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Der Kaiser

Georg Ebers: Der Kaiser - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDer Kaiser
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeFünfter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
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Sechsunddreißigstes Kapitel

Das Festmahl, das Verus zur Vorfeier seines Geburtstages gab, schien sich beim Beginn der dritten Nachtstunde noch lange nicht dem Ende zu nähern.

Außer den vornehmen und gelehrten Römern, die dem Kaiser nach Alexandria gefolgt waren, hatten sich die angesehensten und berühmtesten Alexandriner bei dem Prätor eingefunden.

Das glänzende Mahl war längst zu Ende; doch Mischkrug auf Mischkrug wurde noch immer gefüllt und geleert.

Verus selbst war von den Gästen einstimmig zum König und Leiter des Gelages ernannt worden. Reich bekränzt lag er in dem nach seiner eigenen Erfindung aus vier Polstern zusammengesetzten Lager auf Rosenblättern. Ein Vorhang von Flor schützte ihn gegen Mücken und Fliegen, und ein aus Lilienstengeln und Blüten leicht zusammengewobener Teppich bedeckte ihm die Füße und hauchte ihm und der schönen Sängerin, die neben ihm lag, süßen Duft entgegen.

Reizende, als Amoretten aufgeputzte Knaben waren der Winke des »falschen Eros« gewärtig.

Wie er so träg in den weichen Polstern ruhte!

Und doch waren seine Augen überall, hatte er es bei der Anordnung seines Festes wahrlich nicht an Nachdenken fehlen lassen, bot er bei seiner Leitung alle ihm innewohnende Umsicht auf.

Wie bei den Gastmählern, die Hadrian in Rom zu veranstalten pflegte, waren zuerst kurze Abschnitte aus neuen Abhandlungen und Dichtungen von ihren Verfassern vorgetragen worden, dann kam eine heitere Komödie zur Aufführung, dann hatte Glycera, die berühmteste Sängerin der Stadt, einen Dithyrambus mit glockenheller Stimme zur Harfe gesungen und der Virtuos Alexander ein Stück auf dem Trigonon vorgetragen. Endlich stürmte ein Chor von Tänzerinnen ins Zimmer und wiegte und schwang sich beim Klang des Tamburins und der Doppelflöten.

Jeder neuen Leistung folgte lauterer Beifall. Mit jedem neuen Mischkrug zog ein neuer Strom von Heiterkeit in die offene Decke, durch die der Duft der Blumen und der auf schönen Altären verbrannten Essenzen Ausweg fand.

Schon schwamm auf dem harten Estrich des Saales der den Göttern gespendete Wein in großen Lachen, Geschrei übertönte die Musik und den Gesang – das heitere Fest wurde zur Orgie.

Verus feuerte die Stillen und Müßigen zu willigerer Hingabe an das Vergnügen an und ermunterte die in übermütiger Ausgelassenheit Tobenden zu immer zügelloserem Treiben. Dabei tat er jedem Bescheid, der ihm zutrank, wußte er die Sängerin an seiner Seite heiter zu unterhalten, warf er in stille Gruppen ein zündendes Scherzwort und zeigte den Gelehrten, die in seiner Nähe auf Polstern ausgestreckt lagen, daß er, so viel es anging, an ihren Gesprächen Anteil nehme. Alexandria, die Vereinigungsstätte der Wissenschaften des Abend- und Morgenlandes, hatte andere Feste gesehen als dies rohe Gelage!

Ein gutes ernstes Gespräch würzte auch heute noch das gemeinsame Mahl der zum Museum gehörenden Kreise, doch die sinnlose Üppigkeit Roms hatte den Weg in die Häuser der Reichen gefunden, und selbst die edelsten Errungenschaften des menschlichen Geistes wurden unversehens in Genußmittel verwandelt. Man war Philosoph, um schlagfertig zu sein, um überall mitreden zu können, und beim Gastmahl wurde eine gut erzählte Anekdote höher willkommen geheißen als ein tiefer, zum Nachdenken anregender Gedanke, der seine Gegenreden erweckte.

Welch ein Lärm, welch ein Gekreisch durchtobte den Saal in der zweiten Stunde nach Mitternacht! Wie wurde die Lunge von übermächtigen Düften beklemmt, wie widrige Auftritte verletzten das Auge, wie schamlos wurde die Sitte mit Füßen getreten! Das giftige Wehen der entfesselten Lüste warf das schöne Maßhalten des griechischen Wesens über den Haufen, und aus dem Weindunst, der dies Chaos von rasenden Schlemmern umhüllte, stieg der bleiche Geist der Ernüchterung langsam auf und schielte nach Opfern für den kommenden Morgen.

Der Kreis von Polstern, auf denen Florus, Favorinus und ihre alexandrinischen Freunde ruhten, erschien wie eine Insel in dem brandenden Meere der Orgie. Auch hier war den Bechern wacker zugesprochen worden, und Florus redete schon mit lallender Zunge; aber das Gespräch hatte dennoch die Herrschaft behauptet.

Der Kaiser war vor zwei Tagen in das Museum gekommen und hatte dort mit den hervorragendsten Gelehrten vor dem versammelten Kreis ihrer Schüler wissenschaftliche Gespräche geführt.

Zuletzt hatte sich eine förmliche Disputation entsponnen.

Bewunderungswürdig war die schneidige dialektische Schärfe gewesen, mit der Hadrian es verstanden, in reinem attischem Griechisch die Gegner in die Enge zu treiben.

Mit dem Versprechen, sich den Opponenten nächstens wieder zu stellen, hatte der Herrscher die Anstalt wieder verlassen.

Die Philosophen Pankrates und Dionysius sowie der völlig nüchterne Apollonius berichteten über die einzelnen Wendungen dieses bemerkenswerten Kampfes des Geistes und rühmten das wunderbare Gedächtnis und die schlagfertige Zunge des Imperators.

»Und ihr habt ihn nicht einmal in einer seiner besten Stunden gesehen!« rief der gallische Sophist und Rhetor Favorinus. »Er erhielt ein Unglück verheißendes Orakel, und die Sterne scheinen den Spruch zu bestätigen. Das verdirbt ihm die Stimmung. Unter uns gesagt, kenne ich einige, die ihm in der Dialektik überlegen sind, aber in seinen heiteren Stunden ist er unwiderstehlich, ja, unwiderstehlich. Seit wir wieder versöhnt sind, ist er gegen mich wie ein Bruder. Ich verteidigte ihn gegen jedermann; denn ich sagte es ja, Hadrian ist mein Bruder.«

Der Gallier sah sich bei dieser Prahlerei mit glühenden Augen herausfordernd um. Er wurde bleich beim Trinken, empfindlich, ruhmredig und sehr gesprächig.

»Gewiß bist du im Recht,« entgegnete ihm Apollonius. »Aber es wollte uns scheinen, als würde er bitter im Streite. Seine Augen sind mehr düster als heiter.«

»Er ist mein Bruder,« wiederholte Favorinus, »und was seine Augen angeht, so habe ich sie, beim Herkules, wie helle Sonnen und lustig flackernde Sterne leuchten sehen! Und sein Mund! Ich kenne ihn! Er ist mein Bruder, und ich wette, daß, während er sich herabließ, mit euch – es ist zu komisch – mit euch zu disputieren, an jedem Winkel seines Mundes ein Satyr gelacht hat, so – seht nur her – so gelacht hat!«

»Ich bleibe dabei. – Er erschien uns mehr düster als heiter,« behauptete Apollonius verdrossen, und Pankrates fügte hinzu:

»Wenn er in der Tat zu scherzen versteht, so ließ er es uns wahrlich nicht merken.«

»Nichts für ungut,« lachte der Gallier, »ihr kennt ihn eben nicht, aber ich, ich bin sein Bruder und darf überall sein, wo er ist. Wartet nur, ich werde euch ein paar Geschichten von ihm erzählen. Wenn ich wollte, könnte ich euch sein Inneres beschreiben, als läg' es da auf der Fläche des Weines in meinem Becher. Einmal also besichtigte er in Rom die neu ausgeschmückten Bäder des Agrippa und sah im Apodyterium einen alten Mann, einen Veteranen, der irgendwo mit ihm gekämpft hatte. Mein Gedächtnis wird viel bewundert, das seine aber gibt ihm wenig nach. Natürlich erkennt Hadrian den Mann und tritt auf ihn zu. Scaurus hieß der Alte – ja, ja, Scaurus. Der bemerkte nun den Cäsar nicht gleich; denn die Narben brannten ihn nach dem Bade, und er scheuerte den Rücken an dem rauhen Stein eines Pfeilers. Da fragte Hadrian den Graukopf: »Warum kratzest du dich, Freund?« und Scaurus erwiderte, ohne sich umzusehen, und weil er die Stimme des Imperators nicht gleich erkannte, kurz angebunden: »Weil ich keinen Sklaven habe, um das zu besorgen.« Da hättet ihr den Kaiser lachen hören sollen! Freigebig, wie er zuweilen ist – ich sage zuweilen – schenkte er Scaurus gleich ein hübsches Sümmchen und zwei tüchtige Sklaven. Diese Geschichte verbreitete sich schnell, und als der Mann, von dem ihr glaubt, er könnte nicht scherzen, nach einiger Zeit wieder ins Bad kam, stellten sich ihm sofort zwei Soldaten in den Weg, schabten den Rücken an der Wand wie Scaurus und riefen ihm zu: »Großer Cäsar, wir haben keine Sklaven!« – »Kratzt euch einander!« gab er zur Antwort und ließ sie sich weiter schaben!«

»Vortrefflich!« lachte Dionysius.

»Nun aber noch eine wahre Geschichte,« fiel ihm der redselige Gallier ins Wort. »Einmal wurde Hadrian von einem Mann mit weißen Haaren angebettelt. Der Kerl war ein Lump, ein Parasit, der von einer Tafel zur andern herumzog und sich aus fremden Beuteln und Schüsseln mästete. Der Kaiser kennt seine Leute und wies ihn ab. Der Schmarotzer ließ sich nun, um nicht wiedererkannt zu werden, die ergrauten Locken dunkel färben und versuchte zum zweiten Male beim Kaiser sein Heil. Aber die Augen Hadrians sind gut. Er wies ihm die Tür und sagte dabei mit der ernstesten Miene: »Neulich schlug ich schon deinem Vater ab, ihm etwas zu geben.« Hundert ähnliche Scherze gehen in Rom von Mund zu Mund, und wenn ihr wollt, geb' ich euch gleich noch ein Dutzend zum besten.«

»Erzähle nur, heraus mit deinen Geschichten. So alte gute Bekannte sieht man gern wieder,« lallte Florus. »Wenn Favorinus schwatzt, können wir trinken.«

Der Gallier schaute verächtlich auf den Römer und entgegnete schnell:

»Für Trunkene sind meine Reden zu gut.«

Florus besann sich auf eine Antwort, bevor er sie aber gefunden, stürzte der Leibsklave des Prätors in den Festsaal und rief: »Es brennt auf der Lochias im Palaste des Kaisers.«

Verus stieß sogleich die Liliendecke mit dem Fuß auf den Boden, riß das ihn schützende Dach entzwei und rief dem atemlosen Diener zu:

»Den Wagen, sogleich den Wagen! Auf Wiedersehen an einem anderen Abend. Meinen Dank, Freunde, Dank für die Ehre, die ihr mir erwieset; ich muß auf die Lochias.«

Zugleich mit Verus, der, ohne sich mit dem Pallium zu bedecken, schnell aus der Halle verschwand und glühend, wie er war, in die kühle Nacht hinausstürzte, war der größte Teil der Gäste aufgesprungen, um ins Freie zu eilen, das Feuer zu sehen und Neues zu hören. Nur sehr wenige begaben sich auf die Brandstätte, um den löschenden Bürgern zu helfen.

Viele stark berauschte Zecher blieben auf den Lagern liegen.

Als Favorinus und die Alexandriner sich von den Polstern erhoben, rief Florus:

»Mich bringt kein Gott von hier fort, und wenn auch das ganze Haus herunterbrennt und Alexandria und Rom und meinetwegen sämtliche Nester und Länder auf Erden. Alles soll verbrennen! Größer und vollkommener als unter den Kaisern kann das römische Reich doch nicht werden! Es mag abbrennen wie ein Strohhaufen, mir kann es recht sein, ich bleibe hier liegen und trinke.«

Unentwirrbar erschien das Gewühl auf dem Schauplatze des unterbrochenen Festes, während Verus zu Sabina eilte, um sie von dem Geschehenen zu unterrichten.

Balbilla hatte das Feuer zuerst bemerkt, und zwar bei seiner Entstehung, als sie nach fleißiger Nachtarbeit vor dem Zubettgehen das Meer überschaute. Sie war sogleich ins Freie geeilt, hatte Feuer gerufen und suchte nun einen Kämmerer, um Sabina wecken zu lassen.

Die ganze Lochias strahlte in purpurner und goldner Glut. Sie bildete den Kern eines weit ausgebreiteten Lichtscheins von zarterem Rot, dessen Umfang und Helligkeit bald geringer und bald darauf wieder größer erschien.

Verus traf die Dichterin bei der aus dem Garten in die Gemächer der Kaiserin führenden Pforte. Diesmal bewillkommnete er sie nicht mit dem gewöhnlichen Gruße, sondern fragte nur schnell:

»Ist Sabina benachrichtigt?«

»Ich glaube noch nicht!«

»So laß sie wecken. Grüße sie von mir. Ich muß auf die Lochias.«

»Wir kommen dir nach.«

»Bleibt hier; ihr seid dort im Wege.«

»Ich nehme nur wenig Raum ein und komme. Welch ein herrliches Schauspiel!«

»Ewige Götter, da schlägt auch unter dem Palaste beim Hafen der Könige eine Flamme auf. Wo die Wagen nur bleiben!«

»Nimm mich mit!«

»Nein, du sollst die Kaiserin wecken.«

»Und Lucilla?«

»Ihr Frauen bleibt, wo ihr seid.«

»Ich für mein Teil gewiß nicht. Der Kaiser wird doch nicht in Gefahr sein?«

»Kaum! – Die alten Quadern können nicht brennen.«

»Sieh nur, wie köstlich! Der Himmel wird zu einem purpurnen Zelte. Ich bitte dich, Verus, erlaube mir, dich zu begleiten.«

»Nein, Schönste, da drüben sind Männer vonnöten!«

»Wie unfreundlich du bist!«

»Endlich! Da kommt der Wagen. Ihr Frauen bleibt hier. Hast du mich verstanden?«

»Ich lasse mir nichts befehlen und geh' auf die Lochias.«

»Um Antinous in den Flammen zu sehen? Solch ein Schauspiel gibt es nicht täglich,« rief Verus spöttisch, während er in den Wagen sprang und die Zügel selbst in die Hand nahm.

Unwillig stampfte Balbilla mit dem Fuße.

Sie ging in die Gemächer Sabinas und beschloß, nun die Brandstätte ganz gewiß aufzusuchen.

Die Kaiserin ließ sich vor niemand sehen, bevor sie völlig angekleidet war, auch nicht vor Balbilla. Eine Zofe teilte dieser mit, daß Sabina wohl aufstehen werde, ihrer Gesundheit aber nicht zumuten dürfe, sich in die Nacht hinauszuwagen.

Die Dichterin suchte nun Lucilla auf und bat sie, mit ihr auf die Lochias zu fahren. Diese zeigte sich sogleich bereit; als sie aber hörte, ihr Gatte hätte gewünscht, die Frauen möchten im Cäsareum bleiben, erklärte sie, ihm Gehorsam zu schulden, und suchte auch die Freundin zurückzuhalten. Aber der trotzige Lockenkopf war fest entschlossen, gerade weil Verus es ihr verboten und noch dazu mit höhnischen Worten verboten hatte, den eigenen Willen durchzusetzen.

Nach einem kurzen Wortwechsel mit der Freundin verließ sie Lucilla, suchte die Gesellschafterin auf, eröffnete ihr, was sie vorhatte, machte den Widerspruch Frau Claudias durch einen sehr entschiedenen Befehl zuschanden, gebot in eigener Person dem Hausverwalter, einen Wagen anspannen zu lassen, und gelangte anderthalb Stunden später als Verus zu dem gefährdeten Palast.

Eine unabsehbare, vielköpfige Volksmenge umlagerte die schmale Landseite der Lochias und den Hafen zu ihren Füßen, in dem einige Magazine und Schiffswerften in Flammen standen.

Zahllose Boote umschwärmten die Landzunge.

Mit großem Geschrei und dem Aufgebot von unzähligen Menschenkräften versuchte man die großen Schiffe, die an der Reede des königlichen Hafens vor Anker gegangen waren, flott zu machen und in Sicherheit zu bringen. Hell, und doch mit einem rötlicheren und unruhigeren Lichte als das des Tages, war alles weit und breit erleuchtet. Die Nordostbrise wehte in das Feuer, erschwerte die Arbeit der löschenden Männer und entlockte allem, was glühte, lodernde Flammen. Jeder brennende Speicher hatte sich in eine riesige Fackel verwandelt und erhellte weithin das Dunkel der Nacht. Rötlich angehaucht war der weiße Marmor des höchsten aller Leuchttürme auf der Insel Pharus; doch das weithin sichtbare Feuer auf seiner Spitze erschien bleich und glanzlos. Die dunklen Körper der großen Schiffe und die Scharen der Boote in weiterer Ferne waren mit feurigem Schimmer umzogen, und das ruhende Meer in der Nähe des Ufers diente dem Glanze, der die ganze Lochiasgegend umhüllte, zum Spiegel.

Balbilla wurde nicht müde, dies rege Wettspiel der glänzendsten Farben untereinander und des sattesten Lichtes mit dem tiefsten Schatten zu bewundern. Und sie hatte Zeit, das wundervolle Gemälde vor ihren Augen zu betrachten; denn ihr Wagen kam nur langsam vorwärts, und da, wo die Straße von dem königlichen Hafen zum Palaste hinaufführte, traten ihr Liktoren in den Weg und erklärten entschieden, ein weiteres Vordringen sei unmöglich.

Die vom Glanz des Feuers und von der sie umdrängenden Menge beunruhigten Rosse waren kaum mehr zu bändigen, stiegen und schlugen dann wieder an den Kasten des Wagens. Der Lenker erklärte, für nichts mehr einstehen zu können.

Das zum Retten herbeigeeilte Volk begann auf die müßigen Weiber zu schmähen, die lieber beim Webstuhl bleiben, als den Bürgern den Weg versperren sollten.

»Am Tage gibt es Zeit genug zum Spazierenfahren,« rief ein Bürger, und ein anderer: »Wenn der da oben ein Funke in die Locken fliegt, so kommt ein Waldbrand zum Ausbruch.«

Die Lage der Dichterin gestaltete sich von Minute zu Minute unerträglicher, und sie befahl dem Rosselenker nun selbst, umzukehren. Aber dies war in der von Menschen wimmelnden Straße schwerer getan als befohlen. Das eine Roß sprengte den Riemen, der das auf seinem Widerrist ruhende Joch mit der Deichsel verband, sprang zur Seite und bedrängte die Menge, die nun laut schrie und kreischte.

Balbilla wollte vom Wagen springen, aber Frau Claudia klammerte sich, außer sich vor Angst, fest an sie an und beschwor sie, sie nicht mitten im Verderben im Stich zu lassen.

Die verzogene Patriziertochter war nicht furchtsam, diesmal hätte sie doch viel darum gegeben, wenn sie Verus gehorcht hätte. Anfänglich dachte sie noch: »Ein hübsches Abenteuer; aber es wird doch erst recht schön sein, wenn es vorbei ist;« später aber verlor ihr Wagstück jede Spur eines Reizes, und Reue, es unternommen zu haben, stellte sich ein. Das Weinen war ihr schon weit näher als das Lachen, als hinter ihr eine tiefe Männerstimme mit befehlshaberischer Entschiedenheit rief:

»Platz da für die Pumpen! Was den Weg versperrt, werft auf die Seite!«

Diese schrecklichen Worte veranlaßten Frau Claudia, in die Knie zu sinken, doch dem gelähmten Mute Balbillas verliehen sie neue Flügel.

Sie hatte die Stimme des Baumeisters Pontius erkannt.

Jetzt hielt er hoch zu Roß hinter ihrem Wagen.

Er war also der Reiter gewesen, der vom Meer aus hinauf zu den höher gelegenen brennenden Speichern, hinunter an die See und dann bald hierhin, bald dorthin gesprengt war.

Voll wandte sie sich nach ihm um und rief ihn beim Namen.

Er erkannte sie, versuchte sein vorwärts strebendes Roß zum Stehen zu bringen, schüttelte lächelnd den Kopf, als wollte er sagen: »Sie ist ein Tollkopf, der tüchtige Schelte verdient; aber wer könnte ihr zürnen?« und befahl dann gerade, als sei sie ein Warenballen oder dergleichen und nicht die vornehme Erbin, den ihn begleitenden Sicherheitswächtern:

»Spannt die Rosse aus, wir können sie zum Wasserführen gebrauchen! – Helft den Frauen vom Wagen! – Nehmt sie in eure Mitte, Nonnus und Lucanus! – Stoßt jetzt das Fuhrwerk dort in die Büsche! – Platz da vorn! Platz für unsere Geräte!«

Jeder dieser Befehle wurde so schnell befolgt, als hätte ein Feldherr sie den wohlgeschulten Soldaten erteilt.

Nachdem die Pumpen sich in Bewegung gesetzt hatten, ritt Pontius dicht an Balbilla heran und sagte:

»Der Kaiser ist wohlbehalten. Was dich betrifft, so wünschest du den Gang des Feuers aus der Nähe zu sehen, und in der Tat, die Farben da drüben sind herrlich. Euch zum Cäsareum zurückzuführen, fehlt mir die Zeit. Folgt mir nun. Dort drüben in dem steinernen Haus des Hafenwächters seid ihr geborgen und könnt vom Dache aus die Lochias und die ganze Halbinsel überblicken. Du wirst eine seltene Augenweide haben, edle Balbilla; aber ich bitte dich, dabei nicht zu vergessen, wie vieler Tage redliche Arbeit, wie reiche Güter, wie viel mit saurem Fleiß erworbener Besitz in dieser Stunde verloren gehen. Was dich ergötzen soll, wird vielen bittere Tränen kosten; hoffen wir darum beide, daß dies herrliche Schauspiel jetzt den Glanzpunkt erreichte und bald beendigt sein wird.«

»Das hoff' ich und hoff' es von Herzen!« rief das Mädchen.

»Ich wußt' es! Sobald es sich tun läßt, seh' ich nach euch. Ihr, Nonnus und Lucanus, führt diese hohen Frauen bei dem Hafenwächter ein. Sagt ihm, sie wären die nächsten Freundinnen der Kaiserin. – Wo fahren die Pumpen nur hin? Auf Wiedersehen, Balbilla!« Mit diesem Gruße gab der Baumeister dem Pferde die Zügel frei und brach sich Bahn durch die Menge.

Eine Viertelstunde später stand das Mädchen auf dem Dach eines steinernen Häuschens. Frau Claudia war ganz erschöpft und keines Wortes mächtig in der dumpfen Stube des Hafenwächters auf einem roh gezimmerten Sessel von Holz sitzengeblieben.

Die junge Römerin schaute jetzt das Feuer mit anderen Augen an als vorhin. Pontius hatte sie gelehrt, gegen die Flammen Partei zu nehmen, die ihr noch vor kurzem, wenn sie recht hoch und kräftig zum Himmel aufgeloht waren, Freude bereitet hatten. Sie regten sich noch mächtig genug, als sie das Dach erstiegen hatte; bald aber schien es ihnen schwer und immer schwerer zu fallen, sich gegen den schwarzen Rauch, der aus den Brandstätten aufquoll, zu behaupten.

Balbilla hatte nach dem Baumeister ausgeschaut und ihn auch bald gefunden; denn der Mann zu Pferd überragte die Menge.

Bald hielt er bei diesem, bald bei jenem brennenden Speicher; einmal verlor sie ihn eine Weile ganz aus den Augen, denn er war auf der Lochias gewesen. Dann erschien er wieder, und überall, wo er eine Zeitlang blieb, legte sich die Wut des entfesselten Elements.

Ohne daß sie es wahrgenommen, hatte der Wind sich völlig gedreht. – Dann war die Luft still und wärmer geworden. Dieser Umstand kam den löschenden Bürgern zugute; Balbilla aber schrieb es allein der Umsicht ihres kräftigen Freundes zu, daß das Feuer an vielen Stellen abnahm und an anderen völlig erlosch.

Einmal sah sie, wie er ein Gebäude abreißen ließ, das einen brennenden Speicher von einigen verschont gebliebenen Vorratshäusern trennte, und sie durchschaute den Grund dieser Anordnung. Er schnitt den Flammen den Weg ab.

Ein anderes Mal sah sie ihn, wie er auf einem Hügel hielt. Dicht vor ihm stand ein Magazin, in dem Taue und Tonnen mit Harz und Teer aufbewahrt wurden, in hellen Flammen. Er kehrte ihr voll das Antlitz zu und deutete mit ruhigen Handbewegungen bald hierhin, bald dorthin.

Seine Gestalt und sein Pferd, das sich unruhig unter ihm hob, waren von glühend rotem Licht umgeben. Ein herrliches Bild. Sie zitterte für ihn, sie bewunderte diesen unerschrockenen, tatkräftigen, festen Mann, und als ein brennender Balken dicht vor ihm niederstürzte und er das scheue Roß, das sich mit ihm im Kreise zu drehen begann, endlich zwang, sich seiner Leitung wieder zu fügen, kam ihr der Vorwurf des Prätors in den Sinn, daß sie bei ihrem Vorhaben, auf die Lochias zu fahren, beharre, um sich an dem Anblick eines Antinous in den Flammen zu weiden.

Hier bewunderte sie ein würdigeres Schauspiel, und dennoch zeigte ihr die lebhafte Phantasie, die oft, und zuweilen auch gegen ihren Willen, gestaltenlosen Gedanken Formen gab, das Bild des schönen Jünglings von dem glühenden Scheine umflossen, der immer noch den Horizont bemalte.

Stunde auf Stunde verging, die Arbeiten der löschenden Tausende wurden von immer deutlicherem Erfolg gekrönt; ein Brand nach dem andern ward, wenn nicht völlig erstickt, so doch gedämpft, auf der Lochias stieg statt der Flammen nur noch schwärzlicher, mit Funken vermischter Rauch in die Höhe, und Pontius kam immer noch nicht, um nach ihr zu schauen.

Sie sah keine Sterne; denn der Himmel hatte sich mit Wolken bezogen; doch der Beginn des neuen Tages konnte nicht fern sein. Es fror sie, und das lange Ausbleiben des Freundes begann sie zu verdrießen.

Als es auch mit großen Tropfen zu regnen anfing, stieg sie die auf das Dach führende Leiter hinunter und setzte sich in dem Gemache des Hafenaufsehers an das Feuer, neben dem ihre Begleiterin entschlummert war.

Wohl eine halbe Stunde hatte sie träumend in die wärmende Glut geschaut, als sie Hufschlag vernahm und Pontius erschien. Sein Antlitz war geschwärzt, die tiefe Stimme heiser vom stundenlangen Befehlerteilen.

Balbilla vergaß, als sie ihn sah, den Verdruß, begrüßte ihn freundlich und erzählte ihm, daß sie jede seiner Bewegungen beobachtet habe; aber das lebhafte und schnell begeisterte Mädchen brachte jetzt nur mit Mühe einige Worte über die Lippen, die dem Beifall, den seine Handlungsweise so lebhaft in ihr erregt hatte, Ausdruck verliehen.

Sie hörte ihm an, daß sein Mund wie ausgedorrt war und seine Kehle nach einem Trunk lechzen mußte, und sie, die sich sonst jede einzelne Nadel, deren sie bedurfte, von Sklaven reichen ließ, und der das Schicksal niemand geschenkt hatte, gegen den sie sich gern dienstlich erwiesen hätte, schöpfte mit eigener Hand aus dem großen, in einer Ecke des Gemachs aufgestellten Tonkrug eine Schale voll Wasser und reichte sie ihm mit der Bitte, zu trinken.

Begierig schlürfte er das erfrischende Naß ein, und als das kleine Gefäß leer war, nahm Balbilla es ihm schweigend aus der Hand, füllte und reichte es ihm wieder.

Frau Claudia, die beim Eintritt des Baumeisters erwacht war, schaute dem unerhörten Tun der Pflegebefohlenen erstaunt und kopfschüttelnd zu. Als Pontius auch die dritte Schale, die Balbilla ihm reichte, geleert hatte, sagte er tief aufatmend:

»Das war ein Trunk! Zeitlebens hat mir keiner auch nur halb so gut gemundet.«

»Trübes Wasser aus einem schlechten irdenen Becher,« lachte das Mädchen.

»Und es schmeckte doch besser als Wein von Byblus aus einem goldenen Pokale.«

»Du verdientest auch redlich diese Erquickung, und der Durst würzt auch den bescheidensten Trank.«

»Du vergißt die Hand, die ihn reichte,« rief der Baumeister mit lebhafter Wärme.

Da errötete Balbilla und schaute verwirrt zu Boden, doch nur während eines Augenblicks. Dann erhob sie das Antlitz wieder und sagte so heiter und sorglos wie immer:

»Jetzt hat man dich also köstlich getränkt, und nun das geschehen ist, wirst du dich nach Hause begeben und den Essenkehrer wieder in den großen Baumeister verwandeln. Bevor dies vor sich geht, bitt' ich dich aber, uns zu erzählen, welcher Gott dich zur rechten Zeit von Pelusium hierherführte, wie das Feuer entstand, und wie es in dem Palast auf der Lochias aussieht.«

»Meine Zeit ist kurz,« entgegnete Pontius und berichtete dann schnell, daß er, nachdem er in Pelusium die Vorarbeiten beendet, mit der kaiserlichen Post nach Alexandria zurückgekehrt sei. Als er bei den Postställen aus dem Wagen gestiegen, habe er den Feuerschein über dem Meere bemerkt und gleich darauf durch einen Sklaven erfahren, daß es auf der Lochias brenne. An Pferden sei auf der Poststation Überfluß gewesen. Er hätte sich ein tüchtiges ausgewählt und wäre, bevor das Gedränge begonnen, in den Palast gelangt. Wie das Feuer ausgekommen sei, müsse bis jetzt dahingestellt bleiben.

»Der Kaiser,« sagte er, »beobachtete gerade den Himmel, als der Brand in einem Speicher neben der Warte ausbrach. Antinous bemerkte das Unheil zuerst, schrie »Feuer!« und warnte den Gebieter. Ich fand Hadrian in großer Erregung. Er trug mir auf, die Leitung der Rettungsarbeiten zu übernehmen. Auf der Lochias hat Verus mir beigestanden, und zwar mit solcher Verwegenheit und Tüchtigkeit, daß ich ihm manches abzubitten habe. Den Kaiser selbst hielt sein Liebling in dem Palaste zurück; denn der arme Bursch hat sich beide Hände verbrannt.«

»Ach,« rief Balbilla mit lebhaftem Bedauern, »wie ist das nur geschehen?«

»Als Hadrian und Antinous zum erstenmal von der Warte stiegen, hatten sie so viel Instrumente und Papiere, wie sie zu tragen vermochten, mit sich genommen. Unten bemerkte der Kaiser, daß Tafeln mit wichtigen Aufzeichnungen oben liegen geblieben wären, und sprach sein Bedauern darüber aus. Indessen hatte das Feuer bereits den leicht gebauten neuen Turm ergriffen, und es schien unmöglich, noch einmal in ihn einzudringen. Aber der bithynische Träumer kann auch aus dem Schlummer erwachen, und während der Kaiser den brennenden Flachsbüschen, die der Wind in den Hafen entführte, mit Besorgnis nachsah, stürzte sich der verwegene Gesell in das brennende Gebäude, warf die Tafeln von der Spitze der Warte herunter und eilte dann die Treppe hinab. Seine kühne Tat würde übrigens dem armen Schelm doch noch das Leben gekostet haben, wenn der Sklave Mastor, der inzwischen herbeigeeilt war, Antinous nicht von den Steinstufen des alten Bauwerks, auf dem der neue Turm steht, ins Freie getragen hätte. Er war an ihrem oberen Ende halb erstickt und ohnmächtig zusammengesunken.«

»Aber er lebt, der herrliche, den Göttern ähnliche Jüngling, und er ist außer Gefahr!« rief Balbilla im Tone großer Besorgnis.

»Er befindet sich wohl. Nur an den Händen trug er, wie gesagt, Brandwunden davon, und sein Haar ist etwas versengt; das wächst ja aber wieder.«

»Die weichen, anmutigen Locken!« rief Balbilla. »Laß uns nach Hause, Claudia. Der Gärtner soll uns einen prächtigen Rosenstrauß schneiden, und den schicken wir Antinous, um ihn zu erfreuen.«

»Blumen einem Manne, der nicht nach ihnen begehrt?« fragte Pontius ernst.

»Womit soll man sonst eure Tugend belohnen und eure Schönheit ehren?«

»Eine wackere Handlung lohnt unser eigenes Bewußtsein, eine schöne Tat der Lorbeer aus der Hand berufener Männer.«

»Und die Schönheit?«

»Die der Frauen trägt ihnen Bewunderung ein, vielleicht auch Liebe und Blumen, die der Männer darf die Augen erfreuen, doch die Aufgabe, sie zu ehren, fällt keinem sterblichen Weibe zu.«

»Und wem sonst, wenn du diese Frage gestattest?«

»Der Kunst, die sie verewigt.«

»Aber die Rosen werden dem leidenden Jüngling zum Trost und zur Freude gereichen.«

»So schicke sie dem Kranken, aber nicht dem schönen Knaben,« versetzte Pontius herb.

Balbilla schwieg und folgte mit der Gefährtin dem Baumeister in den Hafen. Dort verabschiedete er sich von ihnen und hob sie in einen Kahn, der sie durch eines der Brückentore des Heptastadiums in das Cäsareum zurückführte.

Auf der Fahrt dahin sagte die junge Römerin zu der älteren:

Pontius verdarb mir den Spaß mit den Rosen. Der Kranke bleibt doch immer der schöne Antinous, und wenn jemand glauben könnte . . . Ich tue, was mir gefällt, das Beste aber ist doch, wir lassen den Strauß gar nicht schneiden.«

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