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Der Kampf im Spessart

Levin Schücking: Der Kampf im Spessart - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorLevin Schücking
titleDer Kampf im Spessart
publisherPhilipp Reclam jun.
printrunZweite, durchgesehene Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid488b9397
created20070104
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Erstes Kapitel.

Es war am Ende des August im Jahre 1796.

Die Tage begannen kürzer zu werden und die sinkende Sonne warf bereits lange Schatten in eine stille, weltentlegene Schlucht des Waldgebirges, das man den Spessart oder die Speßhardt nennt, den »Wald der Spechte«, in dem bayrischen Kreise Unterfranken und Aschaffenburg.

In dieser Schlucht, durch deren Grund ein schmaler und dürftiger Wasserfaden in einem tiefen, felsigen und mit Gerölle ausgepflasterten Bette niederschoß, standen unfern voneinander zwei Siedelungen – eine Mühle und ein Forst- oder Waldwärterhaus.

Die Mühle lag ein wenig tiefer, zwischen einem Stück Gartenland und einer kleinen Wiese; das Forsthaus lag einen Steinwurf höher – ein altes, in Bruchsteinen aufgeführtes Gebäude, dessen Schieferdach in der Mitte eingesunken war, so daß der hohe sich darüber erhebende Schornstein wie ein steifer Reiter im Sattel aussah. Vor dem Hause lag ein kleiner Garten, in dem einige abgeblühte Stockrosen und honigduftende Phloxbüsche sich über das verfallene und morsche Lattengitter erhoben, welches das Gärtchen umgab.

Die Eingangstür zu diesem Gärtchen fehlte; die Zeit hatte sie mit fortgenommen; vielleicht auch tat es jemand, der besser als die Zeit sie gebrauchen konnte, dem die alten Latten eben recht erschienen, sein Herdfeuer damit zu nähren. An der Stelle der alten Tür aber, zwischen den beiden schiefgesunkenen Holzständern, an welchen sie befestigt gewesen, saß ein anderes zerfallenes und morsches Etwas, eine alte Frau, auf einem niedrigen Schemel, ein abgenutztes Spinnrad neben sich.

Die Frau war jedoch weder mit ihrem Spinnrad noch auch mit dem hübschen Knaben beschäftigt, der zwischen ihren Knien stand und sich an ihre vorgebeugte Schulter zurücklehnte, um mit großen braunen Augen die zwei Männer anzuschauen, welche vor der Alten standen; sie sprach mit diesen Männern, von denen der eine in einer weißbestäubten Jacke steckte, und der andere, in einem abgeschabten grünen Rocke, eine weiße Filzmütze auf dem Kopfe und grüne Gamaschen an den Füßen hatte – es bedurfte des Hirschfängers an seiner Seite nicht, um einen Waldwärter oder Forstläufer in ihm erkennen zu lassen.

»Ich kann Euch nicht sagen, wann der Herr Wilderich heimkommt,« sagte die Alte, den Forstmann ansehend; »wenn Ihr auf ihn warten wollt, so tretet ins Haus ein; wollt Ihr's nicht, so sagt mir, was Eure Botschaft ist, daß ich sie ihm ausrichte.«

Der Mann mit dem Hirschfänger schüttelte den Kopf.

»Für Euch ist's nicht, Muhme!« rief er aus,

»So? Nicht für Mich? Nun meinethalb. Kann mir's schon denken,« fiel die alte Frau ein; »bin auch nicht begierig darauf, denn die Neugier, die hab' ich mir längst abgewöhnt – Gott, sei gedankt – es ist gar gut, daß ich's habe – denn wen die Neugier plagte, für den war's hier nicht arg vergnüglich, bei solch einem wunderlichen Herrn, bei dem ›Herrn‹ Wilderich! Da kann ich eher von der alten Buche da erleben, daß sie mir die Tageszeit bietet, als von dem Heim ein offenes, ehrliches Wort! Man weiß nicht, wohin er geht, noch woher er kommt; und wenn er morgens die Büchse überwirft, dann mein' ich immer, der geht nicht in den Wald wie ein anderer ehrlicher Förster um der Bäume und um der Holzknechte und des andern wilden Getiers wegen, sondern um ganz anderer seltsamer Dinge Willen, das steht ihm ja beinahe im Gesicht geschrieben!« »Nun, um welcher andern Dinge willen sollte er denn in den Wald gehen, Nachbarin Margaret?« fiel lachend der mehlbestäubte Mann, der mit dem Forstläufer gekommen war und diesem mit kleinen pfiffigen Augen zublinzelte, ein. »Welche andere Dinge als das wilde Getier sollte er auf dem Korn haben?«

»Das weiß ich nicht, und Ihr, Gevatter Wölfle, werdet's auch nicht wissen, wenn Ihr auch noch so schlau den da anblickt, als hättet Ihr's Euch längst an den Stiefeln abgelaufen; was ich weiß, ist nur, daß es ein gar wunderlich Getu' und Wesen um ihn ist und ein Hin- und Hergehen mit allerlei Botschaften und ein Heimlichtun, und daß das nimmer viel Gutes zu bedeuten hat; wenn die Männer was treiben, was sie den Frauleuten verbergen, so hat's nimmer viel Gutes auf sich, und das, Gevatter Wölfle, just dasselbige sagt Eure Frau auch, und wenn Ihr sie fragen wollt, könnt Ihr's hören von ihr. Der Wölfle, sagt sie, der Schlaumichel, steckt auch mit unter der Decke!«

»Ich weiß, ich weiß,« rief der Müller sie unterbrechend aus, »was meine Frau sagt, das höre ich schon von ihr selber, Muhme Margaret, übergenug – das könnt Ihr mir glauben! Aber wenn ich auch mit unter der Decke stecke, wie ihr Frauleute euch ausdrückt, dann meine ich, müßte ich schon wissen von dem, was vorgeht!«

»Davon wissen? Ich weiß nicht, was Ihr davon wißt, und das mag freilich nicht arg viel sein. Man wird just Euch nicht alles auf die Nase binden – dem Wölfle! Wenn Ihr aber was wißt, so sagt mir einmal: woher ist denn der Herr Wilderich gekommen und was will er im Walde hier? Eichkätzchen schießen? Danach sieht er aus! Und was,« fuhr die alte Frau, ihre Hand auf die Schulter des vor ihr stehenden Knaben legend, fort – »was hat's auf sich mit dem Bamsen hier, dem armen lieben Burschen, der ausschaut, als wolle er jeden Christenmenschen fragen: Sag's mir endlich einmal, was ist's und weshalb bin ich hier im Wald, und wo ist meine Mutter, und weshalb bin ich nicht bei der, und wohinaus soll ich laufen, daß ich zu ihr komm'?«

»Muhme Margaret, Ihr seid dümmer, als ich geglaubt hab',« antwortete der Müller Wölfle. »Der Herr Wilderich wird schon wissen, wer und wo die Mutter von seinem Jungen da ist, und weshalb er und nicht sie ihn zu sich genommen hat. So etwas kann schon passieren, daß ein Mann sich vor den Leuten weniger daraus macht, solch ein sauberes Pflänzchen bei sich zu haben und aufzuziehen, als ein armes abhängiges Frauenzimmer.«

»Ich muß weiter,« unterbrach der Forstläufer diesen Diskurs der zwei Nachbarsleute, »ich habe noch ein tüchtig Stück Wegs abzulaufen, bis ich zur Ruhe komm' heute. Gehabt Euch wohl, Alte, und sagt dem Herrn Wilderich nur, der Sepp sei dagewesen mit einem Gruß von Philipp Witt und mit guten Nachrichten; der Franzose sei geschlagen, aufs Jack und Kamisol, und das Weitere solle der Herr Wilderich vom Müller erfahren.«

»Es ist gut – Gute Nacht,« versetzte die Alte mürrisch, die Nachricht von einem deutschen Siege mit einem bewunderungswürdigen Gleichmut aufnehmend. »Werd's bestellen!«

Die beiden Männer gingen davon, der Müller, um bald nachher linksab in seine Mühle zu treten, der Sepp, um rasch die Schlucht weiter hinabzuschreiten.

Die Frau stand auf, nahm ihr Spinnrad unter den Arm und an der andern Seite das Kind, das etwa drei oder vier Jahre zählen mochte, an die Hand und ging über eine alte, schief zusammengesunkene Steintreppe, welche der Kleine mit seinen kurzen Beinchen langsam erkletterte, ins Haus.

»So, kleines Herrchen,« sagte sie dabei, »jetzt gehen wir heim ins Haus, der Abend ist da, und wir sollen das feine Püppchen vor der Nachtluft hüten, so will's der Herr Wilderich, und im Hause da wollen wir nach dem Süpplein und dem Bettlein schauen.«

»Ich mag aber nicht ins Bett, ich mag noch nicht; Bruder Wilderich soll mich zu Bett bringen!« sagte der Kleine sehr bestimmt.

»Ja, ja, Bruder Wilderich soll dich auch zu Bett bringen, wie er's alle Abende tut – komm nur, komm!«

»Ich mag nicht ins Haus, ich will auf der Treppe sitzen, bis Bruder Wilderich kommt.«

»Auf der Treppe? Auf den kalten Steinen willst du sitzen? Bist gescheit?«

»Ich will aber. Bruder Wilderich hat gesagt, du sollst tun, was ich will, Muhme!«

»Nun schau' einer dieses Kräutlein an, diesen Bamsen,« sagte die Alte, die Arme in die Seite stemmend, nachdem der Kleine auf der obersten Stufe ihr seine Hand entrissen. »Ob's d' hergehst! Kommst gleich herein, du Rebell, du nichtsnutz'ger!«

»Ich mag nicht. Ich bleib hier, bis Bruder Wilderich kommt!«

»So? Deinen Kopf willst du aufsetzen, du Fratz? Nun, dann bleib. Wart', ich hole dir ein Kissen, damit du nicht auf die Steine zu sitzen kommst, du Prinz du!«

Muhme Margarete ging ins Haus und kehrte gleich darauf mit einem alten ledernen Stuhlkissen zurück, das sie murrend und scheltend auf die oberste Treppenstufe legte, um den »Prinzen« daraufzusetzen. Dann legte sie ihre beiden Hände an seine Schläfe, so daß sie seinen Kopf sich zuwandte, und in die leuchtenden großen, sich auf sie heftenden Augen blickend, murmelte sie: »Krot, willmut'ges du; aber ein lieb's, lieb's Gesichtel hast doch! Ach Gott, was wird aus dir noch werden, in diesem traurigen alten Wald hier und mit dem Bruder Wilderich da!«

Sie drückte den Kopf des Kleinen zärtlich an sich, und dann ging sie ins Haus, ihm seine Abendsuppe zu kochen. Der Kleine saß ruhig und still eine Weile auf seiner Steintreppe, den Blick die Schlucht hinunter gewendet. Die Schatten der Bergwände wurden dunkler und schwerer, die Dämmerung begann die Schlucht zu erfüllen; Margarete erschien endlich wieder auf der Hausschwelle.

»Komm, Prinz, jetzt mußt du aber hinein, du mußt, es wird dunkel und kalt!« sagte sie, das Kind bei der Hand nehmend, um es ins Haus zu führen.

»Kommt Bruder Wilderich nicht?« fragte der Kleine wie ängstlich und dem Weinen nahe nachgebend.

»Gewiß, gewiß, er kommt schon; komm nur herein, dein Süppchen ist fertig; es wird dir schmecken, und wenn du hübsch alles gegessen hast, dann wirst du sehen, dann ist der Herr Wilderich da; mit einem Male, und bringt dich zu Bett.«

Der Kleine ließ sich beruhigt abführen.

Nach einer Pause erschien wieder die Alte auf der Haustreppe. Die Arme in die Seiten gestemmt, blickte sie den Weg hinauf und hinab.

»Wo der heute bleibt!« murmelte sie. »Es ist doch sonst nicht seine Art, im Walde zu bleiben, bis die Eulen zu Bett gehen. Wenn ihm etwas Böses zustieß, und nachher säß' ich mit seinem Kinde da! Eine schöne Bescherung wär's. Aber nein, da kommt er herauf; ja, ist's denn er, der Herr Wilderich, und wen bringt denn der daher?«

Diesen Ausruf der Verwunderung entlockte Frau Margarete eine Gestalt, welche jetzt neben ihrem Dienstherrn die Schlucht heraufgeschritten kam und allerdings eine auffallende Erscheinung in dieser Umgebung bildete.

Es war eine weibliche Gestalt, und diese Gestalt trug ein schwarzes Gewand und über ihm, breit zu den Füßen niederwallend, ein weißes Skapulier und über eine weiße Haube geworfen eine schwarze Kopfumhüllung, wie sie Klosterfrauen tragen.

»Eine Nonne!« rief Frau Margarete aus. Und dann schossen in Frau Margaretens Kopf sofort die wunderlichsten Voraussetzungen und Unterstellungen zusammen. Der geheimnisvolle Herr Wilderich und der kleine Prinz, den er vor der Welt sein Brüderchen nannte, und eine wildfremde Nonne, von dem Herrn Wilderich hier in der Waldeinsamkeit bei dunkelndem Abend zu dem Forsthause geleitet, das war eine Dreifaltigkeit, welche die bedeutungsvollsten Kombinationen erwecken konnte. Muhme Margarete kannte den Weltlauf viel zu gut, die alte erfahrene Margarete, um sich nicht sehr schnell diese Kombinationen durch den Kopf gehen zu lassen.

Sie sah in äußerster Spannung, dem nahenden Paare entgegen, das jetzt schon an der Mühle vorüber war – in äußerster Spannung auf die Szene, welche sich sogleich im Innern des Hauses, an dem Bettlein des eben erst zur Ruhe gebrachten »Prinzen« entwickeln würde. Da – wie war das? Der Herr Wilderich wandte sich gar nicht seinem Hause zu, und die Nonne auch nicht; sie schenkte dem alten grauen Forsthause nicht einen Blick; im Vorübergehen winkte der Herr Wilderich nur mit der Hand und rief: »Ich komme später, Margaret!«

Die Nonne wandte jetzt ihr Gesicht ihr zu und winkte so leise mit dem Kopf, daß es gar nicht zu unterscheiden war, ob es ein Gruß für Margarete sein solle oder nicht. Und was noch verdrießlicher, Muhme Margarete konnte nicht. Und was noch verdrießlicher, Muhme Margarete konnte nicht einmal mehr unterscheiden, ob die Nonne alt oder jung, schön oder häßlich sei; es war schon viel zu dunkel dazu. Doch jung mußte sie wohl sein; sie trat auf wie ein recht kräftiges junges Ding, und einen weiten Weg mußte sie doch gemacht haben, denn wo gab es ein Kloster hin in der Nähe? Das nächste war sicherlich fünf oder sechs Stunden weit.

Margarete schaute den beiden Gestalten mit großen verwunderten Augen nach, soweit sie konnte. Herr Wilderich trug ein großes Bündel, die Nonne nichts. Die Nonne ging nicht neben ihm, sie hielt sich an der andern Seite des Weges. So schritten sie den Weg aufwärts, bis dieser sich hinter dem waldigen Bergrücken verlor. Wohin konnten sie in aller Welt da wollen? Jenseit der Höhe lag ein Tal, so abgelegen, so verborgen wie eins in der Welt; wer da wohnte, der konnte sich einbilden, er einsiedle auf einer noch unentdeckten Insel oder in Amerika oder in Afrika oder Asien; es wäre keiner gekommen, ihm deutlich zu machen, daß er im alten Spessartwalde sitze und nur eine kleine Stunde zu gehen habe, um an die Heerstraße von Würzburg gen Frankfurt und dann auf dieser zu richtig getauften Christenmenschen zu gelangen. Freilich, ein altes Kastell lag da drüben, rechts auf einem Bergvorsprung; durch eine kurze Allee auf halber Berghöhe, rechtsab, wenn man ins Tal niederstieg, konnte man hingelangen; aber das alte Kastell war ja seit Jahren von der Herrschaft verlassen; wo sie lebte und wie sie hieß, wußte Margarete gar nicht, und es wohnte nur ein närrischer alter Kauz, ein pensionierter Leutnant des Kontingents, das der fränkische Ritterkanton zur Reichsarmee stellen mußte, darauf, als Verwalter oder Schösser, wie man's nannte, weil er den »Schoß«, die Gutsabgaben, einzunehmen hatte, nebst seinen Knechten und Mägden, und sonst niemand. Und zu dem bockbeinigen alten Herrn Schösser konnte doch die Nonne nicht wollen!

Das waren die Gedanken, die Fragen, die Verwunderungen, mit denen Muhme Margarete trotz allem, was sie über ihren Mangel an Neugier versichert, ihre schwere Last und Not hatte, als sie endlich ins Haus zurückging und sich dann in dem ersten Raume, der als Eingangshalle, Küche und Wohnzimmer diente, ans Herdfeuer setzte, um, die Hände im Schoße, murmelnd in die Holzflamme zu sehen, über der ein brodelnder Topf hing.

Enthielt der brodelnde Topf Herrn Wilderichs Abendessen, so war dieser ein Mann von großer Anspruchslosigkeit; Margarete verwandte sehr wenig Aufmerksamkeit auf das, was sie braute.

Freilich viel Dank hätte sie heute keinesfalls geerntet, wenn sie auch mehr Fleiß und Würze an den »Hasenpfeffer« gewendet. Herr Wilderich trat nach mehr als einer Stunde sehr rasch, fast stürmisch und höchst aufgeregt ein. Er stellte die Büchse in die Ecke, er warf die Weidtasche von sich, ohne zu sehen, wohin sie fiel. Er ging ins Hinterzimmer zum Bett des Kleinen und drückte einen Kuß auf seine Stirn, daß das Kind sich erschrocken in seinem Schlummer umwarf. Er kam zurück und schritt in der Küche auf und ab, immer auf und ab; und daß Margarete da war, mit all ihren Verwunderungen und Fragen im alten Gesicht, und daß ein sauber gedeckter Tisch da war, nahe am Feuer, und daß Margarete eine dampfende Schüssel daraufstellte zu dem Brote und der Flasche Landwein und dem alten Kelchglase, die schon daraufstanden, alles das schien er gar nicht zu sehen; ebensowenig, daß die alte Frau, nachdem sie sich wieder zu ihrem Spinnrad gesetzt, ihn mit Seitenblicken beobachtete, in denen nichts weniger lag als eine Versicherung, daß er's mit all seinem Treiben und Gebaren der guten, aber etwas mürrischen alten Seele recht mache.

»Ich soll Euch sagen,« hub sie endlich an, »der Sepp sei dagewesen, um Euch Nachrichten zu bringen, und das Weitere würdet Ihr vom Gevatter Wölfle, dem Müller, erfahren. Die Franzosen seien geschlagen.«

»Ich weiß, was der Sepp wollte,« antwortete Wilderich zerstreut.

»Auch daß die Franzosen geschlagen sind?«

»Auch das, auch das!«

»Nun, wenn Ihr Euch nicht mehr daraus macht – mir kann's auch gleich sein.«

Der Förster antwortete nicht.

»Wollt Ihr nicht essen heute?«

»Gewiß, gewiß!«

Trotz dieser Versicherung setzte Wilderich seine Wanderung fort.

Margarete folgte ihm mit ihren Blicken.-

Nach einer Weile fielen Wilderichs Blicke in diese ihm so gespannt folgenden.

Er blieb vor Margarete stehen, und ein plötzliches heiteres Lächeln glitt über die schönen, ausdrucksvollen Züge des hochgewachsenen jungen Mannes.

»Alte Margaret, weißt du, daß du sehr komisch bist mit dem bösen Gesicht, das du mir machst? Weshalb fragst du nicht?« rief er aus.

»Fragen? Wonach soll ich fragen? Wenn der Herr Wilderich sich nicht herabläßt, von irgendeiner Sache anzufangen, wo man doch hier mutterseelenallein im Walde sitzt, daß einem die Zunge gar noch eintrocknen könnt', und man nicht weiß, wo man das bißchen Sach' und Zeug, an das man mindestens noch denken könnt', hernehmen soll ...«

Wilderich lachte.

»Und wenn wunderliche, unverhoffentliche Frauenspersonen,« fuhr Margarete fort, »dahergehen und es schon zeigen, daß sie mit der Margaret nicht zu tun haben wollen, sondern an der Tür still vorübergehen und in den Wald hinein, wo der Weg doch ein Ende hat und niemand sie erwarten kann, und am wenigsten ein Kloster ist, wo solche Frauenspersonen hingehören, und wenn der Herr Wilderich als ihr Führer und Packträger nebenherzieht –«

»Nun, hör' nur auf, hör' auf,« fiel ihr Wilderich lachend ins Wort. »Was soll der ganze Psalm, statt daß du mich ehrlich fragst, wie's dir doch das Herz abdrückt: Wer war die Nonne?«

Margarete stemmte ihre Arme in die Seite und das Spinnrad von sich schiebend, rief sie laut und unverhohlen aus: »Wissen möcht' ich's, so viel ist gewiß!«

»Nun, so geht's dir gerad' so wie mir!« versetzte Wilderich.

»Ihr wißt es nicht?«

»Nein!«

»Ihr wollt es nicht wissen!«

»Ich weiß es wahrlich nicht, ich werde nicht klug daraus.«

»Ah, und Ihr tragt doch ihr Bündel, und Ihr führt sie doch, und sie mußte Euch doch sagen, woher sie kam, wohin sie wollte?«

»Wohin sie wollte, das hat sie mir allerdings gesagt.«

Margarete schüttelte ungläubig und entrüstet den grauen Kopf und zog mit der Miene der Resignation wieder ihr Spinnrad an sich.

»Wohin wollte sie denn?« sagte sie mit einem verbissenen Ton, den sie für geeignet hielt, um ihren völligen Unglauben an den Tag zu legen.

»Sie wollte nach Goschenwald drüben.«

»Zu dem roten Herrn Schösser? Will der ein Kloster stiften?«

»Zu dem oder vielmehr zu dem Hause, in dem der alte gestrenge Herr Leutnant wohnt. Höre nur! Ich komme heute nachmittag –«

»Aber wollt Ihr denn nicht essen, Herr Wilderich?« unterbrach ihn die Alte; sie sagte es, als wolle sie andeuten, daß sich eine rechte Jagdgeschichte, wie er sie ihr doch nur zum besten geben werde, ebensogut über Tisch erzählen lasse.

»Nun ja, ich will endlich deinem Ragout alle Ehre antun,« entgegnete Wilderich, sich an den gedeckten Tisch setzend, »aber hör' zu. Also, ich komme heute nachmittag durch die Kiefernbüsche oberhalb Rohrbrunn und von da auf die Würzburger Heerstraße, um so heimzuwandern; da begegnet mir der Weißkopf, der Waldmeister aus dem Siefengrund, weißt du, und der ruft mir zu, ob ich's schon gehört hätte, die Franzosen seien geschlagen am 24. bei Amberg in der Oberpfalz; der Erzherzog Karl habe sie abgefaßt, ihr Obergeneral, der Jourdan, sei schon bis an die Wiesent zurück, Fürst Johann Liechtenstein mit seiner Kavallerie schon in Nürnberg; wenn die Franzosen sich auch noch einmal stellten, so würden sie doch gegen den Erzherzog nicht aufkommen können, so groß seien ihre Verluste. Auch flüchtete sich schon alles oben im Lande, was sich flüchten könne, vor ihren zurückflutenden Heeresmassen; denn wenn der Franzose geschlagen heimmarschiert, dann ist er wie ein wildes Tier und ärger als Kroat und Türke; und was dann unbeschützt auf dem Lande wohnt, was wohlhabende Leute sind, Beamte, Pfarrer und Ordensleute, die tun wohl, sich aus dem Staube zu machen; und das geschähe denn auch aufwärts am ganzen Main, erzählte der Weißkopf.«

»Wenn dann nur das schlechte Sanskulottenvolk nicht hierher kommt!« rief Margarete erschreckend aus. »Gott steh' uns bei!«

»Sag lieber: Gott steh' dann ihnen bei!« fuhr Wilderich mit dem Ton der Drohung und des Zorns fort. »Wir haben vor, ihnen an den Spessart ein Andenken mit auf den Weg zu geben, wenn sie kommen! Hab also keine Angst, du wirst schon sehen, was geschieht. Und davon rede ich denn noch mit dem Waldmeister ein wenig, und dann gehen wir auseinander, er geht aufwärts, und dabei sagt er im Fortgehen: Seht Euch doch nach der Nonne um, die da unten an der Heerstraße sitzt; ich hab' sie gefragt, wohin sie wolle, aber sie hat den Kopf abgewandt, ohne mir Antwort geben zu wollen. Da bin ich meines Wegs gegangen; aber es ist doch seltsam, woher die Person so hierher in den Wald geschneit ist – und sie kann doch nicht allein in den Abend und die Nacht hineinlaufen.

Eine Nonne? Die am Wege sitzt? Nun ja, will schon sehen, sag' ich und gehe weiter und sehe nach einer Weile denn auch richtig eine Nonne dasitzen auf einem Stein, die Hände im Schoße und ihr Bündel neben sich; ich denk', es ist eine arme alte Person, und ich gehe rasch auf sie zu und sage: Guten Abend, ehrwürdige Mutter, wie kommen Sie denn so allein, wenn man fragen darf – aber damit stockt mir auch das Wort auf der Zunge, well sie jetzt den Kopf aufhebt und mir das Gesicht zuwendet – ein Gesicht – ich sage dir, Margaret, so eins hast du nie gesehen, und ich auch nicht, nie in meinem Leben; ein Gesicht, so fein und schön und rührend blaß, mit großen glänzenden braunen Augen, glänzend und doch so weich, so sanft, so still, und das Gesicht dabei so fein und so rosig bleich – «

»So fein und so bleich – das habt Ihr schon 'mal gesagt!« murmelte Margarete wie spottend.

»Ich sage dir,« fuhr Wilderich eifrig fort, »die heilige Genoveva muß so ausgesehen haben, als sie zwischen den Baumwurzeln des Eichenstammes im Ardennenwald saß.«

»Nun ja, und den kleinen Schmerzenreich für die heilige Genoveva hätten wir ja auch zur Hand!« hätte Margaret sagen mögen; aber sie verschluckte die Bosheit, denn Wilderichs Blicke lagen so ehrlich auf ihr, er sprach mit solcher Aufrichtigkeit, daß sie irre zu werden begann an der Geschichte.

»Sie sah mich mit diesen Augen an, als wolle sie mir in der Seele lesen,« erzählte Wilderich weiter; »und dann sagte sie leise, daß ich sie kaum verstand: Ich komme von Oberzell. Ich bin sehr ermüdet. Wie weit ist es noch bis zu dem Hause Goschenwald?

Goschenwald, sag' ich – das liegt in meinem Revier – ich bin der Revierförster von Rohrbrunn. Wenn Sie nach Goschenwald wollen, so ist es just auch mein Weg – mein Forsthaus liegt in der Schlucht am Wege nach Goschenwald. So stotterte ich abgebrochen heraus. Wie weit es ist? Es wird zu weit sein, daß Sie es noch bei hellem Tage erreichen – wenn Sie ermüdet sind, heißt das, ehrwürdige – ich verschluckte verlegen das Wort: ehrwürdige Mutter – solch ein junges Geschöpf! Ich ward ganz rot dabei.

Sie blickte noch einmal zu mir auf – diesmal flüchtiger; dann, nach ihrem Bündel fassend, sagte sie: So will ich weitergehen, wenn Sie mir den Weg zeigen wollen.

Ich griff nach ihrem Bündel, es ihr zu tragen, und sie ließ es mir. Weiter zu reden wagte ich gar nicht, ich wußte nicht, wie ich sie anreden sollte; aber sie selber begann nach einer Pause wieder: Sie wundern sich wohl, daß ich den Weg so allein mache, durch den Wald?

Daß Sie sich nicht fürchten, nun ja! antwortete ich.

Ich konnte nicht anders, versetzte sie. Ich war Novize im Kloster Oberzell. Es kam die Nachricht, daß die französische Armee geschlagen und im vollen Rückzüge sei; die ehrwürdige Mutter Äbtissin kündigte uns an, daß wir allesamt das Kloster verlassen und uns zu unsern Verwandten flüchten sollten. Ich habe keine Verwandten, und so gab mir die Äbtissin ein Schreiben an den Herrn Schöffer von Goschenwald, weil dies Haus verborgen und abseits von der Heerstraße liege.

Und den Weg von Oberzell bis hierher haben Sie zu Fuß gemacht? fragte ich verwundert.

Nicht ganz, sagte sie, bis Heidenfeld fuhr ich mit zwei älteren Schwestern, die von da aus das Maintal weiter hinab reisten.

Dann blieb Ihnen doch eine gute Strecke zu Fuß zu machen übrig, bevor Sie bis hierher kamen, versetzte ich.

Ich bin auch müde, antwortete sie; aber es wird ja gehen. Wenn man muß, geht alles!

Ich war recht linkisch und einfältig,« fuhr Wilderich zu erzählen fort; »ich wagte nicht, ihr meinen Arm anzubieten, als es nun in unsere Schlucht hinein und bergaufwärts ging, noch auch ihr von dem Wein zu bieten, den ich in meiner Weidtasche trug – ich ging ganz kleinlaut neben ihr her, wohl eine halbe Stunde lang. Ich weiß nicht, ob das vielleicht, daß ich so still und stumm war, sie mutiger und mitteilsamer machte, denn sie begann nun zu sprechen. Sie fragte, in wessen Dienst ich stände, und ob ich das Haus Goschenwald und die Menschen, welche dort wohnten, kenne? Und dann erzählte sie von dem Aufruhr und dem Schrecken der guten Nönnchen, als die schlimme Nachricht gekommen, die sie wie eine Schar aufgeschreckter Tauben aus ihrer stillen Klausur fortgetrieben; wie die frommen Gottesbräute so hastig gepackt und kopflos durcheinandergelaufen und nach Fuhrwerk geschrien, und wie die jüngern sich's doch lachend gefallen lassen, daß sie hinaus in die Welt sollten, und die ältern geweint und gejammert – und das alles, wie sie's schilderte, hatte so etwas, wie soll ich sagen, nichts Lächerliches, es war gar natürlich und selbstverständlich – aber wie sie's erzählte, mußte ich doch ein paarmal lachen, und es war mir, als ob das junge Mädchen trotz ihres Novizentums und ihres schwarzen Habits doch vor dem Klosterwesen und Nonnentum nicht den geringsten Respekt habe!«

»Und dann?« fragte Margarete.

»Dann,« versetzte Wilderich, »kamen wir hier am Hause vorüber, und ich sagte ihr, daß ich hier wohne, allein mit Euch, Margarete, des vorigen Revierförsters Muhme, die schon dem verstorbenen alten Manne lange eine treue Pflegerin gewesen. Das Haus sei alt und das Revier groß; der Dienst sei schwer, wenn man aber dabei groß geworden und von Jugend auf dazu dressiert, so halte man's schon aus; und da sagte sie: wenn auch das Haus verfallen genug aussehe, so sei es doch mein Haus, und wenn der Wald, den ich zu hüten habe, auch weit und groß sei, so sei es doch der schöne, stille, freie Wald, in den keine Menschen mit ihrer Not und ihrem Leid kämen, keine Menschen mit ihren bösen und verderblichen Leidenschaften; es sei doch jeder glücklich, der ruhig und geachtet am eigenen Herde leben könne und das Schicksal der Heimatlosen und Ausgestoßenen nicht kenne! Das sagte sie in einem Tone, einem so traurigen und ergreifenden Tone, daß ich gar nicht wußte, was ich darauf antworten sollte; es hat mir seitdem gar nicht aus dem Kopfe herausgewollt, was für ein Schicksal es sein kann, das sie so jung ins Kloster getrieben, daß sie jetzt sich eine Heimatlose und Ausgestoßene nannte. Ich war von dem Augenblick an so betroffen und kleinlaut, daß ich nicht mehr wagte, irgendeine Frage an sie zu stellen. Sag' mir um Gottes Willen, Margaret, wer kann sie sein, was kann sie erlebt haben, daß sie mit so traurigen Augen in die Welt blickt, mit so traurigen Worten redet? Mein Gott, was muß ihr angetan sein, daß sie einen armen Teufel, der, wie ich, in der öden Einsamkeit dieser Waldschlucht in solch einem schiefgesunkenen Malepartus sitzt, beneidet – und dabei so jung, so schön, so bezaubernd schön?«

»Bezaubert hat sie Euch, soviel ist gewiß. Aber was kann ich davon wissen?« rief Margarete achselzuckend aus. »Ihr habt mir ja noch nicht einmal das Ende der Geschichte erzählt.«

»Meine Geschichte ist zu Ende. Ich brachte sie bis nach Goschenwald. Erwartet war sie da nicht. Auf der Brüstung der alten Steindrucke vor dem Torbau saß der alte Schösser in seiner roten Leutnantsuniform, die er nie ablegt; er saß steif und gerade da, der Zopf stand ihm hinten vom Kopfe ab, just so weit wie vorn die irdene Tabakspfeife, die er im Munde hatte und aus der er blaue Dampfwolken blies, so beharrlich und still für sich hin, als ob er das Abenddunkel zurechtrauchen müsse und die Nacht ohne seine blauen Wolken ihre Schatten nicht fertig bringe. Die Nonne trat an ihn heran, zog schüchtern und leise redend einen Brief hervor und gab ihn dem Alten, er sei, sagte sie ihm, von der hochwürdigen Frau Äbtissin von Oberzell. Der Schösser besah ihn von allen Seiten; dann steckte er ihn in die Tasche und sagte, es sei zu dunkel, um ihn zu lesen; dabei blieb er steif und reglos sitzen, und sah uns an, bald den einen, bald die andere.

Aber es scheint, sagte ich zu ihm, die Demoiselle rechnet darauf, in Goschenwald Aufnahme zu finden.

Die Äbtissin ließ es mich in der Tat hoffen, fiel sie ein.

Bis anhero haben wir dieses ihr auch nicht verweigert! versetzte der Schösser, geradeaus in seine Dampfwolken blickend. Trete die Demoiselle nur ein. Es soll für sie gesorgt werden. Das junge Mädchen sah schweigend zu mir auf und gab mir die Hand – es war ein stummer Dank für meine Begleitung. Dann ging sie ins Tor hinein – und ich, ich wandte mich heimwärts; der alte Schösser blickte uns beiden nach, so gut er es konnte, ohne den Kopf zu wenden, mit dem bloßen Hin- und Herwerfen der Augen. Und damit hast du das letzte Ende der Geschichte.«

»Das letzte Ende?« sagte Margarete. »Ihr seht nicht ganz danach aus, Herr Wilderich, als ob Ihr selber so dächtet; wenn diese wunderliche Nonne in Goschenwald bleiben sollte, so habt Ihr den Weg dahin wohl nicht zum letztenmal gemacht!«

»Möglich,« antwortete Wilderich lächelnd; »ich muß doch morgen sehen, ob der alte Leutnant endlich auch hineingegangen ist und für seinen Gast hat Sorge tragen lassen, oder ob er noch immer wie versteinert auf der Brücke sitzt.«

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