Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Ebers >

Der Kaiser

Georg Ebers: Der Kaiser - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDer Kaiser
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeFünfter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20140408
senderwww.gaga.net
created20071117
projectid60fc0df8
Schließen

Navigation:

Fünfunddreißigstes Kapitel

Als Verus den Palast betrat, war der Kaiser vor wenigen Minuten aus der Stadt dorthin zurückgekehrt. Man führte den Prätor durch die Empfangssäle in die inneren Gemächer, und er brauchte hier nicht lange zu warten; denn Hadrian wünschte ihn sogleich zu sprechen.

Er fand den Herrscher in so übler Stimmung, daß er nicht daran denken konnte; ihn zu seinem Feste zu laden.

Unruhig ging der Kaiser in dem Arbeitszimmer auf und nieder, während Verus seine Fragen über die letzten Senatsverhandlungen in Rom beantwortete.

Manchmal unterbrach er die Wanderung und schaute in das Nebenzimmer.

Als der Prätor den Bericht eben beendet hatte, heulte Argus freudig auf, und gleich darauf trat Antinous in das Gemach.

Verus zog sich sogleich zu dem breiten Fenster zurück und gab sich das Ansehen, als schaue er in den Hafen.

»Wo warst du?« fragte der Kaiser den Günstling, ohne die Anwesenheit des Prätors zu beachten.

»Ein wenig in der Stadt,« lautete die Antwort des Bithyniers.

»Du weißt, daß ich dich, wenn ich heimkehre, ungern vermisse.«

»Ich dachte, du würdest länger ausbleiben.«

»Richte es später so ein, daß ich dich finde, wann und zu welcher Zeit ich dich auch suche. Nicht wahr, es ist dir nicht lieb, mich unzufrieden zu sehen?«

»Nein, Herr,« entgegnete der Jüngling, und dabei erhob er die Hände und schaute den Gebieter bittend an.

»So lassen wir das. Aber nun zu etwas anderem. Wie kommt dies Fläschchen zu dem Kunsthändler Hiram?« Der Kaiser nahm bei dieser Frage das kleine Gefäß aus dem Stoffe der Vasa murrhina, das der Jüngling Arsinoe geschenkt und diese an die Phönizier verkauft hatte, von seinem Arbeitstische und hielt es dem Lieblinge vor die Augen.

Antinous erbleichte und stammelte in großer Verlegenheit: »Es ist unbegreiflich; ich weiß mich nicht zu erinnern . . .«

»So werde ich deinem Gedächtnisse nachhelfen,« sagte der Kaiser mit Entschiedenheit. »Der Phönizier scheint mir ein redlicherer Mann zu sein als der Schurke Gabinius. In seiner Sammlung, von der ich herkomme, fand ich dies Kleinod, das mir Plotina, hörst du, Knabe? – das mir die Gemahlin Trajans, Plotina, die unvergeßliche Freundin meines Herzens, vor Jahren schenkte. Es gehörte zu meinen teuersten Gütern, und es war mir doch nicht zu kostbar, um es dir an deinem letzten Geburtstage zu schenken.«

»O Herr, lieber Herr!« rief Antinous leise und erhob zum andernmal bittend Augen und Hände.

»Nun frage ich dich,« fuhr Hadrian ernst und ohne sich von dem flehenden Blicke des Lieblings erweichen zu lassen, fort, »wie konnte dies Gefäß in den Besitz der einen Tochter des armseligen Palastverwalters Keraunus kommen, von der es Hiram erstanden zu haben behauptet?«

Antinous rang vergeblich nach Worten; Hadrian aber half ihm, indem er erregter als bisher fragte:

»Hat dir's die Dirne gestohlen? Heraus mit der Wahrheit!«

»Nein, nein,« gab der Bithynier schnell und entschieden zurück. »Gewiß nicht. – Ich kann mich erinnern . . . Ja – warte nur; – so ist es gekommen. Du weißt ja, ich hielt den guten Balsam darin, und als der Molosser Selene – Selene heißt die Tochter des Verwalters – von der Treppe heruntergestoßen hatte und sie verwundet am Boden lag, da holte ich das Fläschchen und gab ihr den Balsam.«

»Mit diesem Gefäße?« fragte der Kaiser und schaute Antinous finster an.

»Ja, Herr; ich hatte kein anderes.«

»Und sie behielt es, um es sogleich zu verkaufen?«

»Du weißt doch; ihr Vater . . .«

»Diebsgelichter,« knirschte Hadrian. »Weißt du, wohin die Dirne kam?«

»Ach, Herr!« rief Antinous zitternd vor Angst.

»Ich lasse sie von den Liktoren greifen,« versicherte der aufgebrachte Herrscher.

»Nein,« rief der Jüngling entschieden, »nein, das darfst du gewiß nicht.«

»Nicht? Es wird sich ja finden.«

»Nein, gewiß nicht; denn damit du es weißt, Selene, die Tochter des Keraunus, sie hat sich . . .«

»Nun?«

»Sie hat sich aus Verzweiflung ins Wasser gestürzt, ja, ins Wasser, bei Nacht, in das Meer.«

»Oh,« rief Hadrian milder, »das ändert freilich die Sache. Nach Schatten fahnden die Liktoren vergebens, und die Dirne hat die strengste aller Strafen erlitten. – Aber du? Was soll ich zu deinem Verhalten sagen? Du kanntest den Wert dieses Kleinods. Du wußtest, wie sehr ich es schätzte, und ließest es in solchen Händen?«

»Es enthielt ja doch die Arznei,« stammelte der Jüngling. »Wie konnt' ich auch denken . . .«

Der Kaiser unterbrach den Jüngling und sagte, indem er sich an die Stirn schlug:

»Ja, das Denken; wir wissen es leider schon längst, das Denken ist nicht deine Sache! Dies Gefäßchen hat mich vorhin eine hübsche Summe gekostet; aber weil es dir nun einmal gehörte, geb' ich es dir wieder zurück; nur verlang' ich, daß du es künftig besser in acht nimmst. Ich frage nächstens danach! Um aller Götter willen, Knabe, wie siehst du aus! Bin ich denn so furchtbar, daß eine Frage aus meinem Munde genügt, um dir alles Blut aus den Wangen zu treiben? Wahrhaftig, käme das Ding nicht von Plotina, ich hätte es dem Phönizier gelassen und kein so großes Wesen daraus gemacht.«

Antinous eilte auf den Kaiser zu, um ihm die Hände zu küssen; er aber drückte ihm mit väterlicher Freundlichkeit die Lippen auf die Stirn und sagte: »Narr! Wenn du willst, daß ich mit dir zufrieden sein soll, so sei wieder wie du warst, bevor wir nach Alexandria kamen. Überlaß es den anderen, mir Verdruß zu bereiten; dich haben die Götter geschaffen, mich zu erfreuen.«

Während der letzten Worte Hadrians war ein Kämmerer in das Zimmer getreten, um dem Gebieter mitzuteilen, daß die Abgeordneten der ägyptischen Priesterschaft kämen, um ihm zu huldigen.

Der Kaiser ließ sich sogleich mit dem Purpur bekleiden und begab sich in die Musenhalle, um dort, von seinem Hofstaat umgeben, die Propheten und heiligen Väter aus den verschiedenen Tempeln des Niltals zu empfangen, sich von ihnen als Sohn des Sonnengottes huldigen zu lassen und sie sowie die von ihnen gehütete Religion seiner Gnade zu versichern. Ihrer Bitte, die Tempel der Himmlischen, denen sie dienten, durch seinen Besuch zu weihen und zu beglücken, schenkte er Gewährung, die Frage, an welchem Orte der jüngst gefundene Apis gepflegt werden sollte, ließ er einstweilen unentschieden.

Mehrere Stunden nahm dieser Empfang in Anspruch.

Verus entzog sich dieser Verpflichtung, ihm mit dem Präfekten Titianus und den anderen Würdenträgern beizuwohnen, und blieb stumm und regungslos am Fenster stehen.

Erst nachdem Hadrian sich aus dem Gemache entfernt hatte, regte er sich wieder.

Er befand sich jetzt ganz allein; denn Antinous war in das Nebengemach getreten.

Das Zurückbleiben des Prätors war dem Jüngling nicht entgangen, doch suchte er ihm auszuweichen; denn das Wesen des übermütigen Spötters stieß ihn zurück.

Zu alledem hatte die Angst, die er ausgestanden, sowie das Bewußtsein, sich einer Lüge schuldig gemacht und den gütigen Herrn frech hintergangen zu haben, seine bis jetzt von keiner unlautern Handlung befleckte Seele erschüttert und aus dem Gleichgewicht gerissen.

Er wollte allein sein.

Es hätte ihm jetzt sehr wehe getan, gleichgültige Dinge reden oder eine freundliche Miene heucheln zu müssen. In seinem Zimmerchen neben dem Gemache des Kaisers saß er an einem Tisch und verbarg das tränenfeuchte Antlitz in die Hände.

Verus folgte ihm nicht sogleich; denn er durchschaute, was in ihm vorging, und wußte, daß er ihm hier nicht entrinnen könne.

Einige Minuten blieb alles still in dem großem Gemache und in dem kleinen Zimmer. Dann hörte der Prätor, wie die nach dem Gange hinführende Tür schnell geöffnet wurde, und gleich darauf vernahm er den Ruf des Bithyniers:

»Endlich, Mastor! Hast du Selene gesehen?«

Mit zwei langen, leisen Schritten näherte sich Verus sogleich der in den Nebenraum führenden Pforte und lauschte auf die Antwort des Sklaven, von der auch ein weniger scharfes Ohr als das des Prätors keine Silbe verloren hätte.

»Wie sollt' ich sie gesehen haben?« fragte der Jazygier unwillig. »Sie ist ja immer noch leidend und liegt im Bette. Deinen Strauß gab ich dem verwachsenen Mädchen, das sie pflegt. Aber ich tue es nicht wieder, gewiß nicht, und wenn du mir auch noch schöner schmeichelst als gestern, und mir alle Schätze des Kaisers versprichst. Was willst du auch mit dem elenden, blassen, unschuldigen Dinge? Ich bin nur ein armer Sklave; – aber das kann ich dir sagen . . .«

Hier brach die Rede Mastors plötzlich ab, und Verus vermutete richtig, daß Antinous sich seiner Anwesenheit im Zimmer des Kaisers erinnerte und dem Jazygier zu schweigen geboten habe.

Doch der Lauscher wußte genug.

Der Günstling hatte den kaiserlichen Gebieter belogen, und der Selbstmord der Verwalterstochter war eine Erdichtung.

Wer hätte dem stillen Träumer solche Geistesgegenwart und eine so listige Erfindungsgabe zugetraut?

Das schöne Antlitz des Prätors glänzte während dieser Erwägungen vor Vergnügen; denn nun hielt er den Bithynier in der Hand. Er wußte auch schon, in welcher Weise er sein Anliegen vorzubringen habe.

Antinous selbst hatte ihm den rechten Weg gezeigt, als er mit einer Zärtlichkeit, deren Wärme nicht erheuchelt sein konnte, auf den Kaiser zugeeilt war, um ihm die Hand zu küssen.

Der Günstling liebte seinen Herrn, und an diese Liebe konnte Verus die Aufforderung knüpfen, ohne sich selbst bloßzustellen und im Fall eines Verrats des Kaisers strafende Hand fürchten zu müssen.

Mit fester Hand klopfte der Prätor an die Tür des Nebengemachs und trat dann sicher und selbstbewußt dem Bithynier entgegen, erklärte ihm, daß er mit ihm eine wichtige Angelegenheit zu besprechen habe, bat ihn, mit ihm in das Arbeitszimmer des Kaisers zu kommen, und sagte, sobald er sich mit ihm allein befand:

»Ich zähle dich leider nicht zu meinen besonderen Freunden, aber wir teilen doch eine große Empfindung: wir lieben beide den Kaiser.«

»Ich liebe ihn sicher,« entgegnete der Günstling.

»Nun wohl, so muß es dir wie mir am Herzen liegen, ihn vor schwereren Sorgen zu bewahren und zu verhindern, daß schreckliche Befürchtungen den Flügelschlag seines großen und freien Geistes lähmen.«

»Ganz gewiß.«

»Ich wußte, daß ich in dir einen Bundesgenossen fände. – Sieh diese Rolle. Sie enthält Berechnungen und Aufzeichnungen des größten Astrologen unserer Zeit, und aus ihnen geht hervor, daß in der kommenden Nacht, und zwar vom Ende der zweiten bis zum Anfange der vierten Morgenstunde die Sterne unserem Gebieter das furchtbarste Unheil verkünden werden. Hast du mich verstanden?

»Leider ja.«

»Später verschwinden die unseligen Zeichen. Wenn es nun gelingt, Hadrian nur während der dritten Stunde nach Mitternacht von der Beobachtung des Firmaments abzuhalten, so bewahrt man ihn vor marternder, das Leben verderbender Besorgnis. Wer weiß, ob die Sterne nicht lügen? Reden sie aber die Wahrheit, so wird das Unglück, wenn es tatsächlich eintritt, immer noch viel zu früh erscheinen. Stimmst du mir bei?«

»Dein Vorschlag klingt wohl verständig . . . Indessen . . . meine ich . . .«

»Er ist verständig und weise,« unterbrach der Prätor fest und entschieden den Jüngling. »An dir wird es nun sein, Hadrian zu verhindern, vom Abschluß der zweiten bis zum Anfang der vierten Stunde nach Mitternacht dem Laufe der Sterne zu folgen.«

»An mir?« rief Antinous erschreckt.

»An dir; denn du bist der Einzige, der es vermag.«

»Ich?« fragte der Bithynier in großer Unruhe. »Ich sollte den Kaiser bei seinen Beobachtungen stören?«

»Es ist deine Pflicht!«

»Aber er läßt sich nicht in seinen Arbeiten unterbrechen, und wollt' ich's versuchen, wiese er mir ganz gewiß übel die Wege. Nein, nein, was du verlangst, ist unmöglich.«

»Es ist nicht nur möglich, sondern notwendig.«

»Das ist es doch wohl nicht,« entgegnete Antinous und faßte mit der Hand an der Stirn. »Höre nur! Hadrian weiß schon seit mehreren Tagen, daß ihn ein schweres Unglück bedroht. Ich hörte es aus seinem eigenen Munde. Wenn du ihn kennst, mußt du auch wissen, daß er nach den Sternen ausschaut, nicht nur um sich an künftigem Glück zu erfreuen, sondern auch, um sich gegen das Unheil zu rüsten, das ihn selbst oder das Reich bedroht. Was einen Schwächern töten würde, dient seinem Geiste zur Waffe. Er kann alles ertragen, und ihn zu täuschen wäre ein Unrecht.«

»Ihm Herz und Sinn verdüstern zu lassen, ein größeres,« versetzte Verus entschieden. »Denke auf Mittel, ihn eine Stunde lang von seinen Beobachtungen zu entfernen.«

»Ich mag nicht, und wollt' ich es tun, würde es doch zu nichts führen. Glaubst du denn, daß er mir folgt, wenn ich ihn rufe?«

»Du kennst ihn. Ersinne etwas, was ihn sicher veranlaßt, von der Warte niederzusteigen.«

»Ich kann nichts erdenken oder erfinden.«

»Nichts?« fragte Verus und trat dem Bithynier näher. »Du hast vorhin das Gegenteil schlagend bewiesen.«

Antinous erblaßte; der Prätor aber fuhr fort:

»Als es galt, die schöne Selene vor den Liktoren zu retten, da ward sie von deiner Erfindungsgabe schnell genug in die See geschleudert.«

»Sie stürzte sich auch in das Meer, so wahr mir die Götter . . .«

»Halt, halt,« unterbrach ihn der Prätor, »nur keinen Meineid! Selene lebt, du sendest ihr Sträuße, und wenn es mir gefallen sollte, Hadrian in das Haus der Witwe des Pudens zu führen . . .«

»Oh – oh –« rief Antinous klagend und erfaßte die Hand des Römers. »Du wirst, du kannst, o Verus – das wirst du nicht tun.«

»Narr,« lachte der andere und schlug den geängstigten Jüngling leise auf die Schulter. »Was sollt' es mir frommen, dich zu verderben? Mir liegt nur das eine im Sinn, den Kaiser vor Kummer und Sorgen zu schützen. Beschäftige ihn während der ganzen dritten Stunde nach Mitternacht, und du darfst auf meine Freundschaft zählen; wenn du mir aber deinen Beistand aus Furcht oder üblem Willen verweigerst, so verdienst du nicht die Gunst deines Gebieters, und dann zwingst du mich freilich . . .«

»Nicht weiter, nicht weiter,« unterbrach Antinous in großer Angst den Bedränger.

»So gelobst du mir also, meinen Wunsch zu erfüllen?«

»Ja, beim Herkules, ja! – Was du verlangst, soll geschehen. Aber, ewige Götter, wie fang' ich es an, daß der Kaiser . . .«

»Das zu finden, junger Freund, überlaß ich dir und deiner Klugheit mit vollem Vertrauen.«

»Ich bin nicht klug, ich kann nichts ersinnen,« stöhnte der Jüngling.

»Was dir aus Furcht vor deinem Gebieter glückte, das wird dir aus Liebe zu ihm noch besser gelingen,« versetzte der Prätor. »Deine Aufgabe ist leicht; solltest du aber dennoch nicht mit ihr zustande kommen, so werde ich es für meine Pflicht halten, Hadrian zu zeigen, wie gut Antinous für sich selbst und wie schlecht er für das Glück seines Herrn zu sorgen versteht. Auf morgen, schöner Freund! Wenn du künftig Sträuße zu versenden hast, stehen dir meine Sklaven zu Dienste.«

Der Prätor verließ mit diesem Vorschlag das Zimmer; Antinous aber blieb wie gebrochen zurück und preßte die Stirn an die kalte Porphyrsäule am Fenster.

Was Verus von ihm verlangt hatte, schien ja nichts Böses – und doch konnte er es nicht billigen! Es war ein Verrat an dem edlen Herrn, den er wie einen Vater, wie einen weisen, gütigen Freund und Lehrer mit Inbrunst liebte und vor dem er sich fürchtete wie vor einem Gotte.

Verhängtes hinterlistig vor ihm zu verbergen, als sei er kein Mann, sondern ein schwächlicher Weichling, war widersinnig, war schmählich und mußte einen Fehler von unbestimmter Tragweite in die weitsehenden Vorausbestimmungen des Gebieters bringen.

Noch viele andere Gründe gegen das Verlangen des Prätors drängten sich ihm auf, und bei jedem, der ihm neu in den Sinn kam, verwünschte er seinen langsamen Geist, der ihn immer erst das Rechte sehen und finden ließ, wenn es zu spät war.

Sein erster Betrug zog jetzt schon den zweiten nach sich.

Er zürnte sich selbst. Mit der geballten Faust schlug er sich an die Stirn und schluchzte mehrmals schmerzlich auf, obgleich er nicht weinte.

Mitten durch seine Selbstanklagen klang auch mit Schmeicheltönen der Ruf: »Es handelt sich ja nur darum, den Herrn vor Kummer zu schützen, und was man von dir verlangt, ist nicht böse.« So oft er dieser Stimme sein inneres Ohr lieh, begann er nachzugrübeln, in welcher Weise es wohl möglich wäre, den Kaiser zur angegebenen Zeit von der Warte in den Palast zu locken. Aber er fand keinen ausführbaren Gedanken.

»Es geht nicht an, nein, es geht nicht,« murmelte er vor sich hin, und dann fragte er sich, ob es nicht seine Pflicht sei, dem Prätor zu trotzen und Hadrian offen zu gestehen, daß er ihn an diesem Morgen betrogen.

Wäre nur das Fläschchen nicht gewesen! Konnte er denn bekennen, gerade diese Gabe seines Herrn leichtsinnig verschenkt zu haben? Nein, das fiel ihm zu schwer, das konnte ihm die Liebe des Gebieters auf immer kosten. Und wenn er bei der halben Wahrheit beharrte und nur um einer Anklage des Prätors zuvorzukommen, eingestand, daß Selene noch lebe, dann verfielen die Töchter des armen Keraunus, dann verfiel auch Selene, die er mit einer Leidenschaft einer ersten, durch die großen Hindernisse, die sich ihr in den Weg stellten, erhöhten Herzensneigung liebte, der Verfolgung und Schande.

Seine Schuld einzugestehen, war ihm unmöglich, völlig unmöglich.

Je länger er sann und sich quälte, einen Ausgang zu finden, desto mehr verwirrten sich seine Gedanken, desto ohnmächtiger wurde seine Widerstandskraft.

Der Prätor hatte ihn mit Stricken und Banden umwunden, und jeder neue Versuch, sich ihnen zu entziehen, schnürte sie nur fester und unlöslicher um ihn zusammen.

Der arme Kopf begann ihn zu schmerzen. Und wie unendlich lange blieb der Kaiser aus! Er fürchtete sich vor seiner Wiederkehr, und doch sehnte er sie herbei.

Als Hadrian endlich erschien und Mastor winkte, ihn von dem Ornat zu befreien, drängte Antinous ihn zurück und verrichtete schweigend und voll Sorgfalt die Dienste des Sklaven.

Er fühlte sich unruhig und bekümmert, und doch zwang er sich während der Mahlzeit, bei der er Hadrian gegenüber sitzen mußte, heiter zu erscheinen.

Als der Kaiser kurz vor Mitternacht aufbrach, um die Sternwarte am Nordende des Palastes zu ersteigen und Antinous ihn bat, ihm die Instrumente tragen zu dürfen, strich Hadrian ihm über die Locken und sagte:

»Du bist doch mein lieber, treuer Gesell. Die Jugend hat das Recht, zuweilen irre zu gehen, wenn sie nur nicht völlig den Weg verliert, auf den sie gehört.«

Antinous wurde das Herz bei diesem Zugeständnis weich, und heimlich drückte er die Lippen auf eine Falte der Toga des ihm voranschreitenden Kaisers. Es schien, als wollte der treue Gesell den Frevel, den er noch gar nicht begangen hatte, im voraus gut machen.

Bis zum Ende der ersten Stunde nach Mitternacht leistete er, in seinen Mantel gehüllt, dem Gebieter schweigend bei der Arbeit Gesellschaft. Der frische Nordwind, der die Nacht durchwehte, tat seinem schmerzenden Kopfe wohl, und unablässig suchte er nach einem Vorwand, Hadrian von seiner Tätigkeit abzuziehen, aber vergebens.

Sein armes Gehirn war wie ein ausgetrockneter Brunnen. Eimer auf Eimer ließ er hinab, aber in keinem zeigte sich der Trank, dessen er bedurfte. Nichts, gar nichts wollte ihm einfallen, was ihn zum Ziele führen konnte.

Einmal faßte er sich ein Herz, trat dem Kaiser näher und sagte bittend:

»Geh heute zeitiger hinunter, Herr, du gönnst dir wahrlich zu wenig Erholung und wirst deiner Gesundheit schaden.«

Hadrian ließ ihn reden und erwiderte freundlich:

»Ich schlafe am Morgen; wenn du müde bist, geh nur zur Ruhe.«

Aber Antinous blieb und schaute wie sein Herr nach den Sternen. Er kannte wenige von den leuchtenden Wanderern bei Namen, einige aber waren ihm vertraut und lieb; besonders das Siebengestirn, das ihm sein Vater gezeigt hatte, und das ihn nun an die Heimat erinnerte. Wie war es dort so still und friedlich gewesen, und wie stürmisch klopfte jetzt das beunruhigte Herz!

»Geh schlafen, die zweite Stunde beginnt schon,« rief ihm der Kaiser zu.

»Schon?« fragte er – und als er bedachte, wie bald er bewirkt haben mußte, was Verus von ihm verlangt hatte, und dann wieder nach dem Himmel schaute, wollte es ihm scheinen, als hätten sich alle Sterne von der blauen Kuppel ihm zu Häupten gelöst und wimmelten zwischen dem Firmament und dem Meere in wirrem Hinundher bunt durcheinander.

Beunruhigt schloß er die Augen und wünschte dem Gebieter gute Nacht, zündete eine Fackel an und stieg bei ihrem im Winde flackernden Lichte von der Warte herunter.

Pontius hatte dies leichte Bauwerk für die nächtliche Tätigkeit des Kaisers errichtet. Es bestand aus Holz und Nilschlamm und erhob sich als hochragender Turm auf der festen Quadergrundlage einer alten Warte, die, zwischen den niedrigen Vorratspeichern des Palastes gelegen, eine freie Umschau nach allen Richtungen des Himmels gewährte.

Hadrian, der allein und ungestört das Firmament zu beobachten liebte, hatte auch, nachdem er sich den Alexandrinern zu erkennen gegeben, dies Gebäude der großen Sternwarte auf dem großen Serapeum vorgezogen, von der aus man einen noch weiteren Horizont überblickte.

Nachdem Antinous aus dem engeren, neuen in den weiteren, alten Turm hinabgestiegen war, setzte er sich auf eine der unteren Stufen der Treppe nieder, um sich zu sammeln und das laut klopfende Herz ruhig werden zu lassen.

Das unfruchtbare Grübeln begann von neuem.

Die Zeit verrann, zwischen der Gegenwart und der von ihm zu verrichtenden Tat lagen nur noch wenige Viertelstunden. Das sagte er sich, und sein träges Gehirn regte sich kräftiger und gab ihm den Gedanken ein, sich krank zu stellen und den Kaiser an sein Lager zu rufen. Aber Hadrian war ja ein Arzt und mußte erkennen, daß er gesund sei; ließ er sich aber dennoch täuschen, dann war er, war Antinous ein Betrüger.

Dieser Gedanke erfüllte ihn mit Abscheu vor sich selbst und mit Grauen vor der Zukunft, und dennoch war er der einzige, der Hoffnung auf Erfolg gewährte. Auch als er, von innerer Unruhe getrieben, aufsprang und zwischen den Speichern hin und her lief, konnte er keinen anderen Anschlag finden.

Wie schnell verrannen die Minuten!

Die dritte Stunde nach Mitternacht mußte ganz nahe sein, und es blieb ihm kaum noch Zeit, in den Palast zu eilen, sich auf das Lager zu werfen und Mastor zu rufen.

Verwirrt vor Erregung und taumelnd wie ein Berauschter, eilte er in den alten Turm zurück, an dessen Wand er die Fackel gelehnt hatte, und schaute zu den steinernen Stufen hinauf. Da flog ihm durch den Sinn, sie wiederum zu ersteigen und sich von ihnen herabzustürzen.

Was lag an ihm und seinem elenden Leben!

Sein Fall, sein Schrei rief den Kaiser von der Warte hernieder, und daß er seinen blutenden Liebling nicht unverbunden, nicht ungepflegt liegen lassen würde, das wußte er, darauf durfte er zählen. Trat dann Hadrian an sein Lager, so schenkte er seine Sorge vielleicht einem Sterbenden, aber doch keinem Betrüger.

Zum Äußersten entschlossen, zog er den Gürtel, der seinen Chiton über den Hüften umschloß, fester zusammen und trat noch einmal ins Freie, um zum Himmel empor nach der Stunde zu schauen. Da sah er die schmale Sichel des abnehmenden Mondes, desselben Mondes, der sich rund im Meere gespiegelt hatte, als er ins Wasser gestürzt war, um Selene zu retten. Mit greifbarer Deutlichkeit trat ihm das Bild der bleichen Jungfrau vor die Seele. Es war ihm, als hielte er sie wieder in den Armen, als sähe er sie vor sich auf dem Lager liegen, als dürfte er ihr zum andernmal die kühle Stirn mit den Lippen berühren. Dann schwand plötzlich das Gesicht, an seine Stelle aber trat brennende Sehnsucht nach ihr, und er sagte sich, daß er nicht sterben, nicht aus dem Leben scheiden könne, ohne sie noch einmal wiederzusehen.

Unschlüssig schaute er sich um.

Vor ihm lag der größte unter den der Warte benachbarten Speichern.

Mit der Fackel in der Hand ging er an seinem geöffneten Tor vorüber. In dem weiten Raume seines Innern lagen die Kisten und Kasten, das Werg, der Flachssamen, das Stroh und die Matten, die die Geräte und Kunstwerke umhüllt hatten, mit denen der Palast neu ausgestattet worden war. Das wußte er, und als er nun wieder nach den Sternen schaute und sah, daß die zweite Stunde nach Mitternacht sich dem äußersten Ende nahte, da blitzte ein furchtbarer Gedanke in ihm auf, und ohne zu überlegen, ohne nach den Folgen zu fragen, warf er die Fackel in das offene, bis an das Dach mit Brennstoff erfüllte Gebäude und beobachtete regungslos und mit gekreuzten Armen die sich rasch ausbreitende Flamme, den aufsteigenden Rauch, das Ringen und die stille, ungleichartige, wirbelnde Vermengung des schwarzen Qualms mit dem glühenden Lichte, den Sieg des Feuers und sein züngelndes Lodern durch jede Öffnung des Speichers.

Schon glimmte das mit Palmenstämmen und Schilf gedeckte Dach, als Antinous mit dem lauten Rufe »Feuer, Feuer! Es brennt!« in den nur wenige Schritte von den Speichern entfernten Turm und die Stufen hinaufstürzte, die zu der Warte des kaiserlichen Sternsehers führten.

 << Kapitel 36  Kapitel 38 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.