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Gutenberg > Georg Ebers >

Der Kaiser

Georg Ebers: Der Kaiser - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDer Kaiser
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeFünfter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
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Fünftes Kapitel

Pontius hatte mit gerunzelter Stirn die Wohnung des Palastvorstehers aufgesucht und kehrte mit einem Lächeln auf den kräftigen Lippen und leichten Schrittes zu seinen Leuten zurück.

Dem Werkführer, der ihm mit einem fragenden Blick entgegentrat, sagte er:

»Der Herr Verwalter war mit Recht ein wenig empfindlich; nun sind wir Freunde, und er wird für die Beleuchtung tun, was er kann.«

In der Musenhalle blieb er vor dem Verschlage, hinter dem Pollux arbeitete, stehen und rief ihm zu:

»Freund Bildhauer, höre, es ist hohe Zeit zum Nachtessen geworden.«

»Gewiß,« versetzte Pollux, »sonst wird es ein Frühstück.«

»Lege denn in einer Viertelstunde das Werkzeug nieder und hilf mir mit dem Verwalter dieses Hauses das Mahl vertilgen, das man mir sandte.«

»Du bedarfst keines andern Mannes Beistand, wenn Keraunus dabei ist. Vor ihm schmilzt jede Speise dahin wie das Eis vor der Sonne.«

»So rette ihn vor Überlastung des Magens.«

»Unmöglich; denn ich habe soeben einer Schüssel voll Kohl mit Würstchen unbarmherzig zugesetzt. Meine Mutter bereitete diese Götterspeise, und mein Vater brachte sie dem ältesten Sohne.«

»Kohl mit Würstchen,« wiederholte der Baumeister, und man hörte ihm an, daß sein hungriger Magen gern mit diesem Gericht in nähere Verbindung getreten wäre.

»Komm herein,« rief Pollux sogleich, »und sei du mein Gast. Dem Kohl ist begegnet, was diesem Palaste bevorsteht: er ist aufgewärmt worden.«

»Aufgewärmter Kohl schmeckt besser als frischer, aber das Feuer, auf dem wir dies Bauwerk wieder genießbar zu machen versuchen, brennt zu heiß und muß zu kräftig geschürt werden. Die besten Sachen sind noch dazu fortgekommen und unersetzbar.«

»Wie die Würstchen, die ich aus meinem Kohl herausgefischt habe,« lachte der Bildhauer. »Ich kann dich doch nicht zu Gaste laden; denn ich würde dieser Schüssel schmeicheln, wenn ich sie »Kohl mit Würstchen« heiße. Wie ein Bergwerk hab' ich sie behandelt, und nachdem die Wurstminen beinah' erschöpft sind, bleibt wenig übrig als der Grundstoff, in dem zwei oder drei erbärmliche Fragmente an den vergangenen Reichtum erinnern. Nächstens soll meine Mutter dies Gericht für dich kochen; sie bereitet es mit unübertrefflicher Kunst.«

»Ein guter Gedanke; heute aber bist du mein Gast.«

»Ich bin völlig gesättigt.«

»So würze uns mit deiner guten Laune die Mahlzeit.«

»Verzeih, Herr, und laß mich lieber hier hinter meinen Schranken. Erstens bin ich bei guter Stimmung, im rechten Zug und fühle, daß in dieser Nacht etwas bei der Arbeit herauskommt . . .«

»Auf morgen also.«

»Hör mich zu Ende.«

»Nun?«

»Du würdest auch mit meiner Gegenwart deinem zweiten Gast einen schlechten Dienst erweisen.«

»Du kennst den Verwalter?«

»Von Kind an; bin ich doch der Sohn des Torwächters dieses Palastes.«

»Ei sieh! So stammst du aus dem lustigen Häuschen mit dem Efeu, den Vögeln und der munteren Alten?«

»Sie hat mich geboren und wird, sobald ihr Leibmetzger schlachtet, für dich und mich ein Kohlgericht sondergleichen vollenden.«

»Eine freundliche Aussicht!«

»Da stampft ein Nilpferd heran, oder bei näherer Betrachtung der Verwalter Keraunus.«

»Du bist mit ihm verfeindet?«

»Ich mit ihm, nein, aber er mit mir, ja,« entgegnete der Bildhauer. »Das sind dumme Geschichten! Frage mich bei unserem Mahl nicht nach ihnen, wenn du einen fröhlichen Tischgenossen zu haben begehrst. Sage Keraunus auch lieber nicht, daß ich hier bin; es führt zu nichts Gutem.«

»Wie du wünschest; da wären auch unsere Lampen!«

»Es sind genug, um die Unterwelt damit zu erleuchten,« rief Pollux, winkte dem Architekten einen Gruß zu und verschwand hinter den Schranken, um mit voller Hingabe an seiner Urania zu arbeiten.


Mitternacht war längst vorüber und die Sklaven, die mit großem Eifer ans Werk gegangen waren, hatten ihre Arbeit in der Musenhalle beendet. Sie durften nun auf dem in einem anderen Flügel des Palastes ausgebreiteten Stroh einige Stunden ruhen.

Auch der Architekt Pontius wünschte diese Zeit zu benützen, um sich durch einen kurzen Schlaf für die Anstrengungen des morgenden Tages zu stärken, aber zwischen dieser Absicht und ihrer Verwirklichung stand die umfangreiche Gestalt seines Gastes.

Er hatte den Mann, der sich, um Geld zu sparen, nur mit Brot nährte, eingeladen, um ihn mit Fleisch zu sättigen, und Keraunus zeigte sich jeder in dieser Beziehung an ihn gestellten Zumutung gewachsen.

Nachdem aber die letzte Schüssel abgetragen worden war, hielt es der Verwalter für geboten, seinem Wirt durch die Gegenwart seiner vornehmen Person Ehre zu erweisen.

Dabei löste der gute Wein des Präfekten dem sonst wenig mitteilsamen Manne die Zunge.

Erst sprach er von den mancherlei Stockungen, die ihn quälten und sein Leben gefährdeten, und als Pontius, um ihn auf andere Dinge zu bringen, unvorsichtigerweise des Rats der Bürgerschaft erwähnte, ließ Keraunus seine Beredsamkeit glänzen und suchte, Becher auf Becher leerend, die Gründe darzulegen, die ihn und seine Freunde bestimmten, alles dranzusetzen, den Mitgliedern der großen jüdischen Gemeinde der Stadt das Bürgerrecht zu entziehen und sie womöglich aus Alexandria zu vertreiben.

So groß war sein Eifer, daß er der Gegenwart des Baumeisters und seiner ihm wohlbekannten Herkunft völlig vergaß und es für notwendig erklärte, auch die Nachkommen von freigelassenen Sklaven aus der Bürgerschaft zu entfernen.

Pontius sah den glühenden Wangen und Augen des Verwalters an, daß der Wein aus ihm rede, und erwiderte ihm nichts; aber entschlossen, sich die Ruhe, deren er bedurfte, nicht schmälern zu lassen, erhob er sich von der Tafel und ging, indem er sich kurz entschuldigte, in das Gemach, in dem ein Lager für ihn aufgeschlagen worden war.

Nachdem er sich ausgekleidet hatte, befahl er seinem Sklaven, nachzusehen, was Keraunus treibe, und erhielt bald die beruhigende Antwort, der Verwalter sei fest eingeschlafen und schnarche.

»Horche nur,« schloß der Diener den Bericht, »man hört das Rollen und Sägen bis hierher. Ich schob ihm ein Kissen unter den dicken Kopf; denn bei seiner Fülle kann der überstarke Herr sonst Schaden erleiden.«

Liebe ist eine Pflanze, die vielen zuwächst, ohne daß sie sie gesät hätten, und die für manchen, der sie weder hegte noch pflegte, zum schattigen Baum ward.

Wie wenig hatte der Palastverwalter Keraunus getan, um sich das Herz der Tochter zu gewinnen, und wie vieles, das nicht verfehlen konnte, den Lauf ihres jungen Lebens zu trüben und zu verkümmern. Dennoch saß Selene, deren neunzehnjähriger Körper der Ruhe bedurfte und die sich des Abends auf den erlösenden Schlaf weit mehr freute als des Morgens auf den neue Sorgen und Lasten bringenden Tag, immer noch neben der dreiarmigen Lampe und wachte und ängstigte sich, je später es wurde, desto mehr über das lange Ausbleiben des Vaters. Vor einer Woche waren dem starken Manne plötzlich, wenn auch nur auf Minuten, die Sinne geschwunden, und der Arzt hatte ihr gesagt, daß der scheinbar von Gesundheit strotzende Kranke sich streng nach seinen Vorschriften halten und jedes Übermaß meiden müsse. Eine einzige Unvorsichtigkeit könne seinen Lebensfaden schnell und plötzlich zerreißen.

Nachdem der Vater fortgegangen war, um der Einladung des Baumeisters zu folgen, hatte Selene die Kleider ihrer jüngeren Geschwister vorgenommen, um sie auszubessern. Wohl hätte ihre zwei Jahre jüngere Schwester Arsinoe, deren Finger geschickt waren wie ihre eigenen, ihr dabei helfen können, aber sie war früh zur Ruhe gegangen und schlief bei den Kindern, die in der Nacht nicht ohne Aufsicht bleiben sollten.

Ihre Sklavin, die schon im Dienste ihrer Großeltern gestanden, sollte ihr helfen, aber die alte, halbblinde Negerin sah bei Licht noch schlechter als am Tage und konnte nach wenigen Nadelstichen nichts mehr erkennen.

Selene schickte sie zur Ruhe und setzte sich dann allein an die Arbeit.

In der ersten Stunde nähte sie, ohne aufzusehen, und dachte nach, wie es am besten möglich wäre, die Ihren mit den wenigen Drachmen, über die sie noch verfügte, in schicklicher Weise bis an das Ende des Monats zu erhalten.

Als es später ward, wurde sie müder und müder, aber sie blieb dennoch, und obgleich ihr der hübsche Kopf oft auf die Brust sank, vor ihrer Arbeit sitzen.

Sie mußte die Rückkehr des Vaters abwarten; denn da stand der vom Arzt für ihn bereitete Trank, und sie fürchtete, daß er ihn vergäße, wenn sie ihn nicht erinnerte.

Am Ende der zweiten Stunde übermannte sie die Schläfrigkeit, und es war ihr, als zerbreche der Stuhl, auf dem sie saß, und als sinke sie erst langsam, dann aber schneller und schneller in einen tiefen Abgrund, der sich unter ihr auftat.

Nach Hilfe suchend schaute sie im Traume aufwärts; aber da war nichts zu sehen als das Gesicht des Vaters, das gleichgültig zur Seite schaute. Im weiteren Verlauf des Traumes rief sie ihn und rief ihn wieder; er aber schien sie lange Zeit nicht zu hören.

Endlich blickte er zu ihr nieder, und als er sie bemerkt hatte, lächelte er sie an; aber statt ihr Hilfe zu leisten, nahm er Steine und Erde vom Rande des Abgrunds und warf sie ihr auf die Finger, die sich an den Brombeerstauden und den Wurzeln, die aus den Fugen der Felsen herauswuchsen, angeklammert hatten.

Sie bat ihn, von diesem Spiele zu lassen, sie flehte ihn an, sie rief um Schonung, aber in dem Gesichte über ihr regte sich kein Muskel. Während eines leeren Lächelns schien es erstarrt zu sein, und auch das Herz des Vaters war wohl erstorben; denn mitleidlos warf er einen Kiesel, ein Erdstück nach dem anderen auf sie herunter, bis ihre Hände den letzten gebrechlichen Halt loslassen mußten und sie in den todbringenden Schlund hinunterstürzte.

Von ihrem eigenen lauten Angstschrei wachte sie auf, aber während sie aus dem Traum in die Wirklichkeit zurückkehrte, sah sie hinter schnell zerreißenden Nebeln, einen Augenblick nur und doch klar und deutlich, das mit weißen und gelben Kamillensternen, mit veilchenfarbigen Blütenglocken und rotem Mohn geschmückte hohe Gras einer Wiese, in das sie wie in ein weiches grünes Bett gefallen war; neben dem Rasen aber blaute ein schimmernder See und hinter ihm erhoben sich schön gerundete Berge mit rötlichen Felsenhängen und grünen Hainen und Matten, die in hellem Sonnenschein glänzten. Ein reiner Himmel, an dem ein leiser Hauch leichte silberne Wölkchen sanft bewegte, wölbte sich über dies freundliche, schnell verfliegende Bild, das sie mit nichts von allem zu vergleichen wußte, was sie jemals in ihrer Heimat gesehen.

Nur kurze Zeit hatte sie geschlafen, als sie aber, der Wirklichkeit völlig zurückgegeben, die Augen rieb, meinte sie, ihr Traum habe lange Stunden gedauert.

Eine Flamme an ihrer dreiarmigen Lampe war qualmend erloschen und an einer anderen begann der Docht zu verschwelen. Sie drückte ihn schnell mit der an einem Kettchen hängenden Zange aus, goß dann auf den letzten noch brennenden Docht neues Öl und leuchtete in das Schlafgemach ihres Vaters.

Noch immer war er nicht heimgekehrt.

Nun überfiel sie große Angst.

Hatte ihm der Wein des Baumeisters die Sinne benommen?

War er auf dem Wege nach seiner Wohnung von einem neuen Schwindel erfaßt worden?

Im Geiste sah sie den schweren Mann unfähig, sich aufzurichten, ja vielleicht sterbend am Boden liegen.

Hier blieb keine Wahl!

Sie mußte sich in die Musenhalle begeben und sehen, was dem Vater zugestoßen war, ihn aufrichten, ihm Hilfe bringen oder, wenn sie ihn noch beim Schmause fand, unter irgend einem Vorwand nach Hause zu locken versuchen.

Es stand alles auf dem Spiele: das Leben des Vaters und mit ihm Unterhalt und Obdach für acht hilflose Wesen.

Die Dezembernacht war rauh.

Schneidend kalte Luft zog durch die schlecht verwahrte Öffnung in der Decke des Zimmers, und so band Selene, bevor sie die Wanderung begann, ein Tüchlein um den Kopf und warf den weiten Mantel, den ihre verstorbene Mutter getragen hatte, über die Schultern.

In dem langen, zwischen der Wohnung der Familie und dem vorderen Teil des Palastes gelegenen Gange mußte sie das flackernde Licht des Lämpchens, das sie in der Rechten trug, mit der Linken vor dem Verlöschen bewahren.

Die vom Zugwinde bewegte Flamme und ihre eigene Gestalt spiegelten sich hier und dort in den glatten Flächen des dunklen Marmors wider.

Die unter ihren Fuß geschnürte starke Sohle erweckte in den leeren Räumen lauten Widerhall, sobald sie den steinernen Estrich berührte, und in Selenens Seele schlich sich die Furcht ein. Ihre Finger, die die Leuchte hielten, zitterten, und ihr Herz schlug überlaut, als sie mit angehaltenem Atem durch den runden Kuppelsaal schritt, in dem Ptolemäus Euergetes, der Dicke, vor vielen Jahren den eigenen Sohn ermordet haben sollte und in dem jeder laute Atemzug ein Echo erweckte. Aber selbst in diesem Raum vergaß sie nicht, nach dem Vater auszuschauen.

Erleichtert atmete sie auf, als sie einen Lichtstrahl bemerkte, der durch die klaffenden Fugen einer geborstenen Seitenpforte der Musenhalle drang und sich gebrochen auf dem Estrich und einer Wand des letzten Raumes, den sie durchschreiten mußte, spiegelte.

Jetzt betrat sie den weiten Saal, der von den Lampen hinter den Schranken des Bildhauers und mehreren tief herabgebrannten Kerzen matt beleuchtet wurde.

Diese standen auf der in einer Ecke am äußersten Ende der Halle aus Holzböcken und Brettern zusammengefügten Tafel, hinter der ihr Vater längst schon entschlummert war.

Die tiefen, aus der breiten Brust des Schläfers dringenden Töne klangen von den nackten Wänden des weiten, leeren Raumes unheimlich wider, und nun ängstigte sie sich vor ihnen und mehr noch vor den tiefen und langen Schatten der Säulen, die sich wie Schranken über ihren Weg legten.

Lauschend blieb sie in der Mitte der Halle stehen, und bald erkannte sie in dem befremdlichen Getön einen ihr nur zu wohl bekannten Klang.

Ungesäumt hob sie die Füße zum Laufe und eilte auf den Schlafenden zu, rüttelte und schüttelte ihn, rief ihn, besprengte ihm die Stirn mit Wasser und nannte ihn bei den zärtlichsten Namen, mit denen ihre Schwester Arsinoe ihm zu schmeicheln pflegte. Als er sich trotz alledem nicht rührte und regte, leuchtete sie ihm mit dem Lämpchen ins Angesicht. Nun glaubte sie wahrzunehmen, daß sich ein bläulicher Schimmer über sein aufgedunsenes Antlitz breite, und wiederum brach sie in jenes tief schmerzliche Weinen aus, das das Herz des Baumeisters vor wenigen Stunden gerührt hatte.

Jetzt ward es hinter den Schranken, die den Bildhauer und sein entstehendes Werk umgaben, lebendig.

Pollux hatte lange mit Lust und Eifer gearbeitet, endlich aber das Schnarchen des Verwalters ihn zu stören begonnen.

Der Körper seiner Muse hatte schon entschiedene Formen gewonnen, den Kopf konnte er erst beim Lichte des Tages auszuführen beginnen.

Jetzt ließ er die Arme sinken; denn seitdem er sich nicht mehr mit Herz und Sinn dem Schaffen hingab, fühlte er sich müde und sah ein, daß er ohne Modell nicht mit der Gewandung der Urania zustande kommen würde. Darum zog er den Sessel an eine große mit Gips gefüllte Kiste, um an diese gelehnt ein wenig zu ruhen.

Aber den von seiner schnellen Nachtarbeit tief erregten Künstler war der Schlaf geflohen, und sobald Selene die Tür öffnete, richtete er sich auf und schaute durch eine Öffnung zwischen den Rahmen, die seine Arbeitsstätte umgaben.

Als er die hohe, verhüllte Gestalt erblickte, in deren Hand eine Lampe zitterte, als er sie den weiten Raum durchschreiten und plötzlich stillstehen sah, erschrak er nicht wenig, aber das hinderte ihn nicht, jeden Schritt des nächtlichen Spukbildes mit weit mehr Neugier als Furcht zu verfolgen.

Als dann Selene sich umschaute und das Licht ihrer Lampe ihr das Antlitz beschien, erkannte er die Tochter des Verwalters und begriff nun schnell, was sie hier suchte.

Ihre vergeblichen Weckversuche hatten gewiß etwas Rührendes, aber doch zu gleicher Zeit auch etwas unwiderstehlich Erheiterndes. Pollux fühlte sich denn auch stark versucht zu lachen. Sobald aber Selene so schmerzlich zu weinen begann, bog er schnell zwei Rahmen seiner Schranken auseinander, näherte sich ihr und rief, um sie nicht zu erschrecken, erst leise und dann immer lauter ihren Namen. Als sie ihr Haupt nach ihm umwandte, bat er sie freundlich, sich nicht zu fürchten; denn er sei kein Geist, sondern nur ein ganz bescheidener Sterblicher, und zwar, wie sie sehe, leider nichts Besseres als des Torhüters Euphorion nichtsnutziger, aber auf dem Wege der Besserung wandelnder Sohn.

»Du, Pollux?« fragte das Mädchen überrascht.

»Ich selbst. Aber du? Kann ich dir helfen?«

»Mein armer Vater,« klagte Selene. »Er rührt sich nicht, er ist starr – und sein Gesicht – o ihr ewigen Götter!«

»Wer schnarcht, ist nicht tot,« entgegnete der Bildhauer.

»Aber der Arzt hat gesagt . . .«

»Er ist gar nicht krank! Pontius setzte ihm nur stärkeren Wein vor, als er zu trinken gewohnt ist. Laß ihn ruhen. Mit dem Kissen unter dem Nacken schläft er so fest wie ein Kind. Als er vorhin gar zu kräftig zu brummen begann, hab' ich so laut wie ein Regenvogel gepfiffen; denn das bringt die Schnarcher manchmal zum Schweigen; eher aber hätte ich die steinernen Musen dort zum Tanzen bringen können, als ihn aus dem Schlafe.«

»Könnten wir ihn nur ins Bett schaffen.«

»Wenn du vier Pferde zur Hand hast . . .«

»Du bist immer noch so schlecht wie früher.«

»Etwas weniger, Selene. Du mußt dich nur wieder an meine Redeweise gewöhnen. Diesmal meinte ich nur, daß wir beide zusammen nicht stark genug wären, ihn fortzutragen.«

»Aber was soll ich denn tun? Der Arzt hat gesagt . . .«

»Bleib mir fort mit dem Arzte. Die Krankheit, an der dein Vater leidet, die kenn' ich! Morgen ist sie vorüber, und den einzigen Schmerz, den sie vielleicht bis zum Untergange der Sonne zurückläßt, wird er unter den Haaren verspüren. Laß ihn nur schlafen.«

»Es ist so kalt hier.«

»Da nimm meinen Mantel und decke ihn zu.«

»Dann wirst du frieren.«

»Das bin ich gewöhnt. Seit wann hat denn Keraunus mit den Ärzten zu schaffen?«

Selene erzählte, welcher Unfall den Vater betroffen und wie berechtigt ihre Befürchtungen wären.

Schweigend hörte der Bildhauer ihr zu und sagte dann in völlig verändertem Ton:

»Das tut mir herzlich leid. Legen wir ihm kaltes Wasser auf die Stirn. Bis die Sklaven wieder kommen, will ich jede Viertelstunde den Umschlag wechseln. Da steht ein Gefäß, und hier ist ein Tuch. Gut! Das wäre gelungen! Vielleicht erwacht er dadurch, und wenn nicht, so tragen ihn die Leute in eure Wohnung.«

»Schmählich – schmählich!« seufzte das Mädchen.

»Nicht doch; auch der Oberpriester des Serapis kann unwohl werden. Laß mich nur machen.«

»Dir zu begegnen, wird ihn von neuem erregen. Er ist dir so böse – so böse!«

»Gewaltiger Zeus, was hab' ich denn Großes verbrochen? Die Götter vergeben den Weisesten schwere Sünden und ein Mensch will nicht verzeihen, was ein dummer Junge in seinem Übermute verbrach!«

»Du hast ihn verhöhnt.«

»Ich setzte an die Stelle des abgebrochenen Hauptes zwischen die Schultern des dicken Silen neben dem Tore einen Kopf von Ton, der ihm gleichsah. Meine erste selbständige Arbeit ist es gewesen.«

»Du hast sie nur gemacht, um den Vater zu kränken.«

»Gewiß nicht, Selene. Mich reizte der Spaß und nichts weiter.«

»Aber du wußtest, wie empfindlich er ist.«

»Überlegt denn ein fünfzehnjähriger Wildfang die Folgen seines Übermuts? Hätte er mir nur den Rücken verprügelt, dann würde sein Groll sich mit Blitz und Donner entladen haben, und die Luft wäre wieder rein geworden. Aber so! Von meinem Werke schnitt er mit dem Messer das Gesicht ab und zertrat langsam die am Boden liegenden Stücke. Mir gab er einen einzigen Puff mit dem Daumen, den ich freilich heute noch fühle, und dann schmähte er mich und die Eltern so kühl und hart und mit so bitterer Verachtung . . .«

»Er wird niemals recht heftig, aber der Ärger frißt sich in ihn hinein, und so verdrossen wie damals sah ich ihn selten.«

»Hätte er nur unter vier Augen die Rechnung mit mir beglichen; aber so war mein Vater dabei und es regnete heftige Worte, zu denen meine Mutter das Ihrige gab, und seitdem war die Feindschaft fertig zwischen dem Häuschen da unten und euch hier oben. Am meisten hat mich's gekränkt, daß es dir und deiner Schwester verboten wurde, zu uns zu kommen und mit uns zu spielen.«

»Das verdarb mir auch manche Stunde.«

»Es war auch hübsch, wenn wir uns mit dem Theaterkram und den Mänteln des Vaters ausputzten.«

»Und wenn du uns Puppen aus Ton formtest.«

»Oder wenn wir olympische Wettkämpfe aufführten.«

»Ich war immer die Lehrerin, wenn wir mit den kleinen Geschwistern Schule spielten.«

»Arsinoe machte dir am meisten zu schaffen.«

»Wie hübsch ist das Angeln gewesen! Wenn wir Fische nach Hause brachten, dann gab uns meine Mutter Mehl und Rosinen, um damit zu kochen.«

»Erinnerst du dich noch an das Adonisfest, und wie ich den durchgegangenen Fuchs des numidischen Reiters aufhielt?«

»Das Pferd hatte Arsinoe schon umgeworfen, und als wir nach Hause kamen, schenkte die Mutter dir einen Mandelkuchen.«

»Aber zum Dank biß deine undankbare Schwester tapfer hinein und ließ mir nur ein winziges Stückchen übrig. Ist Arsinoe so hübsch geworden, wie sie zu werden versprach? Vor zwei Jahren hab' ich sie zum letztenmal gesehen; unsereiner findet erst, wenn es finster wird, Zeit, die Arbeit zu verlassen. Acht Monate lang hatt' ich für den Meister in Ptolemais zu tun, und oft sah ich die Alten nur einmal im Monat.«

»Wir kommen auch wenig hinaus und dürfen nicht bei euch eintreten. Meine Schwester –«

»Ist sie sehr schön?«

»Ich glaube ja. Wo sie ein Band erwischt, da flicht sie es in das Haar, und auf der Straße sehen die Männer ihr nach. Sie ist sechzehn Jahre alt geworden.«

»Sechzehn Jahre, die kleine Arsinoe! Wie lang ist es denn her seit dem Tod deiner Mutter?«

»Vier Jahre und acht Monate.«

»Du behieltest die Zeit ihres Endes wohl im Gedächtnis. Solch eine Mutter ist auch schwer zu vergessen. Sie war eine gute Frau, ja eine freundlichere ist mir nie begegnet, und ich weiß auch, daß sie es versuchte, deinen Vater milder zu stimmen. Aber es glückte ihr nicht, und dann mußte sie sterben.«

»Ja,« sagte Selene dumpf. »Wie haben die Götter das tun können! Sie sind oft grausamer als die härtesten Menschen!«

»Deine armen kleinen Geschwister.«

Das Mädchen nickte trüb mit dem Kopfe, und auch Pollux blickte eine Zeitlang schweigend zu Boden. Dann hob er den Kopf und rief:

»Ich habe etwas für dich, was dich freuen wird.«

»Mich will nichts mehr freuen, seitdem sie tot ist.«

»Doch, doch,« entgegnete der Bildhauer lebhaft. »Ich konnte die gute Frau nicht vergessen und formte einmal in müßigen Stunden ihre Büste aus dem Gedächtnis. Morgen bring ich sie dir.«

»Oh!« rief Selene und aus ihren großen, kühlen Augen leuchtete ein sonniger Glanz.

»Nicht wahr, das freut dich?«

»Ja gewiß, sehr. Aber wenn der Vater erfährt, daß du mir das Bildnis schenktest . . .«

»So ist er imstande, es zu zerschlagen?«

»Wenn er es auch nicht zerschlägt, so duldet er's doch nicht im Hause, sobald er erfährt, daß du es machtest.«

Da nahm Pollux den Umschlag von der Stirn des Verwalters, feuchtete ihn an und rief, während er ihn wieder auf den Kopf des Schlafenden zurücklegte:

»Ich hab' einen Einfall. Es kommt doch nur darauf an, daß dich meine Büste manchmal an deine Mutter erinnert. In eurer Wohnung braucht der Kopf nicht zu stehen. Auf dem Rundell, das ihr von eurem Altan aus sehen könnt und an dem du vorbeigehen kannst, wann du willst, stehen die Büsten der ptolemäischen Frauen, von denen einige arg verstümmelt sind und geflickt werden müssen. Ich übernehme die Herstellung der Berenice und setze ihr den Kopf deiner Mutter auf den Hals. Du trittst ins Freie und kannst sie sehen. Ist es dir recht so?«

»Ja, Pollux, Du bist doch ein guter Mensch.«

»Sagt' ich dir's nicht? Ich fange schon an, mich zu bessern. Aber die Zeit, die Zeit! Wenn ich auch noch die Berenice übernehme, dann gilt es, mit den Minuten zu geizen.«

»Geh nur an deine Arbeit zurück; das Umschlägemachen versteh' ich nur zu gut.«

Bei dieser Versicherung schlug Selene den Mantel ihrer Mutter, um den Händen freien Spielraum zu schaffen, über die Schulter und stand mit ihrer schlanken Gestalt, dem bleichen Gesicht und den schönen Falten in dem weiten Umwurf von gutem Stoff dem Künstler wie eine Bildsäule gegenüber.

»So bleibst du – so – ganz so!« rief Pollux dem überraschten Mädchen so laut und lebhaft zu, daß es erschrak. »Der Mantel liegt wundervoll ungezwungen auf deiner Schulter. Um aller Götter willen rühr ihn nicht an! Darf ich ihn nachmodellieren, so gewinne ich in wenigen Minuten einen ganzen Tag für unsere Berenice. Die Umschläge mach' ich während der Pausen.«

Ohne Selenens Antwort abzuwarten, eilte der Bildhauer in den Verschlag zurück. Dann erschien er erst mit einer Arbeitslampe in jeder Hand und mit kleinen Werkzeugen im Munde, endlich aber mit seinem Wachsmodell, das er auf die äußerste Kante des Tisches stellte, hinter dem der Verwalter ruhte.

Die Kerzen wurden verlöscht, die Lampen hier- und dorthin gerückt und auf und nieder geschoben, und als endlich ein erträgliches Licht gewonnen war, warf sich Pollux auf einen Sessel, streckte die Beine von sich, reckte den Hals und den Kopf mit der gebogenen Nase weit von sich wie ein Geier, der ein fernes Ziel mit dem Blicke zu erfassen sucht – senkte das Auge, hob es wieder, um etwas Neues mit ihm zu erbeuten, und wandte es auf längere Zeit niederwärts. Dabei tanzten seine Fingerspitzen und Nägel über die Fläche der Wachsfigur hin, versenkten sich in den bildsamen Stoff, klebten neue Stücke auf scheinbar vollendete Formen, beseitigten andere mit entschiedenen Schnitten und rundeten sie mit wirbelnder Schnelligkeit, um sie für einen neuen Zweck zu verwenden. Ein Krampf schien in seine Hände gefahren zu sein, aber unter den zusammengezogenen Brauen glänzte sein Auge ernst, fest, ruhig, und doch voll von unaussprechlich tiefer Begeisterung.

Selene hatte ihm mit keinem Worte gestattet, sie als Vorbild zu benutzen; dennoch war sie, als habe sein Eifer sich auf sie übertragen, regungslos stehengeblieben, und wenn, während er arbeitete, sein Blick sie traf, ahnte sie den schweren Ernst, der in dieser Stunde ihren muntern Gefährten erfüllte.

Weder er noch sie regten eine Zeitlang die Lippen.

Endlich trat er von seinem Werke zurück, bückte sich tief, schaute erst Selene, dann seine Arbeit mit einem scharfen, lauernden Blick von unten nach oben an und sagte, während er hochaufatmend das Wachs von den Fingern rieb: »So! So muß es werden! Jetzt mach' ich deinem Vater einen neuen Umschlag, und dann fahren wir fort. Wenn du müde bist, darfst du dich rühren.«

Sie machte nur bescheidenen Gebrauch von dieser Erlaubnis, und bald begann die Arbeit von neuem.

Als er einige gesunkene Falten ihres Umwurfs sorgfältig erneuerte, hob sie den Fuß, um zurückzutreten; er aber sagte ernst: »Du bleibst stehen,« und sie folgte seinem Geheiß.

Von nun an bewegte Pollux Finger und Stäbchen mit größerer Ruhe. Der Blick seines Auges war weniger gespannt als vorher, und er begann auch wieder zu sprechen.

»Du bist sehr bleich,« sagte er. »Freilich, das Lampenlicht und die schlaflose Nacht« . . .

»Ich sehe bei Tage ebenso aus; aber krank bin ich doch nicht.«

»Ich dachte, nur Arsinoe würde deiner Mutter ähnlich werden; jetzt aber finde ich viele Züge von ihr auch in deinem Antlitze wieder. Das Oval ist das gleiche, fast geradlinig schmiegt sich auch bei dir die Nase der Stirn an, deine großen Augen und der Schwung der Brauen sind wie aus ihrem Antlitz genommen; doch dein Mund ist kleiner und zierlicher geschnitten, und die Verstorbene hätte wohl schwerlich das Haar zu einem so schweren Knoten am Hinterkopfe zusammenschlingen können. Ich meine auch, daß das deine heller . . .«

»Sie soll als Mädchen noch volleres Haar gehabt haben und ist vielleicht als Kind ebenso blond gewesen, wie ich war. Jetzt bin ich braun.«

»Das hast du auch von ihr, daß sich das Haar, ohne kraus zu sein, in so weichen Wellen um das Haupt legt.«

»Es läßt sich leicht regieren.«

»Bist du nicht höher gewachsen?«

»Ich glaube; aber weil sie voller war, sah sie wohl weniger groß aus. – Bist du bald fertig?«

»Du wirst müde vom Stehen?«

»Nicht sehr.«

»So habe noch ein wenig Geduld. Dein Anblick erinnert mich mehr und mehr an frühere Jahre. Ich freue mich, auch Arsinoe wiederzusehen. Mir ist zumute, als sei die Zeit ein gutes Stück rückwärts gegangen. Hast du dieselbe Empfindung?«

Selene schüttelte das Haupt.

»Du bist nicht glücklich?«

»Nein.«

»Ich weiß wohl. Für deine Jugend hast du sehr schwere Pflichten zu erfüllen.«

»Es geht so hin.«

»Nein, nein, ich weiß, daß du die Dinge nicht gehen läßt, wie sie wollen. Wie eine Mutter sorgst du für die Geschwister.«

»Wie eine Mutter,« wiederholte Selene und ihr Mund verzog sich zu einem abweisend bitteren Lächeln.

»Freilich! Mutterliebe ist ein ganz besonderes Ding; doch dein Vater und deine Geschwister sollen allen Grund haben, auch mit der deinen zufrieden zu sein.«

»Vielleicht sind's die Kleinen und unser blinder Helios, aber Arsinoe tut, was sie mag.«

»Du bist gewiß nicht zufrieden! Ich hör' es dir an, und du warst doch früher frisch und heiter, wenn auch nicht so übermütig wie deine Schwester.«

»Früher.«

»Wie traurig das klingt! Und doch, doch, du bist schön, bist jung, das Leben liegt vor dir!«

»Welch ein Leben!«

»Welches?« fragte der Bildhauer, indem er die Hände von der Arbeit entfernte, die schöne, bleiche Jungfrau feurig ansah und mit Herzlichkeit fortfuhr:

»Ein Leben, das ganz voll sein könnte von Glück und heiterer Liebe.«

Da schüttelte das Mädchen verneinend den Kopf und versetzte gelassen:

»Liebe ist Freude, sagt die Christin, die unsere Arbeit in der Papyrusfabrik beaufsichtigt, und seit die Mutter tot ist, habe ich mich nie mehr gefreut. Alles Glück genoß ich in der Kindheit auf einmal. Jetzt bin ich froh, wenn uns das schwerste Unglück erspart bleibt. Was sonst die Tage bringen, nehm' ich hin, weil ich es nicht zu ändern vermag. Mein Herz ist ganz leer, und wenn es wirklich etwas empfindet, so ist es Furcht. Gutes von der Zukunft zu erwarten, das hab' ich schon lange verlernt.«

»Mädchen, Mädchen!« rief Pollux. »Was ist mit dir vorgegangen? Ich begreife auch nur die Hälfte von dem, was du sprichst. Wie kommst du in die Papyrusfabrik?«

»Verrate mich nicht,« bat Selene ängstlich. »Wenn der Vater es hörte . . .«

»Er schläft, und was du mir hier vertraust, wird niemand erfahren.«

»Warum soll ich's verschweigen? Täglich gehe ich mit Arsinoe auf einige Stunden in die Werkstätte und arbeite dort, um etwas Geld zu verdienen.«

»Hinter dem Rücken deines Vaters?«

»Ja. Er ließe uns lieber verhungern, als daß er das litte. Unaufhörlich gibt es den gleichen Ekel bei dem gleichen Betrug zu ertragen, aber es geht nicht anders; denn Arsinoe denkt nur an sich selbst, spielt mit dem Vater das Brettspiel, brennt ihm die Locken und tändelt manchmal mit den Kindern herum, als wären es Puppen; mir aber liegt es ob, für die Kleinen zu sorgen.«

»Und du, du sagst, daß du lieblos wärest? Zum Glück glaubt es dir niemand, und ich am letzten. Neulich erzählte mir die Mutter von dir, und da dacht' ich, du wärest ein Mädchen, das eine Frau geben könnte gerade so wie sie sein soll.«

»Und heute?«

»Heute weiß ich's gewiß.«

»Du könntest dich irren.«

»Nein, nein! Du heißt Selene, und mild wie das freundliche Mondlicht bist du, Namen haben ihre Bedeutung.«

»Mein blinder Bruder, der das Licht noch niemals gesehen hat, heißt Helios,« entgegnete das Mädchen höhnisch.

Pollux hatte mit großer Wärme gesprochen; Selenens letzte Worte erschreckten ihn aber und dämpften seine hoch aufwallende Empfindung.

Als er nichts auf ihren bitteren Ausruf antwortete, sagte sie erst kühl, dann immer wärmer: »Du fängst an, mir zu glauben, und du hast recht, denn was ich für die Kleinen tue, geschieht nicht aus Güte, nicht aus Liebe, nicht weil ihr Wohl mir höher steht als das meine. Vom Vater erbte ich den Stolz, und so wäre es mir gräßlich, wenn die Geschwister zerlumpt einhergingen und die Leute uns für so arm und elend hielten, wie wir es sind. Das Schrecklichste ist mir Krankheit im Hause; denn sie steigert die Angst, die mich nie verläßt, und verschlingt die letzten Sesterze; darum dürfen die Kinder nicht darben. Ich will mich nicht schlechter machen als ich bin: es tut mir auch leid, sie verkommen zu sehen. Aber Freude bereitet mir nichts von dem, was ich tue; es mäßigt höchstens die Furcht. Du fragst, wovor ich mich ängstige? Vor allem, ja allem, was kommen kann; denn Gutes zu erwarten fehlt mir jeglicher Grund. Wenn es klopft, so kann es ein Gläubiger sein; wenn sie Arsinoe auf der Straße nachstarren, seh' ich die Unehre sie schon umschleichen; wenn der Vater gegen den Willen des Arztes handelt, so mein' ich, wir stünden bereits obdachlos auf offener Straße. Was tät' ich wohl freudigen Herzens! Gewiß, ich bin nicht müßig, aber ich beneide jedes Weib, das die Hände in den Schoß legen und sich von Sklavinnen bedienen lassen kann. Fiele mir nur ein goldener Schatz in die Hände, ich rührte gewiß keinen Finger mehr und schliefe jeden Tag, bis die Sonne hoch steht, und ließe Sklaven für den Vater und die Geschwister sorgen. Mein Leben ist lauter Elend. Gibt es einmal eine bessere Stunde, so wundere ich mich, und eh' ich mit dem Erstaunen zu Ende bin, ist sie auch schon vorüber.«

Den Bildhauer überlief es kalt, und sein Herz, das sich seiner schönen Gespielin weit geöffnet hatte, zog sich zusammen.

Bevor er das rechte, ermutigende Wort gefunden, nach dem er suchte, ließ sich aus dem Saale, in dem die Arbeiter und Sklaven ruhten, ein Trompetenstoß hören, der sie zu erwecken bestimmt war.

Selene schrak zusammen, zog den Mantel fester um sich, bat Pollux, für den Vater Sorge zu tragen und den neben ihm stehenden Weinkrug vor den Leuten zu verbergen, und ging dann, indem sie der Lampe vergaß, schnell der Pforte entgegen, durch die sie gekommen war.

Pollux eilte ihr nach, um ihr zu leuchten, und während er sie bis zur Tür ihrer Wohnung begleitete, gewann er ihr mit warmen, dringenden Worten, die ihr das Herz wunderbar berührten, das Versprechen ab, ihm noch einmal in dem Mantel Modell zu stehen.

Eine Viertelstunde später lag der Verwalter im Bette und fuhr fort zu schlafen; Pollux aber, der sich hinter den Schranken auf einem Polster ausgestreckt hatte, mußte noch lange an das blasse Mädchen mit der erstarrten Seele denken.

Endlich übermannte auch ihn der Schlummer, ein freundlicher Traum zeigte ihm die hübsche kleine Arsinoe, die ohne ihn beim Adonisfeste von dem scheuen Roß des Numidiers unfehlbar zu Boden gerissen worden wäre, wie sie ihrer Schwester Selene einen Mandelkuchen fortnahm und ihn ihm überbrachte. Die blasse Beraubte ließ sich dies ruhig gefallen und lächelte dabei still und kühl vor sich hin.

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