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Der Kampf auf der Kille

Rudolf Braune: Der Kampf auf der Kille - Kapitel 11
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleDer Kampf auf der Kille
publisherVerlag Neues Leben
year1978
isbn3-88112-057-2
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171104
projectidae78daef
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Zelle »Prinz Heinrich«

»Ich eröffne unsere heutige außerordentliche Zellenmitgliederversammlung. Anwesend sind von vierundfünfzig Mitgliedern einunddreißig Genossen. Von den Nichtanwesenden arbeiten neun in der Frühschicht, einer ist krank, vier sind entschuldigt. Bleiben immer noch neun Genossen übrig, die entweder nicht benachrichtigt worden sind oder sich gedrückt haben. Das ist natürlich bei einer so wichtigen Besprechung wie der heutigen eine Schinderei, die schleunigst liquidiert werden muß. In der Funktionärssitzung werden wir dazu Stellung nehmen. Heute steht nur ein Punkt auf der Tagesordnung: die Organisierung des Tarifkampfes. Erhebt sich dagegen Widerspruch? Ist nicht der Fall. Angenommen.«

Die Grubenarbeiter haben ihre Notizblöcke vor sich liegen und notieren. Sie sitzen eng aneinandergedrängt, zusammengekauert auf dem Boden, auf dem Fenstersims, in einer Wandnische, die wenigsten auf Stühlen. Das Zimmer, klein, schmal, wird auseinanderbrechen, wenn noch jemand Platz haben will. Und doch lächeln alle, als die Tür sich noch einmal öffnet, während Paul Moll den Plan für eine große Kampagne entwickelt, und eine kleine dicke Frau hereinkommt. Wie alt wird sie sein? Vielleicht fünfundvierzig, vielleicht auch schon sechzig, in ihrem vollen schwarzen Haar zeigt sich noch kein weißes Fädchen. Sie lächelt den Arbeitern behäbig zu, schließt leise die Tür und setzt sich an den Ofen. Ein großer weißer Kater mit schimmernden Augen springt ihr in den Schoß, schnurrt und schläft ein. Er ist diese Versammlungen in der Küche gewöhnt, er öffnet seine schönen Augen nicht mehr, wenn einer der Männer mit der Faust auf den Tisch schlägt. Fast jeden Tag kommen dieselben Gestalten hier herauf zu Mutter Kauschen, kraulen ihn hinter den Ohren, beklopfen sein glänzendes Fell, die Sehnsucht aller Kätzinnen im Grubenrevier, und dann reden sie und kümmern sich nicht mehr um ihn. Ein Sprung, und er sitzt dort, wo es am ruhigsten und am wärmsten ist: im Schoß der Mutter Kauschen. Auch die Kumpels sind immer dasselbe Bild gewöhnt, und für sie ist es eine Selbstverständlichkeit, daß die internen Zusammenkünfte in diesem kleinen Raum stattfinden, hoch über der Grube, mit einem Blick vom Fenster aus über Zechentürme, eiserne Träger, Kräne, moderne Kokskohlentürme, Riesenkessel, stählerne Gerüste. Der Rauch aus den Essen der Kolonie zieht aus dem Tal empor, die Häuser selbst sind nicht sichtbar. Die Kumpels wissen, Mutter Kauschen schlägt ihnen nie eine Bitte ab. Hier schlafen fremde Genossen eine Nacht, die spätabends überraschend eintreffen zu Konferenzen, auf der Flucht oder auf der Durchreise. Gefährdete Arbeiter, Illegale, Flüchtlinge sitzen in einer kleinen Stube zusammen, bis sie eine neue Zufluchtsstätte erhalten. Die Polizei sucht sie hier oben nicht. In der Bodenkammer stapeln die Arbeiter neues Material auf: Flugblätter, Broschüren, die letzte Nummer der Zellenzeitung. Mutter Kauschen packt zu, wo Hilfe nötig ist, eine jener stillen Arbeiterinnen, von denen die Welt draußen nichts merkt. Im Krieg fielen beide Söhne, im letzten Jahr, vermißt auf den flandrischen Schlammfeldern, im großen Aufstand des Ruhrproletariats ihr Mann. Sie bekommt eine Hungerrente, sie verdient nichts, und doch ist immer Essen und Trinken für die vielen da, die hier oben Hilfe suchen. Die Partei weiß, wie wertvoll Mutter Kauschen für die Organisation ist.

Die Betriebszelle der Zeche Prinz Heinrich billigt den von der Leitung vorgeschlagenen Plan. Schon morgen soll die Belegschaft in einer Vollversammlung zu dem ablehnenden Bescheid der Direktion, die Sicherungen zu verstärken, Stellung nehmen. Der Betriebsrat wird eine ultimative Forderung stellen, gleichzeitig muß durch eine Betriebskonferenz den Gewerkschaften empfohlen werden, sofort den Tarif zu kündigen. Die Gruben sollen sich nicht in Teilstreiks abkämpfen, sondern geschlossen an einem bestimmten Tag die Arbeit niederlegen, falls nicht schon vorher die Zechenverwaltungen zum Rückzug blasen.

Heinrich Hambruch setzt sich an die Maschine, eine kleine, billige Orga Privat, um die notwendigen Rundschreiben an die Betriebsräte des Bezirks zu schreiben. Nicht nur eine Schreibmaschine befindet sich hier oben bei Mutter Kauschen, auch ein großer, neuer Vervielfältigungsapparat.

Die Zechensirene tutet durch die Nacht. Elf Uhr.

Die Sitzung ist zu Ende, jetzt beginnt erst die Arbeit. Jeder hat seine Aufgabe. Einige schreiben Artikel für die Betriebszellenzeitung, die noch heute nacht abgezogen und schon morgen früh vor der Grube verkauft werden muß, die beste Waffe in der geplanten Kampagne. Fiete Dossen macht Zeichnungen dazu, er bringt so was. Es sind nicht gerade Kunstwerke, aber die Proleten verstehen sie. Das ist die Hauptsache. Andere malen Plakate und Klebezettel. Dann müssen die ersten Blätter der Zeitung auf dem Apparat abgezogen werden. Vervielfältiger und Schreibmaschine gehören der Betriebszelle. Zwei Mann sind in die Kolonie hinuntergegangen, um einige arbeitslose Genossen zu beauftragen, morgen früh die Betriebszeitungen vor der Grube zu verkaufen, da das natürlich keiner von der Belegschaft machen darf, wenn er nicht durchaus rausfliegen will.

Hambruch setzt sich neben Paul Moll. »Wann willst du verschwinden? Ich habe den Doktor noch mal gefragt. Er meint, je eher, um so besser.«

»Ich denke so: Die Polente wird mich zu Hause suchen. Es wird am besten sein, ich suche Unterschlupf bei einem Genossen, instruiere meine Eltern, und die warnen mich dann, wenn die Polizei da war.«

»Warum denn? Das kompliziert die ganze Sache bloß.«

Paul sieht den kleinen, energischen Betriebsratsvorsitzenden an; wird er ihm die Sache begreiflich machen können?

»Erst rechne ich mit Linke ab!«

Hambruch steht auf und packt Paul im Nacken. »Mensch, du hast eine fixe Idee. Wie willst du denn in Berlin die Schuld des Genossen Linke beweisen?«

Paul schüttelt den Kopf. »Es wird außerdem Zeit, daß ich Helene mal besuche. Als mich heute nachmittag Mieke fragte, wann sie ihre Mutter wiedersehen würde, gab es so einen kleinen Stich im Herzen. Vielleicht kam Miekes Mahnung zur rechten Zeit.«

Das Gesicht seines Freundes zieht sich zusammen, es sieht aus, als würde er sich auf die Lippen beißen, dann dreht sich Hambruch um und schreibt auf der Maschine weiter. Ja, denkt Paul, immer dasselbe. Das hat er nun auch schon bald vergessen, daß seine Schwester Helene den kleinen zähen Kerl heiraten sollte. Dann kam dieser Schuft dazwischen, wie hieß er eigentlich? Salzmann. Ein Student, Sohn eines kleinen Essener Kaufmanns. Er hatte sich in den Sturmjahren in die Reihen des revolutionären Proletariats eingeschlichen, um dann gegen Geld zu verraten. Er verschwand, ehe ihm die Arbeiter den Wanst aushauen konnten. Einer hat ihn später mal in Berlin wiedergesehen. Da war er schon eine große Marke, Redakteur einer bürgerlichen Zeitung. Nun, der Junge sollte ihm bloß noch einmal zwischen die Fäuste kommen. Salzmann ließ Helene sitzen, Mieke wurde geboren. Eine Zeit, trübe und sorgenvoll, verging. Da verschwand auch Pauls Schwester. Später schrieb sie aus Berlin. Es scheint ihr jetzt gut zu gehen.

Als Paul spät in der Nacht durch die dunklen Koloniestraßen nach Hause geht, am hellen Mond ziehen Regenfetzen vorüber, sieht er schon überall die vor einer Stunde erst fertiggestellten Handzettel kleben.

Das Haus liegt dunkel da, er öffnet leise die Tür und tastet sich durch den Flur. In der Küche duftet noch angenehme Wärme. Aus dem Schlafzimmer hört er das schwere Atmen der Eltern. Mieke schläft fest und still, ihren Atem hört man nicht. Peter scheint nicht nach Hause gekommen zu sein.

Paul brennt die kleine Karbidlampe an und öffnet einen Fensterflügel. Auf dem Tisch steht noch ein Teller mit Bratkartoffeln und eine Schnitte Brot, die Mutter hat ihm alles sorgsam zurechtgemacht. Die Kartoffeln sind kalt geworden. Er holt sich aus seiner Kiste einige Bücher, Bleistift und Papier. Das kleine Flämmchen zuckt unter den Windstößen von draußen. Mit der linken Hand löffelt er die Kartoffeln, mit der rechten blättert er in einem grauen Band. Karl Marx: »Zur Kritik der politischen Ökonomie«. Er kommt sehr langsam in dem Buch vorwärts, er liest schon seit einigen Wochen Abend für Abend und ist erst bei dem Kapitel über Zirkulationsmittel. Jeden Satz durchdenkt er, oft geht es nicht in den Kopf, dann streicht er das Nichtverstandene an und fragt am nächsten Tag den Doktor. »Die Trennung zwischen Kauf und Verkauf macht mit dem eigentlichen Handel eine Masse Scheintransaktionen vor dem definitiven Austausch zwischen Warenproduzenten und Warenkonsumenten möglich.« Er stützt den Kopf auf und blickt zum Fenster hinaus. Ein Zug fährt über den Damm, krachend erschüttert das Land und das Haus. Wolken fallen wieder über den Mond, in einer fernen Straße beschimpfen sich Besoffene.

Der Kopf tut ihm weh, die Augen brennen und füllen sich mit Tränen. Eine Uhr schlägt zweimal. In vier Stunden muß er wieder aufstehen. Vorsichtig klappt er die »Kritik der politischen Ökonomie« zu, legt die Zettel zusammen und packt alles wieder in seine Kiste.

Was war das? Schleicht jemand durch den Garten? Er greift in die Tasche und geht zum Fenster. Eine dunkle Gestalt springt über den Zaun.

»Peter!«

»Sei ruhig! War die Polizei hier?«

»Nein, was ist denn los?«

Das gehetzte Gesicht seines Bruders sieht in das Zimmer, so als würde er ihm nicht recht glauben.

»Der kleine Roscher hat uns verpfiffen, meine Leute sitzen, ich bin gerade so knapp entkommen. Du mußt mich irgendwo verstecken!«

Paul überlegt und zündet die Lampe wieder an. »Hör doch mit der Sache auf!« Aber jetzt ist keine Zeit für Moralpredigten.

»Kann mich deine Freundin verstecken?«

Erstaunt und überrascht sieht Paul seinen Bruder an.

»Nein.« Er schreibt etwas auf einen Zettel.

»Hier, laufe zu Mutter Kauschen, die wird noch wach sein. Da kannst du heute erst mal schlafen. Ich komme morgen rüber.«

Peters Schritte tapsen den Bahndamm hinauf.

Der junge Arbeiter bleibt am Fenster stehen und horcht in die Nacht. Fern pfeift ein Zug. Die Karbidlampe verlöscht. Paul Moll zieht sich aus.

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