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Der Kaiser

Georg Ebers: Der Kaiser - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDer Kaiser
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeFünfter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
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Zweiundvierzigstes Kapitel

Hadrian war bald nach dem Aufbruch von Theben, der am zweiten November erfolgte, zu einem großen Entschluß gelangt.

Verus sollte nicht nur als sein Sohn, sondern auch als sein Nachfolger anerkannt werden.

Das Drängen Sabinas hätte für sich allein nicht genügt, seinem Zaudern ein Ende zu machen, zumal es gerade jetzt durch die eigensten Wünsche des Kaisers neue Nahrung empfing.

Das Herz seiner Gattin hatte nach einem Kinde verlangt, aber auch das seine sehnte sich nach einem Sohne, und in Antinous besaß er einen solchen.

Sein Liebling war ein am Wege aufgelesener Knabe von niedriger, wenn auch von freier Herkunft; doch es lag in der Hand des Kaisers, ihn groß zu machen, die höchsten Ehrenstellen Roms auf ihn zu übertragen und ihn endlich öffentlich als seinen Erben anzuerkennen.

Wenn einer, so hatte Antinous dies um ihn verdient, und keinem andern als ihm konnte er neidlos alles, was er selbst besaß, übertragen. Diese Gedanken, diese Wünsche waren viele Monate alt, doch des Bithyniers Sinn und Wesen hatten sich immer und immer wieder ihrer Verwirklichung entgegengestellt.

Hadrian war ernstlicher als seine Vorgänger bemüht gewesen, die gesunkene Würde des Senats zu heben, und dennoch durfte er seiner Zustimmung auch für die gewagteste Maßnahme gewiß sein. Die leitenden Behörden der Republik waren auch unter den zügellosesten seiner Vorgänger anerkannt worden und in Tätigkeit geblieben. Freilich mußten sie alle, wie sie auch hießen, dem Imperator gehorchen; – aber sie waren immerhin vorhanden, und das Reich konnte auch mit einem Schwächlinge an der Spitze in den von Hadrian gezogenen und mit weiser Enthaltsamkeit eingeschränkten Grenzen ungeschmälert fortbestehen.

Vor wenigen Wochen hätte er dennoch nicht gewagt, an die Adoption seines Lieblings zu denken.

Jetzt hoffte er der Erfüllung seines Wunsches näher zu stehen.

Zwar war Antinous noch immer ein Träumer, doch auf den Wanderungen und Jagdzügen durch Ägypten hatte er sich frisch und rüstig, verständig und nach dem Aufbruch von Theben zu Zeiten sogar keck und munter erwiesen.

Diesen Antinous konnte er selbst in die Schule nehmen und ihn, wenn er von Ehrenamt zu Ehrenamt gestiegen und die Zeit gekommen war, zu seinem Nachfolger ernennen.

Fürs erste sollte dieser Plan verborgen bleiben.

Wenn er Verus öffentlich adoptierte, blieb jeder Gedanke an eine neue Sohneswahl ausgeschlossen; und er durfte es getrost wagen, den Schützling Sabinas zu seinem Nachfolger zu ernennen; denn der berühmteste unter den römischen Ärzten hatte Hadrian auf seine Veranlassung hin geschrieben, daß die untergrabene Gesundheit des Prätors nicht wieder herzustellen sei. Im besten Falle stehe ihm noch eine beschränkte Anzahl von Lebensjahren bevor.

Mochte Verus denn ruhig mitten in den glänzendsten Hoffnungen dahinsiechen! Erst wenn er die Augen geschlossen, dann war es an der Zeit, den zu tatkräftiger Männlichkeit herangereiften Träumer an seine Stelle zu setzen.

Auf der Rückreise von Theben nach Alexandria traf Hadrian mit der Gemahlin zu Abydos zusammen und eröffnete ihr seinen Entschluß, den Sohn ihrer Wahl zu seinem Nachfolger zu ernennen.

Sabina dankte ihm mit einem »Endlich«, das halb ihrer Zufriedenheit, halb dem Verdruß über das lange Zögern des Gatten Ausdruck gab.

Hadrian gestattete ihr, von Alexandria aus nach Rom zurückzukehren, und noch am nämlichen Tage wurden Boten mit Briefen an den Senat und an den Präfekten von Ägypten abgesandt. Das für Titianus bestimmte Schreiben enthielt den Auftrag, die Adoption des Prätors öffentlich ausrufen zu lassen, bei dieser Gelegenheit ein Freudenfest zu veranstalten und dabei dem Volke in des Kaisers Namen alle Gnaden zu gewähren, die die ägyptische Sitte dem Herrscher nach der Geburt eines Thronfolgers zu üben vorschrieb.

Das Gefolge des fürstlichen Paares feierte den Entschluß Hadrians durch prächtige Gastmähler: der Kaiser aber nahm nicht an ihnen teil, sondern ließ sich über den Nil setzen und zog bei Antäopolis in die Wüste, um von dort aus in die Schluchten des arabischen Gebirges zu dringen und wilde Tiere zu erlegen. Niemand als Antinous, Mastor, einige Jäger und Hunde begleiteten ihn.

Bei Besa dachte er mit den Schiffen zusammenzutreffen. Den Besuch dieses Ortes hatte er für den Rückweg aufgehoben, weil er auf dem westlichen Nilufer gereist war und ihn der Abstecher über den Strom zu viel Zeit gekostet hätte.

An einem schwülen Novemberabend wurden die Zelte der Wanderer zwischen dem Nil und dem Kalkgebirge aufgeschlagen, in dem sich eine lange Reihe von Grüften aus der Pharaonenzeit befand.

Hadrian besuchte sie, weil ihn die höchst merkwürdigen Darstellungen an ihren Wänden ergötzten; Antinous aber blieb zurück; denn er hatte dergleichen in Oberägypten schon weit öfter besichtigen müssen, als ihm lieb war. Er fand diese Bilder einförmig und unschön, und es fehlte ihm die Ausdauer, sich wie sein Gebieter in ihre Bedeutung zu vertiefen. Hundertmal war er, um Hadrian nicht allein zu lassen, aber gewiß nicht um ihretwillen, mit in die alten Grüfte gegangen; heute aber konnte er sich vor Ungeduld und Erregung kaum lassen; denn er wußte, daß ihn ein Ritt, ein Marsch von wenigen Stunden nach Besa zu Selene führen würde.

Drei oder vier Stunden blieb der Kaiser jedenfalls aus, und wenn er sich ein Herz faßte, konnte er vor seiner Heimkehr das Mädchen, nach dem er sich sehnte, aufgesucht haben und doch früher als der Gebieter zurück sein.

Aber vor dem Handeln kam das Bedenken!

Da stieg der Kaiser den Berg hinan und konnte ihn sehen. – Es wurden Boten erwartet, und er hatte den Auftrag erhalten, sie zu empfangen. Wenn üble Nachrichten kamen, durfte der Herr unter keiner Bedingung allein sein.

Zehnmal trat er an sein gutes Jagdpferd heran, um sich ihm auf den Rücken zu schwingen, einmal griff er auch nach dem Hauptzeug, um es zu zäumen; aber während er dem Hengste das biegsame, vielfach gegliederte Gebiß durch die Zähne zog, brach ihm die Tatkraft wieder zusammen.

Während dieses Zauderns vergingen die Stunden, und endlich wurde es so spät, daß der Kaiser bald zurückkehren konnte und es Torheit gewesen wäre, weiter an die Ausführung seines schönen Planes zu denken.

Schon war der erwartete Bote mit mehreren Schreiben erschienen, Hadrian aber noch immer nicht wieder gekommen.

Es dunkelte, und große Regentropfen fielen von dem schwer bewölkten Himmel, und Antinous war noch immer allein.

Zu der Sehnsucht gesellte sich Reue über die versäumte Gelegenheit, Selene wiederzusehen und Unruhe über das lange Ausbleiben des Gebieters.

Trotz des Regens, der heftiger zu strömen begann, trat er an die Luft, deren drückende Schwüle ihm die schwache Willenskraft vollends lähmte, und rief nach den Hunden, mit denen er den Kaiser aufzusuchen gedachte; da aber ließ sich das Gebell des Molossers vernehmen, und bald darauf trat Hadrian mit Mastor aus dem Dunkel in den Lichtschein, der die beleuchteten Zelte umgab.

Der Kaiser gönnte dem Liebling nur einen flüchtigen Gruß und ließ es sich dann schweigend gefallen, daß Antinous ihm das Haar trocknete und einen Imbiß brachte, während Mastor ihm die Füße badete und ihn mit frischen Gewändern bekleidete. Als er mit dem Bithynier vor der bereitstehenden Mahlzeit lag, sagte er:

»Ein seltsamer Abend! Wie heiß und drückend die Luft ist. Hüten wir uns; denn es steht uns Schlimmes bevor.«

»Was ist dir begegnet, Herr?«

»Mancherlei. Gleich am Tor des ersten Grabes, das ich betreten wollte, fand ich ein altes schwarzes Weib, das uns die Hände abwehrend entgegenstreckte und uns widrig klingende Worte zuschrie.«

»Hast du sie verstanden?«

»Nein. Wer kann das Ägyptische lernen.«

»Dann weißt du also nicht, was sie sagte?«

»Ich sollt' es erfahren. »Tod« rief die Alte und wiederum »Tod«. In der Gruft, die sie bewachte, lagen ich weiß nicht wieviele von der Pest befallene Menschen.«

»Und du sahest sie?«

»Ja, ich hatte bisher nur von dieser Krankheit gehört. Sie ist gräßlich und entspricht den Beschreibungen, die ich von ihr las.«

»Aber, Herr!« rief Antinous vorwurfsvoll und ängstlich.

»Als wir den Gräbern den Rücken wandten,« fuhr Hadrian fort, ohne auf den Einwurf des Jünglings zu achten, »begegnete uns ein weißgekleideter älterer Mann und ein seltsam aussehendes Mädchen. Sie war lahm und doch von ungewöhnlicher Schönheit.

»Auch sie ging zu den Kranken?«

»Ja, sie brachte ihnen Arznei und Brot.«

»Aber sie trat nicht zu ihnen hinein?« fragte Antinous dringend.

»Sie tat es, trotz meiner Warnung. In ihrem Begleiter fand ich einen alten Bekannten wieder.«

»Einen alten?«

»Jedenfalls ist er betagter als ich. In Athen trafen wir, als wir noch jung waren, häufig zusammen. Er hielt sich damals zu den Platonikern und war eifriger, ja, vielleicht auch höher begabt als wir alle.«

»Wie kommt solch ein Mann zu den Pestkranken von Besa? Wurde er Arzt?«

»Nein. Schon zu Athen suchte er mit glühendem Eifer die Wahrheit, und jetzt behauptet er, sie gefunden zu haben.«

»Hier unter den Ägyptern?«

»In Alexandria bei den Christen.«

»Und das lahme Mädchen, das den Philosophen begleitete, glaubt auch an den gekreuzigten Gott?«

»Ja, sie ist eine Krankenpflegerin oder dergleichen. Es liegt doch etwas Großes in der Schwärmerei dieser Leute.«

»Ist es wahr, daß sie einen Esel und Tauben anbeten?«

»Torheit!«

»Ich weigerte mich auch, es zu glauben; jedenfalls sind sie gut und pflegen alle Leidenden, auch fremde, die nicht zu ihnen gehören.«

»Woher weißt du das?«

»Man hört doch in Alexandria manches von ihnen.«

»Leider, leider! Ich verfolge keine luftigen Feinde, und zu denen rechne ich die Gedanken und den Glauben der Menschen; doch ich frage mich manchmal, ob es dem Staate frommen kann, wenn die Bürger es aufgeben, gegen die Not des Lebens anzukämpfen und sich über sie hinwegzutrösten durch die Hoffnung auf ein erträumtes Glück in einer anderen Welt, die vielleicht nur in der Vorstellung derer vorhanden ist, die an sie glauben.«

»Ich wollte, das Leben wäre mit dem Tode zu Ende,« sagte Antinous nachdenklich. »Und dennoch . . .«

»Nun?«

»Wenn ich gewiß wüßte, daß ich in jener anderen Welt diejenigen beieinander fände, die ich wiederzusehen wünschte, dann könnte mich wohl nach einem zweiten Leben verlangen.«

»Du möchtest dich also bis in alle Ewigkeit unter der Masse der alten Bekannten, die der Tod dir doch bis auf den letzten in die andere Welt nachschickt, noch einmal drängen und stoßen lassen?«

»Das nicht, aber ich wollte, es wäre mir gestattet, mit einigen Auserwählten ewig zu leben.«

»Und würde ich zu diesen gehören?«

»Ja,« rief Antinous innig und drückte die Lippen auf die Hand Hadrians.

»Ich wußte es: doch selbst um den Preis, dich, meinen Liebling, niemals zu entbehren, möchte ich das einzige Recht, das der Mensch vor den unsterblichen Göttern voraus hat, nicht aufgeben.«

»Welches Recht kannst du meinen?«

»Das Recht, aus den Reihen der Lebenden zu treten, sobald mir das Nichtsein erträglicher scheint als das Dasein.«

»Die Götter freilich können nicht sterben.«

»Und die Christen wollen es nur, um an den Tod ein neues Leben zu knüpfen.«

»Ein schöneres doch als das erste auf Erden.«

»Sie nennen es ein seliges. Die Mutter dieses ewigen Lebens ist die unverwüstliche Lust am Dasein auch unter den Elendesten unseres Geschlechts, sein Vater die Hoffnung. Sie glauben an Leidlosigkeit in jener anderen Welt; denn der, den sie ihren Erlöser nennen, der gekreuzigte Christus, erlöste sie durch seinen Tod von künftigen Schmerzen.«

»Kann denn einer die Leiden des anderen auf sich übertragen wie ein Gewand oder eine Last?«

»Sie sagen es, und mein Freund aus Athen ist davon überzeugt. In den magischen Büchern findet sich manche Vorschrift, wie das Unglück sich nicht nur von Menschen auf Tiere, sondern auch von einem Menschen auf den anderen übertragen läßt. Es sind sogar mit Sklaven merkwürdige Versuche hierüber angestellt worden, und ich habe noch immer in mancher Provinz gegen die Menschenopfer zu kämpfen, durch die die Götter versöhnt oder günstig gestimmt werden sollen. Denke nur an die unschuldige Iphigenia, die zum Altare geführt ward. Schloß das geborstene Forum sich nicht, nachdem Quintus Curtius in die Spalte gesprungen? Wenn das Schicksal ein tödliches Geschoß nach dir schleudert und ich fange es mit dieser Brust auf, so begnügt es sich vielleicht mit dem Wurfe und fragt nicht nach der Person des Getroffenen.«

»Die Götter wären auch wenig bescheiden, wenn sie dein Blut nicht für das meine annehmen wollten.«

»Leben ist Leben, und das des Jüngeren mehr wert als das des Alten. Für dich erblühen noch viele Freuden.«

»Und du bist dem ganzen Erdkreise notwendig.«

»Nach mir kommt ein anderer. Bist du ehrgeizig, Knabe?«

»Nein, Herr!«

»Was hatte denn das zu bedeuten? Alle anderen wünschten mir Glück zu meinem Sohne Verus; nur du nicht. Hat dir meine Wahl nicht gefallen?«

Da errötete Antinous und schaute befangen zu Boden; Hadrian aber sagte:

»Sprich offen aus, was du meinst.«

»Der Prätor ist leidend.«

»Er hat nur noch wenige Jahre zu leben, und wenn er tot ist . . .«

»Er kann ja genesen.«

»Wenn er tot ist, muß ich mich nach einem anderen Sohne umschauen. Was meinst du? Von wem hört sich wohl jeder, der Sklave wie der Konsul, besonders gern ›Vater‹ rufen.«

»Von einem, den er recht lieb hat.«

»Ganz recht, und besonders wenn dieser eine mit der festesten Treue an ihm hängt. Ich bin ein Mensch wie die anderen, und du, mein braver Gesell, stehst nun einmal meinem Herzen am nächsten, und ich werde den Tag segnen, an dem ich dir vor aller Welt gestatten darf, mich ›Vater‹ zu nennen. Unterbrich mich nicht. Wenn du deinen Willen kräftig zusammennimmst, wachen Sinnes wie auf der Jagd in das Treiben der Menschen, die dich umgeben, hineinschaust, wenn du deinen Geist zu schärfen versuchst und auffaßt, was ich dich lehre, dann kann es geschehen, daß einst Antinous an Stelle des Verus . . .«

»Nur das nicht!« rief der Jüngling tief erblassend und mit bittend erhobenen Händen.

»Das Große, mit dem uns das Schicksal überrascht, erscheint uns furchtbar, solang es uns neu ist,« entgegnete Hadrian. »Der Schiffer gewöhnt sich bald an den Seesturm, und man trägt den Purpur zuletzt wie du deinen Chiton.«

»O Herr, ich bitte dich,« sagte Antinous angstvoll, »laß doch von diesem Gedanken; ich tauge nicht für die Größe.«

»Aus kleinen Schößlingen werden Palmen.«

»Aber ich bin nur ein ärmliches Kräutlein, das in deinem Schatten das Leben fristet. Die stolze Roma . . .«

»Rom ist meine Magd. Es hat sich gefallen lassen müssen, von Männern gemeinen Schlages beherrscht zu werden, und ich möchte ihm zeigen, wie den schönsten unter seinen Söhnen der Purpur kleidet. Solche Wahl darf die Welt von einem Kaiser erwarten, den sie schon lange als Künstler, das heißt als einen Priester des Schönen kennt. Tut sie es nicht, dann werde ich sie zwingen, ihren Geschmack nach dem meinen zu richten.«

»Du treibst Spott mit mir, Cäsar,« fuhr der Bithynier beunruhigt auf. »Es kann ja dein Ernst nicht sein, und wenn es wahr ist, daß du mich liebst . . .«

»Nun, Knabe?«

»Dann läßt du mich still für dich leben und sorgen, dann verlangst du nichts von mir als Verehrung, Liebe und Treue.«

»Die besitz' ich schon lange, und ich möchte meinen Antinous für diese reiche Geschenke belohnen.«

»Laß mich nur bei dir, laß mich, wenn es not tut, für dich in den Tod gehen.«

»Ich glaube, Knabe, du wärst imstande, für mich das Opfer zu bringen, von dem wir sprachen.«

»Zu jeder Stunde, ohne mit der Wimper zu zucken.«

»Meinen Dank für dies Wort! Das ist ein freundlicher Abend geworden und einen wie schlimmen hab' ich erwartet!«

»Weil dich das Weib vor dem Grabe erschreckte?«

»›Tod‹ ist ein garstiges Wort. Zwar das ›Totsein‹ kann den Weisen nicht erschrecken; doch der Schritt aus dem Licht in das Dunkel ist furchtbar. Das Bild der Alten und ihr gellender Ruf wollten mir nicht aus dem Sinn. Dann kam der Christ und führte seltsame, das Herz beängstigende Reden. Bevor es dunkelte, zog er mit dem hinkenden Mädchen nach Hause. Ich schaute ihnen nach und wurde von der Sonne geblendet, die sich über den libyschen Bergen zum Untergang neigte. Der Horizont war klar – nur unter dem Tagesgestirn hingen die Wolken. Im Westen, sagen die Ägypter, liege das Reich des Todes. Daran mußte ich denken, und das Orakel, das Unheil, mit dem mich die Sterne in diesem Jahr bedrohen, der Schrei des Weibes, das alles kam mir auf einmal in den Sinn. Als ich dann gewahrte, wie die Sonne mit dem Gewölke kämpfte und sich mehr und mehr der Hügelreihe jenseits des Stromes näherte, da sagte ich mir: Wird sie glänzend versinken, so schaust du getrost in die Zukunft – wird sie aber von den Wolken verschlungen, bevor sie zur Ruhe gelangt, dann wird das Geschick sich erfüllen, dann gilt es, die Segel einzuziehen und den Sturm zu erwarten.«

»Und was ist geschehen?«

»Der feurige Sonnenball brannte in glühendem Rot und war von Millionen Strahlen umgeben. Einer war von dem anderen getrennt und jeder leuchtete hell. Es war, als hätten sich in dem untergehenden Körper zahlreiche Bogenschützen versammelt und schössen goldene Pfeile nach allen Richtungen hin in das Gewölk. Wundervoll war dies Schauspiel, und schon hob sich mir das Herz in freudiger Regung, da senkte sich rasch, als ob sie erzürnt sei über die Wunden, die sie von dem leuchtenden Geschosse empfing, eine finstere Wolke nieder, eine zweite, dritte und vierte folgten ihr schnell, und finstere Dämonen warfen einen grauen, flockigen Vorhang über das leuchtende Haupt des Helios, wie der Henker ein rauhes schwarzes Tuch über den Kopf des Verurteilten zieht, auf den er das Knie stemmt, um ihn zu erdrosseln.«

Antinous bedeckte bei diesem Berichte das Antlitz mit beiden Händen und murmelte angstvoll:

»Schrecklich, schrecklich! Was mag uns bevorstehen? Hör nur, wie es donnert und der Regen auf das Zeltdach schlägt.«

»Die Wolken senden Bäche hernieder. Da rinnt das Wasser schon zu uns herein. Die Sklaven sollen ihm Rinnen zum Abflusse graben. Schlagt die Pflöcke fester, ihr Burschen da draußen, sonst reißt der Sturmwind das leichte Gebäude auseinander.«

»Und wie schwül die Luft ist!«

»Der heiße Wind scheint die Regengüsse zu wärmen. Hier bleibt es trocken. Mische mir einen Becher Wein, Antinous. Sind Briefe gekommen?«

»Ja, Herr.«

»Gib sie mir, Mastor.«

Der Sklave, der eifrig beschäftigt war, die in das Zelt sickernden Regenbäche mit Erde und Steinen abzudämmen, sprang auf, trocknete schnell die Hände, nahm den einen der Säcke aus der für die Schriften des Kaisers bestimmten Truhe und gab sie dem Gebieter.

Hadrian öffnete die lederne Tasche, nahm eine Rolle heraus, brach sie schnell auf und rief dann, nachdem er den Inhalt durchflogen:

»Was ist das? Da hab' ich den Spruch des Apisorakels eröffnet. Wie kommt er unter die neuen Briefe?«

Antinous näherte sich Hadrian, faßte die Tasche ins Auge und sagte:

»Mastor versah sich. Dies sind die Schreiben aus Memphis. Gleich bring' ich dir den richtigen Beutel.«

»Warte,« entgegnete der Kaiser, indem er die Hand des Günstlings heftig erfaßte. »Hab' ich es hier mit einem Spiele des Zufalls oder dem Willen des Schicksals zu tun? Warum kam mir gerade heute dies falsche Behältnis in die Hand? Warum mußte ich aus zwanzig Schreiben, die es enthält, gerade dieses ergreifen? Sieh her! Ich will dir diese Zeichen erklären. Da stehen drei Paar Arme, die mit Schild und Schwert bewaffnet sind, neben dem Namen des ägyptischen Monats, der unserem November gleichkommt. Das sind die drei Zeichen des Unglücks. Die Lauten hier oben sind von glücklicher Vorbedeutung, die Maste dort deuten auf einen gewöhnlichen Stand der Dinge. Drei von diesen Hieroglyphen stehen immer zusammen. Drei Lauten bedeuten großes Glück, zwei Lauten und ein Mast Glück und mittleres Wohlsein, ein Paar Arme und zwei Lauten Unglück, dem gute Stunden folgen, und immer so fort. Hier im November beginnen die bewaffneten Arme, und sie stehen da zu dreien und dreien und künden lauter drohendes Unheil, das keine Laute freundlich ermäßigt. Siehst du es, Knabe? Verstehst du jetzt die Meinung dieser Zeichen?«

»Wohl, wohl; aber deutest du sie auch richtig? Die kämpfenden Arme führen vielleicht zum Siege.«

»Nein. Der Ägypter stellt durch sie den Streit dar, und Streit und Unruhe ist für ihn dasselbe, was wir das Schlechte und Böse nennen.«

»Wie seltsam!«

»Nein, es ist gut gedacht; denn sie sagen, alles sei ursprünglich gut von den Göttern geschaffen; doch die an sich vollkommenen Teile des Alls veränderten ihre Natur durch unruhige und disharmonische Mischung. Diese Erklärung gab mir der Priester des Apis, und hier, hier stehen neben dem Namen des Novembers die drei kämpfenden Arme, die gräßlichen Zeichen! Wenn einer der Blitze, die wieder und wieder dies Zelt wie Lichtströme erleuchten, mich und dich und uns alle erschlägt – mich soll es nicht wundern. Schweres, Furchtbares steht uns bevor. Es gehört Mut dazu, unter solchen Zeichen den klaren Blick zu behalten und nicht zu verzagen.«

»Brauche nur gegen die kämpfenden Arme der ägyptischen Götter die deinen; denn sie sind stark,« bat Antinous; der Kaiser aber senkte das Haupt und sagte mutlos:

»Im Kampfe gegen das Schicksal müssen die Himmlischen selbst unterliegen.«

Das Gewitter tobte fort. Der Sturm riß mehr als einmal die Zeltstricke aus dem Boden und zwang die Sklaven, die leichte Wohnung des Gebieters mit den Händen festzuhalten, der Wolkenbruch goß große Wassermassen auf die seit Jahren von keinem Regentropfen berührten Wüstenberge und füllte jede trockene Rinne an den Abhängen mit Bächen und Strömen.

Weder Hadrian noch Antinous schlossen während dieser furchtbaren Nacht die Augen.

Der Kaiser hatte nur noch eine von allen Rollen geöffnet, die sich in dem neuen Briefsacke befanden. Sie enthielt die Nachricht, daß der Präfekt Titianus von den alten Atembeschwerden grausam geplagt werde, und die Bitte des würdigen Mannes, den Staatsdienst verlassen und sich auf seine Güter zurückziehen zu dürfen.

Es war nichts Kleines für Hadrian, diesen treuen Helfer in Zukunft entbehren zu sollen, diesen Mann zu missen, den er ins Auge gefaßt hatte, um Judäa, in dem neue Aufstände das Haupt erhoben hatten, zu beruhigen und ohne Blutvergießen zum Gehorsam zurückzuführen. Die erregte Provinz zu vernichten konnte wohl auch anderen gelingen, sie mit Güte zu besiegen und zu erhalten nur dem milden und klugen Titianus.

Dem Kaiser fehlte der Mut, in dieser Nacht noch einen andern Brief zu erbrechen. Schweigend lag er auf dem Polster, bis der Morgen graute, und dachte an jede schlimme Stunde seines Lebens, an den Mord des Nigrinus, des Tatianus und der anderen Senatoren, durch den er sich die Herrschaft gesichert, und gelobte den Göttern von neuem große Opfer, wenn sie ihn vor dem nahenden Unheil bewahrten.

Als er sich am folgenden Morgen erhob, erschrak Antinous über sein Aussehen; denn Antlitz und Lippen Hadrians waren völlig blutlos.

Nachdem der Kaiser die für ihn angekommenen Briefe gelesen hatte, brach er nicht zu Fuß, sondern zu Pferde mit Antinous und Mastor nach Besa auf, um dort das Gefolge zu erwarten.

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