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Der Kampf auf der Kille

Rudolf Braune: Der Kampf auf der Kille - Kapitel 14
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleDer Kampf auf der Kille
publisherVerlag Neues Leben
year1978
isbn3-88112-057-2
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171104
projectidae78daef
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Verrat

Nach den trüben Tagen und der Regennacht beginnt der Sonntag mit einem hellblauen, schneidendkalten Septemberhimmel. Die Glocken wehen feiertäglich durch die leeren Straßen des Bergarbeiterstädtchens. Ein Fenster klappt verschlafen auf, etwas später rollt ein leeres Polizeiauto der Stadt zu. Dann klappert ein Milchwagen vorüber, die Arbeiterfrauen erscheinen mit Krügen und Töpfen an den Türen. Die Glocken hören auf zu baumeln, alles wird wieder still. Plötzlich hämmert irgendwo ein Lautsprecher los. Das Vormittagsprogramm beginnt, aber schon wird das Fenster geschlossen, und nur fern schwirrt noch manchmal eine Ahnung der Radiomusik durch die klare Herbstluft.

Nur die Kinder sind völlig wach, am »alten Joch« jagen die Jungens einen Drachen hoch, die Mädels sitzen im feuchten Gras und frisieren einen alten lahmen Pudel, der geduldig stillhält.

»Stine«, sagt eine Kleine mit einem ernsten Gesicht, »gib mal dein Taschentuch rüber.« Das Mädelchen hat ihre kleinen Arme auf dem Rücken des Pudels. Über dem Gelenk ihres linken Armes fließt Blut aus einer Wunde. Die anderen sehen aufmerksam zu, und Mieke verbindet ihr mit dem Taschentuch das kaputte Gelenk, es sieht aus, als wäre mit einem Stock darübergeschlagen worden.

»Sie hätten mit dem Streik nicht aufhören sollen«, meint die kleine Verwundete ernsthaft, »dann hätten wir auch keine Prügel bekommen.«

»Wann ist dein Vater aus der Versammlung wiedergekommen?« erkundigt sich ein anderes Mädel.

»Huh – so spät. Ich schlief schon, er hat Mutter geschlagen, er hat uns alle geschlagen und war besoffen.«

Mieke läßt den Pudel los und erklärt ihren kleinen Freundinnen: »Gestern abend sind sie alle in der ›Rose‹ gewesen, und da hat ihnen ein Mann aus der Stadt gesagt, sie sollen wieder in die Grube fahren. Großvater hat es alles der Mutter erzählt, heute nacht. Und da haben die anderen geschrien: ›Wir wollen nicht wieder in die Grube.‹ Aber unser Paul und seine Freunde sind nicht dabeigewesen.«

Der Drachen ist jetzt glücklich hochgekommen, die Jungens rollen die Schnur los und jagen die Straßen hinunter. Die Mädchen bleiben sitzen und erörtern zum dreißigsten oder vierzigsten Male, wo ihr Freund Paul hingeraten sein könnte. Und der Pudel streckt seine Schnauze unter Miekes Kleid.

Über den Wiesen vor der Kille steht jetzt klar und kalt die Sonne. Tausend silberne Tropfen blitzen auf. Der Tag wird schön. Unten auf der Landstraße kommen die ersten Kumpels. An der Wegkreuzung Walzwerk-Grubenstraße bleiben sie stehen. Nichts deutet darauf hin, daß sie heute morgen, dem Beschluß ihrer Gewerkschaftsinstanzen folgend, die Arbeit aufnehmen werden. Es sind drei Mann, einer hat ein Fahrrad mit. Vom Walzwerk kommt ein träges, dunkles Abwasser durch die sumpfigen Wiesen, die Straße führt darüber hinweg. Das Wasser ist nicht breit, die Brücke aber unförmig aus Quadersteinen. Auf diesen Steinblock setzen sich die drei und baumeln mit den Beinen. Fiete Dossen bläst seine Pfeife aus und stopft Tabak hinein. Der Rauch zieht weithin sichtbar in die klare Luft.

»Richard wird auch einfahren, da steht seine Frau dahinter!«

»Na ja, ein paar ganz Verbissene folgen der Parole, aber ihre Bonzen werden eine Niederlage erleben, an der sie noch lange zu beißen haben.«

Fiete nimmt die Pfeife aus dem Mund. »Trotzdem ist der Streik eine erledigte Sache.«

Über den Berg schwankt ein Polizeiauto, die Besatzung sieht schweigend und feindselig auf die Arbeiter hinunter. Die drei Kumpels blicken dem Wagen nach.

»Mit den Faschisten, die jetzt den Betrieb in Gang bringen sollen, werden wir bald fertig werden, aber daß Leute aus unseren Reihen, Kameraden von gestern, den Verrat mitmachen, das ist das schlimmste.«

Fiete nimmt die Pfeife wieder aus dem Mund und zeigt unbestimmt irgendwohin.

»Tja, mein Lieber, wenn die Herren oben im Vorstand pfeifen ..., das alte Lied!«

Der andere spuckt in weitem Bogen aus. »In die Fresse könnt ich die Bande hauen.« Seine rechte Hand beschreibt eine entsprechende Geste und hätte beinahe in Heinrich Hambruchs Gesicht gesessen, der eben vom Rad springt.

»Aber bitte, mir nicht!« Sein unbewegliches Gesicht hat sich nicht verändert.

»Die Arbeitswilligen kommen nicht einzeln, die Sipo wird die Lumpen unter Bedeckung hinschaffen. Die Sache ist für uns außerordentlich günstig, und wir müssen nur aufpassen, daß sich alles propagandistisch für die Partei auswirkt. Wenn in der nächsten Viertelstunde nichts passiert, könnt ihr rüberkommen. Der Spaß geht Punkt neun Uhr los.« Er springt auf sein Rad, um die anderen Verbindungsposten zu kontrollieren.

»Dufter Junge«, meint einer der Arbeiter anerkennend. Lächelnd, mit dem Gefühl kameradschaftlicher Hochachtung sehen sie dem Davonradelnden nach.

Viel passiert nicht mehr, auf der Walzwerkschneise kommt ein Arbeitertrupp von dem kleinen Ausläuferblock der Kolonie, die unten an der Kille liegt. Da wohnen die Jungen und Entschlossenen, unter ihnen ist kein Streikbrecher. Ihre Frauen marschieren mit, eine rote Fahne flattert über ihren Köpfen. Die aufspringende Sonne blitzt in den Goldfädchen, die auf das rote Tuch gestickt sind, der Name der Belegschaft und eine geballte Faust. Fiete Dossen und seine Genossen schließen sich dem Zug an, alle drücken ihnen die Hände. An der Spitze marschiert ein baumlanger Kerl, Betriebsrat auf der Nachbarzeche, er trägt die Fahne. Seine junge Frau, ein schmales blondes Ding mit unwahrscheinlich großen Kornblumenaugen, marschiert kräftig und mit frischem Gesicht neben ihm, an jeder Hand einen kleinen kornblumenäugigen Jungen. Das Rotgardistenlied springt auf und knallt durch die kalte Luft:

»... kommen im Arbeiterkittel daher,
sie tragen Hammer und Sichel als Zeichen,
die Hundertschaften der Arbeiterwehr ...«

Und stolz, wie ein Siegesschrei, jubeln die Marschierenden: »... seht nur her!«

Die Kinder laufen ihnen entgegen. Mieke hängt sich an Fiete Dossens Arm und fragt als erstes nach Paul. Auch er weiß nichts. Hoffentlich geht er heute Morgen nicht in die Kolonie, denkt Fiete, zuzutrauen ist es ihm.

Die Arbeiter sind in der letzten Zellenversammlung benachrichtigt worden, daß Paul Moll »illegal« ist, aber nur Hambruch scheint seinen Aufenthaltsort zu wissen. Vielleicht hält er sich gar nicht mehr im Industriegebiet auf. Auch möglich.

Die Kolonie ist lebendig geworden. Frauen unterhalten sich von Tür zu Tür, am offenen Fenster rasiert sich ein Kumpel, andere sitzen in Hemdsärmeln am Kaffeetisch. Vor der »Rose« stehen schon diskutierende Arbeitergruppen, als der Zug einschwenkt. Von Gruppe zu Gruppe begrüßen sich Freunde. Eine Abteilung Rotfrontkämpfer tritt im Hofe des Restaurants in Viererreihen zusammen. Ein Alter mit kleinen, flinken Augen und einem stacheligen Schnurrbart spricht in der Mitte eines großen Zuhörerkreises. »Die Gewerkschaft wird wohl am besten wissen, wie ein solcher Kampf zu führen ist! Wir werden den Streik abbrechen, und wenn die Gelegenheit günstig ist ...« Seine Zuhörer lachen ihn aus.

»Wie oft hast du denn das schon gehört, Pitter, he?«

Eine Geschichte macht die Runde: August Grocker, ein angesehener alter SPD-Arbeiter, hat sein Mitgliedsbuch zerrissen. Ungefähr dreißig von den siebenhundert Kumpels aus der Kolonie werden aber der Streikbruchparole folgen und heute wieder mit der Arbeit anfangen. Um den Streik vollständig abzuwürgen, sollen außerdem technische Nothilfe und freiwillige Werkshelfer eingesetzt werden. Die freiwilligen Werkshelfer wurden auf dem Stahlhelmbüro geworben.

Glitzernden, hellen Wind wirft der Morgen über die Kille, die letzten Blätter wehen von den Bäumen. Die großen Tore der Zeche Prinz Heinrich öffnen sich. Hinter dem Rücken der Polizisten blicken die ängstlichen Gesichter der Grubenbeamten die Straße hinunter. Noch kein Arbeiter ist zu sehen.

Unten laufen brüllend die kleinen Jungens zum Sammelplatz der Arbeiter.

»Sie kommen, sie kommen!« Schon pfeift das kleine Überfallauto um die Ecke, sechs Soldaten sitzen darin, jeder hat ein Gewehr in dem Arm liegen, der nach außen auf den Rand des Autos gestützt ist. Hinterher pflastert das Faschistenauto, ein großer Lastwagen. Die Leute ducken sich unter den Rufen, mit denen sie überschüttet werden.

»Hunde! Schufte!«

»Verräter!«

»Weiße Banditen!«

Gleich wird der nächste Wagen kommen. Der Platz zwischen der »Rose« und der gegenüberliegenden Schlächterei ist mit Menschen angefüllt. Große, primitiv gemalte Transparente schweben über ihnen. »Wollt ihr eure Kollegen verraten?« – »Kein Mann geht in die Grube zurück!« – »Verteidigt die russische und chinesische Revolution!« (Dieses Plakat stammt noch von der letzten Demonstration.)

Außer jenen Fahnen aus dem Walzwerktal leuchtet nichts Rotes, denn heute marschieren die Kumpels nicht zu einer friedlichen Demonstration, heute werden sie wohl eine Schlacht schlagen müssen.

Aha! Das zweite Auto trillert. Schon im voraus pfeift und johlt der Platz los: »Nieder mit den weißen Mördern! Euch soll die Lust am Streikbrechen vergehen!«

Vielleicht bilden sich die Arbeiter das nur ein, aber die Kerls auf dem zweiten Auto sehen entschlossener, frecher aus. Das Auto stampft und hupt langsam durch die wogenden Arbeitermassen. Da speit einer grinsend vom Lastauto herunter, aber ehe er noch das zugehörige Schimpfwort herausbringt, zerhaut ihm ein gut gezielter Stein die Nase. Der Wagen hält. Die Polizisten springen herunter.

»Wer war es?«

Der kommandierende Offizier, ein junger Kerl mit einem Klemmer, läßt die Gewehre entsichern. Rücksichtslos hauen die jungen Beamten auf die Arbeiter ein. Aber hier in der Kolonie, im Zentrum der revolutionären Avantgarde, spielt sich ein Straßenkampf etwas anders ab als in der Stadt. Die Arbeiter fliehen nicht. Sie denken nicht daran. Sie bleiben stehen. Schon hängt ein alter Kumpel, der bald sechzigjährige Bertelmann, von dem zwei Söhne drüben im Kreisgefängnis wegen politischer Delikte sitzen, an so einem jungen Bleichgesicht, dessen Tschako verrutscht. Gleich werden sie sich ineinander verkrampfen und verbeißen. Darauf war der Offizier nicht gefaßt. Er zögert einen Moment. Zur rechten Zeit drängt sich Hambruch durch die erste Reihe mit einem anderen Genossen, einem Stadtverordneten. Sie legitimieren sich. Langsam weichen die Arbeiter zurück, eine Abteilung Rotfrontkämpfer schiebt sich zwischen Polizei und Kumpels. Hand an Hand sperren sie die Straße ab. Der Offizier weigert sich, mit den beiden verantwortlichen Führern der Demonstranten zu sprechen, dann gibt er einen Befehl. Die Polizisten springen wieder auf. Der letzte Wagen rattert davon.

Im Hof der Schlächterei steht noch ein Lastauto, mit dem sollen die Arbeitswilligen der Kolonie fahren. Warum hat man ihnen das Auto geschickt, warum sollen sie ihren täglichen Gang nicht auch heute zu Fuß zurücklegen? Aus Gründen der Sicherheit? Kein Polizeiauto wird diesen Kraftwagen begleiten, und der Chauffeur beginnt schon ungeduldig zu hupen. Warum also? Auch der kleine Trupp der Arbeitswilligen fühlt sich nicht so recht wohl. Sie haben hier im Hof den Zwischenfall draußen mit angesehen. Niemand beachtete sie, als die Söldlinge der Kohlenbarone vorbeigefahren wurden. Jetzt aber geht der Spektakel los. Die Männer und Frauen, vor allem die Frauen, stürzen in den Hof.

»Denen wollt ihr also helfen!« – »Das sind eure neuen Freunde!«

Der Hof ist mit schreienden Menschen gefüllt, die alle versuchen, sich einen Weg in jene Ecke zu bahnen, wo das kleine Häuflein der Arbeitswilligen neben ihrem Lastwagen steht.

»Eine schöne Bagage seid ihr«, ruft eine große robuste Frau, »haut sie doch zusammen!« Und es sieht aus, als wolle sie anfangen. Hambruch schiebt sie beiseite, zwei Rotfrontkämpfer treten vor, auf ihre Schultern steigt der Bezirkssekretär der Partei und hält sich mit beiden Händen an der Mauer fest. »Arbeiter und Arbeiterinnen ..., ein schmählicher Verrat ..., der Streik geht weiter ...«

Schon als draußen die Streikbrecherautos vorbeidonnerten, hatten einige der Arbeitswilligen, die dem Beschluß ihrer Partei Folge leisten wollten, den Platz verlassen und waren nach Hause gegangen. Die Reue hatte sie gepackt, jetzt, während der kommunistische Bezirkssekretär das Fazit des Kampfes zieht, wird das Häuflein noch kleiner.

Hambruch dreht sich um und lächelt. Eine Seltenheit bei ihm. »Eine gute politische Auswertung, was! Die Reformisten werden hochgehen.« Aber da erstirbt sein Lächeln. In der zweiten Reihe steht Paul Moll und blickt zu den Verrätern hinüber. Schon will er den Unvorsichtigen heranwinken, da hindert ihn wieder etwas. Das Auto rattert nämlich los. Die kleine Schar der Streikbrecher springt auf den Wagen. Sie wollen natürlich nicht die Aufzählung ihrer Sünden ruhig anhören. Der Sekretär schließt schnell seine Rede: »... eure überstürzte Flucht ..., Zeichen eures Schuldgefühls ..., ausgestoßen aus den Reihen des kämpfenden Proletariats ...«

Langsam schiebt sich der Wagen dem Ausgang zu, ganz hinten steht der alte Moll und winkt entschuldigend dem Redner zu. »Beschluß ist Beschluß.« Ehe der Wagen aber auf die Straße kommt, hängt ein Arbeiter am Wagen. »Was? Beschluß ist Beschluß, und auf Solidarität wird gepfiffen? Wie? Was sagst du nu? He!«

Der alte Moll sieht seinem Jungen ins Gesicht. »Wir verstehen uns nicht.« Der Alte schüttelt den Kopf, sein müdes, zerkämpftes Arbeitergesicht wendet sich ab. Darauf findet Paul keine Antwort. Er springt vom Wagen. Das Auto fährt donnernd den Berg hinauf.

Eine müde Stunde geht vorüber. Die Streikenden sind über die Kille marschiert. Ihr täglicher Weg zur Grube. Die Tore sind wieder geschlossen, durch den eisernen Zaun sehen sie die Lastwagen im Hof stehen. Die Polizeimannschaften patrouillieren auf und ab, ihre Gummiknüppel wippen. Die Kumpels draußen singen abwechselnd die Internationale, den Rotgardistenmarsch, das Hundertschaftenlied. Ihre Kinder spielen und jagen auf der Straße, ab und zu spricht einer, ein Betriebsrat, ein Parteiarbeiter, ein Funktionär, einmal auch Käthe Brinkmann. Ihre junge, helle Stimme hämmert auf die Lauschenden. Die Arbeiter klatschen ihr mächtig Beifall, vor allem die Frauen. Käthe ist beliebt, Fiete versäumt hier eine Gelegenheit. Er sitzt mit den verantwortlichen Parteiarbeitern oben bei Mutter Kauschen. Alle sind zufrieden mit der Demonstration, der Kampf muß weitergeführt werden. Die Grubenverwaltung wird nicht lange mit den unerfahrenen Helfern arbeiten können.

Paul löffelt einen Teller heiße Erbsensuppe. In einer Stunde wird er fahren. Nach Berlin. Hambruch reicht ihm die Adressen, die er braucht, wo er sich nach Linke erkundigen soll, wo er schlafen soll.

»Wir haben der Parteileitung deine Absichten mitgeteilt.«

»Ist gut.«

Paul Moll steckt die Papiere ein und packt die Butterbrote zusammen, die ihm Mutter Kauschen geschmiert hat.

Hambruch fängt wieder an: »Wirst du auch deine Schwester besuchen?«

»Höchstwahrscheinlich.«

Der kleine Ofen summt in der Ecke, der weiße Kater schnurrt mit.

»Kannst ihr sagen, es wäre alles noch wie früher zwischen uns.«

»Hm.«

Die Zeit vergeht. Paul verabschiedet sich von seinen Kameraden. Sie bleiben sitzen und drücken ihm die Hand.

»Komm bald wieder«, ruft ihm einer nach, dann drehen sie sich um und schreiben weiter.

Die Kumpels sind gruppenweise abgezogen, denn die Stunde des Mittags steht über dem Kohlenland. Aus einer Esse am Verwaltungsgebäude zieht dünner Rauch. Die Kinder spielen noch draußen, einige unentwegte Versuche, mit den Polizisten eine Diskussion zu eröffnen. Paul meidet die Grubenstraße. Er läuft unten über die Wiese, dann kommt eine Stelle, da liegt ein Brett über dem Bach. Im großen Bogen zieht ein Streifen Schrebergärten über die Felder. Ein schmaler Weg führt vorüber zum Bahndamm. Paul will wieder von jener kleinen Station, deren Schienen er in der vergangenen Nacht schon einmal überschritten hat, abfahren. Das ist sicherer für ihn.

Hier und da arbeiten Leute in den Schrebergärten. Der Boden wird umgegraben, Reisigbündel zum Zudecken aufgestapelt, die letzten Herbstastern geschnitten. Silbern schüttelt der Wind vorüber. Paul schreitet weit aus, zieht die klare Luft ein, die bald wieder von dem Gestank der warmen Halden verdrängt sein wird, und spürt wie manches Mal an selten guten Tagen, daß sein Herz leichter wird. Der Rauch seiner Zigarette zieht vor ihm her. Über den Bahndamm dröhnen fröhliche Sonntagszüge. Jetzt kommen schon die ersten Familien zum Nachmittagsspaziergang. An der ersten Bahnabzweigung, hinter der Blockstelle, fällt gerade der Schlagbaum. Nun, er kann warten, er hat noch etwas Zeit. Ein Mann bittet ihn um Feuer, ein kleiner Beamter im Sonntagsanzug: Oben zwängt der steife Kragen den Hals ein, darunter breit und altmodisch eine schwarze Krawatte. »Danke Ihnen sehr!« Er zieht mit gespitztem Mund an seiner Zigarette. »Schönes Wetter heute, was?« Paul bestätigt das. »Der Herbst ist gut für die Kartoffeln, aber wir sollen einen strengen Winter kriegen. Wie denken Sie darüber?« Paul muß sich sagen, daß er darüber eigentlich noch nicht nachgedacht hat.

»'s ist möglich. Schlecht für die Leute, die sich keine Kohlen kaufen können.«

Der Schlagbaum geht hoch. Neben ihm trippelt, schon als wären sie eng befreundet, das kleinbürgerliche Individuum. In seinem Schatten zieht die Familie hinterher: eine unscheinbare Frau, eine sorgfältig aufgeputzte Rotznase von vielleicht siebzehn Jahren mit einem grellblonden Bubikopf und ihr sehr minderjähriger Bruder, der ständig ermahnt wird.

»Nimm die Hände aus der Tasche! Wissen Sie, wir kriegen Deputatkohlen, da geht es noch.« Also doch ein Kumpel, denkt Paul erstaunt.

»Aber ich kann nicht verstehen, wie die Leute bei jedem Dreck streiken. Das bringt doch die Wirtschaft durcheinander, und wer bezahlt den Schaden? Wir, bloß wir! Wir Beamten ...«

Aha, denkt Paul, deine Lebensphilosophie riecht doch zu sehr nach Gehaltsklasse und Schnürchen. Der Junge kriegt unterdessen eine Ohrfeige. Paul merkt nicht einmal, warum, auch die staatspolitischen Erwägungen des Papas leiden nicht darunter. Vom Streik kommt der sehr gesprächige Mann zur politischen Lage im allgemeinen, ein »General-Anzeiger«-Leitartikel schnurrt herunter, schnell ist er bei der Sittenverderbnis. Paul hört ruhig zu, denn der Bahnhof ist nicht mehr weit.

»Heute nacht ist wieder etwas Furchtbares passiert. Haben Sie schon die Morgenausgabe gelesen? Nicht? Ein Schutzmann erschossen!«

Wenn der Mond in Stücke gegangen wäre, hätte er das auch nicht imponierender sagen können. Paul ist das furchtbar egal, er will den aufgeregten Kleinbürger aber nicht vor den Kopf stoßen und fragt mit geheucheltem Interesse: »Von wem?«

»Er will seinen Namen nicht nennen! Na, den werden sie bald kirre machen. Und wissen Sie, wobei sie ihn erwischt haben? Der schwere Junge wollte ein Mädchen vergewaltigen!« Er flüstert mit vorgeneigtem Kopf. Nicht einmal seine Frau darf das unanständige Wort verstehen.

»Großartig«, platzt Paul heraus, der nicht ganz bei der Sache ist, zieht vor der verdutzten Familie seine Mütze und verschwindet im Bahnhof.

Zwei Uhr vierundzwanzig fährt der Zug, zehn Minuten später ist er in Essen. Hier muß er noch eine knappe halbe Stunde auf den Berliner Zug warten. Er schlendert über die Bahnsteige, sieht zu, wie eine Maschine Wasser übernimmt, studiert die aushängenden Fahrpläne, dann sucht er sich in dem halbleeren Zug einen Fensterplatz und wartet auf die Abfahrt.

Drüben steigt Arthur Halm aus einem eben eingefahrenen Zug, die Diensttasche in der Hand. Paul öffnet sein Fenster und brüllt hinaus: »Arthur!«

Der kommt herüber, langsam, mit finsterem Gesicht, das ist Paul bei dem lustigen Jungen nicht gewohnt.

»Was machst du für ein Gesicht.«

Der andere sieht ihn an. »Du weißt noch nichts?«

»Was denn?«

Er winkt, Paul steigt aus. Viel Zeit ist nicht mehr, die Schaffner schließen schon die Türen.

»Weißt du, wo dein Bruder ist?«

»Nein.«

»Im Gefängnis.«

Züge dröhnen durch die Halle. Verkäufer schreien. Pfiffe, Abschiedsworte, Küsse.

»Peter hat einen Polizisten ermordet, man hat ihn bei Angermunds gefaßt.«

»Bei – Angermunds?«

Ein Ruck geht durch den Zug.

Vielleicht braucht er jetzt nicht mehr nach Berlin zu fahren, wenn Peter das getan hat, dann ist er auch zu anderen Dingen fähig. Dann ist vielleicht auch Herdecke schneller zu erklären. Warum ist sein Bruder denn in Beates Haus eingedrungen? Er hört die wacklige Stimme des Sonntagsspaziergängers wieder: »... der schwere Junge wollte ein Mädchen vergewaltigen!«

Ein langer, schriller Pfiff. Arthur Halm klopft ihm auf die Schulter: »Mensch, halte dich gerade!« und geht fort. Der Zug fährt los. Warten? Zurückgehen? Nein, halte dich gerade!

Er faßt den nächsten Türgriff, springt auf das Trittbrett des fahrenden Wagens, geht in ein Abteil. Unter ihm dröhnen die Schienen.

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