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Der Kaiser von Utopia

Paul Scheerbart: Der Kaiser von Utopia - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Kaiser von Utopia
authorPaul Scheerbart
firstpub1904
year1988
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-38065-6
titleDer Kaiser von Utopia
pages5-8
created20050513
sendergerd.bouillon
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6. Der Morgenwitz

Als nun Philander der Siebente, Kaiser von Utopia, wieder in seiner Kaiserburg war, da ging er mit raschen Schritten in seinen großen Bibliothekssaal, und der Staatsrat folgte dem Kaiser – ebenfalls mit raschen Schritten, daß die Schulterfedern wackelten.

Im Bibliothekssaal brannten nur ein Dutzend elektrische Lampen in rotem Rubinglase, und die fünfzehn Meter hohen Spiegelscheiben der Fenster sahen ganz blau aus.

Durch die hohen Flügeltüren kamen nun die Mitglieder des Staatsrates feierlich mit ihren zehn Meter hohen Schulterfedern herein; es wurde Kaffee getrunken und ein stärkender Kognak dazu. Dabei gab der Kaiser den Dienern ein Zeichen, und die Diener verschwanden.

Nun war der Kaiser mit seinem Staatsrat in seinem Bibliothekszimmer allein. Es war nun die Pflicht des Kaisers, dem Zeremoniell entsprechend einen Witz zu machen.

Philander der Siebente stellte sich vor einen großen Spiegel, nahm seine weißen Augenbrauen ab und auch den weißen Bart und die Krone und das weiße Haupthaar – und drehte sich um und zeigte seinem Staatsrat sein glattrasiertes Gesicht mit den kalten blauen etwas müden Augen und dem rötlichen kurzgeschnittenen Haupthaar. Die Mitglieder des Staatsrates lächelten und verbeugten sich; diese Entkleidungsszene entsprach dem Zeremoniell. Auch der rote Purpurmantel fiel, und der Kaiser stand nun in einfachster schwarzer Kleidung da und sagte leise:

»Meine Herren! Sie wollen den Morgenwitz hören. Sie sollen ihn hören. Ich erkläre Ihnen hierdurch, daß ichs müde bin, Kaiser von Utopia zu sein; ich werde ein Jahr pausieren und mich vertreten lassen. Denken Sie über eine geeignete Persönlichkeit, der man meine Kaiserrolle übertragen kann, ordentlich nach. Ich lege mich zu Bett. Schlafen Sie wohl! Guten Morgen!«

Der Staatsrat zitterte vor Erregung, und der Zeremonieenmeister sprach mit heftig wackelnden Schulterfedern:

»Grandiosität, ist dieser Scherz ernst gemeint?«

Der Kaiser Philander sagte dazu lächelnd:

»Der Kaiser von Utopia pflegt stets im Ernste zu scherzen. Denken Sie über meinen Stellvertreter nach – aber ordentlich!«

Und der Kaiser verließ seinen Bibliothekssaal, begab sich in seine Schlafgemächer, ließ sich rasch auskleiden und war nach fünf Minuten fest eingeschlafen.

Der Staatsrat aber befand sich in fieberhafter Aufregung; der Morgenwitz des Kaisers hatte den Staatsrat ganz aus der Fassung gebracht.

Der Kaiser träumte währenddem von ganz feinen Geistern, die sehr groß waren – aber dabei so dünn – wie Spinngewebefäden.

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