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Der Kampf auf der Kille

Rudolf Braune: Der Kampf auf der Kille - Kapitel 5
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleDer Kampf auf der Kille
publisherVerlag Neues Leben
year1978
isbn3-88112-057-2
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171104
projectidae78daef
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In der Falle

Lange noch hängt ein grüner Schleier über dem Fluß. Schuten, Boote, Schleppkähne machen fest, die Schiffer stehen rauchend hemdsärmelig vor den Kajüttüren und blicken hinüber zu dem Festplatz.

Vorortzüge pfeifen vorüber, sonst gehen hier unten nur Liebespaare entlang, eng umschlungen und die Mädels ergeben an ihre Freunde geschmiegt.

Paul streckt sich und gähnt. Vor ihnen liegt der Festplatz, dahinter dampfen die gewaltigen Essen des Turbinenwerkes. Er betrachtet die kleinen Füße Beates, die in Schuhchen von geflochtenem Leder stecken, und bekommt Lust, sie zu küssen. Was würde Heinrich Hambruch dazu sagen? Mit einem Ruck setzt er sich auf und pfeift zur Straße hinunter.

Eine junge Frau wendet sich um und steigt mühsam den kleinen Abhang hinauf. Paul geht ihr entgegen, sie trägt einen fransenbesetzten Umhang über dem häßlichen Kattunkleid und einer dunklen Bluse aus gleichem Stoff, der beinahe wie grobe gefärbte Sackleinwand aussieht. Zwei helle Tränen stehen in den Winkeln ihrer verweinten Augen.

»Josef sitzt wieder in der ›Guten Ecke‹. Er will nicht nach Hause kommen. Ich bringe ihn nicht fort.«

Sie beginnt zu schluchzen. Paul legt einen Arm um ihre Schultern.

»Geh du hin, Paul. Auf dich hört er noch. Geh! Bitte!«

»Ich werde ihn holen«, sagt Paul, »bleibe bei Beate.«

Sie sehen ihn schnell die Straße hinabschreiten und im Gewühl des Festplatzes verschwinden. Auf der anderen Seite liegt eine dunkle Arbeiterschenke, »Zur Guten Ecke«.

Die Frau setzt sich neben Beate ins Gras, starrt nur vor sich hin und schluckt Schmerz und Tränen hinunter. Jetzt ist völliges Dunkel über Platz und Stadt gefallen. Beate denkt: Wo bleibt unser Leid neben den Sorgen dieser Frau, woher kommt ihr die Kraft weiterzuleben? Und sie fragt: »Haben Sie Kinder?«

»Fünf hatte ich, eins ist gestorben.« Und nach einer Weile beginnt ihre tonlose Stimme wieder: »Der Älteste ist sieben Jahre. Die Jüngste muß noch die Brust bekommen, aber ich habe keine Kraft mehr.« Und wieder: »Am besten hat es der, der unter der Erde liegt.«

Der Lärm über den Buden wird toller. Das elektrische Licht entzündet die Lust der Gehetzten. Die Frau wendet sich um, und Beate sieht ihre wasserklaren Augen. Die Frau muß einmal hübsch gewesen sein, um Mund und Nase läuft jene schöne derbe Linie, die bei den Mädchen der proletarischen Klasse oft zu finden ist.

»Paul liebt Sie? Sie können stolz auf ihn sein. Er ist ein richtiger Kerl. Und ein guter. Ich kenne ihn genau. Damals, als wir in unserer Roten Armee gekämpft haben, warten Sie einmal, wie lange ist das eigentlich her, sechs, ach, schon sieben Jahre! Damals war er noch sehr jung, aber er hat schon wichtige Abteilungen hier unten geführt!« Eifrig beugt sie sich vor, erzählt von harten, stolzen Tagen und vergißt dabei den grauen, nüchternen, schalen Alltag, gestern, heute und morgen.

In der »Guten Ecke« ist es still. Der Wirt putzt Gläser und nickt lächelnd Paul zu, obwohl dieser nicht zu seinen häufigen Gästen gehört. Vorn brennt nur eine Lampe, an einem Tisch darunter sitzt mit einigen anderen der Bergmann Josef Winter. Hinten führt ein Gang um den Schanktisch, dort stehen wieder Tische, aber diese kann man am Eingang nicht sehen. Stimmen, Kartenschlagen, Gläserklirren, es sitzen also auch hinten Gäste.

Josef Winter spürt, wie ihm jemand auf die Schulter tippt, er wendet den Kopf: Paul Moll. Er weiß, was das zu bedeuten hat. Aber einen Versuch der Auflehnung wagt er doch, heute sind wieder Feierschichten eingelegt worden, das bedeutet neuen Lohnausfall, größere Not zu Hause, Jammer. Warum soll er nicht den Schmutz hinunterspülen? Dafür ist es wirklich eine »Gute Ecke«.

»Noch ein'!« bettelt der kleine Mann mit dem schwarzen Bärtchen. »Mir ist so mies!«

»Deine Frau wartet.« Und da weiß er, daß kein Widerstand ihm nützen würde. Er trinkt sein Glas aus und steht auf.

»Warte mal, ich gehe gleich mit.« Paul geht nach hinten, auf einen Tisch klatschen Karten, an einem anderen weiter hinten und schon im Dunkel sitzen vier Mann. Sie haben alle ihre Arme aufgestützt, die Gesichter einander zugekehrt und flüstern. Jetzt drehen sie sich um. »Aha, Paul!«

Er wird begrüßt. Die trotzige Falte erscheint wieder zwischen seinen Augenbrauen. Sein Bruder Peter, den steifen Hut ins Genick geschoben, sitzt mit am Tisch. Die vier sprechen plötzlich lauter und von belanglosen Dingen. Paul weiß schon, Fremde würden in dieser Runde stören, selbst er, der verschwiegen ist und dichthält. Er verabschiedet sich wieder und geht nach vorn.

Wäre es nur möglich, Peter aus dieser Sache herauszuziehen. Sicher, er kann es verstehen: Ein junger, gesunder Kerl, aus dem Produktionsprozeß geschleudert, ideologisch nicht gefestigt, der im dürftigsten Milieu lebt und Tag für Tag das herrschende Geschmeiß sieht, mußte der nicht mal auf den Gedanken kommen, sich die Sache leichter zu machen? Dabei hat Peter ein gutes Herz, er bringt Geld nach Hause, wenn er welches »verdient«, gibt es der Mutter, ohne etwas zu sagen. Aber es bleibt eine zweifelhafte Chance. Reden hilft dagegen nicht, vielleicht nur das eine, irgendwo eine gute Arbeit für Peter zu finden.

Von draußen wird knallend die Tür aufgeschlagen, ein junger Bursche brüllt herein: »Stahlhelm! Überfall! Heraus!«

Auf der Straße sausen Arbeiter dem Turbinenwerk zu, Paul hört im Vorbeilaufen, wie am Rummelplatz eine Stimme kommandiert: »Reichsbanner, Rotfront, antreten!«

Das Gekreisch des Karussells scheint zu verstummen. Der Wind schlägt um die Ecke, den rennenden Menschen entgegen. Schwarz und dunkel beginnen hier einige Häuserblocks, die am Rande der Stadt der großen Hochofenanlage den Atem nehmen wollen und vergebens versuchen, ihr die Aussicht zu versperren. Gebaut als Beamtenhäuser einer schon lange stillgelegten Grube, steigen nur wenige höher als bis zum zweiten Stock. In dieses dunkle Gebiet, durchzogen von Sackgassen, versehen mit vielen Schlupfwinkeln, die jeder Arbeiterjunge genau kennt, wagten sich die Faschisten noch nie. Die Schlägereien entstanden meistens bei Demonstrationen, im Zentrum der Stadt, vor gegnerischen Vergnügungslokalen. Nun marschiert der Feind in das Herz der Arbeiterquartiere.

Ein offener Fensterflügel quietscht im Winde hin und her. An der Spichernstraße brüllt ein alter Arbeiter, das Hemd offen und die rechte Hand in der Luft schwenkend: »Schneller, schneller!«

Vorn knallt Geschrei und Lärm. Aus einem Hausdurchgang laufen einige mit Latten heraus. Junge Burschen kommen zurückgerannt.

»Wir sind zuwenig! Verstärkung!«

Paul greift nach dem Taschenmesser, auf die Fäuste kann man sich nicht immer verlassen, und wenn diese Kerls angreifen, werden sicher Gummischläuche, Schlagringe, Seitengewehre oder sogar Schußwaffen verwendet. Jetzt kann er sie sehen, sie haben die Straße vorn und hinten abgesperrt. Aha, ein planmäßiger Überfall.

Kaum zwanzig Arbeiter schlagen mit ihren Fäusten, mit Taschenmessern und Metallringen gegen die überlegene Front und weichen Schritt auf Schritt zurück. Die nächste Polizeiwache, knapp fünfzehn Minuten entfernt, ist solche Auseinandersetzungen gewöhnt, sie wird sich nicht besonders beeilen.

An der Hüttenstraße steht der erste Kordon der Stahlhelmleute, zehn Meter dahinter der zweite. Signalpfiffe, Rufe, Befehle, die kämpfenden Arbeiter sehen, wie ihr Gegner planmäßig versucht, etwas oder jemand bestimmtes zu erwischen. Die Niedergeschlagenen werden nämlich nicht laufengelassen, sondern durch den zweiten Kordon geschleppt. Ein junger Bursche teilt Paul diese Beobachtung mit, derselbe, der ihn vor einer Stunde aus der Schaukel angerufen hatte. Die Arbeiter weichen weiter zurück.

»Jetzt müssen wir schnell durch die erste Linie der Faschisten stoßen«, befiehlt Paul einigen Genossen, die um ihn herumstehen. Er sieht in zweifelnde Gesichter und weist nach hinten. Eine Gruppe Uniformierter rennt näher, Reichsbannerarbeiter, Rotfrontleute vom Rummelplatz. »Los!«

Paul sieht die jungen Bleichgesichter vor sich, die schon lange eine Generalabrechnung verdienen, dem Nächsten sitzt ein Fausthieb im Gesicht, an seiner Seite schlägt die Verstärkung eine Bresche, die Fäuste der Kumpel hauen rücksichtslos zu. Zur Abwehr solcher Überfälle braucht man vor allem Kühnheit, Mut und nochmals Kühnheit. Ein rascher, energischer Stoß führt meistens sehr schnell zum Ziel, falls nicht eine außerordentlich überlegene Macht unüberwindlichen Widerstand leistet. Wieviel von diesen jungen Bürgersöhnchen stecken noch in den Nebenstraßen? überlegt Paul. Er kann die Straße nicht übersehen, sie zweigt strahlenförmig nach drei Seiten ab. Bis zum nächsten Kordon ist die Straße frei, ungefähr zwanzig Meter.

»Vorwärts!« brüllt Paul und läuft einige Meter an der Straßenkante entlang. Plötzlich entsteht bei den Stahlhelmleuten eine Bewegung, sie nehmen ihre zweite Linie ein Stück zurück.

»Schnell! Schnell!«

Schon kann er wieder die einzelnen Gesichter der nächsten Reihe unterscheiden, dieses Entschlossene, Rasierte, Fremde. Da stutzt er und bleibt stehen. Und im gleichen Moment bemerkt Paul, daß er in einer Falle ist. Man hat die Front zurückgenommen, um ihn näher herankommen zu lassen.

Aus der Seitenstraße, an der sie eben vorbeigerannt sind, schiebt sich eine neue Kette der Faschisten. Vorn und hinten stehen jetzt die feindlichen Gesichter, dagegen anrennen ist Wahnsinn. Er dreht sich um, die Arbeiter weit hinten schlagen sich noch mit der ersten Kette, nur drei andere sind so weit vor wie er gekommen, auch ihnen ist der Durchbruch geglückt, aber auch sie sehen, wie plötzlich die heulende Stahlhelmmeute losbricht. Links zweigt eine kleine Gasse ab. Ängstlich schließt jemand ein Fenster. Keine Lampe weist den Weg. Sie stürzen vorwärts.

In Arbeitervorstädten gibt es viele Straßen, die werden von den Proleten nur benutzt, wenn sie zur Arbeit gehen. Keine Mietskasernen flankieren diese dunklen Schluchten, rechts und links nur Arbeitshallen, Fabriktore, Kontrollbuden. Die Wege sind ausgetreten, die Fahrstraßen nicht gepflastert. Entweder führen sie in freies Feld, oder der Ausgang ist verbaut durch eine dieser Baracken, in denen die weißen Arbeitssklaven des Nachkriegseuropa Frondienste leisten: Sackgasse.

In eine solche Straße flüchten die vier Arbeiter, und ihre Hände schlagen plötzlich gegen kalkbeworfene Mauern: Gefangen.

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