Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Scheerbart >

Der Kaiser von Utopia

Paul Scheerbart: Der Kaiser von Utopia - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Kaiser von Utopia
authorPaul Scheerbart
firstpub1904
year1988
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-38065-6
titleDer Kaiser von Utopia
pages5-8
created20050513
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

7. Schilda

Der geheime Regierungssekretär Käseberg hatte an dem Morgen, der dem Frühlingsfeste folgte, sehr zaghaft sein Bett verlassen und sah nun, während er seinen Morgenkaffee schlürfte, sehr zaghaft hinaus auf die Hauptstraße von Schilda; der geheime Regierungssekretär fürchtete, und nicht mit Unrecht, daß man ihm bald die Fenster einwerfen würde mit schweren, kantigen Steinen; die Tätigkeit der Herren, die in dem dreieckigen Rathause zu Schilda fest angestellt waren, hatte der Stadt Schilda noch keinen Vorteil gebracht, und die Geschäfte standen still.

Die alte Stadt Schilda war vor vielen Jahrhunderten zu Grunde gegangen, aber die neue Stadt Schilda war vor ein paar Jahren von Originalen erbaut worden – von Originalen, die sich vom Volksgeist emanzipiert hatten. Anfänglich brachte diesen Originalen der Humor manchen Vorteil, dann aber zog der Humor nicht mehr, da es den Utopianern viel zu gut ging, sodaß das neue Schilda bald in Vergessenheit geriet. Nun waren die neuen Schildbürger nicht sehr fleißig, sie waren sehr querköpfig und unpraktisch, und da sie zudem vom Kaiserreich Utopia wirtschaftlich losgelöst waren – so ging in Schilda bald Alles bergab, und die Lotte Wiedewitt hatte ganz recht, als sie sagte:

»Die ganze Emanzipation vom Volksgeiste hat uns blos Jammer und Elend gebracht – und weiter Garnichts – Garnichts – Garnichts.«

Herr Käseberg dachte, als er bei seiner Morgenzigarre den Schildaer Generalanzeiger durchblätterte, grade wieder über die Bedeutung des Volksgeistes nach – da ward er durch Eilboten zum Oberbürgermeister Wiedewitt gerufen.

Herr Moritz Wiedewitt saß im Rathause mit Herrn von Moellerkuchen zusammen; Käseberg und von Moellerkuchen, die beide geheime Regierungskräfte waren, bildeten die rechte Hand des Oberbürgermeisters. Und dieser setzte nun seinen Geheimen eifrigst auseinander, wie es komme, daß in der Residenz alle Leute dick und fett seien: Uniformen hätten sie alle – und darum müßte ein »Allgemeiner Uniform-Verein für Schilda und Umgegend« gegründet werden. Außerdem hätten die Ulaleipuaner sämtlich hochtrabende Titel wie – Tambourmajor, Feldmarschall, Rechnungsrat, Kriegsminister, Professor, Kanzleivorsteher usw. – demnach müßte auch ein »Allgemeiner Titular-Verein für Schilda und Umgegend« gegründet werden.

Und Beides geschah, und Abends war der General-Anzeiger ganz voll von diesen beiden Gründungen.

Im Kaiserreich Utopia hatten sich die Titulaturen im Laufe der Jahrhunderte sehr verändert; da es Kriege und Heeresorganisation eigentlich nicht mehr gab, so waren die militärischen Titulaturen auf andere friedliche Beschäftigungszweige übergegangen – so wurden die Agrikultur-Chemiker Feldmarschälle, die Rechtsanwälte Tambourmajors, die Standesbeamten Kriegsminister usw. usw. tituliert. Jedenfalls sollte der Titel immer nur die Tätigkeit charakterisieren – und da war oft aus Scherz Ernst geworden. Und nun wollten die Schildbürger wieder aus dem Ernste einen Scherz machen; allerdings taten sie Alles mit saurer Miene, daß sie schließlich selber nicht recht wußten, wo ihr Ernst aufhörte und ihr Scherz anfing.

Der Schildaer Generalanzeiger aber – der hatte jetzt Stoff in Hülle und Fülle.

Und auch Philander der Siebente, der Kaiser von Utopia, las von den neuen Gründungen – und er las lange daran – und er lächelte schließlich sehr lange und berührte zum Zeichen des Beifalls mit der Spitze des linken Zeigefingers seine Nasenspitze – sehr lange ließ er die beiden Spitzen zusammen.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >>