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Der Kaiser von Utopia

Paul Scheerbart: Der Kaiser von Utopia - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Kaiser von Utopia
authorPaul Scheerbart
firstpub1904
year1988
publisherSuhrkamp Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-518-38065-6
titleDer Kaiser von Utopia
pages5-8
created20050513
sendergerd.bouillon
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11. Die Einladung

In Schilda hatte der Oberbürgermeister Wiedewitt das sehr grob gehaltene Schreiben des Kaisers von Utopia erhalten – und die geheimen Regierungssekretäre und die Ratsherren waren entsetzt – einige von den letzteren waren gleich bereit, die neuen Gründungen wieder abzuschaffen. Aber da kamen sie bei Käseberg und von Moellerkuchen schön an – die legten sich mächtig für den Uniform- und Titularverein ins Zeug. Und Moritz Wiedewitt hatte den gloriosen Einfall, den Kaiser einfach einzuladen, nach Schilda zu kommen.

Und diese Einladung lag nun auf dem Schreibtisch des Kaisers, und der Kaiser saß vor der Einladung und lachte laut auf, als er das zierliche Schreiben las.

»Die Einladung kommt mir sehr gelegen!« rief er schmunzelnd, ließ sich sofort Bart, Perücke, Kaisermantel und Kaiserkrone bringen und befahl, den Staatsrat zusammenzutrommeln.

Es war Dienstag, und der Staatsrat kam – natürlich ohne Schulterfedern – zusammen.

Der Kaiser begrüßte die Herren leutselig mit der Zigarre im Munde, ließ Wein, Bier und ein kleines Frühstück auftragen und zeigte die Einladung und erklärte den Herren, daß er nach Schilda fahren möchte und ein Jahr Oberbürgermeister von Schilda sein möchte.

Die Mitglieder des Staatsrates machten so große Augen, daß andre Leute Angst gekriegt hätten. Das Augenverdrehen genierte jedoch den Kaiser keineswegs; er erklärte vielmehr eifrig, daß ihm, da der Staatsrat noch immer keinen Stellvertreter gefunden hätte, sehr angenehm sein würde, wenn der Staatsrat den Oberbürgermeister von Schilda als Stellvertreter acceptieren möchte.

»Grandiosität«, rief der Zeremonieenmeister Kawatko, »der Moritz Wiedewitt soll Kaiser von Utopia werden?«

»Allerdings«, versetzte der Kaiser, »Kawatko sah mich ja schon als Oberbürgermeister von Schilda – warum sah Kawatko nicht gleich weiter? Merkwürdig! Kurzsichtigkeit! Propheten dürfen doch nicht kurzsichtig sein.«

Auf den Stiefelabsätzen drehten sich die Mitglieder des Staatsrates herum und tranken einen Kognac nach dem andern.

»Das geht einfach nicht!« sagten sie schließlich im Chor.

»So – so!« rief da der Kaiser, »die Herren vergessen ganz und gar, daß ich auch in der Lage bin, an das Volk zu appellieren. Die Schildbürger sind vom Volke abgefallen, und der Kaiser von Utopia will sich dazu hergeben, die Schildbürger in den allein seligmachenden Schoß des Volkes zurückzuführen – und da will mich mein Staatsrat verhindern, dieses gute Werk glanzvoll und mit Humor zu vollbringen ? Das fehlte auch noch. Das Volk ist ganz bestimmt auf meiner Seite. Wenn Sie nicht wollen, wie ich will – so wird das Volk wollen, wie ich will – die sieben Gerichtstürme am Schwantufluß sind auch für Philander den Siebenten da.«

»Grandiosität geruhen«, sagte Kawatko scharf, »eine andere Tonart als neulich anzuschlagen – neulich wollten sich Grandiosität vom Volke trennen – und heute sollen wir daran glauben, daß Grandiosität dem Volke einen Dienst erweisen will.«

»Aber Kawatko«, rief da der Kaiser lustig, »tu doch nicht so, als wenn du nicht mit Schamawi gesprochen hättest – der hat mich doch am letzten Sonntag Abend bekehrt.«

Da murmelten die Mitglieder des Staatsrates und wurden sehr ernst –der Kaiser aber lachte lustig und plauderte von Schilda, als wäre er schon da.

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