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Der Kampf auf der Kille

Rudolf Braune: Der Kampf auf der Kille - Kapitel 9
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleDer Kampf auf der Kille
publisherVerlag Neues Leben
year1978
isbn3-88112-057-2
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171104
projectidae78daef
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Beate überschreitet einen Bahndamm

Beate horcht. Der energische, betont energische Schritt ihres Bruders marschiert wieder die Treppe hoch. Sie geht an die Tür. Der Riegel ist noch vor. Gut. Er klopft wieder.

»Willst du mich endlich in Ruhe lassen?«

»Herr von Heyd ist da, ich erwarte, daß du mit herunterkommst und ihn begrüßt!«

»Ich denke nicht daran!«

»Soll ich dein unglaubliches Benehmen etwa darauf zurückführen, daß anscheinend seit einiger Zeit Kommunistenbengel zu deinem Bekanntenkreis gehören?«

Jetzt tut er ihr wieder leid, wie ängstlich und verhetzt kommen diese Worte aus seinem weichen Mund; weicher Kindermund in einem harten, energischen Gesicht. Sie hat das Gesicht noch anders gesehen, jungenhaft, rotbäckig und nicht so bissig. Nicht, daß diese betonte Härte und Männlichkeit ihr unsympathisch wären, nein, unangenehm ist nur, die Wandlung des Gesichts zu beobachten: Er legt eine Maske an. Und jetzt, da aus dem ängstlichen Mund die schwachen Worte kommen, spürt sie die Unzuverlässigkeit seiner Maske.

Hans Angermund läuft noch zweimal auf dem Gang hin und her, bleibt einen Moment stehen, sie hört ihn atmen, dann geht er wieder hinunter.

Das Fenster ist offen. Über den Stadtpark hinweg dampfen Essen, noch weiter draußen steht eine schwarze Wand, der Abend. Sein Schatten reicht noch nicht bis hierher, Straße und Zimmer leuchten noch hell, wenn auch das Eigenlicht der weißen Wände der Dunkelheit besonderen Widerstand leistet. Sie wünschte sich das weiße Zimmer vor vielen Jahren als Schulmädchen, weiße Möbel, alles hell, klar, rein. Der Vater erfüllte den Wunsch wie jeden, den seine einzige Tochter äußerte; so verließ sie schon als kleines Mädchen mit seidenem Haar der Glaube an das Wunder, weil alles ihrem Wink folgte. Auch jene vier Jahre gingen an ihr leicht und ohne Schatten vorüber, die in Flammenschrift an zehn oder zwanzig Fronten, in allen Erdteilen, vor jedem Antlitz den Beginn einer neuen Etappe signalisierten. Sie schlief weiter in ihrem weißen Zimmer, wohlbehütet und unberührt. Die Essen standen schon damals am Horizont, dem kleinen Kind waren sie keine Drohung, der Siebzehnjährigen nur ein ästhetischer Hintergrund. Sie glaubte in Schlaf und Traum den Rauch zu spüren, der über den Stadtpark herüberzog, und oft hörte sie in den Zwischenjahren die Trommel aus den Vorstädten. Diese Musik allerdings träumte sie nicht, die marschierte wirklich unten vorbei, hinter roten Fahnen, hier im Herzen des Industriegebiets. Und die Töchter der Kaufleute und Industrieherren, ihre Freundinnen in der höheren Mädchenschule, gaben den Haß weiter, den sie zu Hause empfingen, den Haß gegen die Arbeitenden, den Haß gegen die Schmutzigen und Hungrigen, den Haß gegen die dunkle, fremde Klasse, den Haß gegen die Vorstädte und gegen jene Bataillone, die hinter den roten Fahnen marschierten. Was ging das alles Beate an, sie verbiß sich in Bücher, als der Jungmädchenverein und das Kränzchen ihr keinen Spaß mehr machten. Auch jene Vergnügen, später, von denen ihre Freundinnen ihr hastig und mit glühenden Flecken auf den Wangen flüsternd erzählten und die Beate selbst, die Vielumschwärmte, jede Stunde erleben konnte, wenn sie gewollt hätte, lagen fern, undeutlich an einer Straße, die sie nie betreten würde. Sie hatte keine Sehnsucht, Bälle zu besuchen, die Jungens ihrer Umgebung zuckten die Achseln, wenn das Gespräch auf Beate Angermund kam. »Nichts zu machen!« bemerkte mal einer. Sie fürchteten alle, in einem Unbekannten einen siegreichen Nebenbuhler zu haben. Sie suchten auf der richtigen Fährte, nur erkannten sie den Gegner nicht.

An der höheren Mädchenschule, in jener bevorzugten Klasse der reichsten Töchter dieser Stadt, unterrichtete Dr. Stemmer. Wie oft wiederholte sich an diesen Schulen das gleiche: Ein Lehrer wie Dr. Stemmer, mit der äußeren Glätte, Sorgfalt und auch mit der abweisenden Kälte des Vierzigjährigen, bezaubert die jungen Mädchen, die nichts von seinem Privatleben wissen und deshalb so viel hineinphantasieren, daß sich ihre enthusiastische Liebe grenzenlos entfalten kann.

Und Beate? Dr. Stemmer gab ihr Bücher, die sie lesen sollte, eine Bevorzugung. Keine ihrer Freundinnen wußte etwas davon. Sie hütete sich auch, darüber zu sprechen. Wenn die anderen mit den Gymnasiasten flirteten, lächelte sie und dachte an ihren Lehrer. Sie sah ihn über die Straße gehen, eine lange Kürassiergestalt, sehr sorgfältig gekleidet, immer auf einen Punkt in der Luft starrend, geheimnisvoll, romantisch, ihr Herz zitterte. Warum war sie die einzige, die von ihm Bücher bekam? Sie hatte schnell eine Antwort, aber Dr. Stemmer bestätigte diese nie, denn außerdienstlich sprach er mit keiner Schülerin, selbst mit Beate Angermund nicht.

Dann kam jener Tag, im Hochsommer, Erntezeit, an dem der Rektor nach der zweiten Pause im Klassenzimmer mitteilte: »Herr Dr. Stemmer ist verschieden.« Sie erfuhren schnell das Stadtgespräch, er hatte sich erschossen. Später schnappten die Mädchen Details auf, Vermutungen, Gerüchte. »Doppelleben« war nun das heimliche Wort, mit dem sich ihre Träume und Gedanken beschäftigten.

Am Tage vorher aber, ehe ihr diese Nachricht übermittelt wurde, erhielt Beate Angermund mit vertrauter Aufschrift, aber ohne Angabe des Absenders ein Päckchen. Sie öffnete, die Reclamsche Ausgabe von Tolstois Volkserzählungen fiel heraus.

Auch Schulzeit und Zwischenjahre gingen zu Ende, Beate konnte reisen. Sie sah Ägypten, lernte Frankreich kennen, blieb Monate in Paris. An ihrem zweiundzwanzigsten Geburtstag erhielt sie ein großes Paket von den Eltern, Geschenke, das Übliche. Mit skeptischem Lächeln übersah sie das Ausgebreitete: Kleider, Schmuck, ein Reisegrammophon, Tanzschuhe. Da fiel ihr ein Fetzen Zeitungspapier auf, zwischen die Sachen geklemmt, um die Lücken auszustopfen. Sie faltete es auseinander und las.

»Schweres Grubenunglück

Gestern nachmittag, gegen vier Uhr, brachen auf der Grube Hertha aus noch ungeklärten Ursachen gewaltige Steinmassen los und begruben acht Bergleute. Nach stundenlangem, angestrengtem Arbeiten der Rettungsmannschaften konnten sechs geborgen werden, vier schwer verletzt, zwei tot. Die beiden Vermißten müssen leider ...«

Sie fuhr am selben Abend nach Deutschland zurück und atmete erst wieder auf, als sie vom Fenster ihres Abteils aus in der Nacht die fernen Hochofenfeuer aufblitzen sah. Was sie zu Hause beginnen sollte, war ihr zu dieser Stunde noch nicht klar. Sie wußte nur, daß nun mit ihrer Untätigkeit Schluß war. Es kribbelte in ihren Fingern. Sechs Wochen später erlaubte sie zwei Arbeitern, daß diese ihren bewußtlosen Genossen Paul Moll auf den Rasen des Angermundschen Gartens legten ...

Sie kauert sich auf den Fenstersims, die schmalen, geraden Beine hochgezogen und auf die Geräusche der unruhigen Stadt lauschend. So wie sie eben die letzten fünf Jahre überdacht und überprüft hat, kann sie auch die nächsten fünf bestimmen. Hier, in dem kleinen Krokodilledertäschchen liegt ein kleiner Zettel, darauf steht eine Adresse: Josef Winter, Bergmann, Lange Reihe 42, vier Treppen. Dessen Frau will Beate heute abend aufsuchen. Martha Winter hat sie doch eingeladen, damals an jenem dunklen Tag, der nur achtundvierzig Stunden zurückliegt. Sie wird hingehen. Warum? Ist es nur, um die Verbindung mit jener Welt nicht zu verlieren, in der ein junger Arbeiter namens Paul Moll lebt? Sie sieht drüben die Essen, ein Wald wächst aus der Stadt, ein rauchender Wald.

Sie rutscht vom Fenstersims und steckt ihre festen Fäuste in die Taschen ihres Jumpers. Ihre Augen werden wieder schmal und böse. Paul liebt diese Lügen nicht, am allerwenigsten solche, die man sich selbst erzählt. Natürlich geht sie hin, um den Mann wiederzufinden, den sie braucht. Flunkere dir nichts vor, Beate. Wenn du da hinübergehst, kommst du in eine andere Welt. Sie schreitet ihr Zimmer ab, die vier Wände, und pfeift durcheinander, was ihr gerade einfällt. Wie ist die Sache denn in diesem Hause, in dieser Gesellschaft, unter honetten Leuten, wie man so schön sagt, Kaufleuten ... unter diesen angesehenen Bürgern? Ist das ihre Welt?

Sie nimmt einen kleinen braunen Glockenhut aus dem Schrank, riegelt die Tür auf und geht hinunter.

Vor dem Rauchzimmer steht ihr Bruder. »Wo gehst du hin?«

»Ich besuche eine Freundin.«

»Oh, das bedaure ich sehr, ich hoffte, heute die Ehre zu genießen, mit Ihnen etwas zu plaudern.« Herr von Heyd verbeugt sich höflich und reicht ihr die Hand.

»Das tut mir leid, aber vielleicht hat Ihnen mein Bruder auch gesagt, daß ich mich für gesellige Gespräche nicht besonders eigne.«

Sein undurchsichtiges Gesicht zieht sich etwas zusammen, er lächelt. »Glauben Sie wirklich, daß ich Ihnen nur Komplimente gemacht hätte?« Er steht drei Schritte entfernt, er nähert sich nicht. Sie billigt diese betonte Distanz.

»Fräulein Angermund, denken Sie daran: Auch unter den Männern der bürgerlichen Welt gibt es eine kleine Schar, die vier Jahre draußen in Dreck und Feuer gelegen und die Erfahrungen jener Jahre nicht vergessen hat.« Sie zieht die Augenbrauen hoch. Was bedeutet das? Aber er lenkt schon wieder ein, und mit einer höflichen Verbeugung schließt er selbst das Gespräch: »Auf Wiedersehen, gnädiges Fräulein, ich will Sie nicht aufhalten.«

Die Schatten des Abends hängen grün, überspült von letzter, schwacher Sonne, an den Häusern. Sie fährt ein Stück mit der Straßenbahn, Geschäftsviertel der Angestellten, der großen Kaufhäuser. Kontoristen und Tippmädels fahren heimwärts. Sie denkt noch einmal an die letzten Worte dieses Herrn von Heyd, jenen Hinweis auf das »Fronterlebnis«. Auch die jungen Freischärler in den Wehrverbänden reden viel darüber, tagsüber muß sie oft die angelesenen Phrasen genießen, die ihr Bruder begeistert wiedergibt. Was steht dahinter? Wirklich das Ergebnis der vier Jahre, der Verbundenheit in Dreck und Gefahr? Ach, diese Achtzehn- und Zwanzigjährigen, die damals noch die Schulbank drückten! Romantik! Nicht mehr! Aber vor einigen Tagen, als sie mit Paul über die Kille ging, hatte sie sich die Bücher angesehen, die er in seiner Tasche trug und die er zu Hause durcharbeiten wollte. Neben parteitaktischen Broschüren fand sie da auch zu ihrem Erstaunen das Fronttagebuch jenes Neonationalisten, der auf dem rechten Flügel der deutschen Bourgeoisie steht. Als sie Paul fragend ansah, lächelte er. »Wir rechnen mit unseren gefährlichen Gegnern, und wir studieren sie.« Herr von Heyd gehört sicher zu dieser nationalistischen Flanke. Sie möchte das alles einmal Paul erzählen, aber sie hört schon seine sichere Antwort.

Aus den hell erleuchteten Straßen des Geschäftszentrums biegt die Bahn in ein Mietskasernenviertel ein. Beamtenhäuser, Dämmerung, Straßenbahnhof. Im Wagen sitzen nur noch die kleinen Leute, die hier draußen wohnen. Arbeiter mit Henkeltopf und Rucksack, junge Angestellte, blasse Mädchen, alte, zerdrückte Frauen. Endstation. Beate steigt aus, die Lange Reihe liegt am Rand der Stadt, noch fünfzehn Minuten muß sie laufen. Die Verlängerung der Straßenbahnlinie durch das Arbeiterviertel ist geplant, schon wird das Pflaster aufgerissen, Schienen liegen auf dem Bürgersteig. Die letzten sauberen Häuser des Stadtkerns stehen vor einem Bahndamm, der das Fabrikviertel abtrennt. Uhren schlagen, Glocken läuten. Abendstunde, die Kinder werden von der Straße gerufen.

Drüben, über den Bahndamm hinweg, pfeifen die Fabriken, die Rauchfahnen wehen weiter aus den Riesenessen: Eine neue Schicht tritt an. Kleine Förderkörbe laufen an Drahtseilen über einen Fabrikhof, gegen den verlöschenden Himmel kann man die schwebenden Wagen noch sehen. Eben fällt die Schranke vor einem vorbeidonnernden Zug. Die Leute stauen sich vor der Barriere, Beate wird fest eingezwängt. Ein alter Mann neben ihr raucht aus einer Pfeife und bläst den abscheulichen Qualm in ihr weißes Gesicht. Als sie niesen muß, dreht er sich um und nickt ihr mit einem frohen und kindlichen Gesicht zu. Sie lacht wieder und zeigt ihre Zähne. »Mein eigenes Fabrikat«, bemerkt er stolz und klopft anerkennend gegen den Pfeifenkopf.

Der Zug ist vorüber. Die Leute sehen gleichmütig den erleuchteten D-Zug-Wagen nach, die glänzenden Städten entgegeneilen. Aber sie können den Bahndamm noch nicht überschreiten, auf der anderen Seite fährt langsam, rollend und stoßend, ein Güterzug. Auch der verschwindet, die Barriere schwebt hoch, die Menschenflut ergießt sich über den Bahndamm in das proletarische Viertel.

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