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Der Kaiser von Utopia

Paul Scheerbart: Der Kaiser von Utopia - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Kaiser von Utopia
authorPaul Scheerbart
firstpub1904
year1988
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-38065-6
titleDer Kaiser von Utopia
pages5-8
created20050513
sendergerd.bouillon
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14. Schilda

Die Schildbürger waren Leute, denen man die Lustigkeit nicht ansah, da sie fast immer betrübte Mienen zeigten, andrerseits konnte man sie nicht Vertreter der Traurigkeit nennen, da sie fast immer lustige Einfälle hatten; kein Utopianer wußte, wie er sich eigentlich zu den Bewohnern des neuen Schilda stellen sollte – lauter merkwürdige Käuze, die früher zu den klugen Leuten zählten, saßen da in Schilda zusammen und benahmen sich nicht so wie die andern Utopianer.

In dreieckigen Häusern wohnte man in Schilda, und das dreieckige Rathaus war das größte Haus der Stadt. Die schärfste Kante des Hauses ging immer zur Straßenseite hinaus, sodaß man von Frontarchitektur in Schilda nicht sprechen konnte.

Als es bekannt wurde, daß der Kaiser Philander die Einladung des Oberbürgermeisters Wiedewitt angenommen habe – da verbreitete sich eine seltsame Stimmung über die ganze Stadt – alle Schildbürger bildeten sich sofort die abenteuerlichsten Dinge ein – die meisten meinten, man würde ihnen Ulaleipu als Wohnsitz anbieten – usw. – usw.

Und es ging den armen Schildbürgern so schauderhaft schlecht; sie wohnten auf einem Höhenzuge am Strande des Meeres – aber die gute Aussicht übers Meer bereicherte nur das Phantasieleben der Schildbürger; die Lostrennung von der allgemeinen utopianischen Volksreligion hatte die Schildbürger in kurzer Zeit ganz arm gemacht; sie verloren immer mehr die große Kunst, den Witz zur Vermehrung der Lebensgüter zu verwenden; anfangs hatte man die Schildbürger, unter denen sich die klügsten Köpfe befanden, fast nur zum Scherze »Narren« genannt – und schließlich waren sie wirkliche Narren geworden – wie die Bewohner des alten Schilda. Das neue Schilda hieß auch anfänglich garnicht Schilda; die Stadt wurde nur von den Priestern in Ulaleipu Schilda genannt – und zum Scherze hatten die sogenannten »Narren«, die sich vom Volksgeiste lossagten, den Spottnamen zum Ehrennamen gemacht – und aus dem Scherze war dann sehr bald Ernst geworden.

So war es nun natürlich, daß die Schildaer jeden Scherz sehr ernst – und umgekehrt jeden Ernst sehr scherzhaft behandelten. Und so entstanden die dreieckigen Häuser und verkehrtesten Einrichtungen dazu.

Und die Priester triumphierten und sagten:

»Seht, so rächt sich unser Gott! Das kommt davon, wenn man mehr sein will als alle Andern – das kommt davon, wenn man anders sein will als alle Andern! Die Großtuer sind zu Narren geworden. Seht, so rächt sich unser Gott!«

Aber die Schildbürger sagten garnichts dazu, denn ihre Gedanken schweiften immer weiter hinaus – und das Nächstliegende kam ihnen fremd vor – und das Ferne und das Nahe konnten sie nicht zusammenbringen, sodaß ihr ganzes Leben so schlechte Töne von sich gab – wie eine zerbrochene Glocke.

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