Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Rudolf Braune >

Der Kampf auf der Kille

Rudolf Braune: Der Kampf auf der Kille - Kapitel 12
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleDer Kampf auf der Kille
publisherVerlag Neues Leben
year1978
isbn3-88112-057-2
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171104
projectidae78daef
Schließen

Navigation:

Blockstelle F

Am frühen Morgen, als die Arbeiterheere in die Fabriken marschierten, begann es zu schneien. Der Rauch wehte in breiten Streifen gegen den grauen Horizont. Die Flocken sickerten in den Boden. Mittags plantschten die Leute schon durch große Pfützen, der Himmel umwölkte sich mehr und mehr. Niemand ging bei diesem Wetter hinaus. Auch die Kumpels brauchten nicht mehr über die Kille zu laufen: Vor zwei Tagen legten die Bergarbeiter auf sieben Zechen die Arbeit nieder.

Vor dem Verwaltungsgebäude stehen die Lastautos der Sipo, ein Posten stapft mißmutig durch den Dreck. Mit dem Regen kommt Kälte, dünner, fröstelnder Rauch zieht aus jedem Haus der Kolonie, die Männer rauchen ihre kurzen Pfeifen und spielen Karten, die Kinder pressen ihre Nasen platt an die Scheiben.

Mutter Gebauer sitzt in der Küche, vor ihr im Lehnstuhl das sieche Lieschen, und stopft Strümpfe.

»Kommt Paule bald wieder?« flüstert die Kranke.

»Sei still!« Die Mutter sieht sich ängstlich um, vielleicht lauscht jemand an den Wänden dieses armseligen Hauses.

»Ich weiß auch nicht, wo er ist.« Und dann seufzend: »Ach, die können keine Ruhe geben. Immer hetzen, immer Dummheiten machen, und dann müssen sie ausreißen. Es war doch so ein guter Junge!« Sie hört auf zu stopfen und sieht durch das Fenster. Die Straße herunter pfeift ein offenes Auto durch den Dreck.

»Die fahren sicher zur Zeche!« Nein, Mutter Gebauer, diesmal stimmt's nicht. Vor dem Nebenhaus, bei Molls, hält der Wagen. Ein Zivilist springt heraus, hinter ihm einer mit Tschako und Ledergamaschen.

»Jetzt suchen sie ihn, du meine Güte!« Die dicke Frau humpelt zur Tür und schneuzt sich in die Schürze.

Sie lugt vorsichtig hinaus. Soll sie hinübergehen? Aber da käme sie mit der Polizei in Berührung, würde vielleicht sogar vernommen! Nur das nicht! Leise und behutsam verschließt sie die Tür, bekreuzigt sich vor dem Muttergottesbild, schleicht wieder an das Fenster. Die Arbeiter in den gegenüberliegenden Baracken, Kinder, Frauen, Halbwüchsige lauern an Fenstern und Türen. Ihre stummen Gesichter tauchen merkwürdig gespenstisch und drohend aus den Regenschleiern, die über der Straße liegen.

»Mutter.« Das gelbe, schmale Gesicht des siechen Mädchens blickt zum Fenster hinaus, weit hinaus über die Häuser, über die Gruben, über die Ruhr.

»Mutter, ich weiß, warum Paule ausreißen muß. Er ist ein guter Kommunist.«

Die Alte hält ihre großen, fleischigen Hände vor das Gesicht.

»Weine nicht! Wir werden diese faule Welt aus ihren Angeln heben. Weißt du, wer das gesagt hat? Rosa Luxemburg. Unsere Rosa.«

Die große Wanduhr tickt in die Stille, dann schluchzt die Mutter noch einmal auf.

Ihr Kind lächelt.

Drüben steigen der Zivilist und der Tschakomann wieder ein. Sonst niemand. Das Auto rattert ab. Dann geht die Haustür bei Molls noch einmal auf, und ein junger Bursche in Eisenbahneruniform kommt heraus. Er scheint sich über den Regen zu freuen, die Hände in den Hosentaschen, schlendert er über die Straße, langsam, bedächtig, und sein Mund ist gespitzt, als würde er pfeifen.

Mutter Gebauer ist schon wieder am Fenster.

»Was will denn Arthur? Jetzt kommt der Kerl zu uns!«

Die Haustür quietscht. Arthur streicht seine Schuhe draußen ab, klopft, kommt herein.

»Tag, Mutter, feines Wetter, was?«

»Du mußt doch raus, Bruno hört jetzt auf zu arbeiten.«

Das pfiffige Bulldoggengesicht des Jungen strahlt!

»Weiß ich! Ich komme schon zur rechten Zeit hin.« Er hängt seine nasse Dienstjacke über den Ofen. Anscheinend fühlt er sich hier wie zu Hause, er öffnet die Ofenluke, nimmt eine Kaffeekanne heraus und gießt sich eine Tasse ein. Jeden Abend um diese Zeit geht draußen sein Dienst los, er löst Bruno Gebauer ab. Die Blockstelle F liegt an einer Nebenstrecke, die nur in den frühen Nachmittagsstunden und morgens, wenn die Arbeiterzüge kommen, aufmerksame Besetzung erfordert. So arbeiten sie schon seit zwei Jahren zusammen, Bruno Gebauer, der Stille, Bedächtige, und Arthur Halm, der Jüngere, ein Rowdy. Die Eltern rufen die Kinder von der Straße, wenn sein tolles Gesicht aufglänzt.

Jetzt kann sich die Alte aber nicht mehr zurückhalten, ihre Worte schießen aus dem Mund: »Was wollte denn die Polizei da drüben?«

»Verhaften.«

»Wen denn?«

»Beide.«

»Herrgott! Welche beiden denn?«

»Peter und Paul ...«

»Nu und?«

»Nu und die waren nicht da!«

Das Kind lächelt. Ihre weißen Finger streicheln über die müden Knie. Arthur reicht ihr freundlich nickend eine Tasse Kaffee hin, sein Bulldoggengesicht lächelt zufrieden.

»Wo haben sich denn die beiden versteckt?«

Der junge Eisenbahner zieht sich wieder seine Jacke an.

»Wer das wüßte!«

Da kommt plötzlich Bewegung in das schlampige Fettpaket, sie dreht ihr Gesicht vom Fenster weg, ihre Stimme ist gar nicht mehr vorsichtig und behutsam: »Ihr wißt es ganz genau. Tut nur nicht so! Und der Bruno weiß es auch. Ihr macht so lange, bis ihr auch noch drinne hängt. Und an mich denkt ihr nicht! Was passiert denn mit mir, wenn euch die Polizei holt?« Das war zuviel, schluchzend sinkt sie auf die Fensterbank zurück.

»Tag, Mutter Gebauer«, ruft der Eisenbahner und ist schon draußen. Er springt über die Pfützen, balanciert planschend die Straße entlang. Am Bahnhof fährt um diese Zeit ein Güterzug, der nimmt ihn mit. Kurz vor der Blockstelle F kommt eine Brücke, der Zug fährt langsam in die Kurve, Arthur Halm springt ab.

Bruno Gebauer arbeitet im »Garten«. Am Bahndamm zwischen den Schienen und Kohlenhalden hängt in Rauch und Ruß ein schmaler grüner Streifen. Kartoffeln wuchsen darauf, Salat, Petersilie. Jetzt ist alles geerntet. Der Boden wird umgegraben. Lieschens Vater arbeitet in Hemdsärmeln, die Pfeife kommt nicht aus dem Mund.

»Diesmal müssen wir die Kartoffeln tiefer verbuddeln, sonst erfrieren sie uns wieder«, meint sein Kollege.

»Ich habe mir schon überlegt, wo wir sie hintun. Am besten, wir nehmen sie mit nach Hause. Eine Miete verlohnt sich nicht.«

Halm steckt eine Zigarette in den Mund, er hat nie Streichhölzer, Gebauer angelt mit einer lehmbeschmierten Hand sein Feuerzeug aus der Tasche und reicht es hinüber.

»Du gehst doch gleich nach Hause?«

»Ja.«

Die schwarze Erde kippt bröckelnd um, noch zwei Schritt breit müßte umgegraben werden.

»Ich war nämlich eben bei euch.«

»So.« Der alte Streckenwärter stopft sich seine Pfeife wieder und sieht flüchtig zum Blockhaus hinüber.

»Ja, und deine Alte riecht anscheinend Lunte.«

»Hm.«

Gebauer klopft den Dreck vom Spaten: Für heute wäre er fertig. Am Rücken des Hauses hängt ein kleiner Schuppen, den haben sich die beiden selbst gebaut. Kaninchen sind drin, Werkzeug, ein Handwagen. Er stellt die Schaufel in die Ecke, wäscht sich, zieht den Dienstrock an, nimmt seine Tasche. »Der Personenzug ist schon gemeldet.« Er stapft bedächtig am Rande des Dammes entlang heimwärts.

Scheiben glänzen auf, Signallampen. Arthur Halm steckt sich wieder eine Zigarette in den Mund, dann sucht er in den Hosentaschen. Natürlich, die Streichhölzer fehlen wieder. Er flucht im Finstern und tappt hinüber zum Schuppen. Dort steht die Dienstlampe, er muß jetzt die Strecke abschreiten.

Der Personenzug rasselt vorüber. Auf den Wagendächern schimmert ein weißer Überzug. Die Glocke neben dem Häuschen hämmert. Der Siebenuhrzug hat Verspätung, der Wind reißt die wimmernden Töne weg und schlägt sie hinter Arthur Halm, der sich vor Nässe und Kälte schüttelt, durch die offene Tür in das kleine Dienstzimmer.

»Mensch, mach die Tür zu!« Paul Moll streckt ihm die Hand entgegen.

»Dicke Luft! Heute war die Polente bei euch!« Halm zündet die Lampe an und holt aus dem Schrank seinen fettigen Pelzmantel. Er reibt sich die Hände und sieht durch die beschlagenen Scheiben.

»Ekliges Wetter.«

»Wie steht der Streik?«

»Neue Erde und die Hartmannschen Zechen haben die Arbeit niedergelegt. Heinrich ist gemaßregelt. Die Reformisten versuchen mit schwerstem Geschütz, die Verbreiterung der Streikfront zu verhindern.«

Draußen rollt holpernd ein Güterzug vorüber. Halm geht hinaus, an der Tür ruft er noch: »Heinrich besucht dich heute abend.«

Paul ist wieder allein. Verdammt, wenn er wenigstens seinen Mantel mitgenommen hätte. Vier Bretter aus dem Schuppen liegen über Bank und Kleiderspind. Zwei Decken sind da, so rollt er wenigstens nicht herunter. Jack Londons »Seewolf«, den er mitgenommen hat, liegt auf dem Tisch. Ausgelesen. In der »Politischen Ökonomie« oder in Bucharins »Transformationsperiode« kann er jetzt nicht weiterstudieren. Der Kopf tut weh. Etwas unter der Schläfe verspürt er in regelmäßigen Abständen das gleiche Stechen. Die Füße sind kalt und schlafen ein. Immer hört er das gleiche Lied von draußen: Windstöße, Regenschauer, dann trommelt ein Zug vorüber, und es macht kaum noch Spaß zu raten: Güterzug, Personenzug oder D-Zug? Schon summt er den ratternden Gesang mit: Tatt-tatt-ta-ta-tatt-tatt. Die Lampe flackert tief. Er zählt wieder sein Geld. Einundzwanzig Mark. Es fehlen immer noch zehn Mark für Berlin, und doch muß er fahren. Aber woher soll er das Geld bekommen? Blind fahren? Das Risiko ist zu groß. Er ist schon froh, daß ihm die Partei nicht untersagt hat, die Blockstelle F zu verlassen. Er muß etwas in die Hände bekommen, wieder arbeiten können, rauskommen aus dieser verdammten Lethargie. Und die Gedanken tappen weiter im Kreis herum, einundzwanzig Mark, hin und zurück, das Geld langt nicht.

Halm kommt von der Strecke und schüttelt den Pelz ab. Er stellt sich an das Pult und trägt Zahlen und Zeiten in das Dienstbuch ein.

»Hast du noch Zigaretten?« Beide paffen die Bude voll, es wird nicht wärmer. Die Stunden tropfen herab, der Regen hört plötzlich auf, Paul schläft etwas ein. Er träumt einen wüsten Traum ...

Heinrich Hambruch steht vor ihm, als er aufwacht. Die Kerze ist niedergebrannt, die Karbidlampe leuchtet in das verbissene Gesicht des gemaßregelten Betriebsratsvorsitzenden.

Geld? Zehn Mark? Paul wagt nicht zu fragen. Unten kämpfen die Streikenden einen stummen, erbitterten Kampf. Armut war schon immer ihr treuer Kamerad, aber es kann auch noch schlimmer werden.

»Sie haben uns das Messer an die Kehle gesetzt.«

»Wie lange könnt ihr euch noch halten?«

Der Kleine hebt die Achseln. »Die Hirsche und die Christlichen haben ihre Leute zurückgepfiffen. Das ist nicht schlimm. Aber wir wissen, daß die SPD heute abend ihre Leute auffordern wird: Zurück in die Gruben. Und wenn es einmal heißt ›wilder Streik‹, dann pfeift die Sache auf dem letzten Loch. Immerhin, eine Genugtuung haben wir, in ihrer Mitgliederversammlung heute wird es scharf zugehen.«

Hambruch steckt seine behaarten Fäuste in die Hosentaschen und sieht in die Finsternis hinaus. Durch die feuchte Nacht schlagen die Feuer der Hochöfen. Drüben, über den Halden, steht ein heller Schein: Essen.

»Wir schuften, unsere Genossen kommen keinen Augenblick zur Ruhe, wir werfen Flugzettel hinaus, wir suchen die Kumpels persönlich auf. Versammlung auf Versammlung. Und dann spürt man plötzlich: Aus! Zu zeitig angefangen und ohne genügende Aussicht, den Kampf auf ein größeres Gebiet überzuleiten. Die Puste wird schwach. So sammeln wir Erfahrungen. Tscha, über Niederlage und Niederlage geht unser Weg zum Sieg, das sagt sich so leicht. Aber diese Etappen, diese Lehren sind ziemlich teuer.« Er dreht sich um. »Übrigens ist dein Bruder schon vor einigen Tagen ausgerückt. Genossin Kauschen weiß nicht, wo er hin ist.«

»Verdammter Windbeutel!«

Halm schlüpft wieder in seinen Pelz und knallt die Tür hinter sich zu. Eine Maschine jagt vorbei, der Rauch tanzt über die Fenster. Die Karbidlampe flackert tiefer, röchelt. Hambruch hebt sie hoch, schüttelt sie, die weiße Flamme zuckt wieder in die Höhe.

Im Schein, der über die Wand fällt, sieht Paul den Kalender. Morgen ist Sonntag. In der »Rose« werden sie tanzen, die Ausgesperrten, die Streikenden und auch die andern, die Wankelmütigen, die schon wieder bereit sind, zu kapitulieren. Eine Schlacht ist geschlagen, die Opfer werden bald vergessen.

»Übrigens«, Hambruch setzt sich auf das provisorische Bett, »ich habe hier einen Aufnahmeschein für die Partei, auf dem du als Bürge angegeben bist!«

»Von wem!«

»Beate Angermund!«

Gut, daß die Karbidlampe so weit ab steht. Warm kann es einem in diesem kleinen Loch werden. Und wenn man erhitzt ist, färbt sich das Gesicht rot.

»Ablehnen!« Seine Stimme klingt belegt.

»Mit welcher Begründung?!«

Der andere zögert mit der Antwort. Hambruch nickt und verzieht den Mund.

»Ja, lieber Paul. Fehler muß man korrigieren und daraus lernen. Daß dieses Mädel Angermund heißt, ist noch immer kein Grund, ihr den Eintritt in die Partei zu verwehren!«

Paul schüttelt den Kopf. »Schreibe ihr einfach: Da der von Ihnen angegebene Bürge Ihre Aufnahme nicht befürwortet, sind wir leider nicht in der Lage ... und so weiter!«

Heinrich Hambruch ist gegangen, Halm liest jetzt im »Seewolf«, draußen marschiert die Stille vorbei, der Gleichklang jener nächtlichen Geräusche, überall anders, überall gleich beängstigend. Züge rollen, ferne Pfiffe, Stampfen in den Walzwerken, Widerschein am Himmel, Wind.

Minuten, Stunden. Paul steht auf und trommelt gegen die Scheiben. »Fehler muß man korrigieren!«

Halm kneift das rechte Auge zu. »Ich sehe nichts, alter Halunke.«

Paul lacht laut und schallend. Dann knallt die Tür hinter ihm zu. Der Wind pustet in seinen Rücken, stadtwärts.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.