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Der Kaiser

Georg Ebers: Der Kaiser - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDer Kaiser
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeFünfter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
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Vierunddreißigstes Kapitel

An das Cäsareum, den Palast, den die Kaiserin Sabina bewohnte, schloß sich ein schöner Garten. Balbilla hielt sich gern in ihm auf, und weil die Sonne am Morgen des neunundzwanzigsten Dezembers besonders hell schien, der Himmel und sein unbegrenzter Spiegel, das Meer, in unbeschreiblich tiefem Blau leuchteten und der Duft eines blühenden Strauches wie eine Aufforderung, das Haus zu verlassen, ihr in das Fenster zog, hatte sie heute ihre an einer sonnigen Stelle gelegene und von einer Akazie leicht beschattete Bank aufgesucht.

Dieser Ruhesitz war von den am meisten betretenen Wege durch Buschwerk getrennt. Die Spaziergänger, die Balbilla nicht suchten, konnten sie hier nicht bemerken, sie aber vermochte durch eine Lücke des Laubwerks den ganzen mit kleinen Muscheln bestreuten Pfad zu überblicken.

Aber die junge Dichterin war heute nichts weniger als neugierig.

Statt in das von munteren Vögeln belebte Grün, in die reine Luft oder nach der See hinzuschauen, blickte sie in eine gelbe Papyrusrolle und prägte ihrem treuen Gedächtnis sehr trockene Dinge ein.

Sie hatte sich vorgenommen, ihr Wort zu lösen und in der äolischen Mundart der griechischen Sprache reden, schreiben, dichten zu lernen.

Den großen Grammatiker Apollonius, den seine Schüler »den Dunklen« nannten, hatte sie sich zum Lehrer erwählt. Das Werk, das sie ihrem Bestreben zugrunde legte, stammte aus der berühmten Bibliothek beim Serapistempel, die seit der Belagerung Julius Cäsars im Bruchium, bei der die große Bücherei des Museums abgebrannt war, diese an Vollständigkeit weit übertraf.

Wer Balbilla bei ihrer Tätigkeit beobachtete, konnte kaum glauben, daß sie lernte.

Keinerlei Anstrengung war in ihren Augen oder an ihrer Stirn zu bemerken, und dennoch las sie aufmerksam Zeile für Zeile, ohne sich ein einziges Wort zu schenken; aber sie tat das nicht wie jemand, der mit Schweiß auf der Stirn einen Berg ersteigt, sondern wie der Spaziergänger, der in der Hauptstraße einer großen Stadt sich über alles Neue und Seltsame freut, das ihm begegnet.

Sobald ihr eine Sprachform in ihrem Buche aufstieß, die ihr bis dahin unbekannt gewesen war, empfand sie solches Vergnügen, daß sie in die Hände schlug und leise auflachte.

Einem so fröhlichen Lernen wie dem ihren war ihr tiefsinniger Lehrer noch nie begegnet, und es verdroß ihn; denn ihm war die Wissenschaft Ernst, sie aber schien, wie mit allen Dingen, so auch mit ihr Spaß zu treiben, und entweihte sie darum in seinen Augen.

Nachdem sie eine Stunde lang auf der Bank gesessen und in ihrer Weise studiert hatte, rollte sie das Buch zusammen und stand auf, um sich ein wenig zu erholen.

Gewiß, von niemandem gesehen zu werden, reckte und streckte sie sich im Wohlgefühl der getanen Arbeit und schritt dann der Öffnung im Gebüsch zu, um nachzusehen, welcher gestiefelte Mann es sei, der da auf dem breiten Wege vor ihr auf und nieder schritt.

Es war der Prätor; und doch war er es nicht.

Dieser Verus wenigstens begegnete ihr heute zum ersten Male.

Wo war das Lächeln, das ihm sonst wie Diamantenfunkeln aus den lustigen Augen flackerte und seinen Mund übermütig umspielte, wo die faltenlose Heiterkeit seiner Stirn und die herausfordernd übermütige Haltung seiner schönen Gestalt?

Mit düster brennendem Blick, krauser Stirn und gesenktem Haupt schritt er langsam auf und nieder, und dennoch war es kein Kummer, der ihn bedrückte. Hätte er sonst wohl, gerade als er vor dem Mädchen vorbeiwandelte, mit den Fingern die Luft durchschnippen können, als sagte er sich eben: »Mag kommen, was kommen will! Ich lebe heute und lache der Zukunft ins Antlitz!«

Aber dies Aufflackern der alten, unbändigen Leichtfertigkeit hielt nicht viel länger an, als bis sich die beiden schnippenden Finger voneinander getrennt hatten.

Wie Verus abermals an Balbilla vorüberging, sah er womöglich noch düsterer aus als vorher.

Dem flatterhaften Gemahl ihrer Freundin Lucilla mußte etwas sehr Unangenehmes die gute Laune verderben.

Das tat der Dichterin leid; denn wenn sie auch täglich unter dem Übermut des Prätors zu leiden hatte, verzieh sie ihm doch immer wegen der liebenswürdigen Form, in die er jede Unart zu kleiden wußte.

Balbilla wollte Verus wieder fröhlich sehen und trat deshalb aus dem Verstecke hervor.

Sobald er sie erblickte, änderte sich der Ausdruck seiner Züge, und so munter wie immer rief er ihr zu:

»Willkommen, Schönste der Schönen!«

Sie gab sich das Ansehen, ihn nicht zu erkennen und sagte, während sie an ihm vorüberschritt und den Lockenkopf senkte, feierlich und mit tiefer Stimme:

»Ich grüße dich, Timon.«

»Timon?« fragte er und umfaßte ihre Hand.

»Ah, du bist es, Verus?« entgegnete sie wie überrascht. »Ich dachte, der Menschenfeind aus Athen hätte den finsteren Hades verlassen und ginge hier im Garten spazieren.«

»Du hast recht gesehen,« entgegnete der Prätor; »aber wenn Orpheus singt, so tanzen die Bäume, die Muse macht aus dem schweren, unbeweglichen Stein eine Bacchantin, und wenn Balbilla erscheint, so verwandelt sich Timon sofort in den glücklichen Verus.«

»Dies Wunder kann mich nicht überraschen,« lachte das Mädchen. »Aber darf man wissen, welcher finstere Geist die umgekehrte Wirkung so erfolgreich übte und aus dem glücklichen Gatten der schönen Lucilla einen Timon gemacht hat?«

»Ich werde mich hüten, dir den Unhold zu zeigen, sonst könnte leicht aus der heitern Muse Balbilla die finstere Hekate werden. Übrigens ist uns der tückische Dämon ganz nahe; denn er steckt in diesem Röllchen.«

»Ein Schreiben des Kaisers?«

»O nein, nur der Brief eines Juden!«

»Vermutlich der Vater einer schönen Tochter?«

»Falsch, so falsch wie möglich geraten!«

»Du spannst meine Neugier!«

»Die meinige ist schon durch diese Rolle befriedigt worden. Horaz ist weise, wenn er sagt, man dürfte sich um zukünftige Dinge nicht grämen.«

»Ein Orakel?«

»Wenigstens etwas dergleichen.«

»Und das verdirbt dir diesen köstlichen Morgen? Hast du mich jemals traurig gesehen? Und doch bedroht meine künftigen Tage ein Spruch – ein so gräßlicher Spruch.«

»Männergeschick ist etwas anderes als Frauenschicksal.«

»Willst du hören, was mir prophezeit ward?«

»Welche Frage!«

»So gib denn acht. Den Spruch, den du gleich hören sollst, habe ich mir von keiner Geringeren als von der delphischen Pythia geholt:

Was dir das Teuerste war und das Höchste, du wirst es verlieren,
Und von den olympischen Höh'n steigst du zum Staube herab.«

»Ist das alles?«

»Nein, es folgen noch zwei tröstliche Verse.«

»Sie lauten?«

»Aber der prüfende Blick entdeckt unter fliegendem Staube
Dauerndes Quadergebäu, Marmor und felsigen Grund.«

»Und du hast den Mut, dich über diesen Spruch zu beklagen?«

»Ist es etwa schön, im Staube zu waten? Man lernt diesen Unhold hier in Ägypten zur Genüge kennen! Und soll ich mich vielleicht auf die Aussicht freuen, mir an harten Steinen die Füße zu stoßen?«

»Was sagen die Deuter?«

»Lauter dummes Zeug.«

»Du hast eben noch nicht den rechten gefunden.«

»Aber ich, ich durchschaue den Sinn des Orakels.«

»Du?«

»Ja, ich! Die strenge Balbilla wird endlich von dem hohen Olymp der Sprödigkeit herabsteigen und den unerschütterlichen Grund der Anbetung ihres treuen Verus nicht länger verschmähen.«

»O dieser Grund, dieser felsige Grund!« lachte das Mädchen. »Weit geratener schien es mir, auf der Fläche des Meeres da drüben, als auf ihm spazieren zu gehen.«

»Versuche es nur!«

»Ist nicht nötig. Lucilla hat für mich die Probe gemacht. Deine Deutung ist schlecht. Die des Kaisers scheint mir weit besser.«

»Welche?«

»Ich würde das Dichten aufgeben und mich mit strengen wissenschaftlichen Studien befassen. Er riet mir zur Astronomie.«

»Die Sternenkunde,« sprach Verus dem Mädchen nach und wurde ernster. »Lebe wohl, Schönste, ich muß zum Kaiser.«

»Wir waren gestern bei ihm auf der Lochias. Wie hat sich alles da verändert! Das hübsche Torwächterhäuschen ist fort, von dem lustigen Treiben der Bauleute und Künstler ist nichts mehr zu sehen, aus den bunten Wertstätten sind langweilige, ganz gewöhnliche Hallen geworden. Die Schranken in der Musenhalle haben fallen müssen, meine begonnene Büste ist seit acht Tagen samt dem jungen Sausewind verschwunden, der gegen meine Locken so eifrig zu Felde zog, daß ich schon im Begriff stand, sie preiszugeben . . .«

»Ohne sie bist du nicht mehr Balbilla,« rief Verus eifrig. »Der Künstler verwirft, was nicht ewig schön ist, wir aber sehen auch das Zierliche gern, woran wir mit den anderen Kindern unserer Zeit Gefallen finden. Göttinnen mag der Bildhauer nach der Sitte ernsterer Tage und den Gesetzen seiner Kunst bekleiden, sterbliche Frauen folgen, wenn sie klug sind, den Vorschriften der Mode. Es tut mir übrigens herzlich leid um den geschickten, frischen Gesellen. Er hat den Kaiser beleidigt, ist aus dem Palast gejagt worden und nicht mehr aufzufinden.«

»Oh,« rief Balbilla voller Bedauern, »der arme, prächtige Mensch! Und meine Büste? Wir müssen ihn suchen. Sobald sich eine Gelegenheit bietet, bitt' ich den Kaiser . . .«

»Hadrian will nichts von ihm hören. Pollux hat ihn empfindlich verletzt.«

»Von wem weißt du das?«

»Von Antinous.«

»Den haben wir gestern auch gesehen,« rief Balbilla lebhaft. »Wenn je ein Mensch in Göttergestalt unter den Sterblichen wandeln durfte, ist er es.«

»Schwärmerin!«

»Ich kenne niemand, der ihn gleichgültig anschauen könnte. Ein holder Träumer ist er, und der Leidenszug, den wir gestern in seinem Antlitz bemerkten, ist doch wohl nichts als der stumme Schmerz alles Vollkommenen um die verlorene Lust des Aufwachsens und Ausreifens zur Verkörperung des Ideals seiner Gattung, das er schon in sich selbst darstellt.«

Entzückt, als stünde ihr die Gestalt eines Gottes vor Augen, schaute die Dichterin in die Höhe.

Verus hatte ihr lächelnd zugehört.

Jetzt unterbrach er sie, drohte ihr mit dem Finger und sagte:

»Dichterin, Philosophin, holdeste Jungfrau, hüte dich von deinem Olymp zu diesem Knaben herabzusteigen. Wenn Phantasie und Träumerei sich zusammenfinden, gibt das ein Paar, das in luftigen Wolken schwebt und den sicheren Boden, von dem dein Orakel redet, nicht einmal in nebelhafter Ferne zu ahnen bekommt.«

»Torheit!« rief Balbilla unwillig. »Soll man sich in eine Bildsäule verlieben, muß Prometheus sie erst mit Geist und Feuer beseelen.«

»Manchmal freilich,« entgegnete der Prätor, »vertritt Eros die Stelle des unglücklichen Freundes der Götter.«

»Der rechte Eros oder der falsche?« fragte Balbilla empfindlich.

»Der falsche gewiß nicht,« gab Verus zurück. »Der spielt diesmal nur die Rolle des freundlichen Warners und vertritt die Stelle des Baumeisters Pontius, vor dem deine würdige Schutzmatrone sich fürchtet. Ihr sollt beim lustigen Lärm des dionysischen Festes so ernste Gespräche geführt haben wie zwei graue Philosophen, die unter lauschenden Schülern in der Stoa wandeln.«

»Mit verständigen Männern spricht man verständig.«

»Und mit unverständigen munter. Wie freue ich mich, daß ich zu den Unverständigen gehöre! Auf Wiedersehen, schöne Balbilla.«

Der Prätor entfernte sich schnell.

Vor dem Cäsareum bestieg er den Wagen und fuhr auf die Lochias.

Sein Rosselenker führte für ihn die Zügel. Er selbst schaute nachdenklich auf die Rolle in seiner Hand. Sie enthielt das Resultat der Berechnungen des sternenkundigen Rabbi Simeon Ben Jochai, und dies war wohl geeignet, den frohen Mut auch des leichtsinnigsten Mannes zu trüben.

Wenn der Kaiser in dieser Nacht, die dem Wiegenfeste des Prätors voraufging, mit Rücksicht auf die bei seiner Geburt beobachtete Stellung der Sterne den Himmel beobachtete, sollte er finden, daß bis zum Ende der zweiten Stunde nach Mitternacht alle günstigen Planeten dem Verus ein schönes Los, Glück und Hoheit verhießen. Aber beim Eintritt der dritten Stunde, versicherte Ben Jochai, würde Unheil und Tod das Haus seines Glückes in Besitz nehmen. In der vierten Stunde würde sein Stern verschwinden, und was sich sonst noch in dieser Stunde am Himmel ereignete, hätte nichts mehr mit dem Prätor und seinem Schicksal zu tun. Des Kaisers Stern würde den seinen besiegen.

Aus der dem Schreiben des Juden beigefügten Tabelle konnte Verus nur wenig entnehmen, dies Wenige aber bestätigte das in der Schrift Gesagte.

Die Rosse des Prätors rannten eilig dahin, während er überlegte, was ihm unter diesen ungünstigen Umständen zu tun übrigbliebe, um das höchste Ziel seines Ehrgeizes nicht völlig aufgeben zu müssen.

Wenn die Beobachtungen des Rabbi zutrafen, und das bezweifelte Verus keinen Augenblick, war seine Hoffnung auf die Adoption trotz des Beistandes der Sabina für immer dahin.

Wie konnte Hadrian einen Mann zum Sohn und Nachfolger wählen, dem es beschieden war, vor ihm selbst zu sterben?

Wie durfte er, Verus, erwarten, daß der Kaiser seine glücklichen Sterne mit den Tod verheißenden eines anderen verbinden werde?

Diese Erwägungen führten ihn nicht weiter, und doch kam er nicht los von ihnen, bis der Rosselenker die Pferde plötzlich am äußersten Rande des Fahrdammes zum Stillstand zwang, um den Weg für die in Prozession einherziehenden Abgeordneten der ägyptischen Priesterschaft, die sich auf die Lochias begab, frei zu erhalten.

Der kräftige Handgriff, mit dem der Diener den feurigen Tieren den Willen brach, erregte seinen Beifall und rief in ihm den Gedanken wach, keck in die Speichen des Schicksals zu greifen.

Als die priesterlichen Abgeordneten ihn nicht länger aufhielten, befahl er dem Rosselenker, langsam zu fahren; denn er wünschte zum Nachdenken Zeit zu gewinnen.

Bis zur dritten Stunde nach Mitternacht, sagte er sich, geht alles aufs beste, nach der vierten ereignen sich nur noch Dinge am Himmel, die mich nichts angehen. Natürlich! Am den toten Löwen spielen die Schafe, und der Esel versetzt ihm sogar, so lang er noch krank ist, einen Tritt mit dem Hufe. In dem kurzen Raume zwischen der dritten und vierten Stunde drängen sich alle Unheilszeichen zusammen. Sie werden erscheinen; »aber« – und mit diesem »aber« kam es wie eine Erleuchtung über den Prätor –, aber braucht sie denn der Kaiser zu sehen?

Das Herz des beunruhigten Mannes begann schneller zu schlagen, sein Hirn kräftiger zu arbeiten, und befahl dem Rosselenker einen Umweg zu machen, weil er noch längere Zeit zu gewinnen suchte, um die Gedanken, die in ihm aufkeimten, wachsen und ausreifen zu lassen.

Verus war kein Ränkeschmied.

Leichten Schrittes und sorglos ging er durch die Haupttüren und verschmähte den Weg durch die Hinterpforten.

Nur für das größte Ziel seines Lebens war er bereit, seine Neigungen, sein Behagen, den Stolz aufzugeben und sich eines jeden Mittels rücksichtslos zu bedienen. Um seinetwillen hatte er schon manches getan, was ihn reute, und wer ein Schaf aus der Hürde stiehlt, dem folgen unversehens auch andere. Der ersten unwürdigen Handlung, die ein Mann begeht, drängt sich leicht eine zweite und dritte nach.

Was Verus nun ins Werk zu setzen beschloß, hielt er für eine einfache Handlung der Notwehr. Galt es doch nur, den Kaiser eine Stunde lang von einer müßigen Beschäftigung, von der Beobachtung der Sterne abzuziehen!

Es gab nur zwei Menschen, die ihm dabei behilflich sein konnten: Antinous und der Sklave Mastor.

An diesen dachte er zuerst; aber der Jazygier war seinem Gebieter treu ergeben und ließ sich gewiß nicht bestechen. Und dann! Pfui! Es stand ihm doch gar zu übel an, mit einem Sklaven gemeinsame Sache zu machen!

Auf den Beistand des Antinous durfte er indes noch weniger hoffen.

Sabina haßte den Liebling des Gemahls, und um ihretwillen war Verus dem Bithynier niemals mit besonderer Freundlichkeit begegnet. – Er glaubte auch bemerkt zu haben, daß der stille, träumerische Geselle ihm aus dem Wege ging. Nur durch Einschüchterung war der Günstling vielleicht zu bestimmen, ihm einen Dienst zu erweisen. Jedenfalls galt es zunächst, die Lochias zu besuchen und dort mit offenen Augen Ausschau zu halten.

War der Kaiser in günstiger Stimmung, so ließ er sich vielleicht bewegen, in der zweiten Hälfte der Nacht bei dem Gastmahl zu erscheinen, das Verus zur Vorfeier seines Geburtstages veranstaltet hatte, und bei dem es mancherlei Schönes zu sehen und zu hören geben sollte.

Es konnten auch Tausende günstige und hilfreiche Zufälle eintreten. Die Berechnungen des Rabbi sagten ihm ohnehin Glück für die nächsten Jahre voraus.

Heiter und sorglos, wie wenn die Zukunft sonnig und wolkenlos vor ihm läge, schaute er drein, als er in dem neugepflasterten Hofe vom Wagen stieg und sich in das Vorzimmer des Kaisers führen ließ.

Hadrian wohnte nicht mehr als Baumeister aus Rom, sondern residierte jetzt als Beherrscher der Welt in dem erneuerten Schlosse.

Er hatte sich den Alexandrinern gezeigt und war mit Jubel und unerhörten Ehrenbezeigungen empfangen worden.

Die Freude über den kaiserlichen Besuch war überall wahrnehmbar und kam manchmal in höchst überschwenglichen Formen zum Ausdruck. Ja, der Rat hatte den Beschluß gefaßt, den Monat Dezember, in dem der Stadt die Ehre zuteil geworden war, den Imperator zu begrüßen, von nun an »Hadrianus« zu nennen.

Der Kaiser mußte Deputation auf Deputation empfangen, und Audienz auf Audienz erteilen, und am morgenden Tage sollten die Schaustellungen, Aufzüge und Spiele beginnen, die viele Tage auszufüllen verhießen, oder, wie Hadrian sich ausdrückte, ihm hundert gute Stunden zu stehlen drohten.

Dabei fand der Herrscher dennoch Zeit, alle Angelegenheiten des Staats zu erledigen und in der Nacht die Sterne zu befragen, welche Geschicke ihm und dem Reiche in allen Teilen des nahenden neuen Jahres bevorstünden.

Der Palast auf der Lochias hatte die Gestalt völlig geändert.

An Stelle des heiteren Torwächterhäuschens stand jetzt ein großes Zelt von prächtigem Purpurstoff, in dem die kaiserliche Leibwache sich aufhielt.

Ihm gegenüber war ein anderes aufgeschlagen worden, das Liktoren und Boten beherbergte.

Die Stallungen waren voller Pferde. Das Leibroß Hadrians, der edle Hengst Borysthenes, der schon zu lange geruht hatte, stampfte ungeduldig den Boden eines besonderen Raumes, neben dem in schnell errichteten Gehegen und Hütten die Spürhunde, Saupacker und Hasenfänger des Kaisers untergebracht waren. In dem weiten Raum des ersten Hofes lagerten Soldaten. An den Wänden kauerten ägyptische, griechische und jüdische Männer und Frauen, die dem Herrscher Bittschriften zu überreichen wünschten. Wagen fuhren aus und ein, Sänften kamen und gingen, Kämmerer und andere Hofbeamte eilten hierhin und dorthin. Die Vorzimmer waren voll von Männern aus den angesehenen Kreisen der Bürgerschaft, die in der Audienzzeit vom Kaiser empfangen zu werden hofften. Sklaven, die den Wartenden Erfrischungen boten oder müßig umherstanden, fehlten in keinem Raume, und Beamte mit Schriftrollen unter dem Arm traten aus den äußeren in die inneren Gemächer, oder verließen den Palast, um die Anordnungen der Vorgesetzten zur Ausführung zu bringen.

Die Musenhalle war ein glänzender Festsaal geworden.

Papias, der sich jetzt im Auftrage des Kaisers auf dem Wege nach Italien befand, hatte die zerschlagene Schulter der Urania wieder hergestellt. Zwischen den Bildsäulen standen Polster und Sessel, und unter einem Baldachin im Hintergrund des weiten Raumes erhob sich der Thron, auf dem Hadrian zu sitzen pflegte, wenn er Audienzen erteilte. Bei dieser Gelegenheit trug er stets den Purpur; in seinem Arbeitszimmer, das er nicht gewechselt hatte, legte er den Mantel ab und war ebensowenig prunkend gekleidet wie als Baumeister Claudius Venator.

In der Wohnung des verstorbenen Keraunus hauste jetzt ein kinderloser und unbeweibter Ägypter, ein strenger, umsichtiger Mann, der dem Präfekten Titianus als Hausverwalter tüchtige Dienste geleistet hatte.

In dem Wohnzimmer der vertriebenen Familie sah es jetzt öde und unwohnlich aus.

Das Mosaikgemälde, das den Tod des Keraunus veranlaßt hatte, befand sich schon auf dem Wege nach Rom, und der neue Verwalter hatte es nicht der Mühe wert erachtet, die leere, bröckelige, staubige Stelle, die durch die Entfernung des Kunstwerks im Estrich seines Wohnzimmers entstanden war, auszufüllen oder mit Matten zu bedecken.

Kein heiterer Ton ließ sich in der verlassenen Wohnung vernehmen außer dem Gezwitscher der Vögel, die sich noch an jedem Morgen und Abend auf dem Altane einstellten; denn Arsinoe und ihre kleinen Geschwister hatten es niemals versäumt, sein Geländer nach jeder Mahlzeit mit Brotkrumen für sie zu bestreuen.

Was heiter, was ansprechend in dem alten Palaste gewesen, war seit dem Besuch Sabinas aus ihm verschwunden, und auch Hadrian zeigte sich jetzt ganz anders als vor wenigen Tagen.

Echt kaiserlich und unnahbar erschien die Würde, mit der er sich in der Öffentlichkeit zeigte.

Wenn er in seinem Privatzimmer mit den Vertrauten verkehrte, war er ernst, düster und gewöhnlich auch ungesprächig.

Das Orakel, die Sterne und andere Vorzeichen verkündeten ihm mit unabweisbarer Sicherheit ein schweres Unheil für das kommende Jahr.

Auch die wenigen sorglosen Tage, die es ihm auf der Lochias zu verleben vergönnt gewesen war, hatten mit unerfreulichen Auftritten geendet.

Seine Gemahlin, deren herbes Wesen ihm in Alexandria, wo alles beweglichere und ansprechendere Formen trug als in Rom, in seiner ganzen abstoßenden Schroffheit entgegentrat, hatte kühn von ihm verlangt, die Adoption des Prätors nicht länger hinauszuschieben.

Er war besorgt und unbefriedigt.

Eine Herzensöde ohne Grenzen gähnte ihn an, sobald er in sein Inneres schaute, und bei jedem Blick in die kommenden Tage seines äußeren Lebens trat ihm eine lange Reihe von Nichtigkeiten entgegen, die nicht verfehlen konnten, sich seinem nimmermüden Arbeitstriebe hindernd in den Weg zu stellen.

Selbst das von dem Jammer und der Lust des Daseins unberührte Pflanzenleben seines schönen Lieblings Antinous, das ihm die Seele sonst zu erfreuen und zu beruhigen pflegte, hatte eine Änderung erfahren. Der Jüngling zeigte sich jetzt häufig verwirrt, unruhig, betrübt.

Fremde Einflüsse schienen auf ihn eingewirkt zu haben; denn es befriedigte ihn nicht mehr, wie ein Schatten an seiner Person zu hängen; nein, er strebte nach Freiheit, hatte sich mehrmals in die Stadt geschlichen und suchte dort wohl die Vergnügungen seines Alters, denen er sonst aus dem Wege gegangen war.

Selbst mit seinem heiter dienstfertigen Sklaven Mastor war eine Veränderung vor sich gegangen. Nur der Molosser blieb sich immer gleich in seiner gehorsamen Treue. Und er selbst? Wie vor zehn Jahren, so war er auch heute: an jedem Tage und in jeder Stunde ein anderer.

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