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Der Kaiser

Georg Ebers: Der Kaiser - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDer Kaiser
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeFünfter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
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Sechstes Kapitel

Alexandria war in großer Erregung. Der in naher Aussicht stehende Besuch des Kaisers lenkte die fleißige Ameisenschar der Bürger von den Pfaden ab, auf denen sie Tag für Tag wimmelnd, eilend, einander fördernd und überrennend nach Brot und den Mitteln jagten, die arbeitsfreien Stunden mit Freude und Lust bis zum Rande zu füllen.

In vielen Fabriken, Werkstätten, Hörsälen und Magazinen stockte das sich schnell und rastlos schwingende Rad des Fleißes; denn alle Berufsklassen und Stände waren von dem gleichen Streben beseelt, den Besuch Hadrians durch Feste von unerhörtem Glanze zu feiern.

Was die Bürgerschaft an erfinderischem Sinn, an Reichtum und Schönheit besaß, war aufgerufen worden, sich an den Spielen und Aufzügen zu beteiligen; die eine ganze Reihe von Tagen ausfüllen sollten.

Die reichsten heidnischen Bürger hatten die Ausstattung der aufzuführenden Theaterstücke, der vor dem Kaiser zu liefernden Scheingefechte zur See, sowie der blutigen Spiele im Amphitheater übernommen, und die Zahl der Begüterten war so groß, daß sich für kleinere Leistungen weit mehr Zahlungslustige meldeten, als berücksichtigt werden konnten.

Dennoch nahm die Ausstattung von einzelnen Teilen des Aufzugs, an die auch Unbemittelte sich anschließen durften, die Ausführung der Bauten im Hippodrom, die Ausschmückung der Straßen und die Bewirtung der römischen Gäste so beträchtliche Summen in Anspruch, daß sie selbst dem Präfekten Titianus, der gewohnt war, die römischen Standesgenossen mit Millionen spielen zu sehen, außerordentlich hoch erschienen waren. Als kaiserlichem Statthalter lag es ihm ob, jeder seinem Gebieter vorzuführenden Augen- und Ohrenweide die Zustimmung zu erteilen.

Im ganzen ließ er den Bürgern der Großstadt freie Hand; gegen das Zuviel mußte er indes mehr als einmal kräftig einschreiten; denn wenn der Kaiser auch viel Vergnügen zu ertragen vermochte, so überstieg doch das, was die Alexandriner ursprünglich ihm anzusehen und anzuhören aufgeben wollten, auch die unermüdlichste Menschenkraft.

Am meisten Not verursachten nicht nur ihm, sondern auch den von der Bürgerschaft erwählten Festleitern die zwischen dem heidnischen und jüdischen Teile der Einwohnerschaft niemals ruhenden Zwistigkeiten und die Festzüge; denn keine Abteilung wollte die letzte, kein Mitglied einer solchen auch nur das dritte und vierte sein.

Aus einer Versammlung, in der all diese Vorbereitungen endlich durch sein straffes Eingreifen zu einem unwiderruflichen Abschluß gebracht worden waren, begab sich Titianus in das Cäsareum, um der Kaiserin den Besuch abzustatten, den sie täglich von ihm erwartete.

Er war froh, mit diesen Dingen wenigstens vorläufig zum Ziele gelangt zu sein; denn sechs Tage waren, seitdem man die Arbeiten im Palaste auf der Lochias begonnen hatte, verstrichen, und Hadrians Ankunft rückte näher und näher.

Er fand Sabina wie immer auf ihren Polstern; doch lehnte die Kaiserin sich heute in aufrechter Stellung an die Kissen.

Sie schien die Anstrengungen der Seefahrt überwunden zu haben, hatte zum Zeichen, daß sie sich wohler befinde, mehr Rot als vor drei Tagen auf die Wangen und Lippen gelegt, und weil sie den Besuch der Bildhauer Papias und Aristeas empfangen, das Haar so ordnen lassen, wie es die Bildsäule der siegreichen Venus trug, mit deren Attributen sie, allerdings mit Widerstreben, vor fünf Jahren in Marmor gebildet worden war.

Als man eine Nachbildung dieser Statue in Alexandria aufgestellt hatte, war von einer bösen Zunge das häufig unter den Bürgern der Stadt wiederholte Wort ausgesprochen worden: »Siegreich ist diese Aphrodite gewiß; denn wer sie sieht, macht schnell, daß er fortkommt. Man sollte sie ›die in die Flucht treibende Kypris‹ nennen!«

Erregt von den erbitterten Zänkereien und unerfreulichen Auftritten, denen er soeben beigewohnt hatte, trat Titianus vor die Kaiserin, die er diesmal allein mit ihrem Kämmerer und einigen dienenden Frauen in einem kleinen Gemache fand.

Auf die ehrfurchtsvolle Frage des Präfekten nach ihrem Befinden antwortete sie, die Achseln zuckend:

»Wie soll es gehen? Sagt' ich gut, so würde ich lügen, sagt' ich schlecht, so gäb' es bedauerliche Gesichter, die man nicht gern ansieht. Man muß eben das Leben ertragen, Und doch! Die vielen Türen in diesen Gemächern bringen mich noch um, wenn ich hier lange bleiben muß.«

Titianus schaute auf die beiden Pforten des Gemaches, in dem die Kaiserin sich befand, und begann dem Bedauern über diesen Übelstand, der von ihm unbemerkt geblieben sei, Ausdruck zu geben; Sabina unterbrach ihn aber und sagte:

»Ihr Männer nehmt niemals wahr, was uns Frauen weh tut. Unser Verus ist der einzige, der es fühlt und versteht – es ahnt, möchte ich sagen. Fünfunddreißig Türen befinden sich in den von mir bewohnten Gemächern; ich ließ sie zählen! Fünfunddreißig! Wären sie nicht alt und beständen sie nicht aus kostbarem Holze, würde ich denken, man hätte sie mir zum Possen anbringen lassen.«

»Einige können vielleicht durch Vorhänge ersetzt werden.«

»Laß nur! Auf etliche Plagen mehr oder weniger kommt es in meinem Leben nicht an. Sind die Alexandriner endlich mit den Vorbereitungen fertig?«

»So hoff´ ich,« entgegnete der Präfekt aufseufzend. »Sie setzen alles daran, ihr Bestes zu geben; doch in dem Bestreben, sich vorzudrängen, führt jeder Krieg gegen den anderen, und ich stehe noch unter dem Einflusse des widerwärtigen Gezänkes, dem ich stundenlang beiwohnen mußte, und das ich durch manches derbe ›Warte, ich will euch!‹ zu beschwichtigen hatte.«

»So?« fragte die Kaiserin und verzog, als hätte sie etwas Angenehmes vernommen, lächelnd die Lippen. »Erzähle mir etwas von dieser Versammlung. Ich langweile mich zum Sterben; denn Verus, Balbilla und die anderen haben mich um Erlaubnis gebeten, die Arbeiten auf der Lochias besichtigen zu dürfen. Daß man überall lieber ist als bei mir, bin ich ja gewohnt. Darf mich das wundern, wenn meine Gegenwart nicht einmal genügt, einen Freund meines Gatten eine Disharmonie, die Erinnerung an kleine Widerwärtigkeiten vergessen zu lassen? Meine Flüchtlinge bleiben lange aus; es muß viel Schönes auf der Lochias zu sehen geben.«

Der Präfekt unterdrückte sein Mißbehagen, gab der Besorgnis, daß der Baumeister und seine Gehilfen gestört werden könnten, keinerlei Ausdruck und begann im Ton des Boten in der Tragödie:

»Der erste Streit entspann sich wegen der Anordnung der Aufzüge.«

»Tritt etwas weiter zurück,« bat Sabina und drückte die mit Ringen bedeckte Rechte, als ob sie einen Schmerz empfinde, auf das Ohr.

Die Wangen des Präfekten röteten sich leise; aber er tat der Gattin des Cäsars den Willen und fuhr, indem er die Stimme tiefer dämpfte, in seinem Berichte fort:

»Wegen der Aufzüge wurde also die Ruhe zuerst unterbrochen.«

»Das hab' ich schon einmal gehört,« entgegnete die Matrone und gähnte. »Ich liebe die Aufzüge.«

»Aber,« sagte der Präfekt, ein Mann im Anfang der sechziger Jahre, mit wachsender Erregung, »sie sind hier wie zu Rom und überall, wo sie nicht der strenge Befehl eines einzelnen ordnet, Kinder des Streites und gebären Streit, auch wenn sie zur Feier eines Friedensfestes veranstaltet werden.«

»So scheint es dich zu verdrießen, daß man Hadrian durch sie zu ehren begehrt.«

»Du scherzest. Eben weil mir alles daran gelegen ist, sie möglichst glänzend ausfallen zu lassen, bekümmerte ich mich in eigener Person auch um das Einzelne und habe es auch zu meiner Freude verstanden, selbst die Widerwilligen gefügig zu machen. Es wäre wohl kaum meines Amtes . . .«

»Ich dachte, du dientest nicht bloß dem Staate, sondern wärest auch der Freund meines Gatten.«

»Ich bin stolz, mich so nennen zu dürfen.«

»Ja, Hadrian hat viele, sehr viele Freunde, seitdem er den Purpur trägt. Hast du jetzt deine üble Laune vergessen? Du mußt sehr empfindlich geworden sein, Titianus; die arme Julia hat einen reizbaren Gatten.«

»Sie ist weniger beklagenswert, als du denkst,« entgegnete Titianus mit Würde, »denn mein Amt nimmt mich so ganz in Anspruch, daß sie nur selten in der Lage ist, wahrzunehmen, was mich bewegt. Wenn ich meine Erregung vor dir zu verbergen vergaß, so bitte ich, dies meinem Eifer, Hadrian einen würdigen Empfang zu sichern, vergeben zu wollen.«

»Als ob ich dir zürnte! Aber um auf deine Gattin zurückzukommen. Sie ist also, wie ich höre, meine Schicksalsgenossin. Wir Armen, die wir von unseren Männern nichts zu erwarten haben als das abgestandene Gericht, das die Geschäfte, die alles andere verschlingen, uns übrig lassen! Aber deine Erzählung, deine Erzählung!«

»Die schwersten Stunden bereitete mir das üble Verhältnis der Juden zu den anderen Bürgern.«

»Ich hasse diese verruchten Sekten: Juden, Christen, oder wie sie sonst heißen mögen! Weigern sie sich, das Ihre für den Empfang des Kaisers zu steuern?«

»Im Gegenteil. Der Alabarch, ihr reiches Oberhaupt, hatte sich erboten, die gesamten Kosten für die Naumachie zu bestreiten, und sein Glaubensgenosse Artemion . . .«

»Nun? – man nehme ihr Geld, man nehm' es!«

»Die hellenischen Bürger fühlen sich reich genug, alle Ausgaben, die vielen Millionen Sesterze betragen werden, zu bestreiten, und wünschen die Juden, wo es nur angeht, von ihren Aufzügen und Spielen auszuschließen.«

»Sie haben recht.«

»Erlaube mir, dich zu fragen, ob es gerecht sein würde, die Hälfte der Alexandriner zu verhindern, ihrem Kaiser Ehre zu erweisen?«

»Dieser Ehre wird Hadrian mit Vergnügen entsagen. Der ›Afrikanische‹, der ›Germanische‹, der ›Dazische‹ genannt zu werden, gereichte unseren Siegern zum Ruhm, Titus aber schlug es aus, nachdem er Jerusalem zerstört hatte, sich den ›Jüdischen‹ nennen zu lassen.«

»Er tat es, weil er die Erinnerung an die Blutströme scheute, die vergossen werden mußten, um den furchtbar zähen Widerstand dieses Volkes zu brechen. Dem Besiegten hatte Glied auf Glied, Finger auf Finger geknickt werden müssen, bevor er sich entschließen konnte, sich zu ergeben.«

»Du sprichst wieder halb wie ein Dichter. Oder haben dich diese Leute zu ihrem Sachwalter erwählt?«

»Ich kenne sie und bin bestrebt, ihnen wie allen Bürgern dieses Landes, das ich im Namen des Staates und Kaisers verwalte, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sie zahlen Steuern so viel wie die anderen Alexandriner, ja mehr; denn es gibt unter ihnen sehr reiche Männer. Sie tun sich rühmlich hervor im Handel, in Gewerben, Wissenschaft und Kunst, und darum messe ich sie mit gleichem Maß wie die übrigen Bewohner dieser Stadt. Ihr Aberglauben ficht mich so wenig an wie der der Ägypter.«

»Aber es überschreitet das Maß. Sie weigerten sich, zu Aelia capitolina, das Hadrian mit vielen Bauten geschmückt hat, den Bildsäulen des Jupiter und der Hera zu opfern. Das heißt, sie verschmähen es, mir und meinem Gatten zu huldigen.«

»Es ist ihnen verboten, einem andern als ihrem eigenen Gotte zu dienen. Aelia ward auf dem Grund und Boden des zerstörten Jerusalems erbaut, und die Statuen, von denen du redest, stehen an ihren heiligsten Stätten.«

»Was geht das uns an?«

»Du weißt, auch Kajus konnte sie nicht dahin bringen, seine Bildsäule im Allerheiligsten ihres Tempels aufzustellen. Selbst der Statthalter Petronius mußte zugestehen, sie zwingen, hieße sie aufreiben.«

»So mag ihnen geschehen, was sie verdienen, so vertilge man sie!« rief Sabina.

»Vertilgen?« fragte der Präfekt. »In Alexandria allein beinah die Hälfte der Bürger, das heißt mehrere Hunderttausend von gehorsamen Untertanen – vertilgen?«

»So viele?« fuhr die Kaiserin erschrocken auf. »Das ist ja entsetzlich! Gewaltiger Zeus, wenn diese Masse gegen uns aufsteht! Niemand redete mir von diesen Gefahren! – In der Kyrenaika und zu Salamis auf Kyprus haben sie ihre Mitbürger zu Zehntausenden gemordet.«

»Man hatte sie aufs äußerste gereizt, und sie waren ihren Bedrängern an Macht überlegen.«

»Und in ihrem eigenen Lande soll sich Aufstand an Aufstand schließen.«

»Wegen der Opfer, von denen wir sprachen.«

»Tinnius Rufus ist jetzt Legat in Palästina. Er hat eine widerwärtige, schrille Stimme – aber er sieht aus, als ließe er nicht mit sich spaßen, und wird die gefährliche Brut zu bändigen wissen.«

»Vielleicht,« entgegnete Titianus; »doch ich fürchte, daß er mit bloßer Härte sein Ziel nicht erreicht und, erreicht er es dennoch, eine Provinz entvölkert.«

»Es gibt nur zu viele Menschen im Reiche.«

»Aber niemals genug nützliche Bürger.«

»Aufrührerische Götterverächter und nützliche Bürger!«

»Hier in Alexandria, wo sich viele von ihnen völlig den Sitten und der Denkweise der Hellenen gefügt und alle ihre Sprache angenommen haben, sind sie es gewiß und zweifellos dem Kaiser aufs treueste ergeben.«

»Sie nehmen teil an den Festen?«

»Soweit es die hellenischen Bürger zulassen, ja.«

»Und die Ausstattung der Naumachie?«

»Wird nicht auf sie übertragen; dem Artemion wurde jedoch gestattet, die wilden Tiere für die Spiele im Amphitheater zu stellen.«

»Und er erwies sich nicht geizig?«

»So wenig, daß du staunen wirst. Der Mann muß es wie Midas verstehen, Steine in Gold zu verwandeln.«

»Gibt es viel seinesgleichen unter euren Juden?«

»Eine hübsche Anzahl.«

»So wünscht' ich, daß sie einen Aufstand versuchten; denn wenn dieser auch die reichen Leute verschlingt, so bleibt uns doch ihr Gold.«

»Einstweilen suche ich sie als gute Steuerzahler am Leben zu erhalten.«

»Teilt Hadrian diesen Wunsch?«

»Ohne Zweifel.«

»Dein Nachfolger bringt ihn vielleicht auf andere Gedanken.«

»Er handelt stets nach seinem eigenen Ermessen, und noch bin ich im Amte,« versetzte Titianus stolz.

»Und der Judengott möge dich lange darin erhalten,« entgegnete Sabina höhnisch.

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