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Der Kampf auf der Kille

Rudolf Braune: Der Kampf auf der Kille - Kapitel 16
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleDer Kampf auf der Kille
publisherVerlag Neues Leben
year1978
isbn3-88112-057-2
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171104
projectidae78daef
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Frontwechsel

Beate ist von ihrem Vater in sein Arbeitszimmer befohlen worden, sie empfindet das als durchaus unnötige Pose, dieses Spiel mit einer zeremoniellen Form, die angelernt, oder noch schlimmer, angelesen ist, denn der Großkaufmann Angermund ist aus dem Kleinbürgertum aufgestiegen. Seine Wünsche spricht er sonst an der Mittagstafel aus, wenn die ganze Familie vollzählig beisammen ist. In dieser offiziellen Befehlsübermittlung durch das Stubenmädchen liegt schon eine kleine Drohung, die Unterhaltung scheint nicht sehr gemütlich zu werden. Beate ahnt, in welcher Richtung sie verlaufen wird.

Angermund senior erhebt sich feierlich, geht ihr mit jovialem Gesicht entgegen und legt patriarchalisch-milde seine Hände auf ihre Achseln. Peinlich und unangenehm, denkt Beate, am liebsten möchte ich diese Hände abschütteln.

»Nimm Platz, ich habe dir etwas Erfreuliches zu sagen.«

Beate streicht sich über die Stirn. Noch nie hat ihr Vater eine so feierliche Eröffnung für notwendig gehalten. Das berührt sie alles nicht, kaum im schlechten Sinne, ihr Mittelpunkt ist außerhalb dieses Zimmers, auch jenseits der Gartenstraße. Die Züge hört man hier nicht mehr herüberpfeifen, und die Büsche im Garten verdecken die Sicht aus dem Fenster. Was wird wohl kommen?

»Herr von Heyd hat bei mir um deine Hand angehalten.«

»So.« Darauf war sie eigentlich nicht gefaßt.

»Nun?«

»Erwartest du eine Antwort?«

»Was heißt das? Selbstverständlich!« Seine Stimme bekommt schon jenen leicht verwunderten Klang, der Sturm ankündigt.

»Ich werde ihn natürlich nicht heiraten.«

»Ist das dein Ernst?«

»Ja.«

Angermund senior zieht an seiner Zigarette, schiebt den Stuhl vom Schreibtisch weg, geht zum Fenster. Noch immer segeln Blätter von den Bäumen. Braune, herbstliche Blätter.

»Er kommt aus altem Adel, eine selten günstige Gelegenheit für dich. Zecheninspektor, das heißt eine gesicherte Position. Zwei Güter im Bergischen, eine große Jagd. Er ist ein stattlicher Mann, er hat ...«

»Und wenn ihm der Mond gehört, ich heirate ihn nicht.«

»Warum?« Seine Jovialität ist verschwunden.

»Ich liebe einen anderen.«

»Was ist der?«

»Grubenarbeiter.«

Auf diese abschätzende Frage zu antworten, das merkt Beate zu spät, war eine Dummheit. Sie hat stolz diese Antwort gegeben, mit jenem aufrichtigen Stolz, der aus dem Herzen kommt, und die Antwort des Vaters ist Hohn gewesen, Wut, schließlich besinnungsloses Schimpfen und, als sie die Tür öffnete, um zu gehen, der nachgebrüllte Befehl: »Du verläßt das Haus nicht mehr, verstanden!«

Sie geht in das weiße Zimmer hinauf und überlegt. Der Vater wird sich beruhigen, aber nun beginnt die unterirdische Minierarbeit, das Sticheln und Zanken, der gereizte Ton. Hat es noch Zweck hierzubleiben? Den ersten Schritt hatte sie schon damals getan, als Paul verwundet auf dem Rasen lag und sie seine Stirn kühlte, jetzt kann sie probieren, ob ihre Kräfte für die nächste Etappe langen, selbständig, ohne Hilfe von außen, sich durchbeißen.

Also packen! Aber was? Sie sieht sich um. Was braucht sie? Hat sie noch Bilder, Briefe, Erinnerungen? Paul schreibt nie. Also bleibt nur ihre Wäsche übrig, ein einfaches Waschkleid, Hemden, Strümpfe, nicht viel. Sie zieht sich fertig an und packt einige Sachen in ihren Handkoffer. Alles erreichbare Geld stopft sie in ihr Handtäschchen. Sie sieht sich noch einmal um. Fern taucht der Gedanke auf: Wirst du mal Sehnsucht nach dem weißen Zimmer kriegen? Gefühlsduselei. Die Tür klappt zu. Sie dreht sich nicht um, und ihr ist es egal, ob sie von ihren Eltern oder von ihrem Bruder gesehen wird.

Wohin? In die Kolonie. Paul hatte sie auf Heinrich Hambruch verwiesen. Dem wird sie erst mal alles erzählen. Draußen trifft sie ihn aber nicht. »Heinrich Hambruch.« Der mehlbestaubte Bäckermeister nebenan schüttelt den Kopf. »Der ist doch aus der Grube geflogen, da kann er auch nicht mehr hier wohnen.« So lernt sie als erstes in der Kolonie das Zwangssystem kennen, das die Grubenherren gut in ihre Rechnung einkalkuliert haben: Wer entlassen wird, verliert seine Wohnung.

Etwas hilflos sieht sie sich um, die Koloniestraße liegt verlassen und still da. Aus dem Hausgang erkundigt sich jemand: »Sie wollen zu Hambruch? Der ist jetzt bei Mutter Kauschen. Immer gradeaus über die Kille.«

Ein junger Bursche, so einer, den man Rowdy nennt, mit offenem Hemd und schiefer Schiebermütze, kommt aus der Haustür. »Ich zeige Ihnen den Weg.«

»Danke.«

Schweigend stapfen sie nebeneinanderher, der Junge, die Hände in den Hosentaschen, ohne sich weiter um sie zu kümmern. Viele Männer stehen vor den Häusern, ein seltener Anblick in der Kolonie; an der »Rose«, dem Streiklokal, drängt sich ein diskutierender Haufen vor einem Anschlag, die neuesten Bekanntmachungen der Kampfleitung. Der Streik geht weiter. In den Bergarbeiterbaracken schleicht aber schon jene gedrückte Stimmung herum, die immer in einem bestimmten kritischen Moment die Niederlage unvermeidlich erscheinen läßt. Nur eiserne Entschlossenheit und der Elan der Führung kann über diesen Punkt hinweghelfen.

Sie kommen ins Freie. Die Felder sind abgeerntet. Tot, unfruchtbar, herzerstarrend erwarten sie den Regen, der hier unten den Winter anfüllen wird. Raben ziehen kreischend hoch, über der Kille fällt ein Schuß, in den Forsten wird gewildert.

»Warum der Berg wohl Kille heißt?« Das sind die ersten Worte ihres Begleiters, seit sie die Kolonie verlassen haben. Er spricht mehr für sich als für Beate, sein erfahrener, wissender Mund zieht sich zusammen. »Vielleicht, weil sie so viele da oben gekillt haben«, antwortet er sich selbst und zeigt zur Stadt hinüber, wo »sie« sitzen, die Herrschenden, die Kommandeure, die Angermund und Co.

Hinter der Kille senkt sich der Weg, geht wieder hoch zur Grube, die tot und leblos am Abhang hängt. Über die große Abraumhalde führt ein kürzerer Weg. Hinter dem Güterschuppen bleibt der Arbeiterjunge stehen und zeigt den Weg hinunter. »Das erste Haus links, drei Treppen hoch wohnt Mutter Kauschen. Tschüß!«

Sie findet das Haus, Heinrich Hambruch ist da und weißt gerade die Küche. Er hört sich ihre Geschichte an. »Dumm, sehr dumm!« bemerkt er schließlich, läßt sie stehen und geht hinaus. Sie kann sich nun überlegen, was denn eigentlich dumm ist. Ihre Flucht aus dem Elternhause oder der Versuch, gerade hier Rat zu finden?

»Nehmt sie in die Rote Hilfe«, meint draußen Mutter Kauschen, »da fehlen doch Leute.«

Hambruch kratzt sich an dem kleinen Spitzbärtchen, das er sich seit einiger Zeit zugelegt hat. Er ist mißtrauisch. Zu lange kann er das Mädchen aber auch nicht in der Küche allein lassen, er dreht sich um und murmelt: »Wollen mal sehen.«

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