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Der Kaiser

Georg Ebers: Der Kaiser - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDer Kaiser
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeFünfter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
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Vierzigstes Kapitel

Selene und Helios empfingen die Taufe, und zwei Tage später bestiegen Frau Hanna, ihre Pfleglinge und Maria in Begleitung des Presbyter Hilarion und eines Diakonen im mareotischen Hafen ein Nilschiff, das sie der neuen Heimat, der oberägyptischen Stadt Besa, zuführen sollte.

Die Verwachsene hatte mit der Antwort auf die Frage der Witwe, ob sie ihr zu folgen wünsche, gezaudert.

In Alexandria wohnte ihre alte Mutter, und dann – aber gerade dieses »Dann« war ihr zu Hilfe gekommen, alle Bedenken scharf zu zerschneiden und ein entschiedenes »Ja« zu sagen; denn es hatte sich auf Antinous bezogen.

Anfänglich war es ihr unerträglich erschienen, ihn nie wiederzusehen; denn sie hatte so oft an den schönen Jüngling denken müssen, und ihr ganzes Herz sollte doch nur dem einen gehören, der auch für sie am Kreuze gestorben, dem sie sich für diese und jene Welt angelobt hatte.

Selene war am Tage nach der Taufe in das Stadthaus Paulinas gegangen und hatte dort von Arsinoe unter vielen Tränen Abschied genommen. Die ganze Liebe, die die Schwestern vereinte, wachte in der Trennungsstunde wieder auf. Selene hatte von Paulina gehört, daß Pollux gestorben sei, und grollte der Nebenbuhlerin nicht mehr, die ihn leidenschaftlicher als sie beklagte. Früher war der Friede ihrer Seele freilich mehr als einmal durch die Erinnerung an den Gespielen getrübt worden.

Die Trennung von Alexandria, wo ihre meisten Geschwister zurückblieben, fiel ihr schwer, und sie freute sich auf das neue Heim; denn sie war nicht mehr dieselbe, die sie noch vor wenigen Monden gewesen, und sie sehnte sich nach dem fernen Schauplatz für ihr neues, geheiligtes Leben.

Eumenes und Hanna hatten recht gesehen. Nicht der Witwe, sondern dem blinden Knaben war es gelungen, sie für das Christentum zu gewinnen.

Diese Tat des Kindes hatte einen seltsamen Verlauf genommen.

Schon die Verheißung des Sklaven Mastor, Helios würde dereinst in einem leuchtenden Himmel seinem Vater unter lieblichen Engeln wieder begegnen, hatte mächtig auf die lebhafte Einbildungskraft und das weiche Herz des blinden Kindes gewirkt.

Im Hause Hannas empfing seine Hoffnung neue Nahrung, und Maria und die Witwe erzählten ihm viel von ihrem großen, freundlichen Gott und seinem Sohne, der die Kinder liebe und sie eingeladen habe, zu ihm zu kommen.

Als Selene sich zu erholen begann, und es ihm gestattet wurde, mit ihr zu reden, teilte er ihr voll innerer Freude alles mit, was er von den Frauen gehört; seine Schwester fand indes anfänglich keinen Gefallen an diesen wunderlichen Hirngespinsten und versuchte es, seinen Glauben an sie zu trüben und sein Herz zu den alten Göttern zurückzuführen.

Während sie aber den Knaben zu leiten versuchte, fühlte sie sich nach und nach gezwungen, ihm auf seinem Weg zu folgen. Zuerst ging sie mit unsicheren Schritten vorwärts; Frau Hanna aber unterstützte sie durch ihr Beispiel und manches gute Wort. Lehren erteilte sie nur, wenn das Mädchen sie fragte und um Erklärungen bat.

Liebe und Frieden atmete alles, was Selene hier umgab, und der Knabe empfand das, sprach es aus, zwang sie, es anzuerkennen, und bot ihr in seiner eigenen Person das erste Ziel für die neu in ihr erwachende Sehnsucht, sich liebreich zu erweisen.

Der feste Glaube des Kindes, der sich durch keinerlei Gründe und keine von den Mythen, die sie kannte, erschüttern ließ, rührte sie und veranlaßte sie, Frau Hanna zu fragen, was es mit dieser oder jener Behauptung des Bruders auf sich habe.

Es war ihr erfreulich erschienen, daß das elende Erdenleben mit dem Tode den Abschluß finden sollte; Helios aber ließ sie verstummen, als er traurig sagte: »Hast du denn gar keine Sehnsucht, den Vater und die Mutter wiederzusehen?«

Ein Wiedersehen mit der Mutter!

Dieser Gedanke machte auch sie auf das Jenseits begierig, und Frau Hanna fachte den Funken der Hoffnung in ihrer Seele zur Flamme an.

Selene hatte viel Elend gesehen und erfahren, und sich gewöhnt, die Götter grausam zu nennen. Helios sagte ihr, Gott und der Heiland wären gut und liebten die Menschen wie ihre Kinder.

»Ist es nicht freundlich,« fragte er sie, »daß uns der himmlische Vater zu Frau Hanna führte?«

»Ja, aber man hat uns voneinander gerissen,« versetzte Selene.

»Laß nur,« entgegnete das Kind zuversichtlich, »im Himmel finden wir uns alle wieder.«

Die Genesende erkundigte sich nach jedem einzelnen ihrer Geschwister, und Hanna schilderte ihr alle Familien, in denen sie untergekommen waren.

Die Witwe sah nicht aus, als ob sie lüge, die Kleinen bestätigten auch ihre Berichte bei manchem Besuche, und doch konnte Selene nur schwer die Bilder für richtig halten, die sie ihr von dem Leben in den Häusern der Glaubensgenossen entwarf.

Die Mutter der Christen, hatte ein großer Kirchenlehrer gesagt, sollte der Stolz der Kinder, die Frau der Stolz des Mannes, Mann und Kinder der Stolz der Frau, und Gott der Stolz und Ruhm aller Mitglieder des Hauses sein.

Liebe und Glaube waren auch tatsächlich das Band, Friede und ein tugendhaftes Leben das Gesetz der Familie. Und in solcher reinen, wohltätigen Lebenslust, deren Segen sie im Häuschen Hannas an sich selbst und Helios empfand, wuchsen ihre Geschwister nunmehr heran!

Ihr gerader Sinn fand die rechte Antwort, als sie sich fragte, was wohl aus ihnen allen hätte werden können, wenn ihr Vater am Leben geblieben und seines Amtes entsetzt worden wäre? Elend und Schande hätten ihrer gewartet.

Und nun?

Vielleicht hatte die Gottheit doch freundlich gegen die Kinder gehandelt.

Liebe, Liebe und wieder Liebe atmete alles, was sie sah und hörte, und doch hatte ihr die Liebe die grausamsten Schmerzen bereitet.

Warum war es ihr beschieden gewesen, so Schweres durch dieselbe Empfindung zu erdulden, die anderen das Leben verschönte? Hatte wohl jemand Schwereres als sie zu erdulden gehabt? Ganz gewiß! Ein lebhafter Jüngling hatte sie irregeführt und ihre Schwester statt ihrer glücklich zu machen verheißen. Das war schwer zu ertragen gewesen, aber der Heiland, von dem ihr Helios erzählte, war noch viel härter geprüft worden. Die Menschheit, für die er, ein Sohn Gottes, zur Erde niedergestiegen war, um sie von Elend und Schuld zu erlösen, hatte ihm seine Güte damit gedankt, daß sie ihn ans Kreuz schlug. Sie sah in ihm einen Leidensgenossen und forderte die Witwe auf, ihr von ihm zu erzählen.

Manches Opfer hatte Selene den Ihren gebracht, und ihr Gang in die Papyrusfabrik blieb ihr unvergeßlich; – er aber hatte sich verspotten lassen und sein Blut für die Seinen vergossen. Und wer war sie – wer der Sohn Gottes?!

Seine Gestalt wurde ihr lieb, sie ward nicht müde, sich über seine Schicksale, seine Reden und Taten zu unterrichten, und unvermerkt kam für sie der Tag, an dem ihre Seele sich bereit fand, die Lehren Christi mit inbrünstiger Sehnsucht aufzunehmen.

Mit dem Glauben gewann sie das Bewußtsein der Schuld, das ihr bis dahin fremd gewesen war.

Aus Stolz und Furcht, niemals aber aus Liebe, hatte sie die Hände gerührt; die heilige Gabe des Lebens hatte sie selbstsüchtig von sich geworfen, ohne zu fragen, was aus denen werden würde, für die sie zu sorgen verpflichtet war. Ihrer leiblichen Schwester, die ihrer Obhut und ihres Segens bedurfte, und auch ihrem Jugendgespielen Pollux hatte sie geflucht und unzählige Male die Leiter des menschlichen Schicksals verwünscht. Das alles empfand sie jetzt schmerzlich mit dem ihrem Gemüte eigenen Ernste; aber sie fühlte sich beruhigt durch die Kunde, daß es einen gäbe, der die Welt erlöst und die Schuld jedes reuigen Sünders auf sich genommen habe.

Nachdem Selene der Witwe ihren Wunsch, eine Christin zu werden, ausgesprochen hatte, führte diese den Bischof Eumenes zu ihr.

Er selbst übernahm es, den Unterricht der Jungfrau zu leiten, und fand in ihr eine von Lernbegier erfüllte Schülerin.

Wie eine von jenen grauen, getrockneten Blumen, die sich, wenn man sie ins Wasser senkt, eröffnen, und in frische Blüten verwandeln, so erschloß sich ihr vorzeitig verwelkendes Herz. Sie sehnte sich nach völliger Genesung, um wie Hanna Kranke zu pflegen und jene Liebe zu betätigen, die Christus von seinen Getreuen verlangt.

Das war es, was sie besonders an ihrem neuen Glauben erfreute, daß er nicht die Reichen, die viele Opfer bringen konnten, selig zu machen verhieß, sondern die reumütig nach Vergebung lechzenden Elenden, die Armen und Notleidenden, an die sie dachte, als ob sie mit ihnen zu der gleichen Familie gehörte.

Ihre tüchtige Natur begnügte sich nicht mit der Gesinnung, sondern verlangte danach, sich zu bewähren. In Besa durfte sie mit Hanna ans Werk gehen, und diese Aussicht erleichterte ihr den Abschied von Alexandria.

Ein günstiger Wind führte die Reisenden gen Süden und glücklich ans Ziel.

Zwei Tage nach ihrem Aufbruch schlich sich Antinous wieder in den Garten Paulinas. Er näherte sich dem Häuschen der Witwe und sah sich vergebens nach der verwachsenen Maria um.

Der Weg war frei.

Ihr Ausbleiben mußte ihn erfreuen, aber es beunruhigte ihn dennoch.

Das Herz schlug ihm heftig; denn vielleicht war es ihm heute vergönnt, Selene allein zu finden.

Ohne zu klopfen, öffnete er das Tor; doch er wagte es nicht, die Schwelle zu übertreten; denn im Vorgemach stand ein fremder Mann und lehnte Bretter an die Wand.

Der Tischler, ein Christ, dem Paulina ihr Häuschen für seine Familie überlassen hatte, fragte Antinous nach seinem Begehr. »Ist Frau Hanna zu Hause?« stammelte der Bithynier.

»Wohnt nicht mehr hier.«

»Und ihre Pflegetochter Selene?«

»Ist mit ihr nach Oberägypten gezogen. Hast du etwas an sie zu bestellen?«

»Nein,« entgegnete der Jüngling betroffen. »Seit wann sind sie fort?«

»Seit vorgestern.«

»Und sie kommen nicht wieder?«

»In den nächsten Jahren gewiß nicht. Später vielleicht, wenn der Herr es so schickt.«

Antinous verließ auf dem breiten Mittelwege unangefochten den Garten.

Er sah bleich aus, und ihm war zumute wie einem Wanderer in der Wüste, der die Quelle verschüttet findet, aus der er Labung zu schöpfen gehofft hat.

In der ersten freien Stunde des folgenden Tages klopfte der Jüngling wiederum bei dem Tischler an, um sich zu erkundigen, in welchem oberägyptischen Orte sich die Auswanderer niederzulassen gedächten; und der Handwerker antwortete treuherzig:

»In dem oberägyptischen Besa.«

Antinous war von je ein Träumer gewesen, doch so gedankenlos, so schlaff vor sich hindämmernd wie in dieser Zeit, hatte Hadrian ihn noch niemals gesehen.

Wenn er ihn zu erwecken und zu größerer Frische anzuspornen versuchte, sah ihn der Liebling bittend an und gab sich alle Mühe, ihm dienstfertig zu sein und ihm ein heiteres Gesicht zu zeigen; aber immer nur mit kurzem Erfolg.

Selbst auf den Jagdzügen in die Libysche Wüste, die der Kaiser manchmal unternahm, blieb Antinous schlaff und unberührt von der Lust des Weidwerks, der er sich sonst mit Freude und Geschick hinzugeben pflegte. Der Kaiser hatte es in Alexandria länger ausgehalten als an anderen Orten und war jetzt müde der Festlichkeiten und Gastereien, des Wortgefechtes mit den Mitgliedern des Museums, des Verkehrs mit überspannten Mysten, Zeichendeutern, Sternsehern und Quacksalbern, von denen die Stadt wimmelte. Auch die kurzen Audienzen, die er den Führern der verschiedenen Religionsgenossenschaften erteilte, und die Besuche der Fabriken und Werkstätten des betriebsamen Ortes fingen an ihn zu ermüden.

Eines Tages erklärte er, die südlichen Gaue des Niltals besuchen zu wollen.

Die Priesterschaft der einheimischen ägyptischen Götter hatte ihn um diese Gunst ersucht, und nicht nur seine Wißbegier und Reiselust, sondern auch staatsmännische Erwägungen veranlaßten ihn, den Wunsch der in der reichen und wichtigen Provinz besonders einflußreichen Hierarchie zu erfüllen.

Der Gedanke, die Wunder aus der Pharaonenzeit, die so viele Reisende anzogen, mit eigenen Augen zu schauen, ermunterte ihn, und seine gute Stimmung wuchs, sobald er bemerkte, wie belebend sein Entschluß, die Reise nach Süden anzutreten, auf Antinous wirkte.

Der Günstling hatte in den letzten Wochen über nichts auch nur die geringste Freude gezeigt.

Die Huldigungen, mit denen ihn die vornehmen Alexandrinerinnen nicht weniger aufdringlich als die römischen Frauen bestürmten, ekelten ihn an.

Bei den Gastmählern zeigte er sich als ein schweigender Tischgenosse, dessen Nachbarschaft niemand erfreute.

Selbst die glänzendsten und aufregendsten Schauspiele im Zirkus und die schönsten Wettfahrten und Rennen im Hippodrom hatten es kaum mehr vermocht, seine Augen auf sich zu ziehen.

Früher war er gern und aufmerksam den Stücken Menanders und seiner Nachahmer, Alexis, Apollodor und Posidippus gefolgt, jetzt hatte er, wenn er sie aufführen sah, in die Luft gestarrt und an Selene gedacht.

Die Aussicht, dahin zu gelangen, wo sie sich befand, regte ihn kräftig an und belebte ihm den erlöschenden Lebensmut. Er hoffte wieder, und wer in der Zukunft Licht glänzen sieht, dem erscheint die Gegenwart nicht mehr finster.

Hadrian freute sich dieser Wandlung seines Lieblings und ließ die Vorbereitungen zum Aufbruch beschleunigen.

Dennoch vergingen Monate, bevor er die Reise antreten konnte.

Zunächst beschäftigte ihn die Sorge, das durch die Aufstände der Juden entvölkerte Libyen neu zu kolonisieren. Dann gab es Bestimmungen über neuaufzuführende Poststraßen zu treffen, die einen Teil des Reiches dem andern näher bringen sollten, und endlich mußte die förmliche Zustimmung des Senates für neue Bestimmungen in betreff der Erblichkeit des verliehenen Bürgerrechtes abgewartet werden.

Diese war freilich gewiß, aber der Kaiser veröffentlichte ohne sie kein Gesetz, und es lag ihm viel an einem schnellen Inkrafttreten seiner Verordnung.

Bei den Besuchen des Museums hatte sich der Herrscher nach der Lage seiner einzelnen Mitglieder erkundigt und arbeitete nun Verordnungen aus, die die Sorgen des Lebens von den fleißigen Forschern fernhalten sollten.

Auch dem Geschick der alternden Lehrer und Erzieher der Jugend hatte er seine Aufmerksamkeit zugewandt und suchte es zu verbessern.

Als Sabina ihm vorhielt, wie große Kosten diese neuen Maßregeln verursachen würden, erwiderte er:

»Wir lassen die Veteranen nicht darben, die dem Staat den Leib zur Verfügung stellen. Warum sollen diejenigen in Sorgen verkommen, die mit ihrem Geist für ihn eintreten? Was sollen wir höher stellen. Macht und Besitz oder geistiges Vermögen? Je schwerer es mir als Kaiser wird, diese Frage zu beantworten, desto bestimmter fühle ich mich verpflichtet, Beamte, Krieger und alternde Lehrer mit gleichem Maße zu messen.«

Auch die Alexandriner selbst hielten Hadrian durch mancherlei neue Ehrenbezeigungen auf. Sie erhoben ihn zum Gotte, weihten ihm einen Tempel und veranstalteten zu seiner Ehre immer neue Feste, gewiß um ihn für ihre Stadt zu gewinnen und ihrem Stolz und ihrer Freude über seinen langen Besuch Ausdruck zu geben; daneben aber auch, weil die vergnügungssüchtige Bürgerschaft diese Gelegenheit gern ergriff, um sich eine Güte zu tun und in lauter seltenen Genüssen zu schwelgen. So verschlang der kaiserliche Besuch viele Millionen, und Hadrian, der nichts unerforscht ließ und sich Auskunft über die von der Stadt verausgabten Summen zu verschaffen wußte, tadelte den Leichtsinn seiner verschwenderischen Wirte.

Voll Anerkennung schrieb er später an seinen Schwager Servianus über den Reichtum und die Betriebsamkeit der Alexandriner. Er rühmte ihnen nach, daß niemand unter ihnen müßig gehe. Von diesen werde Glas, von jenen Papier, von anderen Leinwand verfertigt, und jeder dieser rastlosen Menschen, sagte er, rühre bei einem Handwerk die Hände. Selbst Podagristen, Blinde und Chiragristen suchten und fänden hier Beschäftigung. Aber dennoch nennt er die Alexandriner eine widerhaarige, nichtswürdige Gesellschaft mit scharfen und bösen Zungen, die weder Verus noch Antinous geschont hätten. Den Juden, Christen und Serapisdienern sagt er in diesem Schreiben nach, an Stelle der olympischen Götter nur einen Gott zu verehren, und wenn er auch von den Christen behauptet, daß sie dem Serapis huldigten, so meint er damit, daß sie der Lehre von einem Fortleben der Seele nach dem Tode ergeben wären.

Viel zu schaffen machte Hadrian der Streit, in welchem Tempel man den neu aufgefundenen Apis unterbringen sollte. Von alters her wurde dieser heilige Stier im Ptahtempel von Memphis gepflegt; – doch die ehrwürdige Pyramidenstadt war von Alexandria weit überflügelt worden, und der Serapistempel hier überbot den im Gebiet des Sokari von Memphis zehnfach an Glanz und Größe.

Die alexandrinischen Ägypter, die das dem Serapeum benachbarte Viertel Rhakotis bewohnten, wünschten den in Stiergestalt auf Erden wandelnden Gott in ihrer Mitte zu haben; – die Memphiten aber ließen nicht von ihrem alten Recht, und es wurde dem Kaiser nicht leicht, den die Gemüter tief erregenden Streit zu einem befriedigenden Ausgang zu führen.

Memphis behielt seinen Apis, und das Serapeum von Alexandria wurde dafür mit Gnadengeschenken bedacht, die sonst nur den Tempeln in der Pyramidenstadt zugute gekommen waren.

Im Juni konnte der Kaiser endlich aufbrechen.

Er wünschte, die Provinz zu Fuß und zu Roß zu durchstreifen, und Sabina sollte ihm nach dem Eintritt der Überschwemmung zu Schiffe folgen.

Die Kaiserin wäre gern nach Rom oder Tibur zurückgekehrt; denn Verus hatte beim Eintritt der Sommerhitze Ägypten auf den bestimmten Befehl der Ärzte verlassen.

Er schied mit seiner Gattin als Sohn des Herrscherpaares – doch kein Wort Hadrians berechtigte ihn zu der sicheren Hoffnung, auch zu seinem Nachfolger in der Regierung ernannt zu werden.

Die unbändige Genußsucht des schönen Wüstlings war durch sein Leiden zwar schwer beeinträchtigt, doch keineswegs gebrochen worden, und auch in Rom fuhr er fort, alle Genüsse des Lebens auszukosten.

Hadrians Zaudern beunruhigte ihn häufig; denn die kaiserliche Sphinx hatte es nur zu oft verstanden, ihren Rätseln eine höchst unerwartete Lösung zu geben. Das trübe Ende, das ihm vorausgesagt worden war, verursachte ihm geringe Sorgen, ja, Ben Jochais Prophezeiung trieb ihn an, jede Stunde des Wohlseins auszugenießen, die das Geschick ihm noch gönnte.

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