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Der Kampf auf der Kille

Rudolf Braune: Der Kampf auf der Kille - Kapitel 2
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleDer Kampf auf der Kille
publisherVerlag Neues Leben
year1978
isbn3-88112-057-2
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171104
projectidae78daef
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Ein Mann wird gewarnt

Zwei Männer kommen über die Kille.

Früher trug diese kleine Erhebung, zwischen Essen und Hagen in einen Knick der Ruhr hineingekuschelt, keinen Namen. Die Kinder der Bergarbeiter sprachen zuerst von der »Kille«, die Alten hörten es, dachten darüber nach, langsam bewegten sich die Gedanken in ihren müden Köpfen. Die Kumpels sprechen nicht viel, sie halten lieber den Mund zu, sonst bekommt man Kohlenstaub hinein. Von den Zechen zur Stadt führt der Weg über diesen kleinen Berg. Täglich marschieren die Arbeiter in drei Schichten hinüber und zurück. Ein Stück Weg, der zehn oder fünfzehn Minuten lang nicht an Essen vorüberführt, an Kaminkühlern, Walzwerken, Hochöfen, Laufkränen, Drahtseilbahnen, Dampfhämmern. Ein Stück Weg mit frischen, duftenden Tannen, mit festen Wiesen dazwischen. Sie erzählen in ihren Koloniehäusern, wenn sie müde nach Hause kommen, nicht von jenem grünen Berg, den sie jeden Tag passieren, aber einer sagt vielleicht: »Heute habe ich Otto getroffen« und fügt, hinzu: »Auf der Kille.«

So haben die Kumpel diese Benennung übernommen, die so oft von den Kindern gebraucht wurde; einige merkten nur, daß vor dem blutigen Jahr das Wort noch unbekannt war. Damals, neunzehnhundertzwanzig, als der große Aufstand des Ruhrproletariats zusammengeschossen und verraten wurde, erhielt der Berg seinen Namen.

Die beiden Männer schreiten schnell aus. Es ist möglich, daß sie die ersten sind, die vom Siebenuhrschichtwechsel kommen, beide tragen ihre Essenkrüge in der Hand. An der ersten Schneise verlassen sie die Straße und biegen in den Wald ein.

»Bist du gestern abend in der Schmiede gewesen?« fragt der kleinere, dessen Gesicht unbeweglich und starr geradeaus gerichtet ist. Wenn er spricht, sieht man nie den Mund offen, er scheint die Worte durch die Lippen zu pressen. Sein Stimme aber ist rauh und hart.

»Viel Material konnten mir die Genossen nicht geben. Johann ist wieder krank. Wir müssen uns dort nach einem anderen Zellenleiter umsehen.«

Der größere sieht noch wie ein Junge aus. Seine braunen Haare streicht er sorgfältig zurück. Er hat sich anscheinend schon auf der Zeche gewaschen, sein Schlips und der saubere Kragen deuten darauf hin. Die Kumpels waschen sich meistens in ihren Wohnungen, nur die jungen Burschen ziehen sich dann noch einmal um, falls ihre Mädchen das wünschen.

»Am Montag muß noch das neue Tarifabkommen auf die Tagesordnung gesetzt werden. Ich habe heute einen Brief der Gewerkschaftsleitung gekriegt, und der erinnert mich daran.«

Der größere notiert etwas in sein rotes Taschenbüchlein. Vor ihnen lichtet sich der Wald. Tief unten zieht die Ruhr vorüber, Hochöfen flammen in den Abend. Der Himmel hängt grau und traurig über dem schwarzen Land. Ganz fern nur sackt eben eine kleine gelbe Wolke weg.

Der Junge beobachtet erstaunt seinen Kameraden. »Warum gehst du nicht weiter?«

Der andere sieht nicht auf den tristen Fetzen Land hinunter, mit dem sie eng verwachsen sind, auch nicht auf die rauchenden Schlote und vergifteten Abwässer, auf unfruchtbare Halden und stillgelegte Betriebe. Er blickt auf den nassen Waldboden und stößt mit dem Fuß gegen ein morsches Stück Holz.

»Ich wollte dich nur auf etwas aufmerksam machen. Es wird bald Zeit, daß du hier verschwindest.«

Der Große stiert den anderen mit leicht geöffnetem Munde an. Und als hätte er etwas gemerkt, pfeift es durch seine Lippen: »Herdecke.«

Hinter ihnen schreit ein Eichelhäher. Am Saume des Hügels stampft und dröhnt das Walzwerk. Die gelbe Wolke zerschmilzt über dem Feuerrand, der das Industriegebiet vom verschwimmenden Abendhimmel trennt.

Der Kleine mit dem verbissenen Gesicht dreht sich herum und sieht seinen Freund von unten an.

»Noch eins, Paul. Das will ich dir ganz privat sagen. Du bist ein netter Kerl. Die Mädels sind scharf hinter dir her. Aber daß ein reiches Frauenzimmer, dazu noch die Tochter des größten Kaufmanns drüben, sich ohne weiteres in dich verschießt, ohne daß du einen Finger krumm machst, das will mir nicht in den Kopf. Nimm dich in acht. Du weißt, was auf dem Spiel steht!«

Er zieht seinen Kopf wieder ein, als hätte er schon zuviel gesagt, und schiebt, gerade und eckig, die Hände in den Hosentaschen, die Schneise hinunter.

Paul Moll, fünfundzwanzig Jahre, mit dem Gesicht eines Mannes, der schon zehn Jahre in der Grube gearbeitet hat, wischt sich den Schweiß von der Stirn. Aber, merkwürdig, den Rücken überläuft es kalt; ist auch kein Wunder: Die Nebel hängen schon vor den Feuern. Sind es nur die Nebel? Er überlegt und massiert seine kräftigen Oberarmmuskeln. Warum hier stehenbleiben und die Schauer der Unsicherheit spüren? Beate wartet unten in der Kolonie.

Beate? Darüber muß er sich erst klarwerden. Was sagte eben Heinrich Hambruch? Sein bester Kamerad, Betriebsratsvorsitzender auf der Zeche und der klügste Kopf unter den Kumpels, die über die Kille zur Schicht gehen. Er läuft schnell und verbissen die Straße hinunter. Seine Blicke bohren sich in die Schottersteine, die in großen Haufen am Wege liegen. Die Regenlöcher auf der Straße sollen damit zugeschüttet werden. Unten blitzen Lichter auf. Kinder spielen am Wege, die Kolonie beginnt. Tausend kleine Häuschen, Backsteine mit einem schmutzigen, lehmfarbigen Bewurf, säumen die Straße bis zur Stadt. Die Fahrstraße reicht bis an die Haustüren, an die Rückseiten der Häuser quetschen sich überall kleine Gärtchen. Kohl, Salat, manchmal sogar Kartoffeln werden angebaut. Das Land ist schlecht, die Pflanzen sehen krank und gelb aus.

Ja, eigentlich ist die Sache mit dem Mädel merkwürdig. Alles ging so schnell. Und wie? Vor einigen Monaten, bei einer Demonstration in der Stadt, attackierte die Polizei die Arbeiter. Paul Moll bekam einen schweren Schlag mit dem Gummiknüppel über den Schädel und rollte besinnungslos in die Fahrrinne. Zwei Genossen schleppten ihn in eine Seitenstraße, denn die Polizei verhaftet auch Verwundete. In der Straße stehen Einfamilienhäuser, beginnendes Bourgeoisviertel. Vor einer offenen Autoeinfahrtstür ein junges Mädchen, das erlaubte, den Verwundeten auf den Rasen zu legen. Sie lief sogar, leichtfüßig und hellbestrumpft, in das Haus, um Wasser zu holen. Davon bemerkte aber Paul noch nichts, er erwachte erst, als sie seinen Kopf stützte. Er blickte in zwei helle, stahlhelle Augen. Darüber stand die schönste Stirn, die er sich denken konnte: breit, fest und weiß.

Wenn nicht gerade wichtige Teile durch einen solchen Hieb verletzt sind, und das war bei Paul nicht der Fall, erwachen nach einigen Minuten die Energien wieder. Er konnte aufstehen, noch grün im Gesicht und von seinen Genossen gestützt. Die hilfsbereite Dame stand einige Meter entfernt und spielte mit ihren weißen Handschuhen. Die beiden Arbeiter, wollten wieder zu ihrer Abteilung, Paul versprach nachzukommen.

Aus dem Nachkommen wurde nichts, Beate, nun, sie stellte sich gleich so vor: Beate Angermund, fürchtete einen Rückfall, nahm ohne Zögern seinen Arm und begleitete ihn nach Hause. So wäre die Sache erledigt gewesen, ein merkwürdiges Intermezzo. Am nächsten Tag aber war sie wieder da. Sie wollte sehen, wie es ihm ginge. Und dabei zeigte sie ihre starken Zähne. Nun kann man nicht verschweigen, daß der junge Bergarbeiter nach der ersten Begegnung schon einige Male in der Luft nach jenem Duft geschnuppert hatte, der keinesfalls von einer Parfümflasche herzukommen schien, aber dieses Wiedersehen paßte ihm nicht: die Tochter des gerissenen Großkaufmanns Angermund in seiner dunklen Bude. Und zwar schien ihm der Besuch eine Entweihung dieses uniformen Serienhauses, das er mit seinen Eltern und einem jüngeren Bruder bewohnte. Er hatte sie damals ein Stück begleitet, schweigend und die Hände auf dem Rücken. Sie sprach nicht viel, Bemerkungen zu diesem und jenem, was sie am Wege sahen, Unwichtiges. Im Bett an diesem Tage dachte er nach, merkwürdig, sie hat nicht von der Demonstration gesprochen, den nächstliegenden Gesprächsstoff hatte sie umgangen.

Sie sahen sich öfter. Beate trug nicht mehr den hellen, eleganten Staubmantel oder ähnliche auffallende Dinge, die ihn immer so aus der Fassung brachten, daß er einmal mit einer fadenscheinigen Begründung davongelaufen war. »Sie sahen sich öfter« stimmt übrigens nicht, seine Partei- und Gewerkschaftsarbeit ließ ihm meistens nur einen Tag in der Woche frei. Er bestimmte ihn, und Beate war damit zufrieden.

Nun, so war auch ein Tag oder vielmehr eine Nacht gekommen, in der er ihren roten, duftenden Mund zwischen seinen Zähnen hatte. Sie hielt still, wortlos wie immer. Die Tage gingen aus einem blassen Sommer in einen kalten Herbst hinüber. Seit jener zweiten Begegnung, als sie ihn in seiner Wohnung aufgesucht hatte, kam das fremde Mädchen, fremd, weil sie zur anderen Klasse gehörte, nie wieder in das Haus seiner Eltern. Er wünschte das nicht. Nur Peter, sein jüngerer Bruder, dem er blind vertraut, kennt Beate. Sie trafen sich hier und da, in der Stadt oder in der Kolonie oder vor der Zeche, meistens aber auf halbem Wege, zwischen Walzwerk und Pauls Wohnung, auf der Kille.

Auf dem Wege zu ihr überraschte ihn heute die Warnung Heinrich Hambruchs. Und dann: Herdecke! Sechs Jahre und noch nicht vergessen.

Die Dunkelheit fällt rasch über das herbstliche Land. Ein Eisenbahnzug rollt über den Damm. Die Funken der Maschine sprühen auf die armseligen Gärten der Kolonisten. Die Häuserreihe lichtet sich, eine Schrebergartenkolonie schiebt sich dazwischen. Paul wird aus einem Garten angerufen, »'n Abend, Mutter Gebauer«, antwortet er.

»Ach, Paul«, klagt über den Zaun hinweg eine in die Breite gegangene, ältere Frau. »Du kommst gar nicht mehr zu uns; früher hast du jeden Tag in unserem Garten gespielt ...«

Aus einer kleinen Holzlaube kommt ein Eisenbahner, eine lange Großvaterpfeife im Munde, und schüttelt Pauls Hände. Er spricht nichts, seine Frau besorgt alles doppelt, alle Familienneuigkeiten und Klatschgeschichten der letzten Wochen rauschen aus ihrem Munde, dann geht sie zum Garten über. Die Wintersaat wird gerade ausgelegt: Kohlrabi, Schnittpetersilie, Körbelrüben. Die Zwiebeln sind herausgenommen, morgen soll Reisig geholt werden zum Zudecken. Paul lächelt. Idyllische Besitzfreuden der kleinen Leute, denkt er, aber eine ganze Lebensphilosophie baut sich darauf und versperrt unseren Weg: Indifferenz.

Sie laden ihn ein. Das hat noch gefehlt. Er verspricht, wieder einmal vorbeizukommen und nach dem kranken Lieschen zu sehen; der Eisenbahner Bruno Gebauer bewohnt mit seiner Familie das Nachbarhaus neben Molls, sein achtzehnjähriges Töchterchen ist gelähmt von Geburt an und muß gefahren werden.

Das arme Kind, denkt Paul im Weitergehen, was hat sie vom Leben? Ihr kann nichts helfen, keine Veränderung der Klassenverhältnisse, keine Rebellion, selbst ein Arzt ist machtlos. Seine Lippen werden wieder schmal, wie immer, wenn er gegen solche Widerstände kämpfen muß.

Die Mondsichel steigt über den Bahndamm, in dem weißen Licht sieht er Beate näher kommen. Er hat sie lange warten lassen, nun kommt sie ihm entgegen, die Hände in den Taschen ihres Mantels und mit dem federnden Schritt, der alle vorübergehenden Männer zwingt, ihr mit hungrigem Gesicht nachzublicken.

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