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Der Kampf auf der Kille

Rudolf Braune: Der Kampf auf der Kille - Kapitel 7
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleDer Kampf auf der Kille
publisherVerlag Neues Leben
year1978
isbn3-88112-057-2
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171104
projectidae78daef
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Ach ja

Das Gestein lockert sich, eine schlechte Stelle, den aufwirbelnden Dreck ist Paul gewöhnt. Über sein Gesicht fließt Schweiß und vermischt sich mit Kohlenstaub. Die linke Hand, mit der er sich an den glitschigen Seitenflächen des Stollens festhält, rutscht ab und klatscht in das Grundwasser, er wischt wieder über sein schmutziges Gesicht. Der Oberkörper juckt, er hat nur Hosen an, und eine alte Mütze sitzt schief auf dem Kopf. Die Knie rutschen auf einem Brett vorwärts. Die Spitzhacke knirscht in das nasse Gestein. Ein Seitenstollen soll hier vorgetrieben werden ... Hinter ihm rollen die Hunte im Hauptstollen hin und her, er hört die Ventilatoren rauschen und das Quietschen des Aufzugs. Aber sein Herz hämmert lauter und läßt ihm keine Ruhe. Warum? Was ist denn bloß passiert?

Die Hacke sitzt fest, er reißt einen großen Klumpen los. Ist die Rechnung beglichen? Dallberg ist heute früh nicht auf der Grube erschienen, sein Platz im Heizraum blieb leer. Die Kumpel erwarteten ihn, die Fäuste in den Taschen geballt. Sie warteten, bis die Sirene über den Berg pfiff, der weiße Rauch knallte in den regenverhangenen Himmel, noch eine Minute, die großen Tore wurden geschlossen. Dann drehten sich die Grubenleute um und fuhren hinunter.

Die Decke über Pauls Kopf knirscht, in den Versuchsstollen gibt es noch keine Stützen und Verschalungen. Langsam und vorsichtig schiebt er sich zurück. Wie spät wird es sein? Ihm ist, als hätte er zwei Schichten pausenlos am Gestein gehämmert.

Ein Hunt schnurrt näher, der Bursche dahinter hebt den Kopf und ruft Paul an: »Du sollst zum Betriebsrat kommen!«

»Hat mich Heinrich gerufen?«

»Jawohl!«

Ein Pfiff. Die Kumpel lassen alles stehen und eilen zum Förderkorb. Jetzt scheint die finstere Entschlossenheit des Morgens verflogen, die Gedanken haben sich geordnet, alle Gespräche drehen sich um den Überfall.

»Was wollen die denn von dir?« wenden sich einige an Paul. Er schüttelt den Kopf, was soll er ihnen sagen?

Oben gießt der Regen über das graue Grubenland. Pauls Kollegen stapfen über den Hof in die Kantine. Er zieht seine Jacke über und schwenkt links in den großen Hof ab. An der einen Seite fährt der Zug bis an die Halden heran, auf der anderen wäscht der Regen das kühle, kahle Verwaltungsgebäude. Er sieht in den Heizraum, eine Gestalt wendet sich am Ofen um und brüllt lachend: »Nee, Paule, er hat sich noch nicht sehen lassen.«

Der Lehm quietscht unter seinen Holzpantoffeln, er läßt sie vor der Tür des Hauses fünf stehen und geht barfuß über die holzgetäfelte Diele.

»Betriebsrat der Zeche Prinz Heinrich.
Eintreten, ohne anzuklopfen.«

Im hintersten Zimmer sitzt Heinrich Hambruch. Er verschließt die Tür, legt seine Brille in die Lade des hohen Pultes und setzt sich neben Paul auf die Fensterbank. Beide starren hinaus, der Boden zerweicht draußen, eine dunkle, glitschige Masse, die weiter von Regenschauern getränkt wird. Den beiden ist anscheinend die Lust zum Sprechen vergangen. Schließlich dreht sich der ältere um.

»Spürst du, daß wir bald aus dieser verdammten Lethargie herauskommen?«

»Nee.«

»Abwarten. Ich habe dich deswegen rüberkommen lassen. Nicht bloß wegen gestern abend. Viel wichtiger ist, daß unser Tarifabkommen in vier Wochen abläuft.«

Draußen hüstelt der kleine Privatkohlenzug vorüber. Wind wirft einen Schwung Regen gegen die Scheiben.

»Und?«

»Spürst du was? Ist Stimmung für einen Kampf?«

Paul zuckt die Achseln.

»Nun, wenn keine da ist, dann muß welche geschaffen werden. Was habt ihr getan, um die gestrige Provokation auszuwerten?«

Paul sieht mit müden Augen auf. »Sie haben Dallberg verdreschen wollen, ich habe nichts getan.«

Der Betriebsratsvorsitzende trommelt gegen die beschlagenen Scheiben.

»Nun, ich werde durchsetzen, daß unser Tarifabkommen gekündigt wird! Dann werden wir aber die ganze Partei mobilisieren, bis zum letzten Mann. Alle an die Kandare nehmen. Und einen Kampf durchführen – bis zum Ende. Verstanden!«

Paul rutscht von der Wand. »Alle?«

»Morgen hast du Frühschicht, ja? Gut. Die Bezirksleitung erwartet dich Punkt vier Uhr. Wegen Herdecke.«

Er holt die Brille wieder hervor, setzt sich an das Pult und schreibt an einem Brief weiter. Wenn Paul hinsehen würde, über das Pult hinweg, auf dem Gewerkschaftszeitungen liegen, über das Bücherbrett hinweg, wo »Lohn, Preis, Profit« von Marx, die Luxemburgsche Streikbroschüre, die »Transformationsperiode« Bucharins neben Reichsgesetzen, Handkommentaren und Wörterbüchern stehen, würde er sich über die großen, ruhigen Buchstaben seines Kameraden freuen. Seine Augen sind aber woanders. Er geht zur Tür, faßt die Klinke, da ruft ihm Heinrich noch etwas nach.

»Höre mal, ich weiß nicht, ob ich deinem Mädel unrecht getan habe. Sie hat uns gestern famos vor der Sipo gewarnt!«

Die Tür fliegt zu.

Am Förderstuhl steht ein Kontrolleur, der knurrt Paul an: »Woher kommen Sie?«

»Ich bin zum Betriebsrat gerufen worden.« Der Korb saust abwärts. Die Stunden gehen weiter, nur der stündliche Pfiff des Schachtmeisters unterbricht den gleichmäßigen Weg bis zur Mittagspause. Vor zwei Tagen brachen in einem Stollen, der augenblicklich nicht benutzt wird, die Stempel weg. Schlechte, schluderhafte Arbeit, aber in allen anderen Stollen sind die Verschalungen und Stützen auf die gleiche Art angelegt, heute schon kann das Gestein an einer Stelle hereinbrechen, wo Leute arbeiten, und sie begraben. Vertreter des Betriebsrats sind nach Essen gefahren, um zu interpellieren. Die örtliche Grubenverwaltung hält die Sicherungen für ausreichend. Sollen sich nur einmal einige Stunden hier ins Wasser legen, die feinen Herren, denkt Paul. Ach was! Das hilft alles nichts, nur denen oben die Zähne zeigen und ...

Peng, über ihm rutscht die Decke weg. Er zieht den Kopf ein und hört die Steinflut herunterknallen. Große Stücke rasseln an der Wand herunter, klatschen in das Grundwasser. Stille. Nur der feine Bruch rieselt nach. Fern und melodisch dringen die anderen Geräusche der Grube zu ihm: Hämmern, Fahren, Rauschen, Knallen.

Was wäre, wenn jetzt die Decke wirklich herunterkäme, eine große Schichtung, und ihn mit aller Wucht zusammendrückte? Würde er sich wehren? Würde er schreien? Früher überlief es ihn manchmal bei solchen Gedanken; jetzt? Er spuckt gegen die Wand und schaufelt die heruntergerutschten Kohlen heraus.

Würde Beate zusammenzucken, wenn man ihr die Nachricht bringt: Paul Moll, fünfundzwanzig Jahre, mit dem Gesicht eines Mannes, der schon zehn Jahre in der Grube gearbeitet hat, ist verschüttet? Und er wundert sich nicht, daß er dieser Frage nachspürt.

Die Mittagspause kommt. Der Regen fließt immer noch aus dem bleichen Himmel, schwächer als am Morgen, aber die Kumpels können sich nicht wie sonst an schönen Tagen draußen auf den schmalen Grasrand setzen, der vor der Zeche die Straßen einsäumt. Ihre Geliebten, Schwestern, Frauen oder Mütter erwarten die dunklen Gestalten unter dem eisernen Dachvorsprung, der über dem Kontrollgebäude hervorragt. Das Wasser rauscht auf die metallenen Träger und springt in die Pfützen, durch die barfüßige Kinder waten.

Viele Begrüßungsworte hört man nicht, einige setzen sich auf die steinernen Fliesen, andere lehnen sich an das Gitter und löffeln aus ihren Töpfen. Wer niemanden hat, der ihm Essen bringt, geht in die Kantine. Der Wirt zieht ein Grammophon auf, und merkwürdig höhnisch und unwahrscheinlich schmettert Militärmusik zwischen den kahlen Kalkwänden.

Als der dunkle Förderkorb in das Lampenlicht der Einfahrtshalle schnurrt, merkt Paul, daß sein Vater mit ihm heraufgefahren ist. Er nickt ihm zu. Schweigend gehen sie zusammen über den Hof. Der Himmel weht in weißen Streifen vorüber, die nassen Tage werden nicht so schnell aufhören. Herbst.

»Was hast du gestern abend gehabt?« Die müde Stirn seines Vaters zieht sich zusammen.

»Nichts weiter. Die Faschisten provozierten eine kleine Schlägerei.«

»Und du mußtest natürlich vornan sein!«

Paul öffnet seinen Mund, sieht den Vater an. »So weit ist also eure ruhmreiche Partei schon, daß ihre Mitglieder vergessen, was proletarische Solidarität ist!«

Der Schnurrbart des alten Moll zittert. Der Zorn packt ihn, wie oft. »Fünfunddreißig Jahre bin ich Sozialdemokrat ...«

Paul preßt die Lippen zusammen. Dasselbe, immer dasselbe: So oft sang der Alte diese Litanei, und doch gibt Paul seinen Kampf um den Vater nicht auf. Er will noch etwas sagen, aber hier ist schon die Sperre, dort steht die Mutter, gekrümmt und müde, und hebt die Decke vom Korb. Vater und Sohn setzen sich auf die Treppe des Pförtnerhäuschens und löffeln. Linsen mit Speck. Die dicken, harten Hände des Vaters tanzen vor ihm auf und ab. Fünfunddreißig Jahre, denkt der Junge, ja, damit ist alles zu erklären. Sie können sich nicht losreißen, die Tradition ist das einzige, was sie noch mit dieser Partei verbindet, die einmal jung und kämpferisch war. Fünfunddreißig Jahre dieselbe Presse, dieselben Argumente, dieselben Führer. Und immer schlauer, immer spitzfindiger, immer hundsföttischer. Nun können sie nicht mehr den Schritt tun, der sie wieder in die Avantgarde einfügt. Der Alte verschnauft, seine toten, abgearbeiteten Hände liegen auf dem schwarzen Kittel.

»Warum ist Mieke nicht mitgekommen?«

Die Mutter steht vor ihm, die Hände über dem großen Leib gefaltet. »Lieschen ist allein, Mieke ist bei ihr.« Das Gespräch verstummt wieder.

Auf dem Perron hört man nur Löffeln, leises Klappern. Was sollen sie auch sprechen? Die Frauen setzen sich nicht, sie stehen mit hängenden Armen und sehen zu. Paul gegenüber sitzt Fiete Dossen auf dem Geländer. Paul lächelt ihm zu.

Vor einer Woche noch saß Fiete jeden Tag in der Kantine, schlang den Zwanzigpfennigfraß hinunter und zum Grammophongebell ein Glas von jenem gelben, jaucheartigen Bier, das anscheinend nur in solchen Kantinen, in Sechserkneipen und auf kleinen Bahnhöfen ausgeschenkt wird. Jetzt ist er mächtig stolz und stemmt seinen linken Arm in die Seite. Käthe Brinkmann hält ihm den Eßtopf und lächelt ihm in das feste, runde Gesicht. Ihre Augen sind dunkel umzogen, und ihre Kiefer mahlen mit, wenn Fiete das zähe Fleisch zerbeißt.

Er kennt sie schon lange, wagte sich aber nie näher an das energische Mädchen heran, das alle Burschen wild anpfeift, wenn sie keß werden. Es schien ihm, daß gerade er von ihr mit ausgesuchtem Spott überschüttet wurde. Dazu kam noch, daß Käthes Lieblingsbeschäftigung Tanzen ist, selten ein Donnerstag oder Sonntag, wo sie nicht in der »Rose« zu finden war. »Rose«, Gasthaus und Versammlungslokal in der Kolonie, hat einen großen Tanzsaal, und an diesen beiden Tagen tanzt die Kolonie bis in die Morgenstunden. Meistens kommt nach elf Uhr nochmals ein Schwung Burschen, die mit der Nachtschicht fertig sind, und Fiete Dossen besaß eine angeborene Scheu vor dem Tanzsaal. Er sah sich immer ausrutschen und jämmerlich blamiert. So kam er nie an Käthe Brinkmann heran. Am vergangenen Sonntag fand in der »Rose« das große Sommerfest des Roten Frontkämpferbundes statt. Die Leitung hatte ausgerechnet ihn zum Tanzbändchenverkäufer ernannt. Er sträubte sich dagegen, deutlich spürte er die kommende Katastrophe.

Es nutzte nichts, viel besser zumute wurde ihm auch nicht, als er am Sonntag abend sah, wie Käthe keinen Tanz ausließ und immer einen anderen Burschen in den Armen hatte. Ein wilder Trubel erfüllte den großen Saal. Die Papiergirlanden zitterten in der dumpfen, rauchigen Hitze. In den Tanzpausen spielten einige Arbeiter auf der provisorischen Bühne Szenen aus einem »Roten Rummel«. Begeisterung und Hitze stiegen mit gleicher Heftigkeit. Auf dem Tanzboden konnten sich die Tanzenden schließlich kaum noch bewegen, schwerfällig und eng aneinandergedrängt schoben alle dahin. Fiete wurde überall verlangt. Tanzbändchen waren sehr gefragt. Kurz vor Mitternacht erschien die zweite Schicht, mit Gebrüll und Hallo begrüßt, und versperrte die letzte Möglichkeit, sich weiter zu bewegen. Die Musikkapelle konnte kaum das Tohuwabohu übertönen. Fiete fühlte sich traurig und müde, alle waren hier mit sich selbst beschäftigt. Er rechnete seine Bändchen ab und versuchte zu entkommen. Merkwürdig – als während einer Tanzpause seine schweren Stiefel über den dreckigen, zertanzten Parkettboden schlurften, spürte er auf dem Rücken ein sanftes Prickeln, die deutliche Ankündigung, daß etwas passieren würde. Und gleich darauf knallte ihm Käthes frecher Tenor ins Gesicht: »Fiete, nicht immer Bändchen verkoofen! Tanz mal mit mir!«

Das Berlinische paßte zu ihrer etwas sinnlichen Schnute, obwohl sie nie dort gewesen war. Einen Augenblick stand er wie gelähmt, er sah nur, wie die Burschen mit lachenden, erwartungsvollen Gesichtern herumstanden. Eben begann ein neuer Tusch. Käthe packte seine Arme, und das junge, lachende Gesicht zitterte vor ihm, nahe wie noch nie.

»Ich kann doch gar nicht tanzen«, hatte er geflüstert.

»Los!« befahl sie und begann ernsthaft, ihm die Bewegungen aufzuzwingen. Er spürte, daß er jämmerlich aussehen mußte. Immer landete er auf Käthes weißen Schuhen, seine Hände verrutschten weit hinunter auf ihrem Rücken. Über die Köpfe der Tanzenden hinweg sah er die Meute seiner Freunde, die sich die Bäuche vor Lachen hielten und allerlei Gepfeffertes herüberriefen. Und da passierte es. Käthe zerrte ihn heraus, an den Rand des Parkettbodens, brüllte den verdutzten Jungens »Ruhe!« zu, packte Fietes Haarschopf und küßte ihn. Küßte ihn mitten im Tanzsaal und vor allen Leuten. Paul hatte damals die ganze Sache gesehen, und was er nicht gesehen hatte, erriet er. Er sieht wieder hinüber zu den beiden, die sich fest und liebevoll ansehen. Ja. Und er beißt sich auf die Lippen. Immer kommt ein anderes Gesicht dazwischen.

»Ist Peter zu Hause?«

Die Stimme der Mutter wird noch dünner und schwächer: »Er ist seit gestern nicht dagewesen.« Sie packt Löffel und Töpfe wieder in den Korb.

»Bei der Frau Hansen kann ich nicht mehr waschen, die haben jetzt ein Dienstmädchen.« Sie hält eine Weile inne, fährt sich über den schmerzenden Rücken und sagt, so wie man sich verabschiedet: »Ach ja!« Auch die anderen Frauen gehen auf der zerweichten Straße heimwärts. Die jüngeren küssen ihre Männer, die ganz jungen, Käthe zum Beispiel, und das dickliche Mädchen vom Rummelplatz, das dem Jungen mit dem steifen Hut Essen bringt, beißen sich fest, als wäre es das letztemal.

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