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Der Kampf auf der Kille

Rudolf Braune: Der Kampf auf der Kille - Kapitel 20
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleDer Kampf auf der Kille
publisherVerlag Neues Leben
year1978
isbn3-88112-057-2
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171104
projectidae78daef
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Die Ruhr

Hambruch bleibt nicht lange in der leeren Wohnung allein. Zuerst kommt Mutter Kauschen wieder herein, heiter und zufrieden wie immer. Sie ist auf der Polizeiwache vernommen worden, hat sich geweigert, das Protokoll zu unterschreiben, und dann hat der Polizeioffizier, der nicht wußte, was er mit dem Mütterchen anfangen sollte, ihr großmütig erlaubt, nach Hause zu gehen. Der alte Schuster, der im Keller dieses Hauses die Schuhe der Kumpels repariert, kommt mit ihr »auf einen Sprung«, wie er sagt, herauf. Mutter Kauschen findet in der Ofenröhre noch warme Kartoffelsuppe vom Abend, alle drei löffeln einträchtig und zufrieden aus einer großen Schüssel.

»Paule ist wieder da.«

»Paul Moll?« erkundigt sich der Schuster, denn er kennt viele Paule und auch viele, die augenblicklich nicht da sind.

Aber Mutter Kauschen denkt zuerst an das Nächstliegende.

»Was will er denn machen? Wenn sie ihn kriegen, bekommt er ein paar Jahre, und wenn sie ihn nicht erwischen ...«

Der Kater springt auf den Tisch und äugt vorsichtig über die leeren Teller. Der stechende Tabakrauch des Schusters stört ihn, und er verzieht sich wieder. Und wenn sie ihn nicht kriegen, denken Mutter Kauschen und Hambruch weiter, ohne es auszusprechen, geht er vielleicht auch kaputt, denn manches Mal setzt er seinen Kopf auf und beißt sich irgendwo fest, und niemand kann ihn davon abbringen. Stimmt das? denkt Hambruch. Er schiebt seinen Teller zurück. »Das schmeckt nach mehr!«

Die leichten Schritte, die jetzt die Treppe hinaufspringen, kennen alle drei, sogar der alte Schuster hebt seinen Kopf vom Teller und grinst. Der Kater streicht zur Tür und schnurrt.

»Hat die es heute eilig!«

Beate, eine andere Beate als vor einigen Wochen, drückt den dreien die Hände. Die Augen sind blank wie früher, die Hände noch gut und glatt. Unter dem Mantel kommt zwar ein einfacheres Kleid, als sie früher trug, zum Vorschein, aber das verändert sie nicht sehr. Vielleicht macht das die etwas härtere Stimme, aber selbst das ist nicht sehr sicher. Und doch ist es eine andere Beate! Bis zum Bahndamm ist ein langer Weg, und hier draußen kriegen alle einen neuen Schliff!

Sie stützt ihre Fäuste auf den Tisch. »Peter hat sich aufgehängt. Ich komme eben aus dem Sekretariat.«

Mutter Kauschen putzt ihre Brille. »Jeden Tag passiert was Neues.« Sie scheint von der Nachricht nicht sehr berührt zu werden.

»Heute nachmittag ist es passiert. Pauls Mutter weiß vielleicht noch gar nichts.«

»Übrigens«, Hambruch stopft sich seine Pfeife, »ach nee, das erfährst du erst, wenn du mir meine Hosen geflickt hast. Ich bin nämlich schon wieder an den verfluchten Heizungsröhren hängengeblieben.«

Beate protestiert. »Ich wollte zu Frau Moll gehen! Du kannst mit deiner Hose warten.«

»Schon erledigt. Da ist schon jemand hingegangen.«

»Wie?« Beate dreht sich erstaunt um. »Wußtet ihr denn schon, daß Peter tot ist?«

»Ja.« Hambruch sieht mit hochgezogenen Augenbrauen den Schuster und Mutter Kauschen an. Er steht auf, holt das Nähkästchen und reicht es Beate.

»Los, fang an.«

»Zeig mal her.«

Er beugt sich vor und drückt den Hintern durch. Von den Hosentaschen bis zur Naht, wo schon einmal ein großer Fetzen in die durchwetzte Manchesterhose eingesetzt worden ist, läuft ein langer Riß.

»Soll ich dir etwa so die Hosen nähen?«

»Wie denn sonst?«

»Ausziehen!«

»Nee!«

Sie besieht sich kritisch die Sache.

»Na, komm mal her!«

Er stützt seine Ellenbogen auf den Tisch, und sie kniet neben ihn hin, Zwirn zwischen den Zähnen, um den Schaden zu reparieren.

»Was willst du mir eigentlich sagen. Ich bin furchtbar gespannt.«

»Erst fertig flicken! Du wirst staunen!«

Mutter Kauschen räumt den Tisch ab und stellt das Geschirr in das Abwaschfaß.

Der alte Schuster liest mit den Fingern, über eine Stahlbrille hinweg langsam und aufmerksam seine Zeitungen.

»Wißt ihr«, sagt Beate, während sich unter ihren Händen das Loch in Hambruchs Hose immer mehr verkleinert, »was mir Genosse Korn gesagt hat?« Korn ist der Bezirkssekretär. »Nun könnte Paul unbesorgt zurückkommen, denn sie wüßten jetzt, daß Peter der Verräter gewesen sei. Ich kann das gar nicht glauben.«

»Das wußten wir schon lange«, bemerkt Hambruch zwischen seinen Armen hervor, »bloß Paul war ja blind und taub. Au!«

»Siehste! Du mußt stille halten, ich habe nämlich noch nicht viel Übung, in so einer Stellung Hosen zu flicken.« Die Nadel zieht dem Loch immer mehr Luft weg.

Ein Arbeiter kommt herauf und erkundigt sich, ob noch ein Artikel über die Kündigung des Rahmentarifs in die Betriebszeitung hinein soll. Als er gegangen ist, erkundigt sich Beate weiter: »Wie kann man Paul nun am schnellsten benachrichtigen. Wißt ihr, wo er ist?«

»Nein.« Eigentlich will Hambruch noch etwas anderes sagen, etwas Durchsichtigeres vielleicht, aber so gelenkig ist er nicht, um schnell einen Witz zu machen. Ihm fallen die Dinge immer viel später ein, im Bett zum Beispiel.

Jetzt denkt er darüber nach, daß ihm Paul nichts von Helene gesagt hat. Warum hat er ihn nicht sofort danach gefragt, vielleicht hat sie ihrem Bruder eine bestimmte Antwort mitgegeben, vielleicht einen Brief ...

»Halte stille, sonst steche ich dich wieder!«

Der Schuster steht gähnend auf, es ist sehr spät geworden, und geht in seine Kellerwohnung hinunter.

Ganz unvermittelt fragt Hambruch: »Ist das Reue?«

»Was?«

»Nu, was Peter gemacht hat.«

Mutter Kauschen hält im Abwaschen inne und guckt verdutzt den Arbeiter an. »Dich sticht wohl was?«

»Na, na, na!« Er beruhigt sie.

Aber die einzige, von der er sich manches gefallen lassen muß, deren Hiebe er einsteckt, ist eben Mutter Kauschen. Das kann sonst keiner in der Partei und ein Außenstehender erst recht nicht.

Aber er erhält unerwartete Hilfe, Beate stimmt ihm zu: »Natürlich, er hat sich geschämt!«

»Du, mach schnell, meine Beine schlafen ein!«

Die Hose ist fertig.

»Nun bekomme ich meine Belohnung!«

Er streckt sich, drückt nochmals den Hintern durch, um die Haltbarkeit der Hose zu prüfen. Anscheinend ist er zufrieden.

Sie umarmt ihn lachend. »Jetzt bin ich wirklich gespannt!«

Er flüstert, nah an ihrem Ohr, als wäre es ein erschütterndes Geheimnis: »Paule ist wieder da!«

Vielleicht hat Beate, wie man manches Mal im Traum das Ersehnte vorwegnimmt, das kaum Mögliche erhofft, weniger sicher jedoch als Hambruch, der fest an eine Botschaft aus Berlin glaubt.

»Nu mach schon.« Mutter Kauschen pufft der Zögernden in den Rücken. »Er ist in die Kolonie hinuntergegangen, in seine Wohnung.«

Da rennt sie los.

Auf halbem Wege zwischen Kolonie und Grube, eingeklemmt durch die niedrigen, hölzernen Trockenanlagen einer Ziegelei auf der einen Seite und durch eine stillgelegte Flaschenfabrik gegenüber, zweigt eine kleine Fahrstraße ab, die bis zu dem großen, modernen Hochofen E und weiter an die Ruhr hinunter führt. An dieser Ecke steht, gerade vor der durchlöcherten Mauer der Flaschenfabrik, eine Selterswasserbude, eine armselige kleine Bude. Ein frierendes Mädel verkauft an die vorüberkommenden Arbeiter Zigaretten, billige Schokolade, Rahmbonbons, Kautabak, Wrighley-Gummi. In einem Ständer, der unbeachtet hinter der Glasscheibe verstaubt, stecken vergilbte Karten. Postkarten, Ansichtskarten, aber nicht mit den eisernen Türmen, mit den Riesenschloten der Industrie, nicht mit exakten Photographien dieses dreckigen, mitleidlosen und doch so schönen Kohlenlandes. Nein, nur bunte Landschaften, sorgfältig gestellte Naturaufnahmen von der Kille, wie sie vor zwanzig Jahren einmal ausgesehen haben mag, kolorierte Aufnahmen von Nachbardörfern mit weißen Wolken im hellblauen Himmel, gezeichnete Karten einer Grubenanlage, leicht idealisiert und mit einem Bergmannsspruch daneben, kann man hier kaufen. Und dann noch »Künstlerkarten«, schöne Mädchen, die sich mit offenen Mündern zu ebenso schönen Jünglingen herabbeugen (rot der Mund, blau die Augen), neckische Witzkarten und, verloren in dieser Sammlung, verirrt und einsam, eine Karte mit dem Kopf August Bebels.

An dieser Ecke treffen sich die beiden.

Beate sieht ihn zuerst, er steht an der Bude und verlangt etwas. Sie schleicht leise näher und sagt plötzlich über seine Schulter hinweg: »Drei Halpaus zu vier!«

Einigermaßen verblüfft dreht er sich um. Dann hebt er sie hoch und küßt sie auf den Mund.

»Wie kommst du hierher?«

»Heinrich hat mir gesagt, daß du wieder da bist.«

Er steckt seine Zigaretten in die Tasche, henkelt sich bei ihr ein und sieht sie leise lachend an.

»Komm, wir gehen runter zum E-Ofen.«

Sie ist einverstanden.

»Wie war es in Berlin?«

»Interessante Stadt.«

»Weißt du, daß ich schon eine Stelle habe? Ich schreibe Maschine.« Sie macht es ihm in der Luft vor. »In der Papierfabrik G.K. Krause auf der Hüttenstraße. Hingegangen und gleich angenommen. Hundertfünfunddreißig Mark. Miserabel bezahlt, aber egal, für den Anfang langt es.«

Hinter der Kille tritt der Mond hervor. Weiß und kalt zieht das Licht über die dunkle mitternächtige Stadt. Es ist so hell, daß man im Licht des Mondes lesen könnte. Die Rolladen vor den Fenstern klappern. In einem Fabrikhof bellt ein Hund, als sie vorbeigehen. Weiter draußen antwortet ein anderer, dann mehrere.

»Frierst du nicht?«

Doch, aber sie spüren ihre Wärme, ihr frisches Blut. Am Ofen E lärmen noch die Kippenloris, grelles Bogenlampenlicht zerschneidet die weiße Luft. Das Wellblech über den einzelnen freiliegenden Etagen zittert unter dem Gestampf, in den riesigen Röhren stöhnt eine große Stimme, ein zischender, kratzender Laut, die Stahlblöcke werden zerschnitten.

Sie gehen weiter, ein Weg führt unten an der Ruhr entlang.

»Unsere Belegschaft ist übrigens wieder eingestellt worden, der Schreck hat den Herren da oben anscheinend zu sehr in den Knochen gesessen.«

Der Wind pfeift über das Wasser, das dreckig, leise plätschernd an den Halden vorüberzieht. Sie schreiten weiter aus, denn die Kälte packt durch ihre Kleider.

»Unser Haus ist verdammt leer geworden. Zwei weniger. Du kannst rüberkommen und das vordere Zimmer nehmen.«

»Ja.«

Sie biegen in den Knick der Ruhr ein, da führt der Weg wieder zurück zur Kolonie. Die Feuer der Hochöfen steigen über dem Land auf. Bis zum Horizont rauscht und zuckt und krächzt und stampft das dunkle Land. Die vielen Essen, deutlich im weißen Licht, lassen ihre Rauchfahnen durch die Nacht wehen, in deren Schatten Leid und Kälte, Bitternis, Rausch und Liebe sich begegnen. Die Ahnung eines neuen kalten Morgens dampft weit draußen am Firmament. Gestank von warmen Halden und frischem Ruß zieht über die Ruhr. Gleich einem Meer roter Fahnen flattern die Hochofenfeuer über dem Kohlenland.

 

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