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Der Kaiser

Georg Ebers: Der Kaiser - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDer Kaiser
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeFünfter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
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Erstes Kapitel

Die Morgendämmerung war geschwunden, die Sonne des ersten Dezembers im Jahre 129 nach der Geburt des Heilands aufgegangen, aber sie wurde von milchweißen Dünsten verhüllt, die dem Meere entstiegen. Es war kalt.

Der Kasius, ein Berg von mittlerer Höhe, steht auf einer Landzunge der Küste zwischen dem südlichen Palästina und Ägypten und wird an seiner Nordseite vom Meere bespült, das heute nicht wie an anderen Tagen in leuchtendem Ultramarin schimmert. In finsterem Schwarzblau bewegen sich langsam seine ferneren Wogen, die näheren aber sind völlig anders gefärbt und schließen sich in trübem, grünlichem Grau an ihre dem Horizont benachbarten Schwestern wie staubiger Rasen an dunkle Lavaflächen.

Der Nordostwind, der sich nach dem Aufgang der Sonne erhoben hatte, begann lebhafter zu wehen, milchweißer Schaum zeigte sich auf den Häuptern der Wellen, diese aber schlugen heute nicht wild und kräftig den Fuß des Berges, sondern wälzten sich mit unabsehbar langen gekrümmten Rücken träge zu ihnen heran, als bestünden sie aus schwerem geschmolzenen Blei. Dennoch spritzten leichte und helle Tropfen auf, wenn sie eine Schwungfeder der Möwen berührte, die unruhig und als triebe die Angst sie hierhin und dorthin, scharenweis mit schrillem Gekreisch über dem Wasser schwebten.

Drei Männer wanderten langsam auf dem von der Spitze des Berges in die Ebene führenden Wege zu Tale, aber nur der älteste von ihnen, der den beiden anderen voranschritt, achtete auf den Himmel, das Meer, die Möwen und die wüste, unter ihm ruhende Fläche. Jetzt blieb er stehen, und sobald er den Fuß hemmte, taten die beiden anderen das gleiche. Die Landschaft unter ihm schien seine Blicke zu fesseln und rechtfertigte die Befremdung, mit der er das in einer leichten Neigung gesenkte bärtige Haupt schüttelte. Ein schmaler Wüstenstreifen streckte sich, zwei Wasser voneinander scheidend, soweit das Auge reichte, nach Abend hin vor ihm aus. Auf diesem natürlichen Damme zog eine Karawane dahin. Der weiche Fuß der Kamele fiel lautlos auf den Weg, den sie zogen. Ihre in weiße Mäntel gehüllten Reiter schienen zu schlafen und ihre Treiber zu träumen. Die grauen Adler am Saume der Straße rührten sich nicht bei ihrem Nahen.

Links von der Landnehrung, auf welcher der von Syrien nach Ägypten führende Weg sich hinzog, lag das glanzlose, mit grauem Gewölk verschwimmende Meer, links, mitten in der Wüste, ein seltsames, landschaftliches Etwas, dessen Ende nach Osten und Westen hin das Auge nicht zu erreichen vermochte und das hier einem Schneefelde, dort einem stehenden Wasser und an anderen Stellen einem Binsendickicht gleichsah.

Der älteste Wanderer schaute stets nach dem Himmel und in die Ferne, der zweite, ein Sklave, der Decken und Mäntel auf der breiten Schulter trug, verwandte keinen Blick von seinem Gebieter, und der dritte, ein freier Jüngling, blickte müde und träumerisch auf den Weg nieder.

Eine breite, auf ein stattliches Tempelgebäude zuführende Straße kreuzte den von der Spitze des Berges an die Küste führenden Pfad, und der bärtige Wanderer betrat sie. Aber er folgte ihr nur wenige Schritte, dann blieb er stehen, warf unwillig das Haupt zur Seite, murmelte einige unverständliche Worte in den Bart, wandte sich um, kehrte mit beschleunigtem Schritte zu dem schmalen Wege zurück und ging talabwärts.

Sein jugendlicher Begleiter folgte ihm, ohne das Haupt zu erheben und seine Träumerei zu unterbrechen, als sei er sein Schatten; der Sklave jedoch erhob den kurz geschorenen blonden Kopf, und ein überlegenes Lächeln flog ihm um den Mund, als er am linken Saume der Straße die Leiche eines gefallenen schwarzen Böckleins und neben ihr ein altes Hirtenweib erblickte, das ihr faltiges Antlitz beim Nahen der Männer ängstlich mit dem blauschwarzen Schleier bedeckt hatte. »Also darum,« murmelte der Sklave vor sich hin und nickte, die Luft mit dem spitzen Munde küssend, dem schwarzköpfigen Mädchen zu, das zu Füßen der Greisin kauerte. Aber die also Gegrüßte bemerkte nicht diese stumme Werbung; denn ihre Augen folgten wie gebannt den Wanderern und besonders dem jungen Manne. Sobald die drei sich weit genug entfernt hatten, um ihre Stimme nicht mehr zu hören, fragte das Mädchen zusammenschauernd, als sei ein Wüstengeist ihr begegnet, mit gedämpfter Stimme: »Großmutter, wer war das?«

Die Alte lüftete den Schleier, legte der Enkelin die Hand auf die Lippen und flüsterte ängstlich: »Er ist es.«

»Der Kaiser?«

Die Antwort der Alten bestand in einem bedeutungsvollen Nicken; das Mädchen aber drängte sich mit leidenschaftlicher Neugier an die Großmutter, streckte den braunen Kopf weit vor, um besser zu sehen, und fragte leise: »Der junge?«

»Närrin! Der Voranschreitende, der Graubart.«

»Der? Ich wollte, der junge wäre der Kaiser.«

Roms Imperator Hadrian war es in der Tat, der dort schweigend seinen Begleitern voranzog, und es war, als belebe sein Kommen die Einöde; denn sobald er sich dem Schilf nahte, flogen mit pfeifendem Schrei Kibitze in die Höhe und hinter einem Dünenhügel am Saume der breiteren Straße, die Hadrian gemieden, traten zwei Männer in priesterlichen Kleidern hervor. Sie gehörten beide zum Tempel des klassischen Baal, einem kleinen Bauwerk von festem Gestein, das dem Meere zugekehrt war und das gestern der Kaiser besuchte.

»Ob er den Weg verfehlte?« fragte der eine Priester den anderen in phönizischer Sprache.

»Schwerlich,« lautete die Antwort. »Mastor erzählte, er finde jeden Weg, den er einmal gegangen, auch im Dunkeln wieder.«

»Und doch sieht er mehr in die Wolken als auf den Boden.«

»Aber er versprach uns doch gestern . . .«

»Bestimmtes hat er nicht zugesagt,« unterbrach ihn der andere.

»Doch; beim Abschied rief er, ich habe es deutlich gehört: Vielleicht komm' ich wieder und befrage euer Orakel.«

»Vielleicht.«

»Ich glaube, er hat »wahrscheinlich« gesagt.«

»Wer weiß, welch ein Zeichen, das er da oben gesehen, ihn forttreibt. Er geht auf das Lager am Meere zu.«

»Aber in unserem Festsaal steht doch die Mahlzeit für ihn bereit.«

»Für den deckt sich überall die Tafel. Komm! Ein abscheulicher Morgen; mich friert.«

»Warte noch etwas. – Sieh nur.«

»Was?«

»Er trägt nicht einmal einen Hut auf den grauen Locken.«

»Auf Reisen sah ihn noch keiner mit bedecktem Haupte.«

»Und sein grauer Mantel sieht gar nicht kaiserlich aus.«

»Beim Gastmahl trägt er immer den Purpur.«

»Weißt du, an wen mich sein Gang und sein Aussehen erinnern?«

»Nun?«

»An unseren verstorbenen Oberpriester Abibaal; der schritt auch so mächtig und sinnend einher und trug den Bart wie der Kaiser.«

»Ja, ja, und das grübelnde, sinnende Auge.«

»Er sah auch oft in die Höhe. Selbst die breite Stirn haben beide gemein – aber Abibaals Nase war mehr gebogen und sein Haupt weniger kraus gelockt.«

»Unseres Meisters Mund war würdevoll ernst, während die Lippen Hadrians bei allem, was er sagte und hörte, sich spitzten und zuckten, als wollte er spotten.«

»Sieh nur, jetzt wendet er sich zu seinem Liebling – Antonius mein' ich, heißt der schmucke Geselle.«

»Antinous, nicht Antonius. In Bithynien, sagen sie, habe er ihn aufgelesen.«

»Schön ist er.«

»Schön ohnegleichen. Welcher Wuchs, welches Antlitz! Aber ich wollte doch nicht, daß er mein Sohn wäre.«

»Des Kaisers Liebling?«

»Eben darum. Er sieht jetzt schon aus, als hätte er alles genossen und könnte über nichts mehr Freude empfinden.«

Auf einer kleinen Fläche hart am Ufer des Meeres, die von bröckligen Klippen vor dem Ostwinde geschützt war, standen mehrere Zelte. Zwischen ihnen brannten Feuer, um die sich römische Soldaten und kaiserliche Diener geschart hatten. Halbnackte Knaben, Kinder der in dieser Wüste hausenden Fischer und Kameltreiber, liefen geschäftig hin und her, um die Flammen mit dürren Schilfstengeln und welkem Wüstengestrüpp zu speisen; aber so hoch die Lohe auch aufschlug, schwebte der Rauch doch nicht himmelan, sondern trieb sich, von kurzen Windstößen hin und her gejagt, wie eine auseinandergesprengte Schafherde in kleinen Wolken über den Boden hin. Es war, als fürchte er sich, in die graue, unfreundliche und feuchte Luft aufzusteigen.

Das größte unter den Zelten, vor dem vier römische Soldaten zu zwei und zwei Wache haltend auf und nieder schritten, war nach dem Meere hin weit geöffnet. Die Sklaven, die durch sein breites Tor ins Freie traten, mußten die Bretter, die sie auf den geschorenen Köpfen trugen und auf denen silberne und goldene Schüsseln, Teller, Weinkrüge und Becher mit den Resten einer Mahlzeit standen, mit beiden Händen festhalten, damit der Wind sie nicht zu Boden wehe. Das Innere des Zeltes war völlig schmucklos.

Auf einem Polster an seiner rechten, vom Sturm bewegten Wand lag der Kaiser. Seine blutlosen Lippen waren fest aufeinander gepreßt, die Arme über der Brust gekreuzt und die Augen halb geschlossen. Aber er schlief nicht; denn manchmal öffnete sich sein Mund und zog sich hin und her, als hätte er den Geschmack einer Speise zu prüfen. Bisweilen schlug er auch die langen, mit kleinen Falten und bläulichen Adern ganz überzogenen Lider der Augen auf, wandte sie in die Höhe oder ließ den Blick zur Seite und niederwärts nach der Mitte des Zeltes hin rollen.

Dort lag auf dem mit blauem Tuche verbrämten Felle eines gewaltigen Bären Hadrians Liebling Antinous. Sein schönes Haupt ruhte auf dem künstlich erhaltenen Kopfe des von seinem Gebieter erlegten Tieres, sein rechtes Bein spielte, gestützt von dem in die Höhe gezogenen linken, frei in der Luft und seine Hände beschäftigten sich mit dem Molosserhunde des Kaisers, der seinen klugen Kopf an die hochgewölbte nackte Brust des Jünglings geschmiegt hatte und oft zu seinem weichen Munde hinanstrebte, um ihm seine Zärtlichkeit zu beweisen. Aber Antinous wehrte ihn von sich ab, preßte scherzend die Schnauze des Tieres mit den Händen zusammen oder umwickelte sein Haupt mit dem Ende des weißen Palliums, das ihm von den Schultern gesunken war.

Dem Hunde schien dies Spiel zu behagen; als der Jüngling aber einmal das Tuch fester um seinen Kopf geschlungen hatte und er sich vergeblich bemühte, sich von der Hülle zu befreien, die ihm den Atem beengte, heulte er laut auf, und dieser Klageton veranlaßte den Kaiser, die Lage zu verändern und dem auf dem Bärenfell Ruhenden einen mißbilligenden Blick zuzuwerfen, nur einen Blick, kein Wort des Tadels. Bald veränderte sich auch der Ausdruck in Hadrians Auge, das sich mit so liebevoller Aufmerksamkeit an die Gestalt des Jünglings heftete, als sei sie ein edles, niemals genug zu bewunderndes Kunstwerk. Und wahrlich, die Himmlischen hatten dieses Menschenkindes Leib zu einem solchen gestaltet! Wundervoll weich und doch kräftig war jeder Muskel an diesem Halse, dieser Brust, diesen Armen und Beinen! Ebenmäßiger als das seine konnte kein Menschenantlitz geschnitten sein.

Antinous bemerkte, daß der Gebieter seine Aufmerksamkeit auf das Spiel mit dem Hunde richtete, ließ den Molosser los und wandte das große, aber wenig belebte Auge dem Kaiser zu.

»Was treibst du da?« fragte Hadrian freundlich.

»Nichts,« lautete die Antwort.

»Niemand tut nichts. Wer es dennoch dahin gebracht zu haben meint, der denkt doch wenigstens, daß er unbeschäftigt sei, und denken ist viel.«

»Ich kann gar nicht denken.«

»Jedermann kann's, und tatest du es jetzt eben nicht, dann hast du gespielt.«

»Ja, mit dem Hunde.«

Bei dieser Antwort ließ Antinous die Füße zu Boden sinken, wehrte das Tier ab und legte beide Hände unter das lockige Haupt.

»Du bist müde?« fragte der Kaiser.

»Ja?«

»Wir haben beide den gleichen Teil der Nacht durchwacht, und ich, der um so viel Ältere, fühle mich munter.«

»Du sagtest erst gestern, die alten Soldaten taugten am besten zum Nachtdienst.«

Der Kaiser nickte und versetzte dabei:

»In deinen Jahren lebt man, solange man wacht, dreimal so schnell wie in meinen, darum braucht man wohl auch doppelt so langen Schlaf. Du hast das Recht, müde zu sein. Freilich erst drei Stunden nach Mitternacht erstiegen wir den Berg, und wie häufig endet ein Gastmahl weit später.«

»Es war kalt und unfreundlich da oben!«

»Erst nach dem Aufgang der Sonne.«

»Vorher bemerktest du's nicht; denn du hattest bis dahin mit den Sternen zu tun.«

»Und du nur mit dir selbst, das ist richtig.«

»Ich dachte auch an deine Gesundheit, als sich vor der Ausfahrt des Helios die kalte Luft erhob.«

»Ich mußte sein Erscheinen erwarten.«

»Erkennst du auch an der Art und Weise des Sonnenaufgangs zukünftige Dinge?«

Hadrian schaute den also Fragenden befremdet an, schüttelte verneinend das Haupt, blickte zur Decke des Zeltes hinauf und sagte nach einer längeren Pause in kurzen, von mancher Gedankenpause unterbrochenen Sätzen:

»Der Tag ist lauter Gegenwart, und aus dem Dunkeln erwächst Zukünftiges; aus der Ackerscholle ersteht das Korn, aus der finsteren Wolke fließt der Regen, aus dem Mutterschoße kommen neue Geschlechter, im Schlaf erneut sich die Frische der Glieder. Was aus dem dunklen Tode hervorgeht, wer weiß es?«

Nachdem der Kaiser dann längere Zeit geschwiegen hatte, fragte der Jüngling: »Aber wenn dich der Sonnenaufgang nichts Zukünftiges lehrt, warum unterbrichst du dann so oft die nächtliche Ruhe und besteigst die Berge, um ihn zu sehen?«

»Warum? warum?« gab Hadrian langsam zurück, strich nachdenklich den ergrauenden Bart und fuhr wie im Selbstgespräche fort:

»Dem Verstande fehlt auf diese Frage die Antwort, dem Munde das Wort, und stünde es mir zur Verfügung, wer begriffe mich wohl von dem Gesindel? Mit Bildern kommt man bei solchen Fragen am weitesten. Wer am Leben teilhat, ist ein Schauspieler auf der Bühne der Welt. Wer groß sein will auf dem Theater, der besteigt den Kothurn, und ist ein Berg nicht die höchste Unterlage, die der Mensch seiner Sohle zu geben vermag? Der Kasius dort ist ein Hügel, aber ich habe auf gewaltigeren Gipfeln gestanden und unter mir wie Jupiter auf seinem Olymp die Wolken geschaut.«

»Du brauchst keine Berge zu ersteigen, um dich als Gott zu fühlen,« rief Antinous. »Der Göttliche wirst du genannt – du befiehlst, und die Welt muß gehorchen. Mit dem Berge unter sich ist man allerdings dem Himmel näher als in der Ebene, aber . . .«

»Nun?«

»Ich getraue mich nicht herauszusagen, was mir da einfiel.«

»Sprich nur.«

»Da war ein kleines Mädchen. Wenn ich das auf die Schulter nahm, so streckte es gern den Arm hoch in die Höhe und sagte: ›Ich bin so groß!‹ Es dachte dann, es sei höher als ich, und war doch nur die kleine Panthea.«

»Aber in ihrer Vorstellung war sie die große, und das gibt den Ausschlag; denn für jeden ist jedes Ding nur das, wofür er es hält. – Gewiß, sie nennen mich göttlich, aber ich fühle doch täglich hundertmal die Beschränktheit der menschlichen Kraft und Natur, über die ich nirgends hinaus kann. Auf der Spitze eines Berges empfind' ich sie nicht. Da will es mir scheinen, als wäre ich groß; denn nichts auf Erden überragt meinen Scheitel in der Nähe und Ferne. Und wenn dort vor meinen Blicken die Nacht verschwindet, das Glanzlicht der jungen Sonne die Welt neu für mich gebiert, indem sie alles noch jüngst vom Dunkel Verschlungene meiner Vorstellung zurückgibt, dann heben mir tiefere Atemzüge die Brust, und die Lunge füllt sich gern mit der reineren und leichteren Luft der Höhe. Dort oben allein und in einsamer Stille berührt mich keine Mahnung an das Treiben da unten, fühle ich mich eins mit der großen vor mir ausgebreiteten Natur. Es kommen und gehen die Wogen des Meeres, es neigen und heben sich die Kronen der Bäume des Waldes, Nebel und Dünste und Wolken wallen auf und verteilen sich hierhin und dorthin, und ich fühle mich da oben so ganz verschmolzen mit dem Geschaffenen, das mich umgibt, daß es mir oftmals scheinen will, als sei es mein Atem, der es bewegt. Wie die Kraniche und Schwalben, so zieht es auch mich in die Weite, und wo wäre es dem Auge wohl eher gestattet, das unerreichbare Ziel wenigstens ahnend zu erspähen, als auf dem Gipfel eines Berges? Die unbegrenzte Ferne, die die Seele sucht, scheint hier eine mit dem Sinnen erfaßbare Form zu gewinnen, und der Blick berührt ihre Schranken. Erweitert, nicht erhoben nur fühlt sich da das ganze Wesen, und die Sehnsucht, die ich, sobald ich das Gewühl des Lebens teile und die Sorge für den Staat meine Kräfte aufrufen, fühle, sie schwindet . . . Aber das verstehst du nicht, Knabe – das alles sind Dinge, die ich mit keinem anderen Sterblichen teile.«

»Nur mir verschmähst du nicht sie zu zeigen,« rief Antinous, der sich dem Kaiser voll zugewandt und mit weit geöffneten Augen keines seiner Worte verloren hatte.

»Dir?« fragte Hadrian, und ein Lächeln, das nicht frei war von Spott, flog ihm um die Lippen. »Vor dir hab' ich so wenig ein Geheimnis wie vor dem Amor des Praxiteles in meinem Arbeitszimmer zu Rom.«

Aus des Jünglings Herzen stieg das Blut in die Wangen und färbte sie mit flammendem Purpur.

Der Kaiser bemerkte es und fügte begütigend hinzu:

»Du bist mir mehr als das Kunstwerk. Der Marmor kann nicht erröten. In der Zeit des Atheners regierte die Schönheit das Leben, du aber beweist mir, daß es den Göttern gefällt, sie auch in unserer heutigen Welt zu verkörpern. Dein Anblick versöhnt mich mit den Disharmonien des Daseins. Es tut mir wohl, aber wie sollt' ich von dir verlangen, daß du mich verstehst? Deine Stirne ward nicht zum Grübeln geschaffen. Oder hättest du eines von meinen Worten verstanden?«

Antinous stützte den Oberkörper auf die Linke, und die Rechte erhebend rief er ein entschiedenes »Ja«.

»Welches?« fragte der Kaiser.

»Ich kenne die Sehnsucht.«

»Wonach?«

»Nach vielen Dingen.«

»Nenne mir eines.«

»Genuß, dem keine Ernüchterung folgt; ich kenne keinen.«

»Diesen Wunsch teilst du mit der ganzen römischen Jugend; sie pflegt sich nur den Nachsatz zu sparen. Weiter!«

»Ich darf nicht.«

»Wer verbietet dir, offen mit mir zu reden?«

»Du tatest es selbst.«

»Ich?«

»Ja, du; denn du untersagtest mir, dir von meiner Heimat, meiner Mutter, den Meinen zu sprechen.«

Des Kaisers Stirn faltete sich, und gebieterisch fiel er ihm ins Wort:

»Ich bin dein Vater, und mir soll deine ganze Seele gehören.«

»Sie ist dein eigen,« entgegnete der Jüngling, ließ sich auf das Bärenfell zurückfallen und zog das Pallium fest um seine Schultern; denn ein Windstoß blies kalt durch das sich öffnende Tor des Zeltes, durch das Phlegon, der Geheimschreiber des Kaisers, dem Gebieter entgegentrat. Ihm folgte ein Sklave mit mehreren versiegelten Rollen unter dem Arme.

»Ist es dir genehm, Cäsar, daß wir die eingelaufenen Schriften und Briefe erledigen?« fragte der Beamte, dessen schön geordnete Haare der Seewind zerzaust hatte.

»Ja; dann aber wollen wir aufzeichnen, was ich in dieser Nacht am Himmel beobachten konnte. Hast du die Tafeln zur Hand?«

»Ich ließ sie in dem zur Arbeit aufgeschlagenen Zelte ausbreiten, Cäsar.«

»Der Sturm ist heftig geworden?«

»Er scheint zugleich von Osten und Norden zu wehen. Die See geht sehr hoch. Die Kaiserin wird eine schlimme Überfahrt haben.«

»Wann brach sie auf?«

»Gegen Mitternacht wurden die Anker gelichtet. Das Schiff, mit dem sie aus Alexandria geholt ward, ist ein schönes Fahrzeug, aber es rollt in unangenehmer Weise von der einen Seite zur anderen.«

Hadrian lachte bei diesen Worten mit schneidiger Schärfe auf und rief:

»Das wird ihr das Herz und den Magen von oberst zu unterst kehren. Ich wünschte, ich könnte dabei sein! Aber nein – bei allen Göttern nein, ich wollte es nicht! Heute vergißt sie sicher sich zu schminken. Und wer baut ihr die Haare auf, wenn auch ihre Frauen das Schicksal ereilt? Wir bleiben heute hier; denn treffe ich sie bald nach ihrer Ankunft in Alexandria, so ist sie lauter Galle und Essig.«

Hadrian erhob sich bei diesen Worten vom Lager und trat, indem er Antinous mit der Hand grüßte, dem Geheimschreiber voran ins Freie.

Dem Gespräche des Günstlings mit dem Gebieter hatte als Dritter vom Hintergrunde des Zeltes aus der Jazygier Mastor beigewohnt. Er war Sklave und wurde darum so wenig beachtet wie der molossische Hund, der Hadrian gefolgt war, oder das Polster, auf dem der Kaiser gelegen.

Der hübsche, gut gewachsene Mann drehte eine Zeitlang die Enden seines langen rötlichen Schnurrbartes, strich sich mit der Hand über den runden, kurz geschorenen Schädel, zog den offenen Chiton über die in besonders hellem Weiß schimmernde Brust zusammen und verwandte dabei keinen Blick von Antinous, der sich umgekehrt hatte und das Antlitz samt den Händen, die es bedeckten, in das Fell am Hinterhaupte des Bären drückte.

Mastor hatte ihm etwas zu sagen, aber er wagte es nicht, ihn anzurufen, denn der Günstling war unberechenbar in seinem Verhalten gegen ihn. Manchmal hörte er ihm gerne zu und sprach mit ihm wie mit einem Freunde, manchmal wies er ihn härter zurück als ein strenger Emporkömmling den untersten Diener. Endlich faßte der Sklave sich ein Herz und rief den Jüngling an; denn es schien ihm leichter, Scheltworte hinzunehmen, als einen schon in Worte umgesetzten, warm empfundenen Gedanken, so klein er auch sein mochte, in sich zu verschließen.

Antinous hob das Haupt ein wenig über die Hände empor und fragte:

»Was willst du?«

»Ich wollte dir nur sagen,« entgegnete der Jazygier, »daß ich weiß, wer das kleine Mädchen war, das du dir manchmal auf die Schultern setztest. Nicht wahr, es ist dein Schwesterchen gewesen, von dem du mir neulich erzähltest?«

Der also Angeredete nickte mit dem Kopfe, vergrub ihn wiederum in die Hände, und seine Schultern flogen so lebhaft auf und nieder, daß es aussah, als ob er weine.

Da schwieg Mastor einige Minuten. Dann trat er Antinous näher und sagte:

»Du weißt, ich habe einen Sohn und ein Töchterchen zu Hause, und ich höre gern von kleinen Mädchen erzählen. Wir sind beide allein, und wenn dir's die Seele erleichtert . . .«

»Laß nur, ich habe dir schon zehnmal von meiner Mutter und der kleinen Panthea erzählt,« entgegnete Antinous, indem er sich gefaßt zu erscheinen bemühte.

»So tue es heute getrost zum elften Male,« bat der Sklave. »Ich kann im Lager und in der Küche über die Meinen so viel sprechen, wie ich nur will. Aber du? Wie hieß gleich das Hündchen, dem die kleine Panthea die rote Kappe nähte?«

»Kalliste nannten wir's,« rief Antinous und wischte die Augen mit dem Rücken der Hand. »Mein Vater wollte es nicht dulden, wir aber gewannen die Mutter. Ich war ihr Liebling, und wenn ich sie umfaßte und mit beiden Augen bittend zu ihr aufsah, so sagte sie »Ja« zu allem, um was ich sie bat.«

Ein froher Glanz leuchtete aus dem müden Auge des Jünglings, er hatte an eine Reihe von Freuden gedacht, auf die keine Ernüchterung gefolgt war.

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