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Der Kampf auf der Kille

Rudolf Braune: Der Kampf auf der Kille - Kapitel 4
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleDer Kampf auf der Kille
publisherVerlag Neues Leben
year1978
isbn3-88112-057-2
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171104
projectidae78daef
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Generalstab im »Goldenen Engel«

Das altehrwürdige »Gasthaus zum Goldenen Engel«, in dem vor dem Kriege nur die Beamten der Grubenverwaltung und die Honoratioren verkehrten, besitzt zwei Ausgänge. Beide führen in das große Gastzimmer, jeder hat einen anderen Zweck. Der kleine erfüllt die Aufgabe aller anständigen Türen: Die Leute gehen hindurch, setzen sich an die großen Tische und rufen: »Ober.« Man wird bemerken, wie fein dieses Lokal schon sein muß, denn sonst werden in diesen kleinen Städten die Kellner intimer tituliert.

Den »Goldenen Engel« säumen drei Straßen ein. Der zweite Ausgang nach der entgegengesetzten Straße ist immer verschlossen. Selten bewegt sich die große grüne Flügeltür, aber dann auch immer explosiv. Eine unmißverständliche, grobe Stimme beginnt im Hause zu rumoren, die Tür erzittert, fliegt auf und dann eine meistens recht fragwürdige Gestalt hinaus auf die Straße. Besoffene? Fremde werden den Kopf schütteln. Verkehren nicht die ruhigen, sittsamen Bürger in diesem Lokal? Der Efeu wächst bis unter das Dach. Stattlich steht das Haus da, ein Wahrzeichen bürgerlicher Ruhe und Ordnung.

Aber nach jenem Jahre, in dem zum letztenmal der Bürgermeister mit dem Lehrer angestoßen und der täglichen Runde zugerufen hatte: »Ach was, Sarajevo! Wir leben weiter!« wandelte sich das Gesicht der Welt und das Gesicht des »Goldenen Engels«. Nein, sie lebten nicht weiter.

Der erste auf den Verlustlisten hieß Emil Espenlaub, Hauptlehrer und Partner der Stammtischrunde. Draußen stampften die Feuerwirbel über das Land, in den Tanks und hinter den Gasmasken schmiedeten vier pausenlose Jahre eine neue Generation. Das Leben im »Goldenen Engel« aber ging weiter, auch als die Wirtin starb. Ihr Mann kam aus der französischen Gefangenschaft zurück, seine Haare grau, das Gesicht straff, er führt die Wirtschaft nun selbst.

Honoratioren schien es nicht mehr zu geben, Otto Ronspeel spürte den Ausfall nicht. Die Grubenbeamten kamen wieder regelmäßig, neue Gesichter tauchten darunter auf. Sie führten eine große Gefolgschaft mit, kleine Schreibmaschinenfräuleins, windige Sekretäre, später noch dunklere Gestalten. Sie ließen sich an einem Tag in der Woche ein Zimmer auf der ersten Etage reservieren, oft benutzte es niemand, dann ging es wieder hoch her. Die Gäste im Wirtszimmer lauschten, wie oben ein Hexensabbat über die Dielen krachte. Einmal fuhr einer, Kopf voran, sternhagelvoll die Treppe hinunter. Das war der erste, den Pitter, der Schankknecht, zum hinteren Ausgang hinausschmiß. Es blieb nicht der letzte. Oben wurde oft gesoffen, daß Ronspeel glänzende Augen bekam. Er konnte da schon Auslese halten, Leute ohne Kragen, Kumpels aus der Grube, kamen nicht herein. Nun, die verspürten auch kein Bedürfnis dazu, seit am »Goldenen Engel« ein großes Schild angeschlagen war: »Trefflokal des ›Stahlhelm‹«, Bund der Frontsoldaten. Aber seit diesem Tag mußte auch Pitter öfter in Funktion treten, die große hintere Tür öffnete sich fast jeden Abend.

Auch heute steht der Schankknecht im Durchgang zum Gastzimmer und wartet. Seine dicken, behaarten Arme liegen auf dem Eisschrank, der Kopf leuchtet weiß auf, wenn die Verbindungstür aufklappt und aus der Wirtsstube zugleich mit einem Schwung wilden Lärms eine Lichtgarbe durch den Vorsaal schießt. Man könnte meinen, er sei eingeschlafen. Nur einer, der neben ihm steht, würde über das Weiße seiner großen Augäpfel erschrecken, die starr auf die Tür gerichtet sind.

Aus dem Seitengang, der zum Pissoir führt, taumelt eine Gestalt. Pitter, ohne sich vom Platz zu bewegen, tritt der schwankenden Erscheinung ins Gesäß und erreicht damit, daß plötzlich wirbelnd und stolpernd ein unzweifelhaft besoffenes Individuum im Gastzimmer erscheint. »He, Rolloff«, ruft es von einigen Tischen, »kotz dich erst aus, es geht gleich los.«

Rolloff kann nicht mehr fest stehen, auch das Licht stört ihn. Er hält den Kopf gesenkt. Schließlich streckt er die Hand zum Büfett aus und brüllt: »Ein Helles!«

Ronspeel hinter dem Schanktisch schüttelt abweisend die Hand, aber da sieht er über fünf Tische hinweg ein gerötetes Gesicht, das ihm aufmunternd zunickt. Rolloff bekommt sein Helles.

Zu dem geröteten Gesicht gehört auch ein Hals, das heißt, hinten im Nacken schieben sich einige fleischige Falten über den Kragen. Eben klemmt er sich eine dicke Zigarre zwischen die dicken Lippen.

»Die Marke Rolloff muß stinkvoll sein, sonst fehlt den Leuten der Mut. Vor der Frühjahrsoffensive achtzehn haben wir unsere Leute ooch mit Kümmel vollgeladen.«

»Und dabei Schiffbruch erlitten«, pfeift die Stimme eines jungen Kerls über den Tisch, dessen Milchgesicht sich sicher noch vor kurzer Zeit in den Rockfalten der Mutter versteckt hat. Sein gutes, festes Kinn stößt trotzig vor; es sieht aus, als ob eine militärstrategische Diskussion unvermeidbar wäre. Noch ein dritter sitzt am Tisch, auch wie die beiden anderen in der grauen Felduniform, er setzt das Bierglas auf den Tisch. Über seinen schwarzen Spitzbart tropft eine gemächliche Stimme: »Laß das sein.« Die beiden Widersacher schweigen.

Kellner laufen hin und her, schäumende Bierkrüge in den Händen, von allen Seiten verlangt. An den Tischen sieht man kaum Zivil, einige Mädchen, sonst nur die Uniformen der weißgardistischen Kohorten.

Neue kommen herein, junge Kerls, keine Front- und keine Grubengesichter: weiß, gepflegt, höhere Schüler, Studenten, Söhne des besseren Mittelstandes. Sie legen militärisch grüßend die Hand an die Mütze und beugen dabei hackenzusammenschlagend den Oberkörper vor.

»Front heil! Es ist kein Tisch mehr frei, komm, wir trinken am Büfett.« Das Gedränge nimmt zu, heult ein Windstoß durch die offene Tür, so zerreißt der Rauchschleier unter den elektrischen Lampen.

»Es ist schon zwanzig nach neun, wann treten wir denn endlich an?«

Ein blonder Junge mit einem kessen Radieschengesicht beruhigt: »Mensch, der Chef ist doch da, sei still, heute geht was los.«

Draußen marschiert eine Abteilung vorüber; der »Hohenfriedberger« hallt durch das lauschende Gastzimmer.

Der »Chef«, der beruhigende Besitzer des schwarzen Bartes am Tisch des Strategen, wendet sich an seine Nachbarn: »Fischer, Sie bleiben bitte bei mir; Angermund, lassen Sie Ihre Leute antreten.«

»Zu Befehl«, schnarren zwei blitzschnell hochschießende Gestalten. Die flaumbärtigen Soldaten laufen sich gegenseitig in die Arme, die Türen sind verstopft. Draußen schlagen durch die dunkle Nacht schwere Regentropfen. Passanten sammeln sich schnell um die militärische Formation, die sich langsam ordnet.

Angermund, der Stahlhelmleutnant mit dem Milchgesicht, spannt seinen Sturmriemen um das trotzige Kinn.

Jetzt tritt auch einer durch die hintere Tür in den »Goldenen Engel«. Nein, er schleicht herein, vorsichtig und schnell; in den unbeweglichen Koloß Pitter kommt plötzlich Leben.

Die dunkle Gestalt flüstert ihm ins Ohr: »Dallberg hat die Roten vom Platz gelockt; die Bande kommt langsam die Hauptstraße herunter.«

Pitter geht ins Gastzimmer und erstattet dem »Chef« Meldung, ohne militärischen Gruß. Ronspeel bemerkt sogar mißbilligend, daß er die linke Hand in der Hosentasche hat. Der Schwarzbärtige bemerkt es nicht, er steht auf und nimmt seine Offiziersmütze vom Haken.

Hinter dem Schanktisch packt Ronspeel seinen Schankknecht am Arm. »Warum erstattest du die Meldung Herrn von Heyd nicht anständig?«

Pitter macht sich los, feixt von unten herauf und wischt mit der großen Hand über den Schanktisch. »Wissen Sie, warum der junge Angermund schon Gruppenführer geworden ist?«

Draußen scharfe Kommandostimmen, dann marschiert die Abteilung ab.

»Seine Schwester ist ein schönes Mädel.«

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