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Der Kampf auf der Kille

Rudolf Braune: Der Kampf auf der Kille - Kapitel 13
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleDer Kampf auf der Kille
publisherVerlag Neues Leben
year1978
isbn3-88112-057-2
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171104
projectidae78daef
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Zwischen Nacht und Morgen

Beate öffnet die Gartentür, auf dem kiesbelegten Vorplatz schimmern die Lichter zweier Privatautos. Heute abend ist Herrengesellschaft. An jedem Samstag sitzt der Großkaufmann Angermund mit seinen Freunden im Rauchzimmer, er ist ein spendabler Gastgeber. Vielleicht kommt sie unbehelligt vorüber. Man begrüßt wohl die Damen des Hauses, aber diese nehmen an den internen Herrenvergnügen nicht teil. Außerdem, zu dieser vorgerückten Stunde werden die Gäste sicher bald nach Hause fahren.

Wann bin ich je so spät nach Hause gekommen, denkt sie, und das nun Nacht für Nacht. Die streikenden Bergarbeiter brauchen Hilfe. Flugblätter müssen verteilt werden, Broschüren in Versammlungen verkauft, die Internationale Arbeiterhilfe braucht Kleidungsstücke und Lebensmittel, freiwillige Helfer holen alles zusammen in den Arbeitervierteln bei den kleinen Geschäftsleuten. Beate lernt auf ihren Gängen, treppauf, treppab, Hinterhaus, Kellergeschoß, Dachböden, die armen Leute kennen, die dort wohnen, jahrelang mit der irrsinnigen, verzweifelten Hoffnung auf das Glück. Die Jungen, die noch kämpfen und um sich schlagen, die Männer, verbissen und monoton den gleichen Gang in den Betrieb, Frauen, jedes neue Kind ein Grund mehr zum Verzweifeln, die ganz Alten, nutzlos und still dem Ende zu, und die Kinder, die verwunderten und schon so überlegenen Gesichter mit den großen und hellen Augen, die Hoffnung der proletarischen Klasse.

Oben auf der Treppe steht ihr Vater. »Na, beginnst du jetzt auch mit dem Spätnachhausekommen!« Sein glattes, routiniertes Gesicht lächelt.

Beate schiebt die Unterlippe vor und ärgert sich über seinen Irrtum. Ihre Zimmertür steht weit offen, sie knipst Licht an. Da ruft der Vater noch einmal von unten herauf: »Warum hast du deine Rumpelkammer verschlossen?«

Beate erschrickt, haben sie etwas gemerkt? Was soll sie antworten? Da beruhigt sie schon die Erklärung ihres Vaters, die er entschuldigend hintenan hängt: »Ich wollte nämlich dein Photoalbum holen.«

Unten wird es wieder still. Sie lauscht eine Weile, nichts rührt sich, dann dreht sie sich langsam um und schließt ihre »Rumpelkammer« auf, ein kleines Zimmerchen neben ihrer weißen Stube, in dem allerlei Antiquitäten liegen. Reisekörbe, gefüllt mit Büchern, Briefen, vertrockneten Blumen, Tanzfächern. Schön verschnürt liegen da Serienbilder, daneben beweinen zerbeulte Puppen ihr trauriges Alter. Ein kleiner Puppenwagen, ein kleiner Kaufmannsladen, Bälle, Bilder, Sportgeräte, Requisiten einer glücklichen Kindheit.

Die Helle des Ganges schlägt in die kühle Dunkelkammer, eine männliche Stimme nähert sich: »Sie haben mich lange warten lassen!«

»Psst!« Beate legt den Zeigefinger ihrer rechten Hand, einen festen, kräftigen Finger, dessen Horn im elektrischen Licht aufglänzt, gegen ihren kleinen Mund und beugt sich über das Geländer nach unten.

»Gehen Sie schnell in mein Zimmer!« Aber der Mann hat anscheinend Zeit, auch sieht er den lockenden Finger gegen den lockenden Mund und nähert sich dem Mädchen von hinten.

»Gehen Sie weg!« Seine Hand fliegt von ihrer Hüfte, und das Mädchen vergißt plötzlich, daß man sie von unten hören könnte.

»Gehen Sie hier hinein, schnell!« Er verschwindet, weniger verblüfft als vielmehr selbst daran interessiert, daß niemand seine Anwesenheit bemerkt, im weißen Zimmer. Die Tür schließt sich von außen, er hört, wie sie draußen hin und her geht. Sie rumort eine Weile in der Rumpelkammer, eine kleine Zeit vergeht, er hört nichts mehr. Dann kommt sie wieder herein, eine braune Haarwelle liegt über ihrer Stirn, ihre kleinen schmalen Augen, der zusammengekniffene Mund, alles an ihr droht dem Fremden, der sie aufmerksam beobachtet. Sie bleibt an der Tür stehen und hält hinter ihrem Rücken eine Hand auf der Klinke.

Von unten kommt Grammophonmusik herauf. »Mit Ihnen möchte ich mal tanzen«, flüstert der Mann mit einem unsicheren Gesicht, steckt seine Fäuste in die Taschen und nähert sich ihr.

»Bleiben Sie stehen.« Ihr Gesicht zieht sich noch mehr zusammen. »Sie haben sich hier eingeschlichen, Sie haben mir gesagt, Ihr Bruder hätte Sie geschickt. Ich habe Ihnen geglaubt. Ich war so dumm, darauf hereinzufallen. Ich habe Sie versteckt, vielleicht hätte ich Ihnen sogar weitergeholfen, selbst nachdem mir Genossin Winter ...«

»Aha«, meint Peter Moll und wippt mit den Schuhen auf und ab.

»Ja, ja, glauben Sie nur nicht, daß ich keine Freunde habe. Genossin Winter hat mir erzählt, warum Sie sich vor der Polizei verstecken müssen. Nicht wegen politischer Dinge, wie Sie mir vorschwindelten! Und ihr Bruder weiß gar nicht, wo Sie sind!«

Peter Moll lächelt, überlegen und spöttisch. »Er weiß es nicht, weil er sich mit Ihnen gekracht hat und weil er auf Sie pfeift!«

Beate klammert sich an die Klinke. »Das will ich von Ihnen nicht wissen, ich weiß aber, warum Sie hierhergekommen sind, und Sie verlassen jetzt dieses Haus. Sofort. Ohne zu zögern! Verstehen Sie!«

Peter Moll zieht die Augenbrauen hoch, aha, daher pfeift der Wind. Er schnipst etwas Unsichtbares aus der Luft, greift an den Hut, geht zur Tür. Beate öffnet sie langsam.

»Kind, mach keine Dummheiten. Ich werde heute bei dir bleiben.«

Sie öffnet nun die Tür weit. »Gehen Sie still hinunter oder ... oder ...« Eine Hand klammert sich um ihren rechten Arm, das harmlose Gesicht Peter Molls verändert sich. Adern treten auf der Stirn hervor. Das Kinn zittert.

»Einen Ton, meine Kleine, und ich gehe zu deinem Vater. Ich weiß alles! Verstanden!«

Entsetzt blickt sie in dieses Gesicht, reißt sich los und springt zum Geländer. Es ist ihr egal, ob jetzt ihr Vater herauskommt. Aber ehe sie noch etwas sagen kann, rennt der Angreifer schon die Treppe hinunter. Unten bleibt er eine Weile im Flur stehen. Er überlegt. Dann öffnet er langsam und ruhig die Tür und geht hinaus. Beate hört seine Schritte auf der Straße. Unten bleibt alles still. Niemand hat etwas gehört.

»Auch gut«, spricht Beate vor sich hin, ungerührt, aber ihre Stimme zittert leicht. Der Weg nach der anderen Seite ist nicht einfach, ich muß mich durchbeißen. Sie schließt das Fenster, dem Regen folgt die Kälte. Das ist eine Nacht und vielleicht nicht einmal die schwerste. Noch einige Stunden, und der Morgen kommt. Dann muß ich wieder frisch sein, kräftig. Warum? Sie setzt sich auf die Kante ihres Bettes und sieht sich um. Nirgendwo steht sein Bild. Sie hat nie eins bei ihm gesehn, vielleicht hat er sich noch nie photographieren lassen. Weiß er, wie sie sich jetzt nach ihm sehnt, nach seinem unberührten, kalten Gesicht? Warum sitze ich hier und warte, bis die Träume kommen? Warum gehe ich nicht einfach hin zu ihm? Er kommt doch immer erst spät nach Hause.

Sie weiß nicht, daß Paul Moll auf der Flucht ist, daß die Polizei ihn hetzt, daß er seinen isolierten Posten halten muß, allein, ohne Hilfe und frierend auf einer provisorischen Holzpritsche.

Sie schlüpft wieder in den weiten Mantel und geht die Treppe hinunter. Das Licht brennt noch. Die Autos warten ratternd. Auf der stillen Straße, als der nasse Wind in ihr Gesicht faßt, spürt sie plötzlich die Aussichtslosigkeit dieses Versuchs.

Ein Polizist patrouilliert langsam dem Marktplatz zu, eine verspätete Droschke trottet vorüber. Sie läuft schnell, um warm zu werden. Vielleicht lauert hinter einer dunkeln Mauer Peter Moll, der ungleiche Bruder. Was ist schon dabei? Vom Himmel ist nichts zu sehen, die Luft aber riecht nach Rauch. An der Hauptstraße steht ein Zelt der Tiefbauarbeiter. Sie bleibt stehen, unten rauscht die Schmelzflamme. Ein Blaukittel, die Schutzbrille über den Augen, hockt über verschlungenen Röhren und schweißt ein Loch zu. Der blaue Strahl zischt gegen das Metall.

Wie feige von ihr, jetzt hinauszugehen und auf diese Art den Jungen zu locken, mit einer weichen Haut und duftendem Fleisch. Glaubt sie wirklich, daß Paul darauf hereinfällt? Ist das nicht sentimental, kleinbürgerlich? Das Herz? Ach, wie lächerlich: Da unten schweißt einer Metallröhren, damit wir ruhig schlafen können. Andere kontrollieren die Stadt, heizen Kessel, bedienen die Schalter in den Elektrizitätswerken, andere arbeiten, schalten, ohne Traum, ohne Schlaf. Hörst du? Die Maschinen pfeifen durch die Nacht! Schlafe doch aus, beiße die Zähne zusammen, vergiß alles, was man dich gelehrt hat, wenn du da hinüber willst, wo die graue Front steht, wenn du den Bahndamm dieser Zeit, der euch trennt, überschreiten willst. Beate kehrt um.

Als sie um die Ecke biegt, schnurrt ein elegantes Auto vorüber, sie kennt es: Der Herrenabend ist zu Ende.

Aus der Dunkelheit kommt ihr ein Schritt entgegen, auch diesen kennt sie, sie bleibt stehen. Der Lichtschein der nächsten Laterne faßt Paul Moll, der bis vor ihr Haus gelaufen ist und nun wieder heimgehen will. Sie ist kaum überrascht, ihre Hände tasten sich ihm entgegen. »Kannst du mir zehn Mark borgen, ich muß nach Berlin fahren.«

Sie sieht in sein Gesicht, er beugt sich etwas zu ihr hinab.

»Komm!« sagt Beate und faßt nach seinem Arm.

Die Tür unten steht noch offen, das Dienstmädchen räumt im verrauchten Herrenzimmer auf.

Paul folgt ihr. Widerspruchslos, aber mit gespannten Nerven, ohne zu ahnen, wer vor einer halben Stunde hier heruntergesprungen ist.

Neugierig betrachtet er das weiße Zimmer. Ja, dieser Duft stand schon einmal lockend in seiner dunklen Koloniebaracke, noch ehe er ihre festen Hände geliebkost hatte. Hinter jener Zeit aber, in der die Erfüllung und nicht mehr der Traum lockte, liegen die Stunden der Flucht, aus denen Beate Angermund fortgestrichen war. Nun ist er wieder bei ihr.

Erstaunt und mit etwas neugieriger Verwunderung betrachtet er die zierlichen weißen Möbel, das weiße Waschbecken, den großen sauberen Spiegel darüber. Er nimmt die bunten Fläschchen in die Hand, die auf dem Waschtisch stehen, die Flakons, die Parfümzerstäuber, niedliches, sauberes Zeug, und denkt an seine Bude in der Kolonie. Jeden Morgen beginnt da von neuem der Streit, wer zuerst an die Wasserleitung darf, und daß er sich abends die Zähne putzt, paßt den anderen schon nicht. Zwar sagt Vater als Einwand nur: »Hör endlich mit dem Lärm auf«, aber das klingt ungefähr so, als würde er sagen: »Was ich nicht nötig habe, brauchst du noch lange nicht.«

Beate hat im weißen Zimmer kein Geld und läuft hinunter in die Küche. Die Köchin gibt ihr zehn Mark vom Wirtschaftsgeld.

»Aber niemand darf wissen, daß ich hier bin.« Er packt ihre nackten und kühlen Arme, das Kleid ist ärmellos. »Die Polizei ist hinter mir her.«

»Warum?«

Seine Stimme bekommt wieder den spröden, spöttischen Klang. »Du hast doch versucht, in die Partei eingereiht zu werden, du mußt also wissen, was die Rote Front von dir verlangt und in welchen Dreck du hineinkommen kannst. Nun, ich sitze jetzt im Dreck. Verstehst du mich?«

Vom Stadtbahnhof abzufahren ist zu gefährlich, bis zum Blockbahnhof an der großen Halde läuft man eine halbe Stunde, dort fährt kurz nach zwei Uhr ein Personenzug ab, der in Essen Anschluß an den Berliner Zug hat. Paul muß also schnell machen, wenn er den noch erwischen will.

Auf die Bäume tropft draußen wieder der Regen, helle Wolkenschleier ziehen tief über die Häuser der Stadt. Sie sieht ihn an, er hat seinen rechten Schuh ausgezogen und holt ein Steinchen heraus, das ihn gedrückt hat. Kein Mantel, stellt sie fest, eine Strickjacke, die dicke Jacke darüber – und jetzt im Herbst.

»Willst du einen Mantel mitnehmen?«

»Ach Quatsch.«

Er dreht sich zu ihr. »Ich wollte dir nicht wehe tun.« Seine Hände streicheln ihre kühlen Arme.

»Aber weißt du, wenn man an anderes denken muß und der Boden ein bißchen unter den Füßen wackelt, dann kotzt einen das verdammte Bemuttern an.«

Und sein Mund flüstert unhörbar weiter: Was hast du für schöne helle Augen, halte noch ein wenig still. Ich will etwas davon mitnehmen. Sie hält still. Seine Hände schließen sich in ihrem Nacken und halten Beates Kopf fest. Sie lächelt, dieses hinterlistige kleine Lächeln, das ihren Mund schief zieht und in den Augen glänzt.

»Ich werde mit zum Bahnhof gehen.«

Der Wind springt die Häuser an wie ein junger Hund seinen Herrn. Regenschauer gehen strichweise herunter. Beate und Paul laufen schnell, eng aneinandergeschmiegt durch die frühe Stunde. Die Straßen glänzen vor Nässe. An den toten, verhängten Augen der Geschäfte führt der Weg vorbei, wieder über den Bahndamm, hinüber in das Arbeiterviertel, wo noch oder schon Menschen die Häuser verlassen. Vor einer Kneipe streiten sich Betrunkene mit einigen Leuten von der Heilsarmee. Girlanden flattern über der Tür, der Wirt schließt gerade. Aus dem Gastzimmer fließt noch gelbes Licht. Die Zupfgeigen der Heilsarmeemädchen schimmern hell und klirren leise, einer hebt die Hand, und seine schrille Stimme zuckt hinter ihnen her: »Jesus zeigt euch den Weg.« Paul fröstelt. Er hätte sich doch einen Mantel geben lassen sollen, er nimmt behutsam ihre rechte Hand aus ihrer Manteltasche und streichelt sie wie ein krankes Vöglein.

»Meine Eltern wissen nicht, wo ich bin. Vielleicht wird in einigen Monaten das Verfahren gegen mich niedergeschlagen. Dann komme ich zurück. Auch Peter habe ich seit vielen Tagen schon nicht gesehen. Ich weiß nicht, wo er ist.«

Beate schweigt.

»Dein Bruder ist Stahlhelmführer. Du wirst nicht leicht zu uns kommen können. Gehe zu Heinrich Hambruch, er wohnt in der neuen Kolonie, neben dem Walzwerk. Dort zeigt dir jedes Kind seine Wohnung. Dem kannst du ruhig vertrauen, der weiß immer Bescheid.«

Fabriken, Schrebergärten. Ein Feldweg. Der Bahndamm. Beate sieht auf ihre Armbanduhr. Er zündet ein Streichholz an. Noch zehn Minuten haben sie Zeit. Sie sind schnell gelaufen. Der kleine Bahnhof, ein kleiner dunkler Schuppen mit je drei Fenstern an der vorderen und Rückseite, schläft tot und verlassen. Ein Drahtzaun führt vorüber. Nur zehn Meter weit, dann kommen sie über die Schienen hinweg auf den Bahnsteig. Der Kies knirscht. Niemand ist zu sehen. Kein Passagier, kein Beamter. Am Stationsgebäude hängt eine große Uhr. Genau zwei Stunden nach Mitternacht. Weiter hinten brennt eine Lampe, darunter schimmert ein weißes Schild mit dem Namen der kleinen Station. Ein verlassener Postkarren steht da, der Regen klatscht darauf. Landregen, gleichmäßiger Landregen spült die Nacht hinweg, die mit fliehenden Wolken forttreibt. Einsamer kleiner Bahnhof in einer regnerischen Nacht, bleibe still und halte die beiden fest, die auf einen Zug warten, der sie auseinanderreißen wird. Sie sind doch nicht allein. Auf einer einzigen Bank jenseits des Schienenstranges schläft unbeirrt durch Regen und Kälte ein Individuum. Sie stampfen auf und ab. Paul beginnt zu pfeifen und hört wieder auf. Die Uhr rückt vor: zwei Uhr zehn. Niemand kommt. Ein Stück weiter unten steht ein Streckenwärterhaus. Paul klopft die Frau heraus.

»Der Essener Zug? Nee, da haben Sie sich verguckt: Der fährt schon ein Uhr vierzehn. Wie? Aber sicher!«

Beide sehen sich an. Das Regenwasser läuft in ihre Gesichter.

»Na schön, da muß ich eben mit einem anderen Zug fahren.« Sie stapfen zurück. Paul verabschiedet sich am Bahndamm.

»Nein, ich kann nicht mit zu dir gehen. Ich habe einen sicheren Schlupfwinkel.«

Sie legt ihre beiden Hände leicht auf seine breiten Achseln. Gute Kameraden. Er nimmt ihre festen, duftenden Fingerspitzen an den Mund, eine nach der anderen. Die weißen Wolken sind weggesackt, und der Morgen ist schon da, aber die Stadt ist noch dunkler als vor einigen Stunden. Er sieht ihr Gesicht nicht, er muß ihr den kleinen Glockenhut abnehmen und den schmalen Kopf nahe, nahe vor seinem Mund spüren. Ihre lustigen Augen zucken leicht, die Stirn lockt, noch einmal den Mund, den festen Hals.

»Feste, Kinder!« Ein Arbeiter geht grinsend vorüber; bald wird die erste Schicht anmarschieren.

»Komm wieder!« ruft sie ihm nach, dann ist nur noch sein Schritt zu hören. Dann klopft der Regen dazwischen. Sie geht heim.

Was bedeutet das? fragt sie. Über der Toreinfahrt brennt noch Licht. Ein Schutzpolizist steht vor der Tür. Sie rennt ihrem Vater in die Arme.

»Gut, daß du wiedergekommen bist. Die Polizei sucht dich schon.«

»Mich? Warum denn?«

Auf der Treppe bleibt Angermund stehen und legt ihr eine Hand zum Gutenachtgruß, wie immer, um den Hals. »Eine wunderliche Nacht. Schlafe ruhig und unbesorgt, wenn auch vor einer Stunde in deinem Zimmer jemand einbrechen wollte.«

Sie hält sich am Geländer fest. »In meinem Zimmer?«

»Ja. Und wenn die Polizeipatrouille nicht vorbeigekommen wäre, dann würde der schwere Junge wahrscheinlich jetzt noch im weißen Zimmer sitzen.«

Der Großkaufmann geht hinunter in sein Zimmer, er zieht sich aus, holt einen blauen Pyjama aus dem Schrank, öffnet einen Fensterflügel und hebt sich auf die Zehenspitzen. Zwanzig Atemübungen. Hebt, senkt. Die Tropfen fallen im Park von Blatt zu Blatt, Beates Vater kommandiert weiter, alte Erinnerungen aus der Turnstunde in der Schule, hebt, senkt.

Wieviel Neuigkeiten bringt eine solche Nacht, und er hat seine fünfundvierzig Jahre wirklich nicht untätig zugebracht. Er stellt zufällig fest, daß Hartlieb insolvent ist, nun, er hat noch genug Zeit, um aus diesem Geschäft herauszugehen. Dann kommt seine Tochter, seltenes Ereignis, wiederum erst kurz vor Mitternacht nach Hause. Wer mag es wohl sein? Angermund lächelt, er hält sich für einen modernen Vater. Man kann auch mit neuen Prinzipien die Leute über die Ohren hauen und Geld verdienen, man kann auch seine Tochter ruhig aus dem Nest fliegen lassen. Was schadet es? Er wird, denkt er lächelnd, und macht die letzte Kniebeuge, sogar auf seine Rechnung kommen, wenn Beate einen Gewerkschaftssekretär heiratet, wie heute abend ihr Bruder Hans wütend andeutete. Er schließt das Fenster und steigt, immer noch lächelnd, ins Bett. Ein Gewerkschaftssekretär? Nicht übel! Vielleicht wäre das ein Aktivposten im Hauptbuch. Glücklich und zufrieden, ein kleiner König in seinem Reich, beginnt er zu schnarchen.

Eins hat er aber doch seiner Tochter verschwiegen: Der Mann, der in das weiße Zimmer einzubrechen versuchte, schoß bei seiner Verhaftung einen Polizisten nieder.

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