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Der Kaiser

Georg Ebers: Der Kaiser - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDer Kaiser
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeFünfter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
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Sechsundvierzigstes Kapitel

Arsinoe erhob sich am folgenden Morgen frühzeitig und ging dann, verlegen und beunruhigt von dem Glanze, der sie umgab, in ihrem Zimmer auf und nieder und dachte an Pollux. Dann freute sie sich an ihrem Bilde, das ihr der große Spiegel zeigte, den sie auf dem Putztische fand, und dazwischen verglich sie die Polster in der Präfektur mit denen Paulinas, indem sie sich auf ihnen ausstreckte. Sie fühlte sich wieder gefangen, aber diesmal ließ sie sich den Kerker gefallen, und wenn Sklaven an ihrem Gemache vorbeigingen, eilte sie an die Tür, um zu lauschen; denn es war ja möglich, daß Titianus Pollux zu sich beschieden und ihm gestattet hatte, sie zu begrüßen. Endlich trat eine Sklavin ein, überbrachte ihr freundlich das Frühmahl und bat sie in Julias Namen, sich die Blumen und Vogelhäuser im Garten anzusehen, bis sie sie aufsuchen werde.

Titianus hatte in der Frühe die Nachricht erhalten, daß Antinous im Nil den Tod gesucht und gefunden, und war durch sie tief erschüttert worden, weniger um des unglücklichen Jünglings selbst, als um des Kaisers willen.

Nachdem er seinen Beamten Befehl gegeben, dem Volke die Trauerkunde mitzuteilen und die Bürger zum öffentlichen Ausdruck ihrer Teilnahme an dem Schmerz des Herrschers aufzufordern, empfing er den Patriachen Eumenes.

Dieser würdige Greis gehörte seit den Verhandlungen, die er mit ihm über das Dankgebet der Christen nach der Rettung des Kaisers geführt hatte, zu den bevorzugten Freunden des hohen Paares.

Der Präfekt sprach mit dem Patriarchen über die unheilvollen Wirkungen, die der Tod des jungen, durch keine Gabe des Geistes ausgezeichneten Mannes auf den Kaiser und somit auch auf die Regierung des Reiches zu üben drohte.

»Wenn Hadrian,« sagte Titianus, »dem rastlosen Hirn sonst eine Stunde der Ruhe gönnen und sich von Enttäuschung und Verdruß, von schwerer Arbeit und Sorge, an denen sein Leben überreich ist, erholen wollte, zog er mit dem rüstigen Jüngling auf die Jagd oder er fand doch den schönen, gutherzigen Gesellen in seinem Gemache. Da erfreute der Anblick des Bithyniers sein Künstlerauge, und wie gut hat es Antinous verstanden, ihm sinnend, bescheiden, verschwiegen zuzuhören. Hadrian liebte ihn wie den eigenen Sohn, und der Verstorbene hing dafür mit mehr als kindlicher Treue an dem Gebieter. Sein Tod hat das bewiesen. Einmal sagte mir der Kaiser selbst: »Mitten im Getümmel des wachen Lebens ist es mir, wenn Antinous mir begegnet, zu Sinne, als stellte sich mir ein schöner Traum verkörpert vor die Augen.«

»Der Schmerz des Kaisers, ihn verloren zu haben, muß groß sein,« bemerkte der Patriarch.

»Und dieser Verlust wird sein grübelndes, ernstes Wesen verdüstern, sein unruhiges Denken und Treiben unsteter machen, sein Mißtrauen und seine Empfindlichkeit steigern.«

»Und die Umstände, unter denen Antinous starb,« fügte der Patriarch hinzu, »werden seinem Hang zum Aberglauben neue Nahrung geben!«

»Das ist zu befürchten. Wir gehen keinen glücklichen Tagen entgegen. Der Aufstand, der sich in Judäa erhebt, wird wieder Tausende von Menschenleben kosten.«

»Wäre es dir doch vergönnt gewesen, die Leitung dieser Provinz auf dich zu nehmen!«

»Du weißt, wie es mit mir bestellt ist, würdiger Mann. In schlimmen Tagen bin ich nicht fähig, einen Gedanken zu fassen und die Lippen zu regen. Wenn sich die Atemnot steigert, ist mir wie einem Erstickenden zumute. Viele Jahrzehnte stellte ich Körper und Geist willig dem Staat zur Verfügung; jetzt aber fühle ich mich berechtigt, die geschwächte Kraft, die mir bleibt, auf andere Dinge zu richten. Ich und mein Weib gedenken auf unser Gut am Lariussee zu ziehen und wollen dort versuchen, ob es mir und ihr gelingen wird, uns des Heiles würdig zu machen und die Wahrheit recht zu erfassen, die du uns zeigtest. Da bist du, Julia! Wir beide dachten, als der Entschluß in uns reifte, aus der Welt zu entfliehen, mehr als einmal an das Wort des jüdischen Weisen, mit dem du uns neulich beschenktest: Als der Engel Gottes die ersten Menschen aus dem Paradiese vertrieb, da sagte er: ›Von nun an sei euer Herz euer Paradies.‹ Wir kehren den Genüssen der großen Städte den Rücken . . .«

»Und wir tun es ohne Bedauern,« fiel Julia dem Gatten ins Wort; »denn wir tragen ja den Keim zu ungestörterem, reinerem und dauerhafterem Glücke in uns.«

»Amen!« rief der Patriarch. »Wo zwei, wie ihr, beieinander wohnen, da ist der Herr der Dritte im Bunde.«

»Gib uns deinen Schüler Marcianus mit auf die Reise,« bat Titianus.

»Gern,« entgegnete Eumenes. »Darf er euch nach mir besuchen?«

»Nicht gleich,« entgegnete Julia. »Heute morgen liegt es mir ob, ein wichtiges und dabei heiteres Geschäft zu verrichten. Du kennst Frau Paulina, die Witwe des Pudens. Sie hatte ein schönes junges Wesen bei sich aufgenommen.«

»Und Arsinoe ist ihr entlaufen.«

»Wir haben sie bei uns beherbergt,« unterbrach ihn Titianus. »Ihrer Pflegemutter scheint es mißlungen zu sein, sie an sich zu fesseln und glücklich auf ihr Gemüt einzuwirken.«

»Ja,« versetzte der Patriarch. »Es gab für den Schrein ihres vollen und heiteren Herzens nur einen Schlüssel, die Liebe, Paulina aber versuchte ihn mit Zwang und unvorsichtig-dringlichem Treiben zu sprengen. Er blieb uneröffnet, und das Schloß wurde verdorben. – Doch darf ich fragen? Wie kommt das Mädchen in euer Haus?«

»Das erzähl' ich dir später; wir kennen sie erst seit gestern,« erwiderte Titianus.

»Und ich gehe jetzt hin und führe sie ihrem Bräutigam zu!« rief die Präfektin.

»Paulina wird sie von euch zurückverlangen,« bemerkte der Patriarch. »Sie läßt sie überall suchen, diese Jungfrau aber wird indes nie und nimmer unter ihrer Leitung gedeihen.«

»Hat die Witwe Arsinoe in aller Form adoptiert?« fragte Titianus.

»Nein, sie hatte im Sinn, es zu tun, sobald sich ihr Pflegling . . .«

»Der Wille ist vor dem Gesetze nichts, und so kann ich denn unsern schönen Gast vor ihr schützen.«

»Ich hole ihn!« rief die Matrone. »Die Zeit ist dem armen Kinde gewiß schon recht lang geworden. Willst du mich begleiten, Eumenes?«

»Gern,« antwortete der Greis. »Ich und Arsinoe sind gute Freunde, ein versöhnliches Wort von mir wird ihr gut tun, und mein Segen kann wohl auch der Heidin nicht schaden. Leb wohl, Titianus, die Diakonen warten.«

Als Julia mit ihrer Schutzbefohlenen in den Männersaal zurückkehrte, hatte diese Tränen im Auge; denn die guten Worte des verehrten Greises waren ihr zu Herzen gegangen, und sie wußte wieder, daß sie von Paulina nicht nur Schlimmes, sondern auch Gutes erfahren.

Die Matrone fand den Gatten nicht mehr allein. Der reiche Plutarch war mit seinen beiden Stützen bei ihm und bot heute in schwarzen Gewändern, die statt mit bunten mit lauter weißen Blumen geschmückt waren, einen ganz absonderlichen Anblick.

Der alte Herr sprach sehr eifrig.

Sobald er Arsinoe wahrnahm, unterbrach er indes die Rede, schlug in die Hände und zeigte sich ganz erregt vor Vergnügen, die schöne Roxane wiederzusehen, für die er einmal vergebens zu allen Goldarbeitern der Stadt herumgefahren sei.

»Aber,« rief Plutarch mit jugendlichem Eifer, »aber ich bin es müde, den Schmuck für dich aufzubewahren. Es stehen genug unnötige Dinge bei mir herum. Er gehört dir, nicht mir, und heute noch schicke ich ihn der edlen Frau Julia, damit sie ihn dir anlegt. Gib mir die Hand, liebes Mädchen. Du bist blasser, aber voller geworden. Was meinst du, Titianus: sie würde noch heute für die Roxane taugen; nur müßte deine Gemahlin sich wieder um ihre Kleider bekümmern. Ganz weiß, kein Bändchen im Haar, – wie eine Christin!«

»Ich kenne einen, der es verstehen wird, diese weichen Locken kleidsam zu schmücken,« entgegnete Julia. »Sie ist die Braut des Bildhauers Pollux.«

»Pollux!« rief Plutarch in großer Erregung. »Schiebt mich vorwärts, Antäus und Atlas! Der Bildhauer Pollux ist dein Geliebter? Ein großer, herrlicher Künstler! Derselbe, edler Titianus, von dem ich dir eben erzählte.«

»Du kennst ihn?« fragte die Gattin des Präfekten.

»Nein, aber ich komme soeben aus der Werkstätte des Steinschneiders Periander und habe da ein Modell zu einer Antinousstatue gesehen, das einzig ist, wundervoll, ohnegleichen. Der Bithynier als Dionysus! Kein Phidias, kein Lysippus brauchte sich dieses Werkes zu schämen. Pollux war abwesend, doch ich legte schon die Hand auf seine Arbeit. Der junge Meister soll sie sogleich in Marmor ausführen. Hadrian wird über dieses Bildnis seines wundervollen, treuen Lieblings entzückt sein. Ihr, alle Kenner, ein jeder muß es bewundern! Ich will es bezahlen, doch es fragt sich noch, ob die Stadt oder ich selbst es dem Kaiser anbieten soll. Dein Gatte wird diese Frage entscheiden.«

Arsinoe strahlte vor Freude bei dieser Mitteilung und trat bescheiden zurück, denn ein Beamter überreichte Titianus ein soeben eingelaufenes Schreiben.

Der Präfekt überlas es und sagte, indem er sich an Plutarch und die Gattin wandte:

»Hadrian erhebt Antinous zu den Göttern.«

»Glücklicher Pollux!« rief Plutarch. »Ihm war es vergönnt, das erste Bildnis des neuen Olympiers zu schaffen. Ich schenke es der Stadt, und sie soll es in dem Antinoustempel aufstellen, zu dem wir den Grundstein gelegt haben müssen, bevor der Kaiser zurückkehrt. – Lebt wohl, ihr Edlen! Grüße deinen Bräutigam, mein Kind; sein Werk gehört mir. Pollux wird unter seinesgleichen der erste werden, und ich hatte das Glück, diesen neuen, hellen Stern zu entdecken. Der achte Künstler, in dem ich etwas Rechtes erkannte, solang er noch klein war! Dein künftiger Schwager Teuker wird auch etwas werden. Ich lasse mir von ihm einen Stein mit dem Bilde des Antinous schneiden. Noch einmal, lebt wohl, ich muß in den Rat. Es gilt, über den Tempel des neuen Gottes zu verhandeln. Vorwärts, ihr beiden!«

Eine Stunde, nachdem Plutarch die Präfektur verlassen hatte, hielt der Wagen Frau Julias vor der für ein mit Pferden bespanntes Fuhrwerk viel zu engen Gasse, die bei dem grünen Platze endete, an dem das Häuschen Euphorions lag.

Der Vorläufer Julias fand schnell die Wohnung der Eltern des Bildhauers, führte die Matrone und Arsinoe auf den Platz und zeigte ihnen die Tür, an die sie zu klopfen hatten.

»Wie du glühst, mein Mädchen!« sagte Julia. »Ich will euer Wiedersehen nicht stören; indes möchte ich dich gern deiner künftigen Mutter mit eigener Hand übergeben. Geh in das Haus dort, Arctus, und bitte Frau Doris, herauszutreten. Sage nur, es wünschte sie jemand zu sprechen, nenne aber nicht meinen Namen.«

Das Herz Arsinoes schlug so heftig, daß sie der gütigen Beschützerin kein Wort des Dankes zu sagen vermochte.

»Tritt hinter diese Palme,« bat Julia.

Arsinoe gehorchte, es war ihr aber, als führte sie nicht der eigene, sondern ein fremder Wille in das Versteck. Auch hörte sie nichts von dem Anfang des Gespräches der Römerin mit Frau Doris. Sie sah nur das alte, liebe Gesicht der Mutter ihres Pollux, und trotz der geröteten Augen und der Falten, mit denen der Gram es durchfurcht, konnte sie sich nicht satt an ihm sehen. Es erinnerte sie an die glücklichsten Tage ihrer Kindheit, und am liebsten wäre sie gleich vorwärts geeilt und hätte sich der guten, freundlichen Frau an die Brust geworfen.

Jetzt hörte sie, wie die Matrone sagte:

»Und ich bringe sie dir. Sie ist noch ebenso lieblich und jungfräulich schön, wie sie damals war, als wir sie im Theater zum erstenmal sahen.«

»Wo ist sie, wo ist sie?« fragte Doris mit zitternder Stimme.

Julia wies auf die Palme und wollte das Mädchen rufen, aber ihr Schützling hatte diesmal die Sehnsucht, einem geliebten Menschen um den Hals zu fallen, nicht zu bändigen vermocht; denn Pollux war aus der Tür getreten, um zu sehen, wer seine Mutter gerufen, und ihn erblicken und ihm mit einem lauten Jubelruf in die Arme zu stürzen, war für Arsinoe eins gewesen.

Julia schaute den beiden mit feuchten Augen zu, und als sie nach manchem freundlichen Worte für die Alten wie für die Jungen von dem glücklichen Menschenvereine Abschied nahm, sagte sie:

»Deine Ausstattung muß ich besorgen, mein Mädchen; und diesmal, denk' ich, sollst du sie brauchen, und zwar nicht nur für eine flüchtige Stunde, sondern für ein langes, glückliches Leben.«

Am Abend dieses Tages scholl aus dem Häuschen Euphorions lauter Gesang. Doris und ihr Mann, Pollux, Arsinoe, Diotima und Teuker lagen bekränzt bei der mit Rosen umwundenen Amphora und ließen die Lust und die Freude, die Kunst und die Liebe samt allen anderen Gaben der Gegenwart leben. Das volle Haar der glücklichen Braut war wieder mit schönen blauen Bändern durchflochten.

Drei Wochen später traf Hadrian in Alexandria ein.

Er hielt sich fern von allen Festen, die zu Ehren des Gottes Antinous gefeiert wurden, und lächelte ungläubig, als man ihm mitteilte, ein neuer Stern sei am Himmel erschienen, und das Orakel habe ihn für die Seele seines Lieblings erklärt.

Als der reiche Plutarch den Kaiser und sein Gefolge zu dem Bacchus Antinous führte, den Pollux in Ton vollendet hatte, war Hadrian tief ergriffen und wünschte den Schöpfer dieses edlen Kunstwerks kennen zu lernen.

Keiner seiner Begleiter hatte den Mut, den Namen Pollux vor ihm auszusprechen; nur Pontius wagte es, für den jungen Freund einzutreten. Er erzählte Hadrian die Geschichte des unglücklichen Künstlers und bat ihn, ihm zu verzeihen.

Der Kaiser nickte ihm beifällig zu und sagte:

»Um dieses Verstorbenen willen sei ihm vergeben.«

Pollux wurde ihm zugeführt; der Herrscher reichte ihm die Hand, drückte die seine und rief:

»Die Himmlischen nahmen mir seine Liebe und Treue, deine Kunst aber erhielt mir und der Welt seine Schönheit.« –

Jede Stadt im Reiche beeiferte sich, dem neuen Gott Tempel zu bauen und Bildsäulen zu errichten, und Pollux, der glückselige Gatte Arsinoes, sollte für hundert Orte Statuen und Büsten des Antinous herstellen. Doch er wies die meisten Bestellungen zurück und gab kein Werk als das seine aus den Händen, das er nicht selbst nach einer neuen Auffassung geformt. Die Nachbildung seiner Arbeiten überließ er anderen Künstlern.

Sein Meister Papias kehrte nach Alexandria zurück, doch er wurde dort von den Kunstgenossen mit so kränkender Verachtung zurückgewiesen, daß er sich in einer unglücklichen Stunde das Leben nahm.

Der junge Teuker wuchs zum berühmtesten Steinschneider seiner Zeit heran.

Frau Hanna verließ bald nach Selenens Märtyrertode die Nilstadt Besa. Es war ihr das Amt der obersten Diakonissin in Alexandria übertragen worden, und sie wirkte in dieser ansehnlichen Stellung segensreich bis in ihr spätes Alter.

Die verwachsene Maria blieb in dem Nilorte zurück, den Hadrian zu der glänzenden Stadt Antinoë erweitern ließ. Sie besaß dort zwei Gräber, von denen sie sich nicht zu trennen vermochte.

Vier Jahre nach der Vermählung Arsinoes mit ihrem Geliebten rief Hadrian den Bildhauer Pollux nach Rom. Er sollte dort die Statue des Kaisers auf einem von vier Rossen gezogenen Wagen herstellen. Dies Werk war bestimmt, sein von Pontius erbautes Mausoleum zu krönen, und Pollux führte es in so bewunderungswürdiger Weise aus, daß der Kaiser ihm nach seiner Vollendung lächelnd sagte:

»Jetzt hast du dir das Recht erworben, über die Werke anderer Meister den Stab zu brechen.«

In Ehren und großem Wohlstand sah Euphorions Sohn und seine am Tiber vielbewunderte, treue Gattin Arsinoe ihre Kinder zu tüchtigen Bürgern heranwachsen. Sie blieben Heiden, doch die christliche Liebe, die Eumenes der Pflegetochter Paulinas gezeigt hatte, wurde niemals von ihr vergessen, und sie gewährte ihr in ihrem Herzen und Hause eine freundliche Stätte.

Doris schlummerte wenige Monate vor der Abreise des jungen Paares friedlich ein, und ihr Gatte starb ihr bald nach. Die Sehnsucht nach der heiteren Gefährtin war die Krankheit, der er erlag.

Der Baumeister Pontius blieb auch am Tiber der Freund des Bildhauers. Balbilla und ihr Gatte gaben ihren entsittlichten Landsleuten das Beispiel einer würdigen Ehe im Sinne des alten Roms. Die Büste der Dichterin wurde von Pollux noch in Alexandria vollendet, und sie fand mit all ihren Locken und Löckchen Gnade vor den Augen Balbillas.

Verus durfte bei Lebzeiten des Kaisers den Titel »Cäsar« führen; doch starb er nach langem Siechtum vor Hadrian. Lucilla pflegte ihn mit treuer Hingebung und genoß mit tiefem Schmerz das heiß ersehnte Glück, ihn allein zu besitzen. Ihrem Sohne wurde in späteren Jahren der Purpur zuteil.

Die Voraussagung des Präfekten Titianus ging in Erfüllung.

Die Fehler des Kaisers wuchsen mit den Jahren, die kleinlichen Seiten seines Denkens und Seins traten schroffer hervor.

Titianus und seine Gattin führten am Lariussee, fern von der Welt, ein zurückgezogenes Leben und empfingen beide vor ihrem Ende die Taufe. Sie vermißten niemals die Unruhe der nach Lust jagenden Welt und ihren glänzenden Schein; denn es war ihnen gelungen, die Schönheit des Lebens in ihr Herz zu verpflanzen.

Der Sklave Mastor brachte Titianus die Botschaft vom Tode seines Gebieters. Hadrian hatte ihm noch bei Lebzeiten die Freiheit geschenkt und ihn mit einem hohen Legate bedacht. Der Präfekt gab ihm ein Landgut in Pacht und verkehrte später freundlich mit dem christlichen Nachbar und seiner lieblichen Tochter, die unter den Glaubensgenossen ihres Vaters herangewachsen war.

Nachdem Titianus seiner Gattin die Trauerbotschaft mitgeteilt hatte, sagte er ernst:

»Ein großer Fürst ist geschieden. Das Kleine, das den Menschen Hadrian entstellte, soll die Nachwelt vergessen; denn der Herrscher Hadrian war einer von denen, die das Schicksal dahin stellt, wohin sie gehören, und die, treu ihrer Pflicht, rastlos ringen bis an ihr Ende. Mit weiser Mäßigung vermochte er es über sich, den Ehrgeiz zu zügeln und dem Tadel und Vorurteil aller Römer zu trotzen. Die Provinzen aufzugeben, deren Erhaltung die Kraft des Staates erschöpft haben würde, war gewiß der schwerste und vielleicht der weiseste Entschluß seines Lebens. – Das neu von ihm begrenzte Reich hat er von einem Ende zum andern, ohne Scheu vor Frost oder Hitze, durchwandert und alle seine Teile so eifrig kennen zu lernen gesucht, als wäre der Staat ein ererbtes Landgut. Seine Herrscherpflicht trieb ihn auf Reisen, und seine Wanderlust erleichterte es ihm, diese Pflicht zu erfüllen. Er wurde von der Leidenschaft bewegt, alles zu verstehen und zu erlernen. Selbst das Unfaßbare setzte seinem Wissensdrange keine Schranken, und stets bestrebt, weiter zu schauen und tiefer zu grübeln, als es dem Menschengeist erlaubt ist, bot er einen großen Teil seiner mächtigen Kraft auf, um den Vorhang niederzureißen, der künftige Schicksale bedeckt. – Niemand hat so viele Nebendinge betrieben wie er, und doch hat kein anderer Kaiser die Hauptaufgabe seines Lebens, die Macht des Staates zu festigen und zu behüten und das Wohlsein der Bürger zu steigern, gleich unbeirrt im Auge behalten.«

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