst beruhigte, wenn der Arzt zu ihr trat und leise die Hand auf ihre fiebernde Stirn legte.

»Und was wird nun weiter werden?« fragte der Kommerzienrat, der plötzlich aus allen seinen Berechnungen und Anschlägen hart aufgeschreckt war und sich weniger gefaßt zeigte als seine Frau, die den Blick nur auf das Nächstliegende richtete und sich die Verhaltungsmaßregeln genau einprägte, die der Arzt ihr gab.

»Ich werde die Nacht hier bleiben«, sagte dieser, »und meine Pflege zwischen Ihrer Tochter und der Kleinen drüben beim Schmied teilen, denn dort bin ich ebenso nötig.«

Er verabschiedete sich und trat in die Nacht hinaus.

Das Mondlicht war heller geworden. Es breitete sich wie ein silberdurchwirkter Teppich über die Wege, über die sein Fuß dahinschritt. Am Himmel flimmerten die Sterne. Die ganze Welt lag da wie das stillwirkende Geheimnis der großen Gottesliebe.

In ihm war die Liebe Gottes nicht, in ihm war alles zerrissen und in Aufruhr. Seine Seele rang mit der fremden Gewalt, die nicht von Gott war, sondern von unten her auf ihn eindrang.

»Wenn du einmal Arzt sein wirst und dir die Wissenschaft zu eigen gemacht hast, über die dein Vater nicht verfügte, dann wirst du erkennen: die Wissenschaft ist es nicht, die dir die letzten Geheimnisse erschließt. Und je mehr du weißt und erforschest, um so ratloser wirst du vor den verschlossenen Toren stehen.«

Wie manchesmal hatte es ihm der Vater gesagt.

Und er?

Als er heute abend an das Bett der beiden kranken Kinder im Insthause trat, da sah er es auf den ersten Blick, daß sie den nächsten Morgen nicht mehr erleben würden. Er ging in das Nebenhaus zu dem kleinen Mädchen des Schmiedes und sah dasselbe.

Und dann rief man ihn hinüber in das Herrenhaus. Er kam mit innerem Grauen, zugleich mit dem festen Willen, sich gegen diesen dämonischen Glauben zu wappnen – – aber was ihm aus den müden Augen dieses lieblichen, den Kinderjahren kaum entwachsenen Mädchens entgegenstarrte, war der Tod.

Er hatte es der Schwester, hatte es sich selber auszureden versucht – aber es war da und blieb und lachte seines Willens.

Konnte er noch Arzt bleiben? Konnte er von den Menschen ein Vertrauen zu sich und seiner Kunst verlangen, das ihm selber abhanden gekommen war? Das war die Frage, die ihn unablässig bewegte.

Vor ihm lag, vom weichen Mondlicht eingebettet, die Kate des Schmieds. Einen Augenblick zauderte er, dann öffnete er die niedrige Tür.

Er fand die kleine Kranke schlechter als er sie verlassen hatte, das Fieber war gestiegen. Die Eltern, deren einziges Kind es war, jammerten, sie schienen alle Hoffnung aufgegeben zu haben.

Er blieb zwei Stunden am Lager der Kranken, verrichtete alles selber und ließ niemand anders an sie heran. Dann stellte er sein Wiederkommen noch in dieser Nacht in Aussicht und begab sich in das Herrenhaus.

Bereits auf der Diele trat ihm Dora entgegen.

»Wir haben schon auf Sie gewartet, Herr Doktor«, sagte sie mit schwer unterdrücktem Vorwurf. »Es ist schlechter geworden. Eben kannte Anneliese weder mich noch die Mutter.«

Er legte Hut und Mantel ab und folgte Dora in das Zimmer.

Völlig teilnahmslos lag die Kranke, die Augen weit geöffnet, in ihnen wie in dem glühenden Antlitz die Spuren des wachsenden Fiebers.

Er winkte der Mutter. Die erhob sich, und er nahm ihren Platz am Bett ein.

»Kennst du mich, Anneliese?« fragte er mit leiser Stimme.

Aufrecht stehen Mutter und Schwester, wenden keinen Blick, halten den Atem an.

»Ja ... ich kenn dich.«

»Wer bin ich denn, Anneliese?«

»Du bist ... der Heiland.«

Und ein Schimmer zieht über das Antlitz, als glänzte er aus einem fernen, fernen Lande, wohin die großen, sehnsuchtsvollen Augen blicken.

»Der Heiland ... hauchen die bebenden Lippen noch einmal.

»Und was will ich denn bei dir?«

»Du willst mich rufen.«

»Rufen, Anneliese?«

»Zu dir ... in den Himmel.«

»Und willst du kommen, Anneliese?«

»Ja, ich komme ... weil du gut bist und lieb.«

Er nimmt die Hand von der Stirn und legt sie auf die Stuhllehne, ganz fest, mit gespreizten Fingern.

»Sie ist ruhiger geworden«, sagt er nach einer langen Weile, »ich hoffe, sie wird schlafen. Aber es wäre gut, wenn sie jetzt allein bliebe. Sie legen sich vielleicht hier in der Nähe ein wenig hin. Ich wache bei ihr. Sollte es nötig werden, so lasse ich Sie holen.«

Dora widersetzte sich. Auch Frau Vollprecht zeigt keine Neigung, zu gehen. Er aber bleibt bestimmt. Da fügen sie sich.

Nun ist er allein mit der Kranken. Seine flache Hand streicht über ihre Stirn ... langsam ... hin und wieder her. Da fallen ihr die Augenlider zu ... sie schläft. Der Mund ist geschlossen. Ihre Hände ruhen auf ihrem Schoß.

Eine heiße, stickige Luft ist in dem Zimmer. Er öffnet das Fenster, nur den einen Flügel, und auch den nur halb.

Eine Welle flutet vom Mond hinein, der, einem goldenen Schilde gleich, gegenüber am sternbesäten Himmel steht, pflügt eine lichtblaue Furche durch die Stube, die verdunkelt ist.

Er sitzt auf dem Stuhl am Krankenbett, den Kopf in beide Hände gestützt. Stille ist um ihn her, Himmel und Erde liegen in den Schoß der Nacht gebettet. Vom Garten herauf dringt der Duft des Jasmins und der Akazien. Ab und zu geht ein gedämpftes Schwirren und Singen durch die sommerliche Luft. Nichts Körperhaftes ist mehr da. Alles ist Traum und Geheimnis.

Da öffnet sich leise, behutsam die Tür. Aber niemand tritt ein, und die Tür ist wieder geschlossen.

Doch ... durch die lichtblaue Mondstraße kommt eine Gestalt gezogen ... langsam, gebeugten Ganges, das bleiche Antlitz durchzogen von Kummer und Traurigkeit. Sie geht auf ihn zu, neigt sich zu ihm hinab.

»Vater!« ruft er und streckt den Arm nach ihr aus.

Da ist sie verschwunden. Leer und still ist es in dem Zimmer. Nur die breite, bläuliche Lichtfurche zittert durch die Dunkelheit.

Mit einem Male steht die Tür wieder offen, schließt sich aber sogleich wieder, wie von unsichtbaren Händen.

Und wieder zieht eine Gestalt durch die Lichtstraße, dunkel und schwer, schreitet mit langsam ausholendem Schritt an ihm vorüber, stellt sich zu Häupten des Bettes – –

Er springt auf, steht ihr gegenüber. Auge in Auge messen sie sich.

»Nein!« ringt es sich mit mühsam ersticktem Aufschrei aus seinem Innersten. »Diesmal weiche ich dir nicht!«

Stumm steht die Gestalt. Keine Miene regt sich in dem ehernen Antlitz.

Er fühlt den Schweiß von seiner Stirne rinnen, er weiß, daß er sich zum Kampfe rüsten muß auf Leben und Tod, daß die große Entscheidungsstunde für ihn gekommen ist, weiß, daß er in diesem Augenblicke vor der Lösung der Frage steht, die ihn die ganze Nacht bewegt: ob er noch länger Arzt bleiben kann oder nicht. Schlägt es auch diesmal fehl, muß er zu den zwei anderen jungen Leben diese beiden noch geben.

Flehend und beschwörend streckt er die Hände empor.

Nicht einen Schritt weicht die Gestalt. Stumm und ehern steht sie zu Häupten des Bettes.

»Nein, diesmal nicht!« ruft er wiederum. Seine Seele kämpft mit der fremden Gewalt, die in ihm ist, und gegen die er obsiegen muß, und kann es nicht aus eigener Kraft.

»Nur dies eine Mal rette dieses junge Leben – und rette mich!« ringt es sich wie ein himmelstürmendes Gebet aus den Tiefen seiner Seele.

Da ist es, als zünde sich eine Flamme in seinem Inneren an, brenne heller, durchdringe seinen ganzen Körper. Die Gestalt ist verschwunden.

Er faßte sich an den Kopf, geht an das Fenster, schließt es. Die bläuliche Lichtstraße ist zerstoben ... wohltuende Dämmerung erfüllt die Stube.

Er blickt auf die Kranke. Sie ist erwacht, richtet sich ein wenig empor, sieht ihn mit großen, verwunderten Augen an. Er legt sie sanft in die Kissen zurück, streichelt ihre heißen Hände. Dann steigt es in ihm empor, ein überquellendes Gefühl des Glückes, der Dankbarkeit ... er begibt sich in das Nebenzimmer, ruft Frau Vollprecht und ihre Tochter.

Einige Minuten bleibt er bei ihnen. Dann treibt es ihn in das Haus des Schmieds.

»Herr Doktor, es ist besser mit ihr geworden«, begrüßt ihn die vor Freude zitternde Stimme der Mutter, »jetzt vor einer halben Stunde wurde sie ruhiger, und nun schläft sie.«

Er tritt an das Bett. »Das Kind ist gerettet!« sagt er, weiter nichts.

*

Anneliese hatte ein langes und schweres Krankenlager durchzumachen. Jeden Tag kam Doktor Torwald, blieb oft Stunden in Malkaymen, teilte seine Pflege in strenger Gewissenhaftigkeit zwischen dem Herrenhause und der kleinen Schmiedstochter.

Und nun endlich ging es doch fühlbar vorwärts, und beide konnten das Bett verlassen. Es geschah an demselben Tage, und wieder an demselben Tage traten beide zum ersten Male in das lang entbehrte, freudig begrüßte Sonnenlicht eines der letzten Julitage, an dem die goldenen Halme unter der Sense der Schnitter fielen.

Damit war Torwalds Werk getan. Er verabschiedete sich von seinen beiden Pfleglingen und ihren Eltern und kam nicht mehr nach Malkaymen.

Anneliese, die sich, ebenso wie die Kleine im Schmiedshause, mit ihrer ganzen Seele an ihn geschlossen, begann ihn zu vermissen. Jeden Tag glaubte sie, er würde ihn zurückführen. Aber der Tag entwich und brachte ihn nicht.

Sie konnte es nicht verstehen, daß er, der sonst stundenlang bei ihr geweilt, an den sie sich gewöhnt hatte wie an einen ihrem Leben und Hause Zugehörigen, niemals wieder in ihr kleines Mädchenzimmer trat, ihr die Hand auf die Stirn legte, liebe, gütige Worte zu ihr sprach.

Dabei tat sie so vieles nur in Gedanken an ihn, pflegte die Blumen auf ihrem Fensterbrette, über die er sich jedesmal gefreut, für ihn, damit sie ihm entgegenleuchten und duften sollten, wenn er wiederkam, liebte die Bilder an den Wänden, die er gern gehabt, mit einer ganz anderen Liebe als früher, wiederholte sich jedes Wort, das er zu ihr gesagt, und sprach in ihren Gedanken und Träumen mit ihm, der sie dem schönen, sonnigen Leben wiedergegeben hatte.

Aber weder der Mutter noch Dora, der sie sonst alles anvertraute, sagte sie eine Silbe von dem, was sie empfand, ließ niemand das Leiseste von der stillen Sehnsucht merken, die mit ihr des Abends schlafen ging und des Morgens aufstand.

Aber als Wochen dahingingen und er immer noch nicht kam, steckte sie sich hinter den Vater.

Sie tat es in jener kindlich klugen Art, in der sie mit ihrem kleinen Evageschick mit dem Vater von jeher umzugehen wußte. Als sie an einem Sonntagvormittag, den der Kommerzienrat nach alter Gewohnheit der ländlichen Beschaulichkeit vorbehalten hatte, miteinander eine Fahrt auf dem Dogcart durch die Felder machten, brachte sie das Gespräch wie von ungefähr auf den Doktor, gab ihrer Verwunderung Ausdruck, daß er sich niemals mehr in Malkaymen sehen ließe, und fragte so ganz nebenher, ob man ihn denn nie wieder eingeladen hätte, da er allem Anschein nach zu zurückhaltend wäre, um von selber zu kommen.

Der Kommerzienrat, der sich über das Fernbleiben des Doktors, jetzt, wo er seine Pflicht erfüllt hatte, noch nie den Kopf zerbrochen hatte, gab sofort zu, daß hier in der Tat ein Versäumnis vorläge, das man so schnell wie möglich gutmachen müßte.

Als sie nach Hause zurückgekehrt waren, rief er Doktor Torwald durch den Fernsprecher an und bat ihn, heute in Malkaymen zur Nacht zu speisen, den Wagen würde er ihm zeitig schicken.

Aber Doktor Torwald entschuldigte sich mit einem Krankheitsfalle, der ihn für den Nachmittag und Abend über Land riefe.

Einige Wochen später lud man ihn, wieder an einem Sonntag, zum Mittagessen ein. Auch diesmal sagte er ab.

*

Näher kam der Herbst, und Anneliese feierte ihren fünfzehnten Geburtstag.

Da das Wetter in seiner Wärme anhielt und sie möglichst lange auf dem Lande bleiben sollte, beschloß man, nicht, wie in früheren Jahren, in die Stadt zu ziehen, sondern auch diesen Tag noch auf Malkaymen festlich zu begehen.

Man hatte keine besonderen Einladungen ergehen lassen, man wußte, daß sich auch ohne solche die Umgegend, besonders jetzt, wo dieser Tag durch Anneliesens Genesung von schwerer Krankheit eine eigene Bedeutung erhalten hatte, in größerem Kreise einfinden würde.

Und man hatte sich nicht verrechnet. Eine so zahlreiche Gesellschaft hatte Malkaymen niemals gesehen. Auch damals nicht zu dem Geburtstage des Gutsherrn, der ein so trauriges Ende nahm.

Es war ein sonnendurchgoldeter Septembernachmittag, die Luft so klar und warm dabei, daß Frau Vollprecht den Kaffee auf der Veranda reichen ließ und mehrere der Gäste in kleinen Gruppen sich im Garten ergingen, dessen Wege auf das sorgsamste geharkt waren und dessen Blumen und Beeten herbstliche Wohlgerüche entströmten.

Als Anneliese eben im Begriff stand, mit einigen jungen Mädchen, die etwas länger bei dem Kaffee geweilt, den anderen in den Garten zu folgen, erschien der hagere Johann und meldete ihr Doktor Torwald an. Sie wunderte sich, daß er nicht der Mutter, sondern ihr diese Meldung machte, fühlte aber eine große Freude in ihrem Herzen aufsteigen.

Und schon stand Werner Torwald vor ihr. »Ich hörte es heute morgen von Herrn Pfarrer Hartau, daß Ihr Geburtstag wäre, da mußte ich Ihnen die Hand drücken ... wir haben ja wohl genug miteinander durchgemacht.«

Er sagte es in seiner schlichten, stillen Art. Sie aber konnte ihm das Glück nicht verbergen, das sein unvermutetes Erscheinen, gerade an diesem Tage, in ihrem jungen Herzen hervorrief. Und sie wollte es auch gar nicht. Die unbefangene Kindlichkeit, mit der sie ihn begrüßte, stand in fühlbarem Gegensatz zu der Unbeholfenheit seines Auftretens; man merkte ihm an, daß ihm dieser Besuch nicht leicht geworden war.

Nun hießen ihn auch der Kommerzienrat und seine Frau willkommen, mit einer Wärme, die dem Retter ihres Kindes gebührte, und die doch ein wenig erzwungen war. Denn als Arzt am Krankenbette, wo sein Amt und seine Kunst ihm Ansehen und Sicherheit liehen, übte er einen ganz anderen Eindruck als hier in dem großen Kreise einer Gesellschaft, die, dem alten Landadel oder den besten Häusern angehörig, durch eine weite Kluft von ihm getrennt erschien. Denn wenn er heute auch nicht in Joppe und hohen Stiefeln gekommen war, sondern ein nach seinen Begriffen festliches Gewand gewählt hatte – ein Überrock, wie er ihn trug, altmodisch geschnitten und an den Ellbogen bereits mattglänzend, ein schwarzes Schnällchen, dazu eine weit ausgeschnittene helle Weste waren in diesen Kreisen etwas so Ungewöhnliches, daß seine Erscheinung überall ein Lächeln hervorrief.

Er empfand das Befremden, das er erregte, von der ersten Sekunde an; es machte ihn noch linkischer und ungewandter. Zugleich glimmte aber in seinen ernsten Augen ein Etwas auf, das sich gegen diese Menschen und ihre hochmütige Art auflehnte, verdrängte die sonst in ihm wohnende Güte und gab ihm einen trotzigen, fast feindlichen Ausdruck.

Er stand, immer noch abseits von den anderen, mit Anneliese. Sie frischten Erinnerungen an die Zeit ihrer Krankheit und ihre langsame Genesung auf.

»Gewiß, zuerst war es wohl schwer«, sagte sie, »und ich weiß auch, daß Sie mich schon aufgegeben hatten ... aber dann in der Nacht, als Sie die Mutter und Dora zur Ruhe nach nebenan geschickt hatten und allein an meinem Bette wachten –«

»Woher wissen Sie das denn, Fräulein Anneliese? Sie schliefen doch ganz fest. Aber das haben Ihnen später Ihre Angehörigen erzählt.«

»Nein, das haben sie mir nicht erzählt. Kranke, die dem Tode nahe sind, sehen wohl mehr. Sie schlafen wohl auch nicht so wie die anderen. O, ich weiß viel mehr. Und Sie werden gleich erkennen, daß mir das niemand erzählt haben kann.«

Sie dämpfte die Stimme, damit sie keiner der Gäste, die ab und zu an ihnen vorüber kamen, vernehmen konnte. »Als die Mutter und Dora das Zimmer verlassen hatten, da strichen Sie mir mit der Hand über die Stirn ... so wie Sie es öfter taten, als ich krank war ... ganz weich und leise ... und ich dachte, daß ich nun sterben würde, und wollte es Ihnen gerade sagen. Aber Sie gingen von mir fort und öffneten das Fenster. Der Mond war in der Stube, und es war ganz hell. Und da ... kam jemand.«

»Es kam jemand?« fragte er und konnte das Erschrecken nicht verbergen, das in seinen Worten war.

»Ja, es kam jemand. Ich weiß nicht, wer, ich weiß auch nicht, woher er kam. Vielleicht war es eine Fieberphantasie. Und Sie ... Sie sprachen mit ihm.«

»Das ist unmöglich, Anneliese!«

»Was ist unmöglich, Herr Doktor?«

»Daß Sie das gesehen haben!«

»Ich habe es aber doch gesehen. Ich war ja auch wach, als Sie zu mir an mein Bett traten.«

Theo Fortenbacher und Hans Hartau näherten sich ihnen. Werner Torwald merkte sofort, daß Frau Vollprecht sie geschickt hatte. Das verdroß ihn. Auch Anneliese empfand die Störung schmerzlich.

»Ich habe Ihnen noch so viel zu erzählen, Herr Doktor«, sagte sie unbekümmert um die Anwesenheit der beiden, »man bekommt Sie ja nie zu sehen.«

»So tun Sie es doch, Fräulein Anneliese!«

»Nein, das kann ich nur, wenn wir allein sind«, gab sie, ohne jede Absicht, in kindlicher Unbefangenheit zurück.

Der junge Geistliche entfernte sich unter einem Vorwand und schloß sich einer Gruppe von Herren an, die, eifrig Staatsangelegenheiten behandelnd, an ihnen vorübergingen.

Theo Fortenbacher aber, seines Auftrages eingedenk, wich nicht von der Stelle, suchte Anneliese in ein Gespräch zu ziehen und begegnete dem Doktor mit unverhohlener Geringschätzung, schnitt ihm, als er einmal eine kurze Anmerkung machte, diese mit einer solchen Überlegenheit ab, daß der fein empfindenden Anneliese diese Art der Unterhaltung unerträglich wurde und sie sich zu Dora flüchtete, die mit einigen Frauen und jungen Mädchen unter der Rotbuche plauderte und sich dann mit diesen in die lauschigen Gänge des Parkes begab.

Bald gesellte sich auch Theo Fortenbacher zu ihnen.

»Es besteht Neigung, eine Partie Krocket oder Boccia zu spielen«, wandte er sich an Dora.

»Anneliese und ich spielen heute nicht«, erwiderte diese kurz, »den anderen steht es frei. Nur möchte ich dich und Herrn Pfarrer Hartau bitten, es heute gleichfalls zu lassen.«

»Und weshalb, wenn ich fragen darf?«

»Weil wir auf Herrn Doktor Torwald einige Rücksicht nehmen müssen, er würde sonst allein sein. Und daß er sich am Spiele beteiligen wird, glaube ich nicht.«

»Nein, danach sieht er nicht aus«, sagte Theo Fortenbacher mit deutlichem Hohn. »In dem Rock und mit den Galoschen kann man weder Krocket noch Boccia spielen.«

Anneliese wollte antworten. Aber Dora drückte ihr leise den Arm, wandte sich um und sah Theo Fortenbacher mit einem kurzen Blick an.

»Du scheinst vergessen zu haben, daß wir dem Doktor Torwald großen Dank schulden.«

»Nein, nein, das weiß ich ja vollauf. Aber diese Rücksichten dünken mich ein wenig übertrieben.«

»Sie entspringen dem natürlichen Gefühl einem Menschen gegenüber, der uns diese Kleine vom Tode errettet hat.«

»Da tat er seine Pflicht – was anderes?«

»Er tat sie mit einer Hingebung, die über die Pflicht hinaus ging.«

»Mag sein ... er ist ein sonderbarer Schwärmer«, antwortete Theo Fortenbacher wenig logisch. Aber er war ärgerlich, daß Dora in dieser Weise für den fremden Menschen eintrat.

»So laß ihn. Ich mag die Schwärmer lieber als die sehr praktischen Leute, die bei allem, was sie tun, ihren bestimmten Zweck im Auge haben.«

Theo Fortenbacher wollte heftig erwidern, biß sich aber auf die Lippen und schwieg. So hatte Dora noch nie zu ihm gesprochen. Der Sinn ihrer Worte konnte ihm nicht entgehen; er fühlte, daß etwas zwischen sie getreten war und er das Spiel für den heutigen Abend verloren hatte.

»Und nun entschuldige mich und begleite Anneliese ins Haus zurück. Die Abendluft ist nichts für sie. Ich will mich inzwischen nach den jungen Damen umsehen, die wir über unserer Auseinandersetzung ein wenig arg vernachlässigt haben.«

Aber die jungen Mädchen waren nicht mehr im Park zu finden, und Dora begab sich auf den Rückweg. Nicht weit von dem Hause kam ihr Torwald entgegen.

»Ich wollte mich nur verabschieden«, sagte er.

»Sie wollen schon gehen? Ich glaubte. Sie würden bei uns zum Abend bleiben.«

»Meine Pflicht ruft mich.«

»Verzeihen Sie, Herr Doktor, wenn ich einen leisen Zweifel in Ihre Worte setze. Sie fühlen sich nicht wohl bei uns, das ist es.«

»Ganz recht. Ich fühle, daß ich hier nicht hin gehöre.«

Mit solcher Offenheit hatte er es gesagt, daß sie ihn doch ein wenig erstaunt anblickte.

»Oder glauben Sie, ich hätte es nicht gemerkt, daß ich den Menschen, die bei Ihnen ein und aus gehen, wie ein Sonderling erscheine, daß meine Art, mein Anzug, mein Auftreten etwas an sich haben muß, das sie zum Lachen reizt? Man hat es mir ja eben deutlich genug zu verstehen gegeben.«

»Es war eine Ungehörigkeit –«

»Sehen Sie, nun gestehen Sie es selber zu. Ich weiß auch, daß es nicht nach Ihrem Sinne war, daß Sie mich dagegen schützen wollten.«

Sie ärgerte sich über sich selber. Sie hatte es gutmachen wollen und hatte es vollends verdorben.

»Es sind junge, unerzogene Leute, die gewohnt sind, alles nach dem Äußerlichen zu beurteilen und nach der Form.«

»Die man jedoch haben muß, soll man sich in Ihrem Verkehr wohlfühlen. Ich aber habe sie nicht. Ich stamme aus kleinen Verhältnissen. Meine Mutter zwar gehörte zu Ihren Kreisen. Aber mein Vater war ein einfacher Mann, der sich durch viel Leid und Sorge hindurchgearbeitet hat –«

Er hielt inne. Wie kam er dazu, dem fremden Mädchen das alles zu sagen? Was ging es sie an? Was konnte sie es interessieren?

Sie aber war stehengeblieben; in ihren Mienen wie in ihrer ganzen Haltung war Aufmerksamkeit und Teilnahme.

»Erzählen Sie von sich und Ihrem Leben!« sagte sie, und etwas beinahe Befehlendes, wie es ihr leicht eignete, war in ihren Worten. »Ich habe Sie schon immer danach fragen wollen. Aber nicht hier, wo alle die Menschen sind. Lassen Sie uns noch einmal in den Park zurückgehen. Der Abend ist so schön; es ist schade, ihn im Hause zu verbringen.«

Einen Augenblick zögerte er, dann blieb er an ihrer Seite, und sie gingen zusammen in die wie ein stilles, tiefes Geheimnis sich öffnenden Gänge des Parkes. Die Sonne schüttete im Sinken Hände voll glitzernder Juwelen über die Bäume und ihre goldglühenden Blätter. Ein würziger Hauch war in der Luft, und durch die Wipfel ging ein Rauschen.

Zum ersten Male sah er auf sie, wie sie mit dem federnden, stark ausschreitenden Gang neben ihm dahinwanderte. Sie trug ein hellblaues Sommerkleid, und ihr kastanienfarbenes Haar flimmerte in der sinkenden Sonne. Etwas Selbstbewußtes und Sicheres war in ihrem Gang wie in ihrer Erscheinung.

»Damals schon, als ich Sie das erste Mal sah, es war unmittelbar vor Anneliesens Erkrankung, sprachen Sie von Ihrem Vater«, sagte sie, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander gegangen waren. »Er muß einen großen Einfluß aus Sie gehabt haben.«

»Er war der einzige Mensch, den ich, ja, sehen Sie, ich möchte beinahe sagen, den ich kannte, der einzige jedenfalls, den ich trotz all des Schweren und Unbegreiflichen, das in ihm war, mit meinem ganzen Herzen geliebt habe.«

»Einen anderen Menschen haben Sie nie geliebt? Auch nicht eine Frau?«

»Niemals. Mein Leben war von Kindheit sehr arm und liebeleer und ist es auch geblieben bis auf den heutigen Tag. Es haben wohl wenige Männer eine solche Jugend gehabt. Sie werden nun begreifen, wenn ich vorhin sagte: ich gehöre nicht in Ihre Kreise.«

»Und Ihre Mutter?« fragte sie schnell.

»Meine Mutter ... ich habe sie wenig gekannt.«

»Sie starb?«

»Nein, Sie ...«

Er hielt inne, lüftete den Hut und fuhr sich mit der gebräunten Hand durch das dichte Haar.

»Erzählen Sie von Ihren Eltern, Ihrer Kindheit!« Und auch diesmal war das Ungeduldige, das fast Befehlende in ihrer Aufforderung.

Er setzte den Hut wieder auf. Es schien, als wollte er sprechen. Mit einem Male besann er sich. »Nein«, sagte er, »ich kann nicht.«

»Weshalb können Sie nicht?«

»Weil ich über alles das noch nie mit einem Menschen gesprochen habe.«

»Aber wenn ich Sie darum bitte?«

»Ich glaube nicht, daß Sie es verstehen könnten ... gerade Sie nicht.«

»Sie vertrauen mir also nicht?«

»Nicht genug, um Ihnen sagen zu können, was ich bis zu dieser Stunde allein mit mir herumgetragen habe.«

In ihr Gesicht trat ein verletzter, fast erzürnter Zug. Sie war bisher sehr verwöhnt worden, und es war das erste Mal, daß sie einen Mann um sein Vertrauen gebeten hatte. Andererseits machte seine Aufrichtigkeit einen gewissen Eindruck auf sie.

»Nein«, sagte sie, den Kopf ein wenig in den Nacken werfend, »ich will nichts von Ihnen fordern, was Sie mir nicht gerne und freiwillig geben. Aber eine Frage möchte ich doch an Sie stellen.«

Und nun, indem sie ihm mit einem vollen Blick ihrer großen, dunklen Augen forschend ins Antlitz sah: »Wäre es denkbar, daß einmal die Stunde kommen könnte, wo Sie mir dies alles erzählen möchten ... gerne und freiwillig?«

Er war verwirrt. Noch nie hatte das Auge eines Weibes mit solchem Ausdruck auf ihm geweilt. »Ja«, erwiderte er langsam, »das könnte ich mir wohl denken.«

»Gut ... so lassen wir die Stunde kommen ... ich kann warten.«

Sie hatten das Ende des Parkes erreicht, eine mittelgroße Taxushecke gab den Blick in die Ferne frei. Der Abend war vorgeschritten. Im Westen glomm ein blaßroter Saum; über ihm hob die Nacht die Fittiche und breitete sie langsam und schwer über die dämmernde Erde.

Er fühlte eine Unruhe in sich aufsteigen. »Es ist Zeit, daß ich gehe. Ich wollte es schon vor einer halben Stunde.«

»Herr Doktor«, und sie legte ihm zaghaft und ganz leicht die Hand auf den Arm. als wollte sie ihn halten, »ich habe eine Bitte an Sie, die Sie mir nicht abschlagen dürfen. Gehen Sie noch nicht! Bleiben Sie zum Abend bei uns. Und wenn es Ihnen nicht leicht fällt, tun Sie es Anneliese zuliebe. Es ist heute ihr Geburtstag, und Sie wissen nicht, was für ein Geschenk Sie ihr damit machen.«

»Ich werde bleiben.«

»Sehen Sie, ich wußte, daß Sie es Anneliese nicht antun würden. Dazu sind Sie zu gut.«

Er lächelte. »Woher wollen Sie das wissen?« fragte er mit einiger Geringschätzung.

»Es steht in Ihren Augen geschrieben ... Aber nun wird es doch ein wenig kühler, und die anderen werden uns vermissen.«

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander. Das Abendrot verblaßte, die Schatten wurden dichter und legten sich auf die Wege.

»Eins aber möchte ich doch gern wissen«, sagte er, und man hörte es seinen Worten an, daß er sich bereits eine längere Zeit mit ihnen herumgetragen hatte: »Woher wohl die freundliche Anteilnahme kommt, die Sie für mein Schicksal haben?«

»Das kann Sie eigentlich nicht wundern«, gab sie jetzt wieder in ihrer gesellschaftlich leichten Art zurück, »nachdem wir das Leben unserer Kleinen nur Ihrer Aufopferung verdanken. Aber nein ...«, unterbrach sie sich selber, »ich will auch so offen sein, wie Sie es gegen mich gewesen find. Diese Anteilnahme war schon früher da. Seit jener Stunde, da Sie mir dort unter der Rotbuche beim Mondlicht all die unheimlichen Geschichten erzählten: daß Sie es in den Augen des Kranken lesen könnten, ob er am Leben bliebe oder sterben müßte. Aber sehen Sie, das kleine Töchterchen des Schmieds, von dem Sie meinten, daß es bestimmt sterben würde, ist nun doch gesund geworden.«

»Und Ihre Schwester auch.«

»Ja, meine Schwester auch«, sagte sie nachdenklich. »Und bei ihr, nicht wahr, da hatten Sie damals auch das Todeszeichen erblickt?«

»Ja ... ich hatte es auch bei ihr erblickt.«

»Aber mir leugneten Sie es ab, als ich Sie fragte.«

»Ich hatte ein so großes Mitleid mit Ihrem Schmerze, und ich wollte es vor mir selber nicht wahr haben. Das war wohl die Hauptsache. Diese Nacht wurde entscheidend für mein Leben.«

»Weshalb entscheidend?«

»Weil sie die große Befreiung brachte.«

»Eine Befreiung? Wovon?«

Einen Augenblick schwieg er. »Sie wissen wohl auch«, sagte er dann, »was Sie mir dort unter der Rotbuche entgegneten: daß, wenn Sie ein Mann wären und einen Beruf hätten wie ich, Sie gegen diese dämonische Macht ankämpfen würden bis zum letzten.«

»Ganz recht. Das meine ich auch heute noch.«

»An dies Ihr Wort habe ich manchmal denken müssen. Und ich darf wohl sagen, in jener Nacht habe ich gekämpft, bis zum letzten. Ich tat es, selbst als ich den Tod schon am Bette Ihrer Schwester stehen sah.«

»Sie ... sahen den Tod? Und sahen ihn am Bette meiner Schwester stehen?« fragte sie ungläubig, aber ein Schauder glitt über ihren Körper.

Es war ganz dunkel im Park geworden. In den Fichten rief ein Nachtvogel, und durch das tiefe Schweigen flüsterten geheimnisvolle Stimmen.

»Ja, und nicht ich allein. Anneliese hat ihn auch gesehen.«

»Hat – ihn auch gesehen?«

»Sie hat es mir eben erzählt. Sie hat auch gehört, daß ich mit ihm sprach. Das ist das Wunderbare.«

»Und was geschah nun?« fragte sie voller Entsetzen, und ihr Arm schmiegte sich im Gefühl der aufsteigenden Furcht unwillkürlich an den seinen und teilte ihm die Wärme ihres Blutes mit.

»Als ich mich wider ihn mit aller mir zu Gebote stehenden Kraft auflehnte, wich er.«

»Da ... wich er?« Sie blieb stehen: »Herr Doktor Torwald, Sie sind doch ein kluger und studierter Mann, glauben Sie denn wirklich an alles das?«

»An was soll ich glauben?«

»Daß Sie in jener Nacht wirklich den Tod gesehen haben.«

»Ja«, gab er beinahe hartnäckig zurück, »das glaube ich. Ich habe ihn gesehen.«

»Aber das ist doch unmöglich.«

»Nein, das ist gar nicht unmöglich. Es gibt solche Mächte, das ist ohne Frage. Aber nicht alle Menschen sehen sie. Das ist nur wenigen gegeben. Die aber sehen sie und irren nicht.«

»Aber Sie sprachen doch vorhin von einer Befreiung? Worin bestand denn diese Befreiung?«

Er ließ das ernste Auge über sie hinweg in die Ferne schweifen.

»Das will ich Ihnen sagen. Seit dieser Nacht weiß ich, daß es etwas gibt, das stärker ist als alle dämonischen Mächte der Welt. Das ist der Wille des Menschen und die Kraft seines Glaubens an ihn.«

»Aber« – sie stockte ein wenig – »in die Augen sehen Sie Ihren Kranken immer noch, wie Sie es damals bei Anneliese taten?«

»Ja, das tue ich immer noch. Denn viel ist aus dem Auge zu lesen. Nicht nur bei den Kranken, sondern auch bei den Gesunden: Ob die guten Mächte in ihm wohnen oder die bösen.«

»Und wenn es die bösen sind, Doktor Torwald?« fragte sie halb scherzend, halb ernst, »können sie durch nichts mehr vertrieben werden?«

»Ja ... durch die große Liebe«, erwiderte er.

Da grüßten die Fenster des hell erleuchteten Hauses zu ihnen herüber.

Zu Tische führte Doktor Torwald die Erzieherin eines Nachbargutes, die pädagogische Fragen mit ihm behandelte. Zu seiner anderen Seite saß Anneliese. Er war wohl nach seiner Art still und in sich gekehrt. Aber der Druck, der so lange auf ihm gelegen, war gewichen, ja, er beteiligte sich dann und wann an der Unterhaltung, die allmählich leichtere und fröhlichere Bahnen ging.

Mit Dora, die ihren Platz ihm schräg gegenüber hatte, sprach er wenig, obwohl sein Auge, wenn er sich unbeobachtet fühlte, mit einem verstohlen-bewundernden Blick über ihre schöne, stolze Erscheinung dahinglitt. Aber zu Anneliese sagte er manches gute Wort und freute sich ihres blühenden Aussehens und ihrer wiedergewonnenen Gesundheit.

Nach Tische unterhielt man sich in kleinen Gruppen, und er war oft allein. Ab und zu trat Dora auf ihn zu und sagte irgend etwas zu ihm, das er nur wie im Traume hörte. Dann aber stiegen andere Gedanken in ihm empor.

»Was willst du hier?« fragte er sich einmal über das andere. »Dich lächerlich machen? Den Spott der jungen Fanten herausfordern? Ein müßiger Gaffer hier stehen, wo es zu Hause Hände voll für dich zu tun gäbe? Ist das das Versprechen, das du deinem Vater in seiner Sterbestunde gegeben? Du bist ein netter Sohn! Und ein ganzer Mann. Das muß man sagen!«

Nein, er wollte keinen Augenblick länger bleiben. Er wollte fort, zurück in seine ernste Arbeitsstube in Neukirchen, wo das große, neue Werk, das er sich mit beträchtlichen Opfern gestern endlich gekauft hatte, aufgeschlagen auf seinem Schreibtische lag und seiner wartete. In seine Seiten wollte er sich vertiefen, ein wenig schlafen und dann morgen in der Sprechstunde und auf den Besuchen bei seinen Kranken vergessen, daß es einen Abend wie diesen gegeben.

Er hatte sich vom Kommerzienrat und seiner Frau verabschiedet und begab sich nun zu Dora, um ein gleiches zu tun.

Da machte sich eine leise Unruhe im Saale bemerkbar, wurde stärker, drang auch zu ihm herüber.

»Wo ist Herr Pfarrer Hartau?« fragten einige Stimmen.

»Er war eben hier. Er unterhielt sich mit der Baroneß Oerzen.« »Nein, er ist im Rauchzimmer.« »Was ist denn geschehen?« »Er soll so schnell als möglich nach Hause kommen. – Sein alter Herr ist schwer erkrankt. Der Wagen steht vor der Tür.«

»Habt Ihr einen Arzt?« fragte Hans Hartau, der sich flüchtig von den hinzugeeilten Wirten verabschiedet und in Hut und Mantel bereits vor die Tür getreten war.

»Wir sollen nach Neukirchen ranfahren und einen mitbringen«, erwiderte der Kutscher.

»Das können wir einfacher haben. Herr Doktor Torwald, darf ich Sie bitten, mit mir nach Kokoschken zu meinem Vater zu kommen? Sie schicken Ihren Wagen vielleicht nach Hause, denn so schnell wird die Sache dort nicht abgetan sein.«

Die Nacht war dunkel. Wie ein schwarzer Sack hing der Himmel über der Erde. Ab und zu blinkte ein einsamer Stern auf Und verschwand wieder. Eine regenschwere Wärme war in der Luft.

»Als ich das letzte Mal beim Vater war«, sagte Hans Hartau, nachdem sie eine ganze Weile schweigend nebeneinander gesessen, »klagte er. Es war nie seine Art, ich erinnere mich nicht eines einzigen Males, daß er es getan hat. Es muß schlecht um ihn stehen, wenn er mich rufen läßt.«

»Vielleicht ist es ohne sein Wissen und Wollen geschehen.«

»Gleichviel, wenn ich ihn nur noch lebend antreffe. Der Gedanke, ohne Abschied von ihm zu gehen, wäre furchtbar. Ich habe ihm viel zu danken. Niemals wieder bin ich einem Menschen begegnet, der so innerlich rein und wahr und fromm war wie er.«

»Wohl dem Sohne, der das von seinem Vater sagen kann!« erwiderte Torwald. Der junge Geistliche hatte eine Saite angeschlagen, die in ihm wiederklang. Sie schienen es beide zu empfinden, das tastend begonnene Gespräch wurde frei und ungezwungen.

»Sie waren heute zum ersten Male in einem größeren Kreise in Malkaymen ... ja, ich weiß, mit Ausnahme des einen Abends, als die furchtbare Krankheit im Dorfe ausbrach und man Sie rief. Man muß diese Menschen wohl erst genauer kennen lernen, um sich wohl und vertraut bei ihnen zu fühlen.«

Werner Torwald merkte sofort, daß dem anderen das Unbehagen nicht entgangen war, das diesen Abend auf ihm gelegen hatte.

»Schließlich soll jeder nur dahin gehen, wohin er gehört«, sagte er kurz.

»Der Geistliche und der Arzt gehören wohl überall hin. Sie müssen in den Katen der Tagelöhner genau so zu Hause sein wie in den Schlössern der Herren. Und das werden sie, solange sie keinen Unterschied zwischen beiden machen.«

»Für den Geistlichen mag es zutreffen. Der sucht den Menschen. Unsereiner kann an der Seele ja auch nicht vorbei. Aber schließlich tut er seine Arbeit am Körper, und wenn der hergestellt ist, findet sich das andere auch, und er kann gehen.«

Wieder verstand ihn der junge Geistliche sofort. »Man hat es in Malkaymen schmerzlich empfunden, daß Sie sich so ganz zurückgezogen. Am meisten wohl Fräulein Anneliese.«

Und als Torwald schwieg: »Sie ist die wertvollste von allen. Ich habe sie kennen gelernt wie wohl kein anderer. Seit einem halben Jahre ist sie meine Konfirmandin. Sie glauben gar nicht, wie das nahebringt. Freilich, man muß auch hier das Menschliche, das reine Menschtum obenan stellen. Die Kirchlichkeit tut es nicht. Vollends der Jugend kann man mit ihr nicht recht beikommen.«

Der Wagen hatte die Kreisstraße verlassen und fuhr einen schmalen Weg, der holprig war und voll großer Löcher. Dazu ging es bergauf. Die an sich nicht starken Pferde, die ohne jedes Ausruhen die weite Entfernung zum zweiten Male zurücklegen mußten, waren ermüdet, gingen ganz langsam und blieben bisweilen stehen.

Hans Hartau litt Qualen. Er sprach heftig auf den Kutscher ein, daß er sich mehr beeilen müßte. Ein Leben stünde auf dem Spiele.

Der zuckte die Achseln. »Es geht nicht, Herr Pastor ... und zum Sterben wirds mit dem alten Herrn ja noch nicht sein.«

Vielleicht um sich abzulenken, setzte der junge Geistliche das Gespräch fort: »Einmal sprach Anneliese mit mir über ihre Krankheit. Wie seitdem alles so anders in ihr geworden. Und ich habe es selber beobachtet, sie ist ernster und stiller geworden.«

»Und die ältere Schwester?«

Werner Torwald wußte nicht, wie er zu dieser Frage kam. Sie war ihm mit einem Male über die Lippen getreten.

Es währte eine ganze Weile, bis Hans Hartau antwortete.

»Gewiß auch sie kenne ich seit langer Zeit«, sagte er dann, »denn zwischen Kokoschken und Malkaymen haben von je enge Beziehungen bestanden, und seitdem ich nun selber als Pfarrer dorthin gekommen ... Sie überragt ihre jüngere Schwester an Klugheit und wohl auch an Temperament. Bei ihr ist alles auf Intellekt und Willen gestellt, und man kann sich mit niemand so angeregt unterhalten, wie mit ihr. Ich für meinen Teil habe von jeher mehr Gefallen an Frauen gefunden, bei denen Gefühl und Gemüt vorherrschen.«

Er schien zu weiteren Mitteilungen nicht aufgelegt. Eine große Unruhe war in ihm, die noch um ein bedeutendes stieg, als der Weg immer schlechter wurde und schließlich in einem ziemlich steilen Anstieg zum Kirchhof emporführte.

Endlich war das Ziel erreicht. Der Wagen hielt vor dem Pfarrhause, in dem unten alles dunkel war, während ein erleuchtetes Giebelfenster wie ein großes Auge in die Nacht hinaussah.

»Treffe ich ihn noch lebend?« Das war die erste Frage, mit der Hans Hartau den stummen Händedruck seiner älteren Schwester Therese erwiderte, die der schwächlichen Mutter mit viel Treue und Umsicht in der Wirtschaft zur Hand war.

»Gewiß, Hans. Es ist mit einem Male besser mit ihm geworden. Er ist der Alte wieder und viel frischer, als du wohl denkst. Wir ließen dich nur rufen, weil seine Schwäche seit dem Nachmittag so zunahm. Nun hat er sich wieder erholt, und wir hoffen noch einmal. Ihm ist es gleich. Er fleht dem Tode wie einem Fest entgegen.«

Als Hans Hartau in die Schlafstube der Eltern trat, begrüßte ihn die Mutter, eine zarte, zierliche Matrone, die mit jedem Jahre ihres Alters noch um ein beträchtliches kleiner zu werden schien; unter der altmodischen Haube sah man in ein freundliches, noch ganz glattes Gesicht mit guten, ein wenig unruhig blinzelnden Augen.

»Er hat sich so auf dich gefreut«, sagte sie. »Das hat ihn wach und froh gehalten.«

Voll männlicher Herzlichkeit war die Begrüßung zwischen Vater und Sohn.

»Es hat mir leid getan, mein Junge, daß ich dich in deinem Vergnügen stören mußte«, sagte der Alte mit etwas matter, aber ganz sicherer Stimme, »ich weiß, wie gerne du bei den Vollprechts bist. Aber, nicht wahr, sehen mußte ich dich noch einmal.«

»Was redest du da, Alterchen?« schnitt die kleine Frau ihrem Sohne die Antwort ab. »Du hast uns vorhin nur einen kleinen Schreck eingejagt. Nun ist alles wieder gut.«

»Ja, es ist gut ... alles gut, da hast du recht, Mütterchen ... so oder so.«

»Ich habe dir auch gleich den Doktor mitgebracht, Vater.«

»Den alten Sanitätsrat habt ihr auch noch beunruhigt? Der ist schon klapperig genug. Und nun noch mitten in der Nacht.«

»Nein, den haben wir schlafen gelassen. Aber einen jungen haben wir dir hergeholt ... Doktor Torwald.«

»Ach den ... den neuen Wundermann, der die Anneliese und die kleine Schmiedstochter damals wieder zum Leben weckte. Na, bei mir laßt's nur gut sein. Ich will mich einem anderen Wundermann anvertrauen.«

»Er will auch keiner sein. Aber ein tüchtiger Arzt und ein guter Mensch ist er, darauf kannst du dich verlassen. Und nun will ich ihn rufen.«

Werner Torwald, der so lange unten in der Wohnstube gewartet, trat in das Zimmer, begrüßte den Kranken mit ein paar freundlichen Worten und hieß ihn, sich mit Hilfe der kleinen Frau ein wenig im Bett aufrichten. Dann bat er die Pfarrfrau, daß sie die Spirituslampe, die auf dem Tische brannte, in die Hand nehmen und über dem Bett ein wenig in die Höhe halten sollte. Ihm fiel auf, daß die kleine Frau ihn mit einem erstaunten Blick ansah und ebensolchen mit ihrem Manne wechselte. Aber er beachtete es nicht. Denn seine Gedanken waren ganz bei dem Kranken.

Und nun beugte er sich über ihn und blickte ihm in die Augen. Da sah er, daß das Lebenslicht in ihnen erloschen und nichts mehr zu hoffen war.

Der Kranke, der während der ganzen Zeit keinen Blick von dem Arzte gelassen hatte, winkte den Seinen zu: »Ihr könnt mich jetzt mit dem Herrn Doktor einen Augenblick allein lassen.«

Nun waren die beiden allein, und immer noch war das matte Auge des Pastors mit demselben prüfenden Blick auf den Arzt gerichtet.

»Gestatten Sie mir einmal eine Frage, Herr Doktor. Wie ist doch Ihr Name? Torwald, sagte mein Sohn, wenn ich nicht irre.«

Werner hatte erwartet, der alte Mann würde ihn nach seinem Zustand und seinen Aussichten ausforschen, und war über diese seltsame Frage ein wenig erstaunt. »Ganz recht, so heiße ich«, erwiderte er.

»Haben Sie – verzeihen Sie die Frage – immer so geheißen?«

»Ob ich immer so geheißen habe?«

Werner Torwalds Gesicht verfärbte sich ein wenig, und seine Worte klangen unsicher. »Wie kommen Sie auf diese Frage?«

»Ich will es Ihnen sagen. Als ich als junger Pfarrer auf eine kleine Stelle oben im Samlande gekommen war, es mögen jetzt so an die vierzig Jahre her sein, erkrankte ich an einem schweren Fieber. Mein Zustand wurde immer ernster. Ein Arzt nach dem anderen kam. Keiner konnte mir helfen. Man hatte mich bereits aufgegeben. Da rief man auf das dringende Betreiben eines Amtsbruders einen Arzt von weit her, der diesem in ähnlich schwerer Krankheit das Leben gerettet hatte. Er kam, untersuchte mich ... gerade so wie Sie. Und dann ... dann hieß er meine Frau die Lampe nehmen, beugte sich über mich, sah mir eine lange Zeit mit ernst prüfendem Blick in die Augen ... wiederum gerade so wie Sie ... und erklärte, daß ich gerettet wäre. In acht Tagen war ich gesund.«

Das Sprechen schien ihm nicht leicht zu werden. Aber er raffte seine Kraft auf und fuhr fort:

»Noch denselben Abend reiste er ab. Lange Zeit hörte ich nichts von ihm. Nur später drangen kaum glaubliche Dinge an unser Ohr: daß er ... doch wozu daran rühren? Ich wies sie schon damals weit von mir, denn er war mein Retter geworden, und meine Dankbarkeit blieb ihm treu. Heute aber, als Sie alles genau so taten, mit denselben Bewegungen, demselben Blick ... und jetzt, wo Sie mir hier gegenüber sitzen ... aber ich irre mich vielleicht doch. Denn der Name, das weiß ich bestimmt, war ein anderer.«

Still und in sich versunken saß Werner Torwald, als müßte er sich mit alledem erst abfinden, was so unerwartet über ihn gekommen war. Er hätte es ableugnen können. Aber nein ... dagegen lehnte sich sein Stolz auf. Er hatte die Kraft, es auf sich zu nehmen, und den Mut, es zu verantworten. Er war es dem Heimgegangenen schuldig.

»Nein, Herr Pastor, Sie irren nicht«, sagte er, dem Kranken mit einem vollen, freien Blick ins Antlitz schauend, »... es war mein Vater. Und Sie haben recht gehört: er mußte ein schweres Schicksal auf sich nehmen. Wie groß seine Schuld war, darüber hat längst ein Höherer entschieden. Auf jeden Fall hat er hart gebüßt. Den Namen legte er damals ab und nahm seinen ursprünglichen wieder an, damit auf mich und meinen Beruf kein Makel fiele. Ich habe mich von dem Orte, wo all dies Traurige sich ereignete, weit fort hierher begeben, denn ich glaubte, daß mich hier niemand kennen würde. Aber ich habe nichts zu verbergen und nichts zu verschleiern und nehme auf mich, was er getan und verfehlt.«

»Recht so, mein lieber Herr Doktor«, sagte der Alte, und ein warmer, tiefer Klang war in seiner bisher so müden Stimme. »Und doch ... es ist gut, wenn niemand etwas von der unseligen Geschichte erfährt ... ja, notwendig für Sie und Ihre Zukunft ... glauben Sie mir. Sie kennen die Menschen nicht. Ob schuldig oder schuldlos, gilt ihnen gleich. Doch Sie können ganz ruhig sein. Von mir wird niemand etwas erfahren, auch meine Frau nicht. Ich nehme es als ein Geheimnis mit in mein Grab. Es liegt eine tiefe Tragik darin, wenn ich's bedenke, ein so tüchtiger Arzt, der Unzähligen zum Wohltäter und Retter geworden –«

»Erlassen Sie mir, davon zu sprechen. Es ist nichts, weder für Sie noch für mich, in dieser Stunde.«

Der Kranke hatte sich in sein Bett zurückgelegt. Seine Augen waren nicht mehr auf den Arzt gerichtet, sondern blickten mit einer gewissen Starrheit auf die unter groben Querbalken weißgetünchte Zimmerdecke. Aber in seinem Kopf und Herzen arbeitete es fort.

»Sie haben einen schweren Weg gehabt, junger Mann«, sagte er schließlich. »Doch das ist nun einmal Menschenschicksal. Im letzten Grunde ist das ganze Leben nichts anderes als ein ewiger Kampf zwischen den Geistern der Finsternis und des Lichts, überall ist die Finsternis ... in uns, in den Außendingen und auch in den Menschen. Ich habe es erfahren.«

Werner Torwald hatte schon mehrere Male versucht, ihn zum Schweigen zu bringen. Aber immer vergeblich. Es war, als müßte er sich erst vom Herzen losreden, was in ihm war.

»Und auf eins nur kommt es an«, fuhr er, die widerspenstige Stimme zwingend, fort, »daß wir an das Licht glauben. Dann siegt das Licht. Früher oder später. Aber es siegt ganz gewiß ... Glaube an das Licht ... und du hast das Licht ... das ist es.«

Er suchte sich ein wenig wieder aufzurichten. Ein heller Schein lag auf seinem Antlitz, und in seinen Augen war ein Leuchten.

Werner Torwald sah es in innerer Ergriffenheit. Er stand von seinem Stuhl auf, legte seine Hand auf die des Kranken und sagte freundlich, aber mit großer Bestimmtheit: »Sie haben ein gutes Wort zu mir gesprochen in dieser Stunde, Herr Pastor. Ich will daran denken und es nie vergessen. Jetzt aber muß ich der Arzt sein. Sie dürfen sich nicht länger in dieser Weise erregen. Sie müssen zur Ruhe kommen. Ich werde Sie allein lassen, und Sie werden versuchen, ein wenig zu schlafen.«

»Ach nein ... bleiben Sie bei mir. Ihre Nähe tut mir wohl. Wunderbar ... ich kenne Sie erst seit einer Stunde, und doch ... es mag von Ihrem Vater kommen ... gewiß von Ihrem Vater.«

Er lag eine Weile ganz still, die Augen weit geöffnet und immer nach oben gerichtet.

»Es wird nicht lange mehr dauern, nicht wahr?« fragte er schließlich.

Und als Torwald nach der rechten Antwort suchte, denn unwahr konnte er nicht sein, selbst nicht einmal an Krankenbetten: »Nein, Sie brauchen mir nichts zu verheimlichen. Ich fürchte den Tod nicht. Ich bin zufrieden mit meinem Leben und dem da oben aus ganzer Seele dankbar, der mir mehr gegeben hat ... weit mehr als ich verdiene. Darum sterbe ich froh und gern.«

Es war, als breitete sich der helle Schein, der bisher auf seinem Antlitz gelegen, über seine ganze Erscheinung und hüllte sie in einen weichen, tiefen Glanz.

»Haben Sie es nie beobachtet, Doktor, daß, die glücklich und zufrieden gelebt haben, viel leichter und freudiger sterben als die vom Leben Unbefriedigten?«

»Jawohl, das habe ich manches Mal beobachtet.«

»Und wie erklären Sie es sich?«

»Ich meine, die glücklich gewesen, sind satt geworden am Tisch des Lebens und stehen befriedigt auf. Die anderen aber warten vielleicht immer noch auf das Große und Wunderbare, das ihnen das Leben nie erfüllt hat, und können es nun nicht fassen, daß ihnen der Tod schon das Ziel setzt. Anders vermag ich es mir nicht zu erklären.«

»Mag sein, Doktor, mag sein ... Sehen Sie, ich stehe auch gerne auf vom Tische. Aber die Hauptsache ist das nicht. Die Hauptsache ist: Ich glaube an das Licht –«

Die Tür öffnete sich, leise und behutsam trat die kleine Frau ein, Hans Hartau folgte ihr auf dem Fuße.

»Komm her, kleine Alte«, flüsterte der Kranke, »und auch du, Hans. Setzt euch beide zu mir ... nein, der Doktor soll auch bleiben ... so ist mir wohl ... so wohl!«

Er winkte seiner Frau mit einem stillen Lächeln zu und legte sich ein wenig auf die Seite.

Da beugte sich Werner Torwald über ihn und strich ihm mit der flachen Hand einige Male über Stirn und Antlitz.

Draußen war der Regen, der den ganzen Abend in der schweren Luft gelegen, prasselnd niedergegangen. Mit harten Händen klopfte er auf das Dach, hämmerte er gegen die Fensterscheiben. Ein starker Wind hatte sich erhoben und brauste mit dumpfen Orgeltönen durch die einsame Nacht.

Ruhig und geborgen schlief der Alte in Sturm und Regen wie ein müdes Kind in seines Vaters Schoß.

Am nächsten Morgen beschränkte Werner Torwald seine ärztliche Tätigkeit auf das notwendigste und begab sich am frühen Nachmittag wieder nach Kokoschken, um nach dem alten Pastor zu sehen, den er gestern in gesundem Schlafe verlassen hatte.

Er fand ihn frisch und wohl. Das Leben hatte noch einmal seine hellen Lichter angezündet, und war es auch nur, um dem Tode einen freundlichen Empfang zu bereiten.

»Ich glaube, es wird noch einmal gut mit ihm, Herr Doktor«, meinte die kleine Frau. »Damals wurde er ja auch gesund, als ihm der fremde Herr Doktor in die Augen sah, gerade so, wie Sie es gestern abend taten.«

Das Mädchen meldete Besuch: das gnädige Fräulein aus Malkaymen, das sich nach dem Befinden des Herrn Pastors erkundigen wollte.

Die kleine Frau war sichtbar erfreut und geehrt durch diese Teilnahme und wandte sich an den Arzt: Ob Bedenken bestünden, den Besuch vorzulassen? Nein, es bestünden keine Bedenken.

So trat Dora Vollprecht in die Krankenstube. Der frische Hauch der Luft lag noch auf ihrem Antlitz, und ihre Augen leuchteten wie der helle Herbstsonnentag da draußen.

Sie wären gestern abend alle auf das heftigste erschreckt worden, als Hans Hartau so plötzlich abgerufen wäre und auch gleich den Doktor mitgenommen hätte. Aber Gott sei Dank, wo sie den geistlichen Herrn so frisch und vergnügt vor sich sähe, wäre sie außer jeder Sorge und wollte es den Eltern, die sehr auf Nachricht warteten, durch den Fernsprecher mitteilen ... aber nein, in dem würdigen Pastorat von Kokoschken gäbe es so weltliche und neuzeitliche Einrichtungen ja nicht. Dann müßte man sich in Malkaymen bis zum Abend gedulden, denn sie wollte noch in Worditten vorsprechen, wo der alte Kammerherr ebenfalls bettlägerig wäre.

Werner Torwald hörte ihr mit stillem Erstaunen zu. Die leichte, gewandte Art, mit der sie sich auch hier am Krankenbette gab, die liebevollen Worte, die die kleine Frau entzückten und auch dem Pastor sichtbar wohltaten, die unfehlbare Sicherheit ihres ganzen Auftretens, die so anmutig zu trösten und aufzurichten verstand ... alles das war seiner ernsten, schwerfälligen Natur eine völlig fremde Welt.

Aber in seinem Erstaunen lag zugleich eine aufrichtige Bewunderung. Wie eine Königin kam sie ihm vor, die Licht und Sonne selbst in die dumpfe Luft eines Sterbezimmers trug.

Mit richtigem Taktgefühl erhob sie sich auch schon nach kurzer Zeit.

»Ich habe meinen Wagen nach Worditten vorausgeschickt und will den kurzen Weg bei dem schönen Wetter zu Fuß machen«, sagte sie zu Werner Torwald, der mit ihr das Zimmer verlassen hatte. »Wenn es Ihre Zeit erlaubt, so begleiten Sie mich vielleicht.«

Der hatte in der Gegend gleichfalls zu tun und sagte zu. So gingen sie zusammen.

Nach wenigen Schritten bog Dora, die in der Gegend gut vertraut schien, von der Landstraße ab und schlug einen Triftenweg ein, der zwischen grünen Koppeln, auf denen das Vieh weidete, und abgemähten, melancholisch sich weitenden Feldern dahinführte. Der Sturm, der sich inzwischen gelegt, hatte den Boden schnell getrocknet. Die Sonne schien nicht mehr, ein leichter Dunst breitete sich über die Felder, und eine wohlig weiche Würze war in der Luft.

»Nun, wie sieht es mit dem alten Herrn aus?« fragte Dora, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander gegangen waren.

»Es war sein letztes Aufflackern. Wenn Sie morgen zu ihm kommen, werden Sie sich vielleicht nicht mehr so anregend mit ihm unterhalten können.«

»Steht es so mit ihm?« fragte Dora, doch ein wenig betroffen. »Das hätte ich nicht gedacht ... nein, wahrhaftig nicht. Aber Sie, Sie sehen ja alles. Haben Sie vielleicht auch wieder den Tod in seinen Augen gesehen?«

Der leichte Spott, der in ihren Worten lag, verletzte ihn.

»Ja ... ich habe ihn gesehen«, erwiderte er ernst.

»Sie sind doch ein ganz absonderlicher Mensch, Herr Doktor. Überall sehen Sie Geister.«

»Wir sind wohl auch überall von ihnen umgeben.«

»Überall? Auch hier, wo wir jetzt gehen?«

»Gewiß, auch hier. Dort im Nebel ziehen sie über die Triften und Wiesen, und in den Lüften hören wir ihre Stimmen. Und wenn ich des Abends auf meiner stillen Stube sitze und in meinen Büchern lese, sind sie auch bei mir.«

»Das muß aber doch ganz unheimlich sein ... auf Schritt und Tritt sich von Geistern umgeben zu sehen.«

»Unheimlich? Ganz und gar nicht. Es ist für mich etwas Selbstverständliches. Wo sollten sie denn sonst sein ... alle die Geister der Verstorbenen, oder derer, die noch nicht zu irgendwelchen Lebensformen eingegangen sind? Das hat für mich gar nichts Unheimliches. Ich kann dabei sehr nüchtern denken und ruhig schaffen, ja, diese Geister sind mir eine liebe Lebensgewohnheit geworden, ohne die ich mir mein Dasein gar nicht mehr denken kann. Es sind doch nicht nur die bösen, mit denen man kämpfen muß. Die guten sind auch dabei.«

»Das kommt wohl daher, weil Sie ein Sonntagskind sind, wie Sie einmal sagten. Die sehen ja viel, was wir gewöhnliche Sterbliche nicht sehen.«

»Ich weiß es nicht. Ich meine, es müßte bei jedem Menschen so sein. Und es wäre gut so, denn es macht ernster und wohl auch liebevoller.«

»Wieso liebevoller?«

»Weil wir daran denken, daß auch wir einmal zu einer solchen Form unseres Daseins eingehen müssen,«

»Wenn wir gestorben sind, nicht wahr?«

»Jawohl, wenn wir die sichtbare Form des Daseins abgestreift haben.«

»Ich mag an den Tod überhaupt nicht denken.«

»Das ist verständlich. Bei Ihrer Jugend ...«

»Nun, so alt sind Sie doch auch nicht.«

»Aber ich habe erfahren, was nicht so ganz leicht zu überwinden ist. Das macht schneller alt als die Jahre.«

Sie war nicht mehr ganz bei der Sache. »Wo haben Sie hier heute noch zu tun?« fragte sie ziemlich unvermittelt, indem sie einen Augenblick stehen blieb.

»Ich will im Dorfe nach einer Wöchnerin sehen.«

»Dauert das lange?«

»Nein, eben lange nicht.«

»Gut. Dann holen Sie mich vom Schlosse ab, und wir fahren zusammen.«

Wieder klang es fast wie ein Befehl. Sie empfand es wohl selber und redete ihm mit freundlichen, scherzhaft bittenden Worten zu:

»Es ist gar zu langweilig, so mutterseelenallein durch den Abend zu fahren. Zudem wird es bald dunkel, und dann ... ja, lachen Sie mich getrost aus ... dann fürchte ich mich vor den Geistern, von denen Sie eben gesprochen haben. Wenn Sie aber dabei sind, dann ist es etwas ganz anderes. Sie stehen mit ihnen auf vertrautem Fuße, da werden sie mir nichts tun.«

Er kämpfte einen Augenblick, dann sagte er zu. –

Immer schöner wurden die Herbsttage, immer sommerlicher schien die Sonne, goß ihr reines, dünnes Licht über die Erde, ließ es über die Wipfel der bunt sich färbenden Bäume dahinspielen und im blinkenden Metall ihrer Blätter sich spiegeln.

Herr Vollprecht war jetzt selten in Malkaymen, die frühen Abende lohnten ein Herauskommen für ihn nicht mehr.

Aber seine Frau und Töchter vermochten sich von dem Lande, auf dem jetzt jeder Tag wie ein Gottesgeschenk war, noch nicht zu trennen. Die Abende wurden ihnen nicht lang, denn sie hatten fast immer Besuch. Theo Fortenbacher und Hans Hartau waren von seither eingetragene Gäste.

Aber auch Doktor Torwald kam jetzt öfter. Er wußte, daß er Anneliese eine Freude mit seinem Kommen bereitete.

Und doch war es das nicht, was ihn immer wieder nach Malkaymen zog, so schwer diese Besuche ihm auch manchmal wurden, so harte, innere Kämpfe sie ihm kosteten. Denn sie standen im offenbaren Widerspruch zu allem, was er bisher als Richtschnur seines Lebens angesehen hatte, vornehmlich zu dem, was ihm sein Vater aus der Erfahrung und Enttäuschung seines Lebens in die Seele geprägt hatte:

»Gehe nicht in die Häuser derer, die mehr sind als wir. Dorthin gehörst du nicht. Und wenn sie dich rufen und locken, weil sie dich brauchen, wie sie es bei mir getan, sei ein Mann und wirf dich nicht fort! Sie nutzen dich aus und sind die ersten, die dich verlassen, wenn die Not über dich hereinbricht.«

Und ein andermal: »Der Apostel der großen Liebe sollst du sein, der die Mühseligen und Beladenen sucht und nicht die Reichen und Satten. Wirst du dieser Liebe untreu, so wirst du keine Befriedigung und kein Glück in deiner Tätigkeit mehr finden. Denn der Arzt ist der Träger der großen Liebe. Oder er hat seinen Beruf verfehlt.«

Er hatte die Worte tief in sein Herz geschlossen, hatte nach ihnen gelebt und gehandelt.

Bis dies Unbegreifliche geschah.

*

Die goldenen Tage gingen vorüber, und die dunklen, unwirschen mit ihrer Feuchtigkeit und ihren dichten Nebeldünsten traten an ihre Stelle.

Vollprechts verließen ihren Landsitz und zogen in die Stadt. Die Zeit der Theater und Konzerte, der Gesellschaften und Bälle begann.

Der alte Pfarrer in Kokoschken hatte noch die goldenen Tage gesehen; als der erste dunkle mit den unentwirrbaren Nebelgespinsten und dem heiseren Krähenschrei sich einstellte, schloß er, still und stark in seinem Glauben, die Augen, dem unwirtlichen Lande zu entgehen und die Reise anzutreten in jenes ferne, das er in der Sehnsucht seiner Seele so oft geschaut hatte.

Werner Torwald aber saß, von der Welt der Freuden durch eine tiefe Kluft getrennt, in seinem entlegenen Neste Neukirchen, ließ die anderen tanzen und feiern und lebte nur seinen Kranken und seinen Büchern. –

Ein frühes Pfingsten stand vor der Tür. In Malkaymen rüstete man das Fest diesmal mit besonderer Liebe; denn es sollte zugleich Anneliesens Einsegnungstag werden.

Man hatte sie nicht mit den anderen Kindern zusammen am Palmsonntag in der Stadt konfirmieren lassen, weil man einmal die Kälte der großen, unheizbaren Pfarrkirche für sie fürchtete, und weil es zum anderen ihr Lieblingswunsch war, in Malkaymen durch Pastor Hartau, der sie auch unterrichtet hatte, eingesegnet zu werden.

Die kleine, trauliche Dorfkirche mit dem kostbaren Altar aus altwendischer Zeit war durch frisches Grün und leuchtende Frühlingsblüten in einen Blumenhain verwandelt. Eine andächtige Gemeinde, bestehend aus den allernächsten Angehörigen und den Leuten des Gutes und des Dorfes in Sonntagsgewändern, füllte, dicht aneinandergerückt, sämtliche Bänke. Von der Empore tönten die Klänge der Orgel, die der Malkaymer Lehrer mit mehr Begeisterung als Kunstfertigkeit spielte.

Am Altar aber stand Hans Hartau, der in seine fließende Beredsamkeit heute auch warme, aus der Innerlichkeit strömende Worte mischte. Und ihm gegenüber auf einem hochlehnigen, mit einem Kranzgewinde von jungem Eichenlaub geschmückten Stuhle saß Anneliese, in ihrer weltabgewandten Andacht eine Verkörperung des Spruches, den ihr der Geistliche mit auf den Weg gab: »Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.«

Und wieder war in dem auf den bunt leuchtenden Garten und den pfingstlich prangenden Park hinausschauenden Eßsaal die Mittagstafel gedeckt. Und wieder machte ein kleines Orchester gefiederter Sänger ungebeten und unbesoldet von der Rotbuche her die Tafelmusik.

Aber der Kreis der Geladenen war diesmal ganz klein: außer der engsten Familie der trinklustige Kammerherr mit seiner verblühten Tochter aus Worditten, Theo Fortenbacher, der vor einigen Tagen seinen Assessor bestanden hatte, und Werner Torwald, ohne den Anneliese ihre Einsegnung nicht feiern wollte.

Hans Hartau hielt eine gedankenreiche Rede. Aber bei aller fühlbaren inneren Bewegung merkte man doch, wie er sich am Klange der eigenen Worte ebenso wohlig berauschte, wie der Worditter Kammerherr an der alten Schloßberg-Auslese, die Johann zu dem Karpfen schänkte.

Man hatte schnell abgegessen. Denn der schöne Tag lockte ins Freie.

Mit merkbarer Geflissenheit hielt sich Theo Fortenbacher an Doras Seite, als wollte er sie heute keinem anderen gönnen. Und ihr schien es so recht zu sein, denn sie hörte mit williger Freude auf seine Worte, und nichts Trennendes mehr schien zwischen ihnen.

Dann aber kam Frau Vollprecht, die stets eine ausgezeichnete, auf alles achtende Wirtin war, auf die beiden zu und gab ihnen mit leisem Winke zu verstehen, daß sie sich ein wenig mehr um die anderen Gäste zu kümmern hätten. Sie hätte sich gerade lange genug mit Baroneß Oerzen abgemüht, die sich immer noch lieber zur Jugend gezählt sähe und jetzt auf Doktor Torwald ihren Zauber wirken ließe, mit dem sie dort den gradlinigen Gang zum Gewächshause zum wer weiß wievielten Male auf und nieder schritt.

Die beiden schienen wie eine Erlösung zu kommen. Man wechselte den Platz. Theo Fortenbacher widmete sich in großer Selbstverleugnung der Baroneß, und Dora sah sich plötzlich auf Doktor Torwald gewiesen.

Sie hatten den ganzen Tag über kaum ein Wort miteinander gesprochen. Es war, als läge etwas zwischen ihnen, das sie zu einer unbefangenen Unterhaltung nicht kommen ließ. Einige Male hatte Dora einen leisen Ansatz dazu gemacht, vor Tisch, auch nachher an der Tafel. Aber es war über einen Versuch nicht hinausgelangt, und die erzwungenen Redensarten, die sie tauschten, hatte die Kluft nur um so größer gemacht. Sie fühlten es beide, als sie jetzt, in einiger Entfernung hinter den anderen her, durch den Garten wanderten. Wohl sprachen sie miteinander, aber keiner von ihnen wußte, was er sagte, und der andere hörte es nur wie im Traume.

Über ihnen lachte der Himmel mit hellen Augen, und auch von unten herauf sahen aus den duftenden Blüten der Gartenbeete stille Augen verstohlen zu ihnen empor.

Und sie gingen durch all das Blühen und Leuchten, durch all die unbeschreibliche Frühlingspracht dahin und fühlten nichts von ihr, nichts von der Welt und nichts von sich selber; denn in ihnen war alles dumpf und ungeklärt. Und eins nur war in ihnen und lastete auf ihren Herzen mit unabwendbarer Gewißheit: daß dieser Tag nicht zur Neige gehen würde, ohne etwas zu bringen, das für ihrer beider Leben entscheidend werden würde.

Nun waren sie an den Park gelangt. Es war hier kühler als im Garten, und die Dämmerung, die sie umfing, tat ihnen wohl.

Da blieb Dora stehen. »Wissen Sie noch, Herr Doktor? Hier an dieser Stelle sagten Sie mir einmal, daß vielleicht die Stunde kommen würde, wo Sie mir von Ihrem Leben erzählen würden. Ich antwortete, daß ich warten würde, bis Sie es gerne und freiwillig tun würden. Soll ich noch immer warten?«

»Nein ... Sie brauchen nicht mehr zu warten, heute werde ich es tun.«

»Gerne und freiwillig?«

Er strich mit der Hand gedankenvoll über Haupt und Stirn.

»Ich muß es tun, und Sie müssen mich hören. Aber nicht hier, wo uns jeden Augenblick Menschen stören können. Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir durch den Torweg über die Felder, bis an den Wald heran, vielleicht, wenn es nicht zu weit ist, auch in ihn hinein.«

»Nein, es ist nicht zu weit. Wir wollen gehen.«

Sonntagsstille war auf den Feldern und Wiesen. Ab und zu begegnete ihnen ein glückliches Paar im Festtagsgewande, das Hand in Hand wanderte, und aus dem Dorfe klangen die Töne einer Handharmonika, die ein ungeübter Gesang begleitete.

»Mein Vater hatte eine traurige Kindheit gehabt«, begann Werner Torwald ohne jede Einleitung mit einer schweren, oft stockenden Stimme. »Seine Mutter war früh gestorben, sein Vater erkrankte bald darauf an einer unheilbaren Krankheit. Eine alte, mürrische Verwandte kam ins Haus, pflegte den Vater und erzog den Sohn mit Strenge und scheltendem Wort. Als das Leiden des Vaters eine immer qualvollere Gestalt annahm, erschien ab und zu ein Arzt. Der gab dem Kranken eine kleine Spritze. Sofort waren die Schmerzen geschwunden, und der Vater war still und schlummerte friedlich. Das sah der Sohn. Und ein Wunsch wurde in ihm lebendig: der leidenden Menschheit auch einmal ein solcher Helfer und Retter zu werden.«

Sie waren bis dahin schnell gegangen, jetzt verlangsamte er den Schritt.

»Der Vater starb. Bald darauf auch die alte Verwandte. Der Junge hatte seine Abgangsprüfung mit einem ausgezeichneten Zeugnisse bestanden. Daß er Arzt werden mußte, war ihm nach wie vor außer jedem Zweifel. Der Vater hatte nichts hinterlassen. Aber die alte Verwandte hatte ihm ihr kleines, mühsam zusammengespartes Vermögen vermacht. Bis zum Physikum reichte es. Aber dann ging es nicht weiter, so ungeheure Entbehrungen er sich auch auferlegte. Er mußte sein Studium abbrechen und eine Stelle als Heilgehilfe in einer bekannten Anstalt für Nervenkranke annehmen. Der Wunsch, Arzt zu werden, wurde hier nur um so größer. Er fühlte das Zeug und die Liebe zu diesem Beruf in sich, und der Gedanke, daß er ihn nie ergreifen konnte, nur des leidigen Geldes halber, quälte ihn bis zur Krankheit. Und da ...«

Er brach ab. Er mußte erst das Widerstrebende überwinden, das in ihm war und ihm das Wort in der Kehle erstickte.

»Da kam ihm ein Zufall zu Hilfe, den er als eine Fügung des Himmels erblickte. Ein Arzt, der seines leidenden Zustandes halber nach Italien gereist war, wollte in der Heimat sterben, und mein Vater wurde beauftragt, ihn abzuholen und nach Deutschland zu geleiten. Als er in den kleinen Ort kam, hatte der Arzt eben die Augen geschlossen. Keiner kannte ihn. Er war so gut wie verschollen gewesen. Mein Vater bettete ihn zur letzten Ruhe, eignete sich seine Papiere an, ging in eine ferne Stadt im Norden Deutschlands und übte unter dem Namen des Verstorbenen seine Praxis aus.«

Sie blieb stehen. In den Augen, mit denen sie zu ihm hinübersehen wollte und es doch nicht vermochte, lag ein hilfloses Entsetzen.

»Das war ja ... ich kann das Wort nicht aussprechen ... es war Diebstahl und Betrug.«

»Ja, das war es. Und ich wußte, daß Sie das nicht verstehen würden.«

»Und Sie – –?«

»Ich habe im Anfang gedacht wie Sie ... lange Zeit habe ich so gedacht. Dann lernte ich meinen Vater kennen ... und verstand alles.«

»Sie lernten ihn kennen? Kannten Sie ihn denn nicht immer?«

»Nein – ich habe ihn erst als reifer Jüngling kennengelernt.«

»Erzählen Sie weiter!«

»Also: Mein Vater eröffnete in der fremden Stadt seine Praxis. Sein scharfer Blick, der ihn eine Krankheit bald erkennen ließ, und die große Liebe, mit der er den Menschen begegnete, machten ihn bald zu einem der gesuchtesten Ärzte. Von weiter Ferne strömten die Leute zu ihm. Er konnte sich vor ihnen nicht mehr lassen ... besonders als von ihm die Kunde ging, er könnte in schweren Fällen mit Sicherheit erkennen, ob ein Kranker zu retten wäre oder nicht.«

»Wie Sie es damals unter der Rotbuche von sich meinten«, warf sie tonlos ein.

»Ja, gerade so, es hat sich viel von ihm auf mich vererbt. Schließlich ist wohl alles im Leben Vererbung.«

»Erzählen Sie weiter!« sagte sie wiederum. Aber es war jetzt nicht mehr das Befehlende in ihrer Stimme, sondern vielmehr etwas Flehendes, als hätte sie nur den einen Wunsch, der unheimlichen Geschichte ein Ende zu machen.

»In dieser Zeit, als er auf dem Höhepunkt seines Wirkens stand, kam er in das Haus eines hohen Beamten, dessen Frau er heilte, nachdem sie von allen Ärzten aufgegeben war. Er lernte die älteste Tochter des Hauses kennen. Er war nie einer Frau nahe getreten. Sie aber liebte er ... er liebte sie, wie wohl nur ein Mann lieben kann, der dem Weibe sein Leben lang ferngeblieben.«

»Und – heiratete sie«, warf sie mit langsam gedehntem Wort ein.

»Ja, er heiratete sie. Und war unaussprechlich glücklich mit ihr. So glücklich, daß er den ganzen Betrug vergaß, auf dem sein Glück aufgebaut war. Bis dieser eines Tages entdeckt wurde, er vor Gericht gestellt und wegen Diebstahls und Betruges mit langjährigem Gefängnisse bestraft wurde.«

»Mit langjährigem Gefängnis ...«

Es war nur noch ein Stammeln, das sich von ihren Lippen rang.

»Und seine Frau?« fragte sie nach einer langen, schweren Pause.

»War die erste, die ihn verließ.«

Sie sagte kein Wort mehr. Totenstille war es um sie.

»Als man ihn verhaftete«, fuhr er mit müder Stimme fort, »nahm sie mich, der ich damals ein halbjähriges Kind war, aus dem Bette und ging heimlich von ihm. Ohne seine Rechtfertigung zu hören. Ohne ihm ein Wort zu gönnen ... ohne einen letzten Händedruck ging sie von ihm.«

»Er hatte es ihr verschwiegen, um ihr Glück und ihren Frieden nicht zu stören.«

Vor ihnen dämmerte, ein bläulich schimmernder Schatten, der Wald auf, der sich unermeßlich weit und tief am Horizont hinzog. Die ungeheure Erregung, die in ihnen war, beflügelte ihre Schritte, bis sein Dunkel sie aufnahm.

»Sie hörten nichts von Ihrem Vater?«

»Nein. Man erzählte mir nie von ihm. Er wäre bald nach meiner Geburt gestorben, das war das einzige, was ich erfuhr.«

»Und dann?«

»Am Abend vor meiner Einsegnung rief mich mein Vormund, den ich sonst selten zu Gesicht bekommen hatte, zu sich und sagte mir alles.«

»Und ihre Mutter?«

»Hat auch damals kein Wort mit mir gesprochen. Ich aber ruhte nicht, bis ich meinen Vater fand. Er war damals gerade aus dem Gefängnis entlassen.«

»Und als Sie ihn fanden?«

»Blieb ich bei ihm, teilte sein Elend mit ihm und liebte ihn ... wie ich nie einen Menschen geliebt habe.«

»Und Ihre Mutter?« fragte sie wiederum, und ein Zittern war in ihrer Stimme.

»Sie starb bald darauf.«

»Ohne ihren Mann noch einmal gesehen zu haben?«

»Als er hörte, daß es mit ihr zum Sterben war, ging er zu ihr, so sehr sich auch die Verwandten dagegen sträubten, und reichte ihr die Hand.«

»... Reichte ihr die Hand«, wiederholte sie langsam und mechanisch, wohl ohne zu wissen, was sie sagte.

»Es war ihm nicht leicht geworden. Denn alles hatte er überwunden und in männlicher Läuterung als Sühne für seine Schuld hingenommen. Aber daß ihn seine Frau im Elend verlassen hatte, darüber war er nie hinweggekommen.«

»Das hat er Ihnen gesagt?«

»Ich fühlte es. Und später, als ich älter wurde, sprach er auch davon. ›Traue nie einer Frau‹, sagte er. ›Wenn du im Unglück bist, wird sie dich verlassen, wie sie mich verlassen hat.‹«

»Und Sie – haben ihm geglaubt?«

Er antwortete nicht.

»O, nun verstehe ich ... verstehe ich alles!«

Es kam wie ein tiefes Schluchzen aus dem Innersten ihrer Seele. Dann versank sie in Schweigen.

Er fühlte, daß sie bis zum Tode erschöpft war, und auch er empfand, wie sehr ihn seine Erzählung mitgenommen hatte.

Unter dem knorrigen Stamm einer hohen, mit dem ersten zarten Grün belaubten Eiche war ein kleiner moosbewachsener Erdhügel aufgeworfen. Auf den ließen sie sich nieder. Die Sonne senkte sich zum Westen und ließ ihre Lichter durch die ernsten Bäume mit den leise rauschenden Wipfeln spielen. Schatten glitten durch die Zweige, jagten sich, fanden sich.

»Und was nun?« fragte sie, ohne ihn anzusehen.

»Von meiner Mutter hatte ich ein kleines Vermögen geerbt. Davon wollte ich unseren Unterhalt bestreiten. Mein Vater aber rührte keinen Pfennig von ihm an. Er verdiente sich als Krankenpfleger sein Geld und lebte in völliger Anspruchslosigkeit.«

»Was für eine bittere Zeit muß das für Sie gewesen sein!«

»O nein, es war eine köstliche Zeit, denn mein Vater – Sie werden es wieder nicht begreifen – ist das einzige, das größte Erlebnis für mich geworden.«

Er hielt inne, sah sie mit einem fragenden Blick an und fuhr dann fort:

»Sein Wunsch war, daß ich Medizin studierte, um einmal rechtmäßig den Beruf üben zu können, der ihm soviel Elend gebracht, und den er noch immer von ganzem Herzen liebte. Ich teilte diese Liebe, wie ich alles mit ihm teilte. Er begleitete mich auf die Universitäten, nahm an meinem Studium teil, gab mir Ratschläge und Lehren, die heute noch das Beste sind von allem, was ich je gelernt habe. Wir waren untrennbar, innerlich und äußerlich.

Zwei Tage, nachdem ich meine Staatsprüfung bestanden, starb er in meinen Armen. Ein aufgezehrter Mann, und doch glücklich, daß er den größten Wunsch seines Lebens erfüllt gesehen.«

Die Sonne sank tiefer, die Schatten wurden dichter. Allerlei Stimmen flüsterten durch die Stille. Dann verstummten auch sie.

»Es wird Zeit, daß wir umkehren«, sagte sie, indem sie sich erhob, »man wird sich um uns ängstigen. Und – die Geister sind wieder in der Luft.«

»Jetzt spüren Sie sie auch?«

»Ja«, erwiderte sie leise, fast tonlos – »und daß man mit ihnen kämpfen muß.«

*

Man hatte sich in der Tat über ihr langes Fernbleiben Gedanken gemacht.

Dora aber verscheuchte sie, indem sie erklärte, der Abend wäre so wunderbar schön gewesen, daß sie weiter und immer weiter gegangen wären und sich gar nicht vom Walde, den sie nie so herrlich gesehen, hätten trennen können.

Werner Torwald hörte ihr voller Erstaunen zu. Er verstand nicht, wie sie sich so schnell umstellen und das alles mit der unbefangensten, ja heitersten Miene von der Welt sagen konnte, während in ihm noch jedes Wort dieses Gespräches nachzitterte.

Dann aber sah er, daß die Lichter in ihren Augen erloschen waren, und wie schwer ihr ihre Verstellung wurde.

Man setzte sich zu Tisch. Die Unterhaltung hatte, der Bedeutung des Tages angemessen, meist um ernste Gegenstände sich drehend, etwas Eintöniges, manchmal etwas fast Bedrücktes.

Auch Anneliese war still und in sich gekehrt, und Hans Hartau, der den Platz an ihrer Seite hatte, mußte viel Mühe aufwenden, ihre Aufmerksamkeit für seine Worte zu gewinnen.

Als die Tafel aufgehoben war, bestellte der Kammerherr den Wagen. Die anderen unterhielten sich, spielten einige unschuldige Spiele und musizierten ein wenig.

Dora aber war es unmöglich, in der Enge des Zimmers auszuharren. Sie schlich unbemerkt aus dem Saale, tat ein leichtes Tuch um, ging auf die Veranda und von dort in den Garten, in dem noch dämmernde Helle war.

Als sie eben an der Rotbuche angelangt war, vernahm sie einen Schritt hinter sich. Sie erschrak, wollte umkehren und ins Haus zurückgehen.

Aber es war zu spät. Was sie befürchtete, war geschehen: Theo Fortenbacher war ihr gefolgt.

»Ich kann heute abend nicht fort«, sagte er mit gepreßter Stimme, »ohne noch ein Wort mit dir geredet zu haben. Du weißt es, bevor ich es ausspreche. Ich aber muß es vom Herzen herunter haben.«

Aber bevor er fortfahren konnte, hatte sie ihm die beiden Hände wie bittend und beschwörend entgegengestreckt.

»Sprich nicht weiter, Theo ... heute nicht! Ich kann nicht, ich kann wirklich nicht ...«

»Du kannst nicht?« fragte er, und trotz der zunehmenden Dunkelheit sah er, wie bleich sie war. »Was kannst du nicht, Dora?«

»Dir das sagen, das geben, was du von mir hören willst.«

»Du hattest mir selber Aussicht gemacht ... damals, als wir den Geburtstag deines Vaters feierten und ich zum erstenmal mit dir sprach, da sagtest du, halb im Scherz, gewiß, aber doch auch im Ernst zugleich, Dora: Mache nur erst deinen Assessor, lieber Junge, und dann komm wieder! Ja, so sagtest du, Dora. Ich habe meinen Assessor gemacht ... und nun ...«

»Das war damals. Da war alles noch anders ... ganz anders ...«

»Da war es anders ... und jetzt?«

»Hat sich so viel geändert, in mir, um mich. Ich kann nicht, Theo. Du tust mir leid ... ich mir selber. Aber ich kann nicht ... kann wirklich nicht ... So habe doch Erbarmen mit mir!«

Nun erst merkte er, welch eine starke Erregung in ihr war. Aber auch in ihm war alles Unruhe und Auflehnung.

»Sollte es denkbar sein, daß dieser fremde Mensch zwischen uns steht? Dieser Doktor, dem man auf den ersten Blick ansieht, daß er nichts mit uns und unseren Kreisen gemeinsam hat, auch nicht das geringste? Ich habe es mir nie vorstellen können, habe darüber gelächelt, wenn es einmal über mich kam. Aber Dora« – er zwang seine Sprache zu größerer Ruhe –, »ich bitte dich, sieh dies alles mit dem klaren und nüchternen Blick an, der dich sonst doch nie verlassen hat. Du und dieser Doktor! Du, aus bestem Hause stammend, jung, schön, lebenslustig und gefeiert, wohin du den Fuß setztest ...! Und er, ein Mensch von einfachster Abstammung, ohne Kinderstube, ohne Manieren, in seinem ganzen Äußeren doch wahrhaftig nicht dazu angetan, zur Liebe zu reizen! Ja, fühlst du denn nicht, daß Welten zwischen euch liegen?«

Er hatte seinen Worten mit Absicht eine Schärfe gegeben, die ihren Widerspruch reizen sollte.

Sie aber stand ihm regungslos gegenüber. Etwas Abwesendes lag über ihrer ganzen Erscheinung, als hätte sie keine Silbe von dem vernommen, was er zu ihr gesprochen hatte.

Nur eins ging ihr durch den Kopf und machte sie inmitten ihres Schmerzes beinahe lächeln: wenn er, der schon so vernichtend urteilte, nun gar eine Ahnung hätte, daß der Vater dieses Mannes ein Betrüger gewesen und jahrelang hinter Schloß und Riegel gesessen hätte! Was würde er dann erst sagen?

»Ich glaube fast«, fuhr Theo Fortenbacher fort, »du bist noch so jung und unerfahren, daß du gar keine Vorstellung von der Ehe hast, gar nicht weißt, was ein Weib in ihr alles zu geben hat. Und nun gar ein so reines und stolzes, als das du mir immer erschienen bist.«

»Laß das!« unterbrach sie ihn kurz und scharf.

»Gut, ich will es lassen. Aber eins kann ich nicht lassen.« Und nun einen Schritt näher an sie herantretend: »Hast du bei alledem nicht ein einziges Mal an Anneliese gedacht? Soll ich es dir erst sagen, daß auch sie ... Sie ist noch ein Kind. Sie hat nicht das Urteil und nicht die Reife wie du. Willst du auch ihr junges Glück zertreten und uns alle elend machen ... dieses Einen willen? Hast du das Herz dazu?«

»Ich will ja nichts ... nicht das geringste. Daß du das nicht verstehst! Ich weiß nur das eine: daß aus dem, was du einmal erträumt hast ...«

»Sprich den Satz nicht zu Ende, Dora, ich bitte dich«, unterbrach er sie in der alten Leidenschaft, »du mußt erst mit dir selber ins klare kommen, mußt alles überlegen. Heute stehst du unter einem fremden Einflusse. Dieser Mensch hat ja die wunderbare Gabe, euch alle zu hypnotisieren. Bei Anneliese hat er es getan, nun hat er es auch bei dir versucht.«

Sie hörte ihn nicht mehr. Das Rollen eines Wagens war an ihr Ohr gedrungen, der die Rampe hinunterfuhr.

»Es ist spät geworden, wir müssen ein Ende machen.«

»So tu, was du willst! Die Stunde wird kommen; wo du an das denken wirst, was ich dir heute gesagt habe.«

Wieder hörte sie seine Worte nicht. Eine große Unruhe war in ihr und trieb sie mit schnellen Schritten dem Hause zu.

Dora hatte sich nicht getäuscht. Der Platz, auf dem Werner Torwald gesessen, war leer.

»Der Herr Doktor läßt sich dir empfehlen«, empfing sie Frau Vollprecht, »er mußte noch bei einem Schwerkranken vorsprechen und konnte dein Wiederkommen nicht abwarten.«

Er war gegangen, ohne ihr »Gute Nacht« zu sagen – nach allem, was heute zwischen ihnen vorgefallen war, nach dieser Unterredung, die ihr jetzt noch mit wilden Schlägen durch Hirn und Herz hämmerte! Sie verstand es nicht. Er glaubte eben nicht mehr an das Weib, er sah in allem nur das eine, das seinen Vater in der Not verlassen hatte.

Sie hatte eine starke Ermüdung vorgeschützt und sich auf ihr Zimmer begeben.

Aber die Gedanken arbeiteten in ihr fort: ob sie anders gehandelt hätte als jene Frau? Wer wollte einen Stein auf sie werfen? Aber er dachte darüber anders. Er verlangte mehr von der Frau: daß sie alles mit dem Geliebten teilte, nicht nur Kummer und Armut und Entbehrung, nein, auch die Schande! Ja, daß man die Schande des anderen auf sich nähme, als wäre es die eigene. Nein, das hätte sie so wenig gekonnt wie jene. Niemals.

Aber ... haftete ihm nicht auch etwas von dieser Schande an? Wenn man es heute noch nicht wußte, konnte die Stunde nicht jeden Augenblick schlagen, wo seine Abkunft und Vergangenheit vor jedermann offenbar war, wo die Spatzen es sich von den Dächern zuriefen: Dieser hier ist der Sohn eines Betrügers, der jahrelang im Gefängnis gesessen und in seiner Schande gestorben ist! Und dann würde er zu ihr treten und sehen, ob sie die große Prüfung bestände und sein Schicksal zu dem ihren machte. Nein, es war unausdenkbar.

Eine namenlose Furcht überkam sie. Sie durfte ihn nicht mehr sehen. Seine ärztliche Tätigkeit war abgeschlossen. Anneliese war, Gott sei Lob und Dank, wieder frisch und munter. Theo Fortenbacher hatte ganz recht: auch für sie barg dieser Verkehr Gefahren, größere vielleicht, als sie bisher gedacht. Man mußte ihn auf möglichst unauffällige Weise abbauen, ganz allmählich und ohne die leiseste Kränkung, denn die hatte er nicht um ihr Haus verdient.

Sie mußte über sich selber lächeln. Sie wollte diesen Umgang abbrechen? Hatte er es nicht selber schon getan? In einer Weise, die keinen Zweifel übrig ließ?

Und nun war alles vergessen: das Gespräch mit Theo Fortenbacher, seine Warnungen, Anneliese, die düsteren Gedanken, die sie sich eben gemacht. Und nur eine Frage stieg quälend in ihr auf und nieder: Warum er gefahren, ohne ihr Lebewohl zu sagen? Vielleicht, weil er schon in dem Augenblick, als er ihr das Bekenntnis seines Lebens ablegte und sie ihr Entsetzen nicht verbergen konnte, klar empfunden hatte, daß sie nicht anders war als seine Mutter und alle Frauen.

Mit einer schweren Enttäuschung war er von ihr geschieden ... vielleicht für immer. Denn daß er nicht von selber zurückkehren würde, wußte sie ganz genau. Er dachte in diesen Dingen mit einer überzarten Empfindlichkeit und hatte sich bisher schon die größte Zurückhaltung auferlegt. Und jetzt vollends, wo sie ...

Ein leiser Schritt kam die Treppe hinauf, schlich über den Flur, behutsam vorwärts tastend. Kaum hörbar öffnete sich die Tür.

»Ich glaubte, du schliefest schon, und hatte Angst, dich zu stören«, sagte Anneliese, die hier auf dem Lande, wo die oberen Räume beschränkt waren, das Schlafzimmer mit der Schwester teilte, »und nun sitzest du völlig angezogen noch hier und hast den armen Theo, den dein plötzlicher Aufbruch fassungslos machte, ganz umsonst gekränkt.«

»Ich war wirklich müde. Ich bin jetzt noch so zerschlagen, daß ich nicht die Kraft besaß, mich auszukleiden, du kannst es mir glauben.«

Aber Anneliese schüttelte den Kopf. »Nein, Dora, das alles ist es nicht. Sondern etwas anderes, etwas, das in dir drinnen steckt. Du warst heute den ganzen Tag gar nicht du selbst. Ich habe es wohl gemerkt. Besonders am Abend, nachdem du den Spaziergang mit dem Doktor gemacht. Wo seid ihr nur solange gewesen? Und worüber habt ihr gesprochen? Du warst doch sonst gar nicht so sehr von ihm entzückt?«

»Er tut mir leid – so unsagbar leid.«

Sie hatte es nicht sagen wollen. Es war ihr über die Lippen gekommen, ohne daß sie es wußte und wollte.

Mit großen, erstaunten Augen sah Anneliese sie an.

»Er tut dir leid? Weshalb denn leid? Sag es mir!«

Dora kämpfte ... eine kurze Sekunde nur. Nein, sie durfte es nicht sagen. Eine so große Wohltat es ihr auch gewesen wäre, sich von diesem Drucke, der immer quälender auf ihr lastete, zu befreien. Aber es wäre ein Vertrauensbruch gewesen. Nicht einmal andeuten durfte sie es.

»Weil ich finde, daß er immer so allein und einsam ist, gerade bei uns, und daß die anderen, insbesondere Theo Fortenbacher, über ihn hinwegsehen.«

Eine Zorneswelle stieg in Anneliesens Antlitz. »Der hat auch gerade Veranlassung, auf einen Doktor Torwald herabzusehen! Ich möchte wohl wissen, wer der größere von ihnen ist, und vor allem der stärkere. Hast du noch nie beobachtet, was für eine Kraft er besitzt? Wenn er mich während meiner Krankheit umbettete, dann war es immer so, als wäre ich eine kleine Puppe, die man aufhebt und wieder hinlegt.«

Nun flog doch ein Lächeln über Doras bisher so trübes Antlitz.

»Also möchte ich keinem raten, ihm nahe zu kommen, selbst Theo Fortenbacher nicht«, scherzte Anneliese.

»Aber er ist doch nicht gewalttätig. Kind, was redest du nur? Er ist Milde und Güte selber.«

»Gewiß. Aber vielleicht nur bis zu einem bestimmten Punkte. Wenn der einmal überschritten wird ...«

»Nun, so weit wird es ja keiner kommen lassen. Doch es ist Zeit, daß du schlafen gehst. Du hast heute mehr vorgehabt und in dir bewegt als ich.«

Sie begannen beide, ihre Oberkleider abzulegen. Die Fenster waren noch geöffnet. Weich und warm drang die Nachtluft in die Stube.

»Weißt du übrigens, daß du heute der guten Mutter eine große Enttäuschung bereitet hast?« scherzte Anneliese, indem sie, am Spiegel stehend, den Kamm durch ihr aufgelöstes Haar zog.

»Auch der? Inwiefern?«

»Nun, sie glaubte, daß dieses Fest mit einem zweiten schließen würde. Sie hatte dem armen Vater schon den ganzen Tag mit der entsprechenden Rede in den Ohren gelegen. Und Theo Fortenbacher glaubte es auch. Deshalb war er so niedergedrückt, als er fort fuhr.«

Dora machte eine abwehrende Bewegung, aber sie erwiderte nicht.

»Was war das für ein schöner Tag heute!« sagte Anneliese, die bereits ins Bett gestiegen und sich mit wohligen Behagen in die Kissen kuschelte. »Aber wenn du vorhin meintest, die anderen hätten auf den Doktor herabgesehen – Pastor Hartau hat es sicher nicht getan.«

»Er sprach sehr schön zu dir, nicht nur in der Kirche, sondern auch nachher an der Tafel.«

»Und du hättest mal hören sollen, wie er sich mit mir bei Tisch unterhielt. Die ernstesten Dinge behandelte er mit mir wie mit einer Erwachsenen. Einmal fragte er mich sogar um meinen Rat.«

Dora entkleidete sich heute sehr langsam. Ihre Gedanken gingen immer noch ihre eigenen Wege. Sie hörte auch nur mit halbem Ohr auf das, was die kleine Schwester in ihrer stillen Glückseligkeit erzählte.

»Gewiß«, sagte diese, dem Einschlafen schon ganz nahe, »Pastor Hartau ist ein guter Mensch. Aber daß ich diesen schönen Tag erleben durfte, habe ich doch nur Doktor Torwald zu verdanken ... nur ihm.«

*

Dora hatte recht gesehen. Sie brauchte keine Mühe aufzuwenden. Werner Torwald kam nicht mehr.

Der Frühling war verblüht, der Sommer mit seiner Frucht und Hitze dahingegangen – nicht ein einziges Mal hatte Werner Torwald den Fuß auf Malkaymer Erde gesetzt.

Im Anfang hatte sie sich im erzwungenen Selbstbetrug eingeredet, daß es ihr just so das liebste wäre. Dann hatte sie nicht verstanden, weshalb er mit fast kränkender Geflissenheit jeden Besuch auf dem Gute vermied, selbst dann, wenn ihn seine ärztliche Tätigkeit in die nächste Nähe Malkaymens, ja, in das Dorf selber führte.

Schließlich hatte sie bei jedem Rollen eines Wagens über das holprige Pflaster der Dorfstraße aufgehorcht, hatte auf ihn gewartet von einem Tage zum anderen.

Und Anneliese ging es ebenso. Nur daß sie ihr Erstaunen über sein hartnäckiges Fernbleiben, ihre Sehnsucht nach seinem Kommen in kindlich unbefangener Weise äußerte, während Dora niemand anmerkte, was in ihr vorging.

Da, an einem Nachmittag, als die Eltern mit Anneliese auf ein Nachbargut zu Besuch gefahren und sie allein zu Hause geblieben war, erkrankte plötzlich und ohne die leisesten Vorzeichen die alte Schönknechtsche, die schon bei dem Vorbesitzer langjährige Mamsell gewesen und von den Vollprechts als ein kostbarer Hausschatz übernommen war.

Dora begab sich, als das Stubenmädchen es ihr meldete, zu der Alten, fand ihren Zustand besorgniserregend und bat Herrn Koriller, den Oberinspektor, sofort ein schnelles Gespann nach Neukirchen zum Geheimrat Berwald zu schicken, der sich wieder wohlfühlte und einen Teil seiner Praxis aufgenommen hatte.

Aber nach einer kurzen Weile kehrte der Inspektor zurück: »Die Alte will den Geheimrat nicht, sie will nur Doktor Torwald, der damals das junge gnädige Fräulein und die Kleine vom Schmied gesund gemacht hat. Sie wollen jetzt alle auf dem Gut und im Dorf nur ihn.«

»So rufen Sie ihn an, ob er zu Hause ist.«

Doktor Torwald war gekommen. Dora hatte dem Stubenmädchen Auftrag erteilt, ihn sofort in das Zimmer der Mamsell zu geleiten und ihn zu bitten, ihr dann über ihr Befinden Bericht zu erstatten.

So traten sich die Beiden nach einer langen Zeit der Trennung zum erstenmal gegenüber.

Eine Befangenheit war zwischen ihnen, die sie beide bei der ersten kurzen Begrüßung empfanden, zugleich eine Spannung, die sich von dem einen auf den anderen übertrug, sie kein freies Wort finden ließ und ihnen das Zusammensein zur Qual machte.

Doktor Torwald berichtete mit wenigen Worten von seiner Untersuchung, die zu einer Beunruhigung keinen Anlaß böte, gab einige Verhaltungsmaßregeln und setzte sich an den Tisch, ein Rezept aufzuschreiben.

Sie reichte ihm Papier und Tinte. Nichts hörte man als das Rascheln der Feder, mit der er mit steifer, ein wenig ungelenker Hand seine Verordnung aufschrieb.

Aber als er sich erhob, ihr das Blatt reichte und sich empfehlen wollte, da sagte sie mit einem leisen Lächeln, das wie erwachender Sonnenschein über ihren frischen Lippen spielte:

»Mit den bösen Geistern haben Sie sich diesmal nicht herumzuschlagen gebraucht, Herr Doktor Torwald?«

Seine ernste Art war auf Humor wenig eingestellt. Aber als er so unerwartet einen Schimmer von Frohsinn aus ihren Augen zu ihm hinüberleuchten sah, da fühlte er, wie sich langsam auch von seinem Herzen die Rinde zu lösen begann. Doch etwas zu erwidern oder gar aus ihren Ton einzugehen, war ihm auch jetzt noch nicht möglich. Dazu stand er zu sehr unter dem Eindruck alles dessen, was er in den letzten Monaten durchzumachen hatte, zu sehr auch unter dem Banne ihrer Erscheinung, die heute mit unwiderstehlicher Gewalt auf ihn wirkte.

»Und nun, Herr Doktor Torwald, eine Frage, die Sie mir beantworten müssen: Wie war es möglich, daß Sie nach jenem Abend, wo Sie mir Ihr ganzes Vertrauen geschenkt, mich in das Innerste Ihres Lebens blicken ließen, was Ihnen nicht leicht geworden ... ich weiß es wohl ... wie war es da möglich, daß Sie sich so plötzlich, so völlig von mir, von uns allen zurückzogen und heute noch nicht gekommen wären, wenn Sie Ihr Amt nicht gerufen hätte?«

Er sah ihr mit einem vollen, freien Blick in das Antlitz.

»Ich hatte den Eindruck«, erwiderte er zaudernd, »daß mein Bekenntnis eine peinliche Wirkung auf sie geübt hatte.«

»Woraus schlossen Sie das?«

»Weil mir war, als ob Sie mich von dieser Stunde an fürchteten.«

Sie schürzte die Lippen. »Sie fürchten?«

»Ja, die Berührung mit mir.«

»Das fühlten Sie?«

»Ja, das fühlte ich.«

Ihr war, als müßte sie das Blut zurückdämmen, das ihr mit wilder Glut ins Antlitz stieg.

»Sie sind unheimlich, Doktor Torwald ... mit Ihrer Hellseherei. Vor Ihnen ist man nirgend sicher, auch nicht in seinen Gedanken.«

»Sehen Sie, jetzt haben Sie es bereits zugegeben. Nun gut ... ich wollte dem zuvorkommen, deshalb ging ich, deshalb kam ich nie wieder und – Sie haben recht – wäre auch heute nicht gekommen, wenn ich nicht gemußt hätte.«

»Aber weshalb fuhren Sie damals vom Hofe, ohne mir ein Wort zu sagen, ohne einen Abschied von mir zu nehmen, ja, ohne überhaupt nach mir zu fragen?«

»Ich habe nach Ihnen gefragt.«

»Nun – und?«

»Ihre Frau Mutter gab mir in höflicher Weise zu verstehen, daß sie eine wichtige Unterredung mit Herrn Assessor Fortenbacher hätten, in der sie Sie nicht gern stören möchte. Sie deutete an ...«

»Daß ich als seine Braut zurückkehren würde«, unterbrach sie ihn mit einem kurzen Auflachen.

»Ja, so war es. Und Ihnen meine Glückwünsche darzubringen, dazu, vielleicht begreifen Sie es, war ich an diesem Abend nicht recht fähig.«

»Heute würde es Ihnen leichter werden, nicht wahr?«

Er antwortete nicht.

»Wir wollen uns setzen, Doktor Torwald«, sagte sie, »und ich will Ihnen alles erzählen, wie es gewesen, und wie es dann gekommen ist. Sie haben recht gesehen: Was Sie mir an jenem Abend bekannten, hat mich, Sie müssen es meiner Jugend zugute halten und den Verhältnissen, in denen ich groß geworden bin, auf das tiefste getroffen. Und auch das ist wahr: an jenem Abend hielt Theo Fortenbacher um meine Hand an, und ich schlug sie aus.«

Ein kurzes Leuchten flog über sein ernstes Antlitz. Dann war es wieder in Finsternis getaucht. Was hatte das alles noch einen Sinn für ihn? Was ging es ihn an?!

»Aber nun hören Sie weiter. Ich werde ganz offen zu Ihnen sein, wenn es mir auch nicht leicht wird. Nachdem Sie mir Ihr Bekenntnis abgelegt, war es mir klar, daß ich nicht mehr in der alten Weise mit Ihnen verkehren durfte.«

»Also doch!« rief er mit aufflammender Bitterkeit.

»Das war an jenem Abend. Aber es blieb nicht so. Als Tage und Wochen vergingen und Sie nicht wieder zu uns zurückkehrten, als ich Sie nirgend sah und nie von Ihnen hörte, da wurde ich mit mir selber uneins. Ich überlegte alles, was Sie mir damals gesagt, und ich fragte mich: Ob ich recht an Ihnen getan, und ob meine Auffassung die richtige war. Und da – da kam ich langsam und allmählich zu einer anderen Ansicht, und ein großes Mitleid für Sie war in mir.«

»Ich wollte Ihr Mitleid nicht. Und ich will es auch heute nicht«, unterbrach er sie wiederum, und seine Worte klangen hart und schroff.

»Ich wußte, daß Sie das sagen würden. Aber lassen Sie es getrost. Denn auch dies Mitleid war nur ein vorübergehender Zustand. Etwas anderes löste es ab. Ich hätte mit niemand darüber sprechen können. Nur mit Ihnen. Aber Sie kamen ja nicht. Und als nun aus den Tagen und Wochen Monate wurden, und Sie blieben uns fern – da habe ich auf Sie gewartet, jede Stunde auf Sie gewartet. Nicht wahr, das haben Sie mit all Ihrer Hellseherei nicht gewußt, wie ich auf Sie gewartet habe –?«

Sie brach ab, und ihre Augen blickten über ihn hinweg in die langsam einfallende Dämmerung des Zimmers.

Er aber saß ihr gegenüber wie betäubt, wollte etwas sagen und konnte es nicht.

Sie hatte auf ihn gewartet! Während er jeden Tag bis zum Äußersten gekämpft, nicht zu ihr zu fahren, weil er felsenfest überzeugt war, daß sein Kommen sie in Verlegenheit setzen würde, während er die letzte Widerstandskraft aufgeboten hatte, sie nicht mehr zu sehen ... hatte sie auf ihn gewartet!

»Sie ... auf mich gewartet?« Mehr vermochte er nicht hervorzubringen.

Aber da mit einem Male war das andere da, das ihn diese ganze Zeit hindurch gefoltert hatte, das auch in dieser Stunde jedes aufsteigende Glücksgefühl ertötete.

»Traue nie einer Frau! Wenn du im Unglück bist, wird sie dich verlassen, wie sie mich verlassen hat.«

Warum tönte dies fürchterliche Wort gerade jetzt hinein in diesen kurzen, seligen Rausch seiner Seele, in dem er sich und die ganze Welt vergessen hatte, ihm das Leben so groß und aller Wunder voll erschien und er zum erstenmal an eine Liebe glauben wollte, die ihm nie geworden war?!

Eine Unruhe war in ihm, die mit jeder Sekunde wuchs, und eine unbeschreibliche Angst.

Er mußte fort. Er hatte heute noch viel zu tun. Im Nachbarorte warteten Kranke auf ihn.

Er sagte auch wohl etwas Derartiges, aber er wußte nicht, was er sprach. Ihm war, als reckten sich tastende Hände nach ihm, wollten ihn halten und dann wieder rastlos von sich treiben.

»Ich habe es ja nie gekannt«, rang es sich, ihm selbst nicht mehr bewußt, von seinen zitternden Lippen, »was das heißt, einen Menschen lieb haben! Und daß man ohne ihn leben muß und nicht ohne ihn leben kann!«

Da sah sie ihn an. Groß und tief war ihr Auge, und ein Ausdruck war in ihm, wie er ihn sich nicht zu deuten wußte. Und, als hätten sich durch eine unverständliche Wirkung seine tiefsten Gedanken auf sie übertragen, streckte sie ihm suchend, sehnsuchtsvoll die Hand entgegen.

»Ich werde dich nie verlassen, Werner Torwald ... nein, niemals werde ich von dir gehen!«

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