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Der Kaiser

Georg Ebers: Der Kaiser - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDer Kaiser
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeFünfter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
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Dreiundvierzigstes Kapitel

Die entfesselten Elemente wüteten in dieser Nacht auch im Gebiete der Nilstadt Besa.

Die Bürgerschaft dieses alten Ortes hatte alles getan, was sie konnte, um den reisenden Herrscher würdig zu empfangen. Die Hauptstraßen waren mit Blumengewinden, die sich von Mast zu Mast und von Haus zu Haus zogen, geschmückt und am Hafen, hart am Ufer des Stromes, die Bildsäulen des Kaisers und seiner Gemahlin aufgestellt worden. Aber der Sturm riß die Girlanden mitsamt den Masten zu Boden, und die erregten Wogen des Flusses schlugen mit unbändiger Kraft an das Ufer, rissen ein Stück des fruchtbaren Erdreichs nach dem andern mit sich fort, stürzten sich wie flüssige Keile in die Spalten des getrockneten Erdreichs und unterhöhlten das hohe Ufer beim Landungsplatze.

Nach Mitternacht brauste der Sturm mit unerhörter Gewalt, riß die mit Palmenzweigen bedeckten Dächer von manchem Hause und traf die Nilflut mit so gewaltigen Stößen, daß sie dem brandenden Meere gleichsah.

Die ganze ungebrochene Kraft des Wogenschwalles stürzte sich wieder und wieder auf den Erdvorsprung, der die Bildsäulen des Kaiserpaares trug.

Kurz bevor das erste Frühlicht sich zeigte, ertrug die durch keinen Steinbau gefestigte Landzunge den wilden Ansturm des Wassers nicht länger. – Erdschollen glitten und fielen laut klatschend in den Strom, und ihnen folgte mit donnerndem Lärm ein großes Stück des Uferhanges.

Die hinter ihm gelegene Erdfläche senkte sich, und die Bildsäule des Kaisers, die sie getragen, geriet ins Wanken und neigte sich langsam zum Falle. Als es tagte, lag sie mit dem Fußgestell nach oben am Boden; ihr Haupt war in die Erde vergraben.

Die Bürger verließen bei Tagesanbruch die Häuser und erfuhren von den Fischern und Schiffern, was während der Nacht am Hafen geschehen war. – Sobald der Sturm sich gelegt hatte, drängten sich Hunderte, ja Tausende von Männern, Weibern und Kindern auf dem Landungsplatze um die umgesunkene Bildsäule zusammen. – Man sah die abgerissenen Erdschollen, man wußte, daß der Strom Land vom Ufer gerissen und das Unheil verursacht hatte.

Ob der Nilgott Hapi dem Kaiser zürnte?

Ein übles Vorzeichen war in dem Mißgeschick, das die Statue des Herrschers betroffen, jedenfalls zu erkennen.

Der Toparch, das Haupt der Stadt, ließ die Wiederaufrichtung der Statue, die übrigens unbeschädigt geblieben war, sogleich in Angriff nehmen; denn Hadrian konnte in wenigen Stunden erscheinen.

Viele Männer des Ortes, Freie und Sklaven, drängten sich zu dieser Arbeit, und bald stand die in ägyptischem Stil gearbeitete Statue des Kaisers wieder aufrecht und blickte mit dem starren Gesicht in den Hafen.

Das Standbild Sabinas wurde neben das seine gerückt, und der Toparch zog sich befriedigt in seine Wohnung zurück.

Die meisten Arbeiter und Gaffer verließen mit ihm den Landungsplatz; ihnen aber folgten andere Neugierige, die die Bildsäule nicht mehr in ihrer Lage auf dem Erdsturze gesehen hatten und nun ihre Meinungen über die Art und Weise ihres Sturzes austauschten.

»Der Sturm kann diese schwere Kalksteinmasse nimmermehr umgeweht haben,« sagte ein Seiler, »und wie weit steht sie von dem abgerissenen Land entfernt.«

»Sie soll den Erdschollen nachgestürzt sein,« entgegnete ihm ein Bäcker.

»So verhält es sich auch,« behauptete ein Schiffer.

»Unsinn,« rief der Seiler. »Hätte die Statue auf dem fortgerissenen Lande gestanden, wäre sie zuerst ins Wasser gefallen und im Flusse versunken, das sieht ein jedes Kind ein. Hierbei sind andere Kräfte im Spiel gewesen.«

»Vielleicht,« bemerkte ein Tempeldiener, der sich mit Zeichendeuterei abgab, »brachten die Götter das stolze Bildwerk zu Fall, um Hadrian einen warnenden Wink zu erteilen.«

»Die Himmlischen mischen sich in unserer Zeit nicht mehr unter die Menschen,« entgegnete der Schuster, »doch in der gräßlichen Nacht blieben die ruhigen Bürger zu Hause, und es gab freies Spiel für die Feinde des Kaisers.«

»Wir sind treue Untertanen,« fiel ihm der Bäcker entrüstet ins Wort.

»Aufsässiges Gesindel seid ihr,« rief ein römischer Soldat, der wie die ganze Kohorte, die hier stand, unter dem grausamen Tinnius Rufus in Judäa gedient hatte, den Bürgern ins Antlitz. »Unter euch Tieranbetern hören die Händel nicht auf, und den Christianern, die sich da drüben jenseits der Talschlucht eingenistet haben, mögt ihr das Schlimmste nachsagen, und ihr schmeichelt ihnen noch immer.«

»Der tapfere Fuskus hat recht,« schrie ein Bettler, »das verruchte Gesindel trug uns die Pest in die Häuser. Wo sich die Seuche nur zeigte, da gab es Christen und Christenweiber zu sehen. Zu meinem Bruder kamen sie auch. Ganze Nächte lang blieben sie bei seinen kranken Kindern sitzen, und beide sind natürlich gestorben.«

»Wäre nur mein alter Legat Tinnius Rufus hier,« grollte der Soldat, »es würde ihnen allen nicht besser ergehen als ihrem gekreuzigten Gotte.«

»Ich habe gewiß nichts mit ihnen gemein,« entgegnete der Bäcker. »Doch was wahr ist, muß wahr bleiben. Es sind stille, freundliche Leute, pünktliche Zahler, die nichts Übles begehen und vielen Armen Gutes erweisen.«

»Gutes?« kreischte der Bettler, der von dem Diakonus der Gemeinde von Besa kein Almosen empfangen hatte, sondern zur Arbeit ermuntert worden war. »Alle fünf Priester der hohen Sechmet von der Artemisgrotte ließen sich von ihnen verführen und haben das Heiligtum ihrer Göttin schmählich verlassen. Und ist das etwa gut, daß sie die Kinder meines Bruders mit ihren Tränken vergiftet?«

»Warum sollten sie nicht auch Kinder schlachten?« fragte der Soldat. »Schon in Syrien hörte ich dergleichen, und was diese Bildsäule anbetrifft, so will ich das Schwert nicht mehr tragen . . .«

»Hört den tapferen Fuskus, er hat vieles gesehen,« ertönte es aus der Menge.

»So will ich mein Schwert nicht mehr tragen, wenn sie die Bildsäule nicht in der Dunkelheit umgestürzt haben.«

»Nein, nein,« entgegnete der Schiffer entschieden, »dem abgespülten Lande fiel sie nach; ich sah sie noch darauf liegen.«

»Bist du auch ein Christianer?« fragte der Soldat, »oder glaubst du, ich spielte mit dem Eide bei meinem Schwerte? Ich habe in Bithynien gedient, in Syrien und Judäa, ich kenne dies Gesindel, ihr Leute. – Hundert Christianer gab's da zu sehen, die ihr Leben fortwarfen wie einen abgetragenen Schuh, weil sie der Bildsäule des Kaisers und unseren Göttern nicht opfern wollten.«

»Da hört ihr's,« kreischte der Bettler, »und habt ihr auch nur einen einzigen von ihnen unter den Bürgern bemerkt, die die Statue wieder aufrichten halfen?«

»Es war keiner dabei,« sagte der Schiffer, der sich der Ansicht des Soldaten anzuschließen begann.

»Die Christen warfen die Bildsäule des Kaisers zu Boden,« schrie der Bettler in die Menge hinein. »Es ist erwiesen, und es soll ihnen übel bekommen! Wer ein Freund des göttlichen Hadrian ist, holt sie jetzt mit mir aus ihren Häusern.«

»Keinen Aufstand,« unterbrach der Soldat den wütenden Mann. »Da ist der Tribun; er wird euch hören.«

Der römische Offizier, der mit einer Abteilung Soldaten dahergezogen kam, um den Kaiser vor der Stadt zu empfangen, wurde von der Menge mit lautem Geschrei begrüßt. Er gebot Ruhe und ließ sich von dem Krieger berichten, was die Bürger so heftig erregte.

»Wohl möglich,« sagte der nervig und streng aussehende Mann, der ebenso wie Fuskus unter Tinnius Rufus gedient und sich vom Troßbuben zum Offizier heraufgekämpft hatte. »Wohl möglich; doch wo sind eure Beweise?«

»Die meisten Bürger drängten sich zu der Aufrichtung der Statue, die Christen aber hielten sich fern von der Arbeit,« rief der Bettler. »Keiner ließ sich hier sehen. Frage den Schiffer, Herr – er war dabei und kann es bezeugen.«

»Das ist allerdings mehr als verdächtig. – Diese Angelegenheit muß streng untersucht werden. Achtung, ihr Leute.«

»Da kommt eine christliche Dirne,« rief der Seiler.

»Die lahme Martha; ich kenne sie wohl,« unterbrach ihn der Bettler. »Sie läuft in alle Pesthäuser und vergiftet die Menschen. Bei meinem Bruder hat sie drei Tage und vier Nächte gesteckt und den Kindern die Kissen gewendet, bis man sie hinaustrug. Wo sie hinkommt, da gibt es Tote.«

Selene, die jetzt Martha genannt wurde, achtete nicht auf die Menge, sondern ging mit ihrem blinden Bruder Helios, der nun Johannes hieß, ruhig auf den Weg zu, der von dem erhöhten Ufer zum Landungsplatze führte.

Sie wünschte dort einen Kahn zu mieten, um über den Strom zu setzen. In einem Dorfe auf der der Stadt gegenüberliegenden Insel wohnten kranke Christen, denen sie Arznei bringen und die sie pflegen wollte. Ihr ganzes Leben war seit Monden den Leidenden gewidmet. Auch in heidnische Häuser hatte sie Hilfe gebracht und sich weder vor Pest noch vor Fieber gescheut. Dabei waren ihre Wangen nicht röter geworden, doch ein reiner, milder Glanz, der die strenge Schönheit ihrer Züge verklärte, leuchtete ihr aus den Augen.

Als das Mädchen dem Hauptmanne näher kam, faßte er es ins Auge und rief:

»He, blasse Dirne, bist du eine Christin?«

»Ja, Herr,« entgegnete Selene und schritt gelassen mit ihrem Bruder weiter.

Der Römer schaute ihr nach, und als sie an der Statue Hadrians vorbeiging und dabei das Haupt tiefer neigte als vorher, befahl er ihr herrisch, stehen zu bleiben und ihm zu sagen, warum sie das Gesicht von der Bildsäule des Kaisers abgewandt habe.

»Hadrian ist unser Gebieter wie eurer,« entgegnete die Jungfrau. »Ich habe Eile; denn auf der Insel sind Kranke.«

»Sie bringt ihnen nichts Gutes,« rief der Bettler. »Wer weiß, was in dem Körbchen da steckt.«

»Schweig!« unterbrach ihn der Tribun.

»Man sagt, Dirne, daß deine Glaubensgenossen in dieser Nacht die Statue des Kaisers umgestürzt hätten.«

»Wie könnte das wahr sein! Wir ehren den Kaiser so hoch wie ihr.«

»Ich will es dir glauben, und du sollst es beweisen. Da sieht die Bildsäule des göttlichen Cäsar; folge mir und bete sie an.«

Selene schaute dem strengen Manne entsetzt ins Antlitz und fand kein Wort der Entgegnung.

»Nun?« fragte der Hauptmann. »Wirst du mir folgen? Ja oder nein?«

Selene rang nach Fassung, und als der Soldat die Hand nach ihr ausstreckte, sagte sie mit zitternder Stimme:

»Wir ehren den Kaiser, aber wir beten keine Bildsäule an, sondern nur unsern Vater im Himmel.«

»Da haben wir's!« lachte der Bettler.

»Ich frage noch einmal,« rief der Tribun, »willst du dies Bildnis anbeten oder weigerst du dich, es zu tun?«

In der Seele Selenes erhob sich ein grausamer Kampf. Widerstand sie dem Römer, so war ihr Leben gefährdet, so konnte die Wut des Volkes sich gegen ihre Glaubensgenossen richten; – tat sie ihm aber den Willen, so lästerte sie Gott, so brach sie dem Heiland, den sie liebte, die Treue, so versündigte sie sich gegen die Wahrheit und ihr Gewissen.

Eine furchtbare Angst überfiel sie und raubte ihr die Kraft, die Seele zum Gebet zu erheben.

Sie konnte, sie durfte nicht tun, was von ihr verlangt wurde, und doch trieb die in jedem Sterblichen mächtige Liebe zum Leben ihr die Füße vorwärts und hemmte sie wieder vor dem steinernen Götzen.

»Erhebe die Hände und bete den göttlichen Cäsar an,« rief der Tribun, der, wie alle Anwesenden, jeder ihrer Bewegungen mit Spannung gefolgt war.

Zitternd stellte sie das Körbchen zu Boden und versuchte, die Hand aus der ihres Bruders zu lösen; der blinde Knabe aber ließ sie nicht los. Zwar verstand er, was man von seiner Schwester verlangte, zwar wußte er aus der Geschichte manchen Märtyrers, die man ihm erzählt hatte, was sie und ihn erwartete, wenn sie dem Römer Widerstand leisteten; doch er fürchtete sich nicht und flüsterte ihr zu: »Wir tun ihnen nicht den Willen, Martha; wir beten den Götzen nicht an, wir halten treu zu dem Heiland. Wende mich von der Bildsäule ab, und nun laß uns das ›Vaterunser‹ beten!«

Mit lauter Stimme und indem er die glanzlosen Augen zum Himmel aufschlug, sprach der Knabe das Gebet des Herrn. Selene hatte erst ihn und dann sich selbst von dem Götzen ab- und dem Strome zugewandt. Dann folgte sie mit erhobenen Händen dem Beispiel des Knaben.

Helios schmiegte sich fest an sie, ihr lautes Flehen verschmolz mit dem seinen, und beide sahen und hörten und fühlten nichts mehr von allem, was ihnen angetan wurde.

Das blinde Kind ahnte in weiter Ferne ein helles Licht, die Jungfrau ein seligeres, von Liebe gesättigtes Leben, während man sie vor dem Bilde des Kaisers zu Boden riß und das erregte Volk sich auf sie und ihr treues Brüderchen stürzte.

Der Militärtribun hatte die Menge vergeblich zurückzuhalten versucht.

Als es den Soldaten endlich gelungen war, die wütenden Bürger von ihren Opfern zu trennen, da waren schon die beiden jungen Herzen mitten im Triumph ihres Glaubens, mitten in der Hoffnung auf ein seligeres ewiges Leben auf immer zum Stillstand gelangt.

Das Geschehene bekümmerte den Hauptmann und beunruhigte ihn.

Diese Jungfrau, dies schöne Kind, die da als Leichen vor ihm lagen, hätten ein besseres Los verdient, und er konnte für ihren Tod verantwortlich gemacht werden; denn das Gesetz gebot, daß kein Christ ohne einen Richterspruch wegen seines Glaubens bestraft werden dürfe. So befahl er denn, die Erschlagenen in das Haus zu tragen, in das sie gehörten, und bedrohte jeden, der heute das Christenquartier betrete, mit schwerer Strafe.

Der Bettler ging schreiend den Bahren voran und trat in das Haus seines Bruders, um seiner Frau mitzuteilen, daß die lahme Christin Martha, die ihre Töchter zu Tode gepflegt habe, erschlagen worden sei. – Doch er erntete schlechten Lohn; denn die arme Frau beklagte Selene wie ihr eigenes Kind und verfluchte ihn und ihre Mörder.

Vor Sonnenuntergang gelangte Hadrian nach Besa, woselbst er prächtige Zelte fand, die ihn und sein Gefolge aufnehmen sollten.

Der Unfall, der seiner Bildsäule begegnet war, wurde ihm verschwiegen; er fühlte sich aber dennoch beängstigt und unwohl.

Er wünschte völlig allein zu sein und forderte Antinous auf, die Stadt in Augenschein zu nehmen, bevor es dunkelte.

Der Bithynier ergriff diese Erlaubnis freudig wie ein Geschenk der Götter, eilte durch die geschmückte Hauptstraße und ließ sich von hier aus durch einen Knaben in das Quartier der Christen führen.

Die Straßen dieses Viertels waren wie ausgestorben. Keine Tür war geöffnet, kein Mensch auf der Gasse zu sehen.

Antinous beschenkte den Buben, schickte ihn fort und ging hochklopfenden Herzens von einem Hause zum andern. Jedes sah sauber aus, und die meisten waren mit Bäumen und Sträuchern umgeben; obgleich aber aus manchem Dache Rauch aufstieg, schienen sie doch sämtlich verlassen. Endlich vernahm er von fern menschliche Stimmen. Er ließ sich von ihnen führen und gelangte durch eine schmale Gasse zu einem freien Platze, auf dem sich Hunderte von Leuten, Männer, Frauen und Kinder, vor einem Häuschen versammelt hatten, das in einem wohlgepflegten Palmengarten gelegen.

Einen alten Mann fragte er nach der Wohnung Frau Hannas, und der Greis wies schweigend auf das Gebäude, das die Aufmerksamkeit seiner Glaubensgenossen auf sich zog.

Das Herz des Jünglings schlug stürmisch schnell, und doch fühlte er sich bang und befangen; ja es drängte sich ihm die Frage auf, ob er nicht umkehren und morgen, wenn er Selene allein zu finden hoffen durfte, zurückkehren sollte.

Aber nein! Vielleicht war es ihm jetzt schon vergönnt, sie zu sehen.

Bescheiden bahnte er sich den Weg durch die Versammlung, die einen Gesang angestimmt hatte, von dem er nicht zu erkennen vermochte, ob er frohen oder trüben Empfindungen Ausdruck gab.

Jetzt stand er vor dem Tore des Gartens und sah die verwachsene Maria.

Sie kniete neben einer verdeckten Bahre und weinte.

War Frau Hanna gestorben?

Nein, sie lebte.

Da trat sie, auf einen alten Mann gestützt, zur Tür ihrer Wohnung heraus, bleich, gefaßt, ohne Tränen. Beide schritten vorwärts. Der Greis sprach ein kurzes Gebet, beugte sich dann nieder und hob die Hülle auf, die die Bahre bedeckte.

Antinous trat einen Schritt vor und taumelte gleich darauf wie vom Blitze getroffen zurück. Dabei schlug er die Hand vor die Augen und blieb wie angewurzelt stehen.

Keine leidenschaftliche Totenklage ließ sich hören.

Der Greis hielt eine Ansprache.

Rings um ihn her wurde leise geweint, gesungen und gebetet; Antinous aber sah und hörte nichts von dem allen.

Er hatte die Hand wieder gesenkt und wandte die Augen nicht von dem bleichen Antlitz der Verstorbenen ab, bis Frau Hanna die Bahre mit dem Tuche bedeckte. Aber auch dann noch blieb er stumm und regungslos stehen.

Erst als sechs Jungfrauen die einfache Sargkiste Selenes und vier Mütter die des kleinen Helios auf die Schultern nahmen und die ganze Versammlung sich mit ihnen entfernte, wandte er sich um und folgte dem Trauerzuge. Von fern sah er mit an, wie man den größeren und den kleineren Sarg in eine Felsengruft trug, wie Männer ihr Tor verschlossen und das Leichengefolge sich hierhin und dorthin zerstreute.

Zuletzt blieb er allein bei der Pforte des Grabes zurück.

Die Sonne ging unter, und das Dunkel breitete sich schnell über Tal und Hügel.

Als niemand mehr zu sehen war, der ihn beobachten konnte, breitete er die Arme aus, umfaßte die Pfeiler des Grufttores, preßte die Lippen auf die rauhe hölzerne Tür und schlug mit der Stirn an die Pforte, wenn der tränenlose Schmerz der Seele ihm den Körper schüttelte.

Minutenlang stand er so und hörte nicht die leisen Schritte, die sich ihm nahten.

Die verwachsene Maria kam, um noch einmal allein bei der Gruft ihrer liebsten Freundin zu beten.

Sie erkannte den Jüngling sogleich und rief ihm leise bei Namen.

»Maria,« versetzte er bewegt, erfaßte ihre Hand, drückte sie heftig und fragte: »Wie ist sie gestorben?«

»Erschlagen,« entgegnete sie dumpf. »Sie hat das Bild des Kaisers nicht anbeten wollen.«

Antinous schauerte bei dieser Antwort zusammen und fragte:

»Warum tat sie es nicht?«

»Weil sie ihrem Glauben treu blieb und auf die Gnade des Erlösers hoffte. Jetzt ist sie ein seliger Engel!«

»Weißt du das so gewiß?«

»So gewiß, wie ich wünsche, die Märtyrerin, die hier ruht, im Himmel wiederzufinden.«

»Maria!«

»Laß meine Hand los!«

»Willst du mir einen Dienst erweisen, Maria?«

»Gern, Antinous; aber bitte, rühre mich nicht an.«

»Nimm dies Geld und kaufe die schönsten Kränze, die es hier gibt. Lege sie auf ihren Sarg und rufe dabei: Von Antinous an Selene.«

Die Verwachsene nahm, was der Jüngling ihr gab und sagte:

»Ich sah sie oft für dich beten.«

»Zu ihrem Gotte?«

»Zu unserem Erlöser, damit er auch dir die Seligkeit schenke. Für Jesus Christus ist sie gestorben; nun weilt sie bei ihm, und er wird sie erhören.«

Antinous schwieg eine Zeitlang, dann bat er:

»Reiche mir doch noch einmal die Hand, Maria, und nun lebe wohl. Wirst du gern an mich denken und auch für mich zu eurem Erlöser beten?«

»Ja, ja, und du wirst auch mich armen Krüppel nicht ganz vergessen?«

»Gewiß nicht, du gutes Mädchen! Vielleicht sehen wir uns doch noch einmal wieder.«

Mit diesen Worten eilte Antinous den Hügel hinunter und durch die Stadt an den Nil.

Der Mond war aufgegangen und spiegelte sich in dem beruhigten Strom. So hatte sein Bild auch damals, als Antinous Selene gerettet, auf dem Meere geruht.

Der Jüngling wußte, daß der Kaiser ihn erwarte; er suchte aber dennoch seine Zelte nicht auf.

Eine große Erregung hatte sich seiner bemächtigt.

Unruhig schritt er am Gestade des Nils auf und nieder und rief sich schnell die Höhenpunkte seines vergangenen Lebens ins Gedächtnis zurück.

Jedes Wort des Gespräches, das gestern zwischen ihm und Hadrian geführt worden war, meinte er zum zweiten Male zu hören.

Mit greifbarer Deutlichkeit sah er seine bescheidene bithynische Heimat, sein Mütterchen und die Geschwister, denen er niemals wieder begegnen sollte, vor sich.

Noch einmal durchlebte er die schreckliche Stunde, in der er den gütigsten der Herren betrogen und in der er zum Brandstifter geworden. Eine große Angst überfiel ihn, als der Wunsch Hadrians ihm in den Sinn kam, ihn an die Stelle des Mannes zu setzen, den der weise Herrscher vielleicht infolge seiner Freveltat zum Nachfolger ernannt hatte.

Er, Antinous, der nicht von heute auf morgen zu denken vermochte, der jedem Gespräch mit ernsten Männern aus dem Wege ging, weil es ihm schwer fiel, ihrer Rede zu folgen, er, der nur zu gehorchen verstand, er, der sich nirgends wohl befand als da, wo er mit dem Gebieter und seinen Träumen fern von dem Treiben der Welt allein war – er, vom Purpur, von Sorgen mit bergesschwerer Verantwortlichkeit belastet!

Nein, nein, dieser Gedanke war unerhört, war gräßlich, und doch gab Hadrian keinen Vorsatz auf, dem er einmal Worte geliehen.

Die Zukunft stellte sich ihm wie ein furchtbarer Feind drohend vor die Seele.

Schmerz, Unruhe, Unglück starrten ihn an, wohin er auch schaute.

Was war das Entsetzliche, das seinen Gebieter bedrohte?

Es nahte, es mußte kommen, wenn nicht – wenn ja nicht einer sich fand, der sich zwischen ihn und das Verhängnis stellte und den Speer, den der zürnende Gott versandte, mit seiner Brust, mit seinem die Wunde still erwartenden Herzen auffing.

Er, ja er allein war dieser eine, er nur konnte es sein.

Wie ein plötzlich aufflammendes Licht erhellte ihm dieser Gedanke die Seele. Und fand er den Mut, sich zu opfern, für seinen lieben Herrn sich dem Tode zu weihen, dann war jede Schuld gegen ihn herrlich gesühnt – dann, dann – o wie wundervoll, o wie herrlich! – dann fand er vielleicht Eingang in die Tore jener seligen Welt, die Selenes Gebet ihm öffnete, dann sah er wohl bald sein Mütterchen wieder und den Vater und später auch die Geschwister, jetzt aber, in einer Stunde, in wenigen Minuten schon sie, die er liebte, und die ihm vorangegangen war in den Tod.

Ein so wonniges Hoffnungsgefühl wie er noch niemals empfunden, erfüllte ihm die Seele.

Da lag der Nil, da war ein Kahn!

Kräftig stieß er ihn ins Wasser und mit einem frischen Satze wie auf der Jagd, wenn es galt, von einem Felsen zum andern zu springen, schwang er sich in den Nachen.

Schon hatte er die Ruder ergriffen, als Mastor, der ihn im Auftrage des Kaisers suchte, ihn im Mondschein erkannte und ihn aufforderte, mit ihm zu den Zelten zurückzukehren.

Aber Antinous folgte ihm nicht, sondern rief, indem er tiefer in den Strom hineinfuhr:

»Grüße den Herrn, grüße ihn tausend- und tausendmal von mir und sage ihm, Antinous hätte ihn lieber gehabt als sein Leben. Das Schicksal verlangt ein Opfer. Die Welt kann Hadrians nicht entbehren; Antinous aber ist ein armes Nichts, das keiner vermißt als sein Kaiser, und Antinous wirft sich für ihn auf die Schlachtbank.«

»Halte ein, Unglücklicher, kehre zurück!« rief der Sklave, und warf sich in ein Boot; der Nachen des Bithyniers aber flog, von gewaltigen Ruderschlägen getrieben, rascher und rascher in den Strom hinein.

Mit dem Aufgebot aller Kräfte regte Mastor in dem anderen Kahne die Arme, er vermochte aber dennoch dem Fahrzeuge, das er verfolgte, nicht näher zu kommen.

So erreichten beide in wilder Wettfahrt die Mitte des Stromes. Da sah der Sklave die Ruder des Bithyniers durch die Luft fliegen. Einen Augenblick später hörte er Antinous laut den Namen »Selene« rufen, dann mußte er tatenlos mit ansehen, wie sich der Jüngling in die Wogen gleiten ließ und der Nil das schönste aller Opfer in seinen Fluten aufnahm.

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