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Der Kampf auf der Kille

Rudolf Braune: Der Kampf auf der Kille - Kapitel 6
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleDer Kampf auf der Kille
publisherVerlag Neues Leben
year1978
isbn3-88112-057-2
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171104
projectidae78daef
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Regen

Noch nie ist Beate so gelaufen, angstvoll und durch unbekannte, finstere Straßen. Die Nacht hat das Wetterleuchten aufgeschluckt, jetzt grollen schon die ersten Gewitterstöße, schwere Tropfen klatschen auf diskutierende Menschengruppen.

Frau Winter, der Beate zu folgen versucht, kommt viel schneller vorwärts; sie stößt nicht so oft an, sie schlängelt sich durch und verkürzt den Weg durch Seitenstraßen. Beate fühlt, wie rasch und hart ihr Herz schlägt: Da vorn hauen sich die Arbeiter mit den Faschisten herum, und Paul steckt mittendrin!

Jetzt spürt sie deutlich, erschreckend deutlich, wie unentbehrlich ihr dieser junge Arbeiter geworden ist. Was hat sie bis jetzt für Männer gesehen, die in ihren Kreisen herumgereicht werden? Ja, reinlich, glattrasiert, konventionell. Immer dasselbe: Handkuß, Verbeugung, Korrektheit, Glätte. Ihr Vater, Großkaufmann und angesehener Bürger der Stadt, steht dabei und streicht sich den Bart. Heiratsfähig, denkt er und überlegt schon, wie er mit diesem Aktivposten am besten operieren kann. Soll sie etwa Hansjakob Meyreder heiraten, den rosigen Jüngling mit entzündeten Augen und zartgeschwungener Nase, nur weil sein Vater im Syndikat auf den Tisch schlagen darf? Oder Herrn von Heyd, der immer melancholisch wird, wenn er Beate Angermund sieht, und auch allen Grund dazu hat, denn er ist zehn Jahre älter?

Jetzt, während ihre Eltern am Abendtisch sitzen, vor guten Speisen, von auserlesenem Personal bedient, vielleicht Heiratspläne erörtern, rennt sie hinter dem Leben eines jungen Arbeiters her, der mit kaltem und abweisendem Gesicht gegen ihre Welt kämpft und der ihr nie Schmeicheleien gesagt hat. Gradlinig ist Paul. Sie kann seine Gefühle deutlich und klar spüren, er verbirgt nie seinen Unwillen, seinen Spott, er kritisiert scharf und hart. Wenn er ein liebes Wort zu ihr sagt, dann überläuft sie eine andere, eine viel größere Freude als bei den Komplimenten der Kaufmannsjünglinge und Parvenüsöhnchen, die im Hause ihres Vaters verkehren. Und doch bleibt Paul ihr verschlossen. Sie spürt genau, wenn sie an sein abweisendes Gesicht denkt, jene Grenze, die sie nicht überschreiten darf. Aber wie sie jetzt läuft, da läuft sie zu ihm, und er ist ihr näher denn je.

Sie kommen in eine Straße, wo niemand weitergehen darf. Ein Auto rattert heran. Sicherheitspolizisten springen herab, und Beate hört gerade, wie ein Stahlhelmer vor einem Sipooffizier salutiert: »Wir marschieren ruhig nach Hause, als wir plötzlich aus dieser Gasse mit Steinen und Bierflaschen bombardiert werden.«

»Versuchen Sie durchzulaufen«, flüstert Frau Winter. »Sie sehen nicht wie eine Arbeiterfrau aus.«

Beate geht tapfer los, an diesen Schuljungengesichtern vorüber, die durch ihre Sicherheit geblufft werden. Neue Autos mit Soldaten rollen heran. Der Donner steht schon sehr nahe über ihnen. Beate beginnt schneller zu laufen. Sie kann niemanden fragen und weiß weder Richtung noch Ziel. Frau Winter hatte von einem Kollegen ihres Mannes erfahren, daß einige Arbeiter niedergeschlagen und weggeschleppt worden sind, unter anderen auch Paul Moll.

Was wollen sie von ihm? denkt Beate. Beide Fronten haben so oft gedroht, einmal kann den Worten auch blutige Wirklichkeit folgen. Aber wohin haben sie ihn geschafft, wo soll sie ihn suchen? Rechts führt eine dunkle Überführung in eine unbekannte Gegend, links sperrt ein Bretterzaun die Welt ab. Aus ihrer Kehle rutscht der Laut eines verschüchterten kleinen Kindes, tränenloses Schluchzen. Sie fühlt sich so hilflos! Da drüben wehen Stimmen herüber. Beate überschreitet die Straße. Überall drücken sich Windjackengestalten herum. Ein Radfahrer flitzt vorüber und streift sie. Taschenlampen flammen auf, dann ..., ja dann hört sie eine bekannte Stimme.

»Dallberg, ist das dieser Kommunistenführer?«

»Natürlich, ich arbeite doch in der Grube mit ihm zusammen!«

»Also, Angermund, Ihre Leute sollen den Mann durchsuchen.«

Beate stockt der Atem. Vom Bretterzaun zittert die klare Stimme Pauls herüber: »Der erste, der mich anpackt, fliegt die Böschung runter.«

Stille. Ein Blitz zuckt auf und jagt über die Hochöfen und Essen. Gespenstisch stehen langbeinige Fördertürme, massive Rieselanlagen, über denen Laufbahnen sich kreuzen, im weißen Licht. Dann schnappt die Nacht wieder zu.

Beate schleicht sich an der Wand näher. Keuchen, Ringen, ein Fluch, jemand fällt zu Boden, und eine laute, fremde Stimme: »Stecken Sie das Schießeisen weg!«

Der Donnerschlag faucht auf die Straße herunter. Im selben Augenblick springt Beate hinter dem Zaun hervor. Der erste, den sie sieht, ist ihr erstaunter Bruder.

»Was machst du hier, Beate?«

Sie spürt nur noch diese wahnsinnige Angst, nicht mehr zur rechten Zeit zu kommen, und diese einfache Liebe zu dem Mann, der neben den anderen Arbeitern an der Bretterwand steht und wie alle erstaunt den Kopf ihr zugedreht hat.

»Hans, ich verlange, daß ihr diesen Mann unbehelligt und sofort gehen laßt.« Sie wundert sich, daß sie überhaupt noch sprechen kann. Eine fremde Sprache kommt da aus ihrem Mund, unbekannte Worte.

Das erstaunte Gesicht ihres Bruders öffnet den Mund. »Was soll das bedeuten?«

Aber der Schwarzbärtige, jener Herr von Heyd, der nicht nur die Stahlhelmortsgruppe führt, sondern gleichzeitig auch als Zecheninspektor fungiert, zwei Berufe, die oft ineinandergreifen, verbeugt sich vor Beate.

»Aber selbstverständlich, gnädiges Fräulein, Ihr Wunsch ist mir Befehl!«

Da lacht es von der Mauer, ein höhnisches Gelächter. »Aha, da hat dieser Überfall für uns wenigstens ein gutes Ergebnis. Ich glaube, Fräulein Angermund, Ihr Spiel bei uns ist aus. Adjö!« Und Paul Moll schwenkt mit seinen Genossen in die Dunkelheit, ehe sie etwas sagen kann.

Sie hört nicht, was ihr Bruder sagt, sie spürt den Regen nicht, der jetzt herunterschlägt, ihre Kräfte sind zu Ende. Nur fort von hier, fort! Hat sie jetzt den Halt verloren, diese gerade Linie, die sie vor sich sah? In der Nähe pfeift wieder ein Blitz herunter, und gleichzeitig folgt ein donnerndes Krachen.

Sie steckt ihre Hände unter den Jumper und läuft fort. Die höflichen Worte des Herrn von Heyd zittern noch in ihren Ohren: »Gnädiges Fräulein, darf ich Ihnen mein Auto zur Verfügung stellen?«

Die Straße ist weiter unten wieder abgesperrt. Sipos, die ihr den Rücken zukehren. Deutlich prägen sich ihr die Worte eines Offiziers ein: »Die Verstärkung der Roten aus der Kolonie wird sicher hier durchmarschieren. Lassen Sie die Kerle erst ganz nahe herankommen!«

Sie läuft durch eine Seitenstraße, sind es Regentropfen, die über ihr Gesicht laufen, oder Tränen?, geht wieder ein Stück zurück, dann vorwärts, vorwärts, vorwärts! Wo ist die nächste Straßenbahnhaltestelle?

Da kommt es anmarschiert, durch Regen und Wind, unbeirrt, fest, trotzig, sie hört Fetzen eines Liedes, das scheint die Verstärkung aus der Kolonie zu sein. Beate springt vor, an die Spitze, klammert sich an den ersten. »Marschiert hier nicht weiter, die Sipo lauert auf euch!«

Erstaunt sieht Heinrich Hambruch, der Führer dieses Arbeitertrupps, im Licht seiner Taschenlampe ein weißes Gesicht. Pauls Freundin? Eine Haarsträhne liegt über ihren müden Augen. Der Trupp schwenkt ab, im strömenden Regen versinken die Klänge ihres Kampfliedes.

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