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Der Kampf auf der Kille

Rudolf Braune: Der Kampf auf der Kille - Kapitel 3
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleDer Kampf auf der Kille
publisherVerlag Neues Leben
year1978
isbn3-88112-057-2
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171104
projectidae78daef
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Eine Karussellfahrt und ein Gedanke

Unten vor der Stadt, wo die Schienen der Vorortbahn verlassen und tot durch abgeerntete Felder laufen, dudeln an diesem Abend die Karussells, elektrisches Licht blitzt über den Leinwanddächern der Jahrmarktsbuden, Gesumm von tausend Stimmen: Kirmes.

Die jungen Arbeiter schieben mit ihren Mädchen durch das Gewühl, einer schießt seinem Schatz eine billige Brosche, andere kaufen Süßigkeiten: Heute ist Lohntag, gute Zeit für die Budenbesitzer und Schausteller. Denn man kann hier auch die kleinsten Pferdchen der Welt sehen und den dicksten Mann, Astra, der jeden Abend sechs- oder siebenmal lebende Frösche verspeist und hinterher noch ein Weinglas zerkaut. Traumdeuter, Wahrsager, Marionettentheater für Kinder. Auf einer Bude steht: »Wo die Welt von spricht«, aber es geht niemand hinein, der Ansager ist heiser. Da ist die große Rutschbahn, die sich stolz »Elektro-Tobogan« nennt, besser besucht.

Auch Paul bleibt davor stehen und sieht mit bösem Blick hinauf. Dort oben balancieren kreischende, fröhliche Menschen über das Gerüst. Er muß an andere Dinge denken, er spürt nicht, wie ein kleines Arbeitermädchen in der Begeisterung ihre Hand leicht auf seine Schulter legt. Er spürt auch nicht, wie sie diese kleine Hand beschämt wieder wegzieht und ihn dabei verwundert ansieht. Nur Beate sieht das alles, sie löst ihren Arm aus dem seinen und betrachtet ihn. Warum ist er so traurig und geistesabwesend, an was denkt er? Sie will nicht fragen, das wäre eine Dummheit. Wieviel Worte haben sie schon auf dem Wege gewechselt? Sie öffnet leicht den Mund und schiebt die Unterlippe vor.

»Hallo, Paule ist da«, ruft ein junger Bursche aus einer Schaukel einer Gruppe von Arbeitern und jungen Mädchen zu, die den Eingang zum gegenüberliegenden Hippodrom blockieren. »Komm rauf, für dich kostet es bloß einen Groschen!«

Ein dickliches Mädchen fällt ihm um den Hals, die Jungens grinsen breit unter den Sportmützen: Paul ist bei seinen Kameraden beliebt, der Empfang beweist es.

»Anna, laß los«, schnauzt einer das mollige Mädchen an, »sonst kratzt dir seine Braut die Augen aus«, und dabei geht er auf Beate zu und schüttelt kräftig ihre rechte Hand.

»Tag, Frollein!«

Der junge Bursche klettert aus der Schaukel und flüstert nach einem vorsichtigen Blick: »Heute abend passiert etwas. Dallberg mit seiner Clique ist da.«

Die anderen nicken ernst. Mit kühlen, unbeteiligten Gesichtern stehen die Mädchen daneben, sie spüren die fremde Welt, deren Grenze sie nicht überschreiten dürfen. Auch Beate fühlt das.

»Kommt, wir gehen Karussell fahren«, schlägt die kleine Dicke vor. Sogar eine vollständige Musikkapelle, in der allerdings Pauke und zwei Trompeten die Hauptrolle spielen, begleitet das Surren des großen Kettenkarussells. Hoch schießen die kleinen Hängesitze in die Luft hinaus, je höher und schneller, um so mehr Gekreisch. Beim zweitenmal bekommt Paul Appetit, die wilde Ausgelassenheit packt ihn auch. Er winkt Beate zu, die hinter ihm fährt. Unten jauchzt der Festplatz, atmet aus hundert Ventilen und Dampfrohren, schiebt Menschen und Schicksale durcheinander. Der Himmel ist noch immer dunkel und regenschwer, nur über der holländischen Grenze stehen ein paar Sterne, die sieht man von hier oben. Sie fahren schon zum viertenmal, der Billetteur kassiert. Die große Trompete schüttelt etwas Spucke aus dem Rohr, gleich geht die Sache wieder los.

Das Mädchen, das vor Pauls Schaukel herumbaumelt, dreht sich halb um und lacht mit ihren weißen Raubtierzähnen. Und da hat Paul eine Idee. Natürlich kennt er das Mädchen, drüben bei den Vorwerken arbeitet sie, und er kennt auch ihren Bruder. Nun ganz sachte und schrittweise vorgehen, dann wird er wissen, wer ihn verraten hat. Dann wird er den Lumpen kennen, der ihn wieder auf die Flucht jagt. Es muß einer von denen gewesen sein, die damals bei Herdecke mit auf der Maschine fuhren. Beate kann nicht wissen, warum er unterwegs so stumm war. Er hat die Leute geprüft, die den Vorfall miterlebt hatten, keiner kann ein solcher Schuft sein. Vater, Peter, Heinrich Hambruch, Fiete Dossen, keiner von diesen. Ede ist tot, Franz Wegerscheid verunglückte vor einem Jahr. Wer bleibt übrig? Da vorn sitzt die Schwester des Verdächtigen, er kann sie mit der Hand erreichen und das Mädchen an den Tragketten weiter hinausstoßen. Der bleibt übrig, eine einfache Rechnung, der Verräter. Alle steigen aus, der nächtliche Rauch legt sich widerwärtig tief auf das Land.

»Frierst du?« fragt Beate und legt wärmend ihren Arm um seine Schultern. Er zuckt zusammen und betrachtet sie von unten, mit gesenktem Kopf.

»Wer ist Dallberg?« wagt sie zu fragen. Aus einem dunklen, verschlossenen Gesicht, das sie noch nicht kennt, kommt eine fremde Stimme: »Ein Schuft.«

Beate erschrickt.

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