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Der Kampf auf der Kille

Rudolf Braune: Der Kampf auf der Kille - Kapitel 8
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleDer Kampf auf der Kille
publisherVerlag Neues Leben
year1978
isbn3-88112-057-2
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171104
projectidae78daef
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Herdecke

»Mieke! Mieke!« ruft Paul.

Nach dem gestrigen Regentag verzogen sich die tiefen Wolkenschleier, der Himmel aber blieb grau. Die kleinen Kinder, die auf der nassen Wiese vor der Grube lärmend spielen, kümmern sich nicht darum, ihr Kreischen und Lachen kollert über den Hang hinüber auf den Bahndamm, der zur Verladestation führt.

»Mieke! Mieke!« ruft Paul wieder und sucht in der schreienden Kinderschar das sechsjährige Mädelchen seiner Schwester. Er sitzt am Straßenrand, seine Hände liegen untätig auf den Arbeitshosen, eben ist er von der Schicht gekommen. Mieke hatte ihn abgeholt, ihren liebsten Kameraden. Plötzlich verschwand sie, er sieht die Kleine nicht mehr. Da! Hinter ihm vorsichtige Schritte. Er lacht still, bleibt aber sitzen, um ihr die Freude nicht zu verderben. Und dann legen sich ihre weichen, schmalen Ärmchen um seinen Kopf, vor seine Augen, und eine unwahrscheinlich tiefe Stimme versucht ihn zu täuschen: »Wer ist hier?«

Alle Namen rät er durch, von Peter bis zum Onkel Gebauer, dann packt er hinter sich und schleudert sie herum. Ihr lachendes kleines Gesicht fällt auf seinen Mund.

»Geh mit mir nach Hause!« bettelt Mieke.

»Nein, ich kann nicht.« Und er denkt an die Parteiarbeiter, die jetzt im Zimmer des Betriebsrats seine Angelegenheit durchsprechen. Die Sitzung, die ursprünglich im Büro der Partei stattfinden sollte, mußte hierherverlegt werden. Gegen vier Uhr sollte Paul hinüberkommen.

Mieke betrachtet ihn aufmerksam mit ihren großen blauen Kinderaugen. Sie weiß, Paul schlägt ihr keine Bitte ab, wenn er nicht etwas wirklich Wichtiges zu tun hat. Er streicht ihr über das weiche, glänzende Haar und schaukelt den leichten Körper hin und her.

Mieke spitzt den Mund, skandiert mit einem Zeigefinger auf und ab, summt und beginnt das Abzähllied der Bergarbeiterkinder zu singen:

»Eins, zwei, drei,
Die Katze legt ein Ei,
Zwei, drei, vier,
Der Kater spielt Klavier.
Der Gummiknüppel macht Musik,
Wir haben 'ne freie Republik,
Und wer dazu jetzt Schwindel sagt,
Der wird sofort davongejagt.«

»Schwindel«, brüllt Paul, und die Kleine fällt über ihn her, zerrt an seinen Ohren und kugelt mit ihm den Abhang hinunter.

Der Grubenpfiff springt über die Halden, über die Kolonie, über das ganze Kohlenland. Vier Uhr. Paul richtet sich auf. Da hängt Mieke an seinem Hals.

»Jetzt lasse ich dich nicht fortgehen!«

»Du mußt!«

»Erst mir was sagen!«

»Was?«

Und nahe an seinem Ohr flüstert ihre Stimme: »Wann fahren wir zur Mutter?«

Der junge Bergarbeiter steht auf. »Bald.«

Er säubert die Hose. Gras hängt daran. Das Kind sitzt noch da und sieht mit hellen Augen zu ihm hinauf. Sein dunkles Gesicht betrachtet sie eine Weile, dann hebt er sie hoch, packt ihre kalten Händchen und läuft zur Grube. Oben auf der Straße schickt er sie nach Hause.

»Sag der Großmutter, ich komme heute zum Abendessen.«

Vor der Tür des Hauses fünf klopft sich Fiete Dossen seine Pfeife aus, er ist ebenfalls zur Verhandlung geladen und drückt Paul die Hand. Heinrich Hambruch öffnet die Tür, Paul sieht den kleinen, klugen Kopf des Rechtsanwalts, gegen das helle Fenster die massive Gestalt des Parteisekretärs. Auf den Heizungsröhren sitzt noch einer. Paul schüttelt allen die Hände.

»Tscha«, der Sekretär steckt seine Hände in die Hosentaschen. »Wir haben also durch unseren Verbindungsmann erfahren, daß die Polente dich aufs Korn genommen hat«, er knallt mit der Zunge gegen den Gaumen, »und zwar werden sie keinesfalls einen politischen Monsterprozeß aufziehen, der durch zehn Amnestien verhindert würde, sondern sie werden dich ganz einfach wegen Mord hochnehmen. Kriminell. Kein Hahn kräht danach.«

Paul holt einen Stuhl, setzt sich und legt seine Füße auf die Heizung. Die kleine asthmatische Maschine des Kohlenzuges kommt drüben vorbei und pfeift hohl.

»Erzähle uns mal die Sache, Genosse Moll. Aber genau.«

Die Stimme des Doktors pfeift scharf herüber, und Paul sieht seine Brillengläser funkeln. Er bemerkt auch, daß Ida Wachler, eine junge Genossin, an der Wand sitzt, sie hat weiße Bogen vor sich liegen und beginnt jetzt seinen Bericht mitzustenographieren.

»An das genaue Datum kann ich mich nicht mehr erinnern, es wird Anfang April zwanzig gewesen sein. Das Bielefelder Abkommen war schon abgeschlossen. Die Reichswehr zersprengte den überraschten linken Flügel der Roten Armee bei Recklinghausen. Unsere Abteilungen gerieten in Gefahr, abgeschnitten zu werden. Wir hatten einige Trupps verloren, teils im Kampf, teils durch eine Auseinanderziehung der Front. Die Verbindung funktionierte nicht. Die Söldlinge Watters und Severings aber hielten sich keinesfalls an das Abkommen, sie überschritten die Demarkationslinie, und ich ließ die Abteilungen, die wir noch benachrichtigen und zusammenführen konnten, über Herne, Castrop in Richtung Dortmund zurückmarschieren. Wir hofften, unbehelligt bis nach Dortmund zu kommen. Dort sollten starke Arbeiterformationen stehen. Unsere Abteilungen zogen sich eng zusammen und marschierten dicht hintereinander; Panzerwagen und Geschütze blieben bei den Arbeitern, die im Emscher Bruch einen neuen Frontabschnitt bilden wollten, ich glaube, es waren Gelsenkirchener Arbeiter. Wir führten nur leichte MGs mit, die Bewaffnung war aber gut und ausreichend.

Kurz vor dem Bahnhof Werne kam unsere Vorhut in schweres Feuer, doch konnten wir annehmen, nur schwachen Kräften gegenüberzustehen. Wir waren deshalb sehr überrascht, als unser erster Angriff zurückgeworfen wurde. Der Mo.-Abteilung gelang ein Stoß in die Flanke, der zweite Angriff glückte. Nach einem schlimmen Nahkampf besetzten wir den Bahnhof Werne. Die Reichswehrkompanie war vollständig aufgerieben, ihr wütender Widerstand wurde uns erklärlich, als wir feststellten, daß Reste des geschlagenen Freikorps Lichtschlag in den Reihen der Reichswehr gekämpft hatten. Das Wichtigste, was wir bei diesem Angriff erwischten, enthielt die Kartentasche eines gefangenen Offiziers: Befehle des Reichswehrstabes, der in Münster saß, Aufmarschpläne, aus denen hervorging, daß wir hier in Werne auf die Vorhut eines Bataillons gestoßen waren. Ich wußte natürlich, was das bedeutet. In einigen Stunden, vielleicht noch früher, würden wir auf eine zahlenmäßig und militärtechnisch überlegene Macht stoßen, die uns höchstwahrscheinlich ziemlich schnell zusammenhauen würde. Ich rief deshalb die Unterführer zusammen und schlug vor, einen Eisenbahnzug zu chartern und in Richtung Witten dem Gegner auszuweichen. Mein Vorschlag wurde angenommen, ein Güterzug stand bereit, es ging ziemlich schnell. Ich glaube, schon nach einer Stunde fuhren wir ab, allerdings nicht nach Witten, sondern auf einer Nebenstrecke nach Herdecke. Warum, weiß ich nicht mehr, der Bahnbeamte gab uns irgendeine Erklärung, mit der wir zufrieden waren. Es wurde auch Zeit, daß wir abfuhren, denn gleich hinter Werne überschütteten uns Reichswehrabteilungen mit Feuer. Nun kommt das Wichtigste. Ich fuhr mit einigen unserer militärischen Leiter vorn auf der Maschine, und zwar weiß ich bestimmt, daß mein Vater, mein Bruder, Heinrich Hambruch, Franz Wegerscheid und Fiete Dossen oben waren, wenn ich nicht irre, auch Ede, außerdem zwei gefangene Reichswehroffiziere. Ich habe mir in den letzten Tagen immer überlegt, wer noch mit auf der Maschine war. Es ist noch jemand dabeigewesen ...«

»Der Lokomotivführer?« Der Doktor notiert sich etwas.

»Nein, Franz Wegerscheid führte die Maschine, der war damals in den Eisenbahnwerkstätten beschäftigt.«

»Es war niemand weiter oben«, bemerkt Hambruch.

»Doch! Ernst Linke!« Paul steht auf. »Ich dachte an ihn, als ich vorgestern seine Schwester sah. Und er ist der einzige, dem ich diese Verräterei zutraue!«

Der Doktor sah zu dem Sekretär hinüber, der hob abwehrend die Hand.

»Erzähle uns erst einmal weiter, Genosse Moll!«

»Mir ist diese Sache mit der Denunziation ernst, wir müssen den Schuft erwischen. Und ich klemme mich dahinter. Darauf könnt ihr euch verlassen ...«

»Weiter!« Der Doktor klopft mit seinem Bleistift auf das Pult.

»Wir wurden auf der Fahrt noch einige Male beschossen, aber der Tanz begann erst richtig, als wir in Herdecke einfuhren. Ein Panzerzug funkte mit leichten Geschützen zu uns herüber. In den ersten Abendstunden wird es gewesen sein. Unsere Lage war verdammt ernst. Feuer von allen Seiten, eine Fahrt ohne Ziel, ohne Nachrichten über die Stellungen der feindlichen Truppen. Wir mußten öfter halten, unsere Genossen suchten die Schienen ab, vielleicht waren sie irgendwo gesprengt. Einmal, als der Zug hielt, versuchte einer der Offiziere zu fliehen. Wir kriegten ihn wieder. Die Folge war, daß ich vorschlug, die beiden Konterrevolutionäre zu erledigen. Eine ganz eindeutige Lage: Vor uns höchstwahrscheinlich ein Gefecht mit ungewissem Ausgang. Wir brauchten eiserne Disziplin, und in den Kampftagen hatten wir gelernt, den revolutionären Terror im richtigen Augenblick anzuwenden. Alle Genossen erklärten sich einverstanden. Hinter Herdecke, auf der Eisenbahnbrücke über die Ruhr, schoß ich die beiden Offiziere ab. Wir warfen sie von der Maschine runter in den Fluß.«

Der Rechtsanwalt zieht sein Zigarettenetui.

»Gib eine her.« Paul greift zu.

Sorgfältig klappt der Doktor das Etui zu, klopft mit den Knöcheln gegen das Metall und beugt sich vor.

»Das beste wird sein, du verschwindest erst mal einige Monate.«

»Aber erst wird mit Ernst Linke abgerechnet!«

Fiete Dossen wird hereingerufen, er bestätigt Pauls Angaben.

»Wer war auf der Maschine?«

Ja, es stimmt.

»Auch Ernst Linke?«

»Ja.«

»Hältst du es für möglich, daß er Paul verpfiffen hat?«

Der Parteisekretär kommt aus seiner Ecke.

»Schluß. Ernst Linke steht auf einem verantwortlichen Parteiposten in Berlin. Für mich ist diese Beschuldigung undiskutabel.«

Nur noch die Umrisse der Leute sind sichtbar, keiner denkt daran, Licht zu machen. Paul spürt die gefährliche Linie, über die jeder einmal gehen muß. Irgendwo sitzt der Feind, und er kann ihn nicht fassen. Seine Fäuste ballen sich. Die Männer starren in die Dunkelheit.

Da schreit draußen die Alarmglocke. Der Betriebsratsvorsitzende eilt hinaus. Die Männer wenden den Kopf zum Fenster. Was wird es geben?

»Hallo!«

Jetzt werden sie unruhig und stehen auf, denn draußen eilen zwei Sanitätssoldaten mit einer Bahre vorbei. An der Tür prallt Paul mit Hambruch zusammen.

»Wer?«

»Josef Winter.«

Der kleine Betriebsratsvorsitzende macht eine müde Bewegung. Aus! Die Männer beißen sich auf die Lippen.

»Die Decke ist heruntergekommen. Eine schöne Illustration zu dem ablehnenden Bescheid, den wir in Essen bekommen haben!«

Der Sekretär kommt von draußen wieder herein. »Kurbelt jetzt den Streik an. Eine bessere Gelegenheit kommt euch nicht gleich wieder.« Und zu Paul: »Eure Zelle muß noch heute abend zusammenkommen.«

Draußen, im dunklen Grubenhof, stehen stumm einige Bergleute, nicht viele. Das Krankenauto, diesmal ein Totenwagen, fährt durch das Tor. Die Bahre wird hineingeschoben, ein weißes Tuch liegt darüber.

Der Kontrolleur läuft über den Hof.

»Wieder einfahren! Sie haben keine Erlaubnis erhalten, die Grube zu verlassen!«

Einer brüllt: »Halt bloß deine Dreckschnauze!«

Die Kumpels drehen sich um und gehen langsam zurück. Der Kontrollbeamte steht allein im Hof, den Kopf geduckt, eine Hand in der Tasche.

Der alte Hübner, Bergmann seit vierzig Jahren, spuckt in die rissigen Hände und schlurft mit seinen Pantoffeln den anderen nach. Wieviel hat er schon gesehen, die hinausgefahren wurden und nicht wiederkamen? Einer packt ihn am Arm. Paul Moll! »Benachrichtige unten alle Genossen, heute abend, elf Uhr, nach der Schicht, ist bei Mutter Kauschen Zellensitzung.«

Die hellen Augen des alten Kumpels leuchten.

»Geht's wieder los?«

»Jawohl.«

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