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Gutenberg > Georg Ebers >

Der Kaiser

Georg Ebers: Der Kaiser - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDer Kaiser
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeFünfter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Frau Hanna hatte bis zum Aufgang der Sonne bei Selene gewacht und ihr den kranken Fuß sowie die Kopfwunde ununterbrochen gekühlt.

Der alte Arzt zeigte sich nicht unzufrieden mit dem Befinden der Patientin, befahl aber der Witwe, sich ein wenig niederzulegen und ihrer jungen Freundin die Pflege auf einige Stunden zu überlassen.

Als Maria mit der Kranken allein war und ihr den ersten Umschlag gemacht hatte, wandte ihr Selene das Antlitz zu und sagte: »Du warst also gestern auf der Lochias. Erzähle mir, wie du dort alles fandest. Wer führte dich in unsere Wohnung, und hast du auch meine kleinen Geschwister gesehen?«

»Du bist noch immer nicht ganz fieberfrei, und ich weiß nicht, ob ich viel mit dir reden darf; aber ich tät' es so gern!«

Diese Versicherung klang sehr freundlich, und die Augen des mißgestalteten Mädchens gewannen einen innigen, lieblichen Glanz, während sie sprach.

Selene flößte ihr nicht nur Teilnahme und Mitleid, sondern auch Bewunderung ein; denn sie war so schön, so ganz, ganz anders als sie selbst, und bei jeder Handreichung, die sie ihr leistete, war es ihr zumute wie einem verachteten Armen, dem ein Fürst bewilligte, ihn zu pflegen.

Ihr Rücken war ihr noch nie so krumm, ihr braunes Gesicht ihr zu keiner anderen Zeit und nirgends so häßlich vorgekommen wie heute neben dieser so ebenmäßig, in so zarter, lieblicher Rundung gebildeten Mädchengestalt.

Aber Maria empfand auch nicht die leiseste Regung des Neides. Sie fühlte sich nur glücklich, Selene helfen, ihr dienen, sie anschauen zu dürfen, obgleich sie eine Heidin war. In der Nacht hatte sie auch innig gebetet, der Herr möge sich dieses schönen, guten Geschöpfes annehmen, die Kranke genesen lassen und ihre Seele mit jener Liebe zu dem Heiland erfüllen, die sie selbst beglückte.

Mehr als einmal hatte es sie gedrängt, sie zu küssen, aber sie wagte es nicht; denn es war ihr, als wäre die Kranke aus einem feineren Stoffe gebildet als sie.

Selene fühlte sich matt, sehr matt, und wenn der Schmerz nachließ, empfand sie in ihrer stillen, liebreichen Umgebung ein wohliges Gefühl des Friedens und des Ausruhens, das ihr neu und sehr angenehm war, obgleich es fortwährend von der Sorge um die Ihren unterbrochen wurde. Die Nähe Frau Hannas tat ihr wohl; denn nun glaubte sie auch in ihrer Stimme etwas zu finden, das ihrer Mutter eigen gewesen war, wenn sie mit ihr gespielt und sie besonders zärtlich ans Herz gezogen hatte.

An dem Klebetisch in der Papyrusfabrik war der Anblick der Verwachsenen Selene zuwider gewesen; hier bemerkte sie, wie gute Augen und eine wie freundliche Stimme sie habe, und die Sorgfalt, mit der Maria so leise, als empfänden ihre Hände die Schmerzen mit, die sie selber duldete, ihr den Umschlag vom Fuße genommen und wieder auf den kranken Knöchel gelegt hatte, erweckte ihre Dankbarkeit.

Ihre Schwester Arsinoe war ein eitles alexandrinisches Kind und hatte der Armen nach dem häßlichsten unter den vor Ilion lagernden Hellenen den Spitznamen »Jungfrau Thersites« gegeben und Selene ihr manchmal nachgesprochen.

Jetzt dachte sie nicht mehr an dies garstige Wort und begegnete dem Bedenken der Pflegerin, indem sie sagte:

»Das Fieber kann nicht stark sein. Wenn du mir etwas erzählst, brauch' ich nicht immer an diese heillosen Schmerzen zu denken. Ich sehne mich nach Hause. Hast du die Kinder nicht gesehen?«

»Nein, Selene, ich bin nicht weiter als vor eure Wohnung gekommen. Die freundliche Torhüterin hatte mir gleich gesagt, ich würde weder deinen Vater noch deine Schwester finden und eure Sklavin wäre ausgegangen, um Kuchen für die Kleinen zu kaufen.«

»Kaufen?« fragte Selene erstaunt.

»Die Alte sagte auch, der Weg zu euch führe durch viele Räume, in denen Sklaven arbeiteten, und ihr Sohn, der gerade bei ihr war, sollte mich begleiten. Er tat es auch, aber eure Tür war verschlossen und da sagte er, ich möge seiner Mutter anvertrauen, was es zu bestellen gebe. Das tat ich, denn sie sah aus, als sei sie klug und freundlich gesinnt.«

»Das ist sie.«

»Und sie hat dich sehr lieb; denn als ich ihr von deinem Leiden erzählte, flossen ihr helle Tränen über die Wangen, und sie lobte dich so innig und war so betrübt, als wärest du ihre eigene Tochter.«

»Du hast doch nicht von unserer Arbeit in der Fabrik geredet?« fragte Selene ängstlich.

»Gewiß nicht, du hattest mich ja gebeten, zu schweigen. Ich soll dir im Namen der alten Frau viel Freundliches sagen.«

Mehrere Minuten schwiegen beide Mädchen, dann fragte Selene:

»Hat auch der Sohn des Torhüters, der dich begleitete, gehört, wie übel es mir erging?«

»Ja. Auf dem Weg in eure Wohnung war er voll von Scherzen; als ich aber erzählte, daß du mit dem verletzten Fuße ausgegangen wärest und nun nicht heimkehren dürftest und der Arzt besorgt sei, da wurde er zornig und führte gotteslästerliche Reden.«

»Erinnerst du dich noch, was er sagte?«

»Nicht recht; nur eins weiß ich doch noch. Er klagte seine Götter an, daß sie schöne Werke schüfen, um sie zu beschädigen, ja er schalt auf sie . . .«

Maria schlug bei dieser Mitteilung die Augen nieder, als ob sie etwas Unziemliches erzähle; Selene aber errötete leise vor Vergnügen und sagte eifrig und als wollte sie die Lästerung des Bildhauers überbieten:

»Er hat ganz recht! – Die da oben treiben's danach . . .«

»Das ist nicht gut!« rief die Verwachsene vorwurfsvoll.

»Was?« fragte die Leidende. »Ihr lebt hier still für euch in lauter Frieden und Liebe. Manches Wort, das Frau Hanna bei unserer Arbeit sagte, hab' ich behalten, und nun seh' ich, daß sie auch nach ihren freundlichen Reden handelt. Für euch können die Götter wohl gut sein.«

»Gott ist es für jeden.«

»Auch für die,« rief Selene mit flammenden Augen, »denen sie jedes Glück zerstören? Auch für das Haus mit acht Kindern, dem sie die Mutter raubten? Auch für die Armen, denen sie täglich drohen, ihnen den Ernährer zu nehmen?«

»Auch für sie gibt es einen gütigen Gott,« unterbrach Frau Hanna, die in das Zimmer getreten war, die Kranke. »Ich zeige dir einmal den freundlichen Vater im Himmel, der für uns alle sorgt, als wären wir seine Kinder; aber nicht jetzt. – Du sollst ruhen und nichts reden und hören, was dein fieberndes Blut erregen könnte. Jetzt leg' ich dir das Polster unter dem Haupte neu zurecht, Maria macht dir einen frischen, kühlen Umschlag und dann versuchst du zu schlafen.«

»Ich kann nicht,« entgegnete Selene, während Hanna ihr die Kopfkissen lockerte und behutsam umwandte. »Erzähle mir von deinem freundlichen Gotte.«

»Später, liebes Mädchen. Suche ihn nur, und er wird dich finden; denn von all seinen Kindern hat er die, die schweres Leid ertragen, am liebsten.«

»Die Leiden ertragen?« fragte Selene erstaunt. »Was hat ein Gott bei seinen olympischen Freuden mit denen zu tun, die Schmerzen erdulden?«

»Still, still, Kind,« fiel Hanna der Kranken mit einer beruhigenden Handbewegung ins Wort, »du wirst bald erfahren, wie Gott für dich sorgt und wie lieb auch ein anderer dich hat.«

»Ein anderer?« murmelte Selene vor sich hin, und die Wangen färbten sich röter.

Sie dachte an Pollux und fragte sich, ob ihn die Nachricht von ihren Leiden so sehr erregt hätte, wenn er ihr nicht gut sei.

Für das Gespräch, das sie vernommen, als sie an seinen Schranken vorbeikam, begann sie nach beschönigenden Gründen zu suchen.

Er hatte ihr nie deutlich gesagt, daß er sie liebe. Warum sollte er, der Künstler, der frische, übermütige Gesell, nicht mit einem schönen Mädchen scherzen dürfen, auch wenn sein Herz einer anderen gehörte?

Nein, gleichgültig war sie ihm nicht; das hatte sie in jener Nacht, als sie ihm Modell stand, empfunden, das lehrte sie Marias Erzählung, das meinte sie zu ahnen, zu empfinden, zu wissen.

Je länger sie an ihn dachte, desto mehr begann sie sich nach ihm, den sie schon als Kind so gern gehabt hatte, zu sehnen.

Ihr Herz hatte noch nie für einen anderen Mann geschlagen; seitdem ihr aber Pollux in der Musenhalle wieder begegnet war, erfüllte sein Bild ihr die ganze Seele, und das, was sie nun empfand, mußte Liebe, konnte nichts anderes sein.

Halb wachend, halb träumend stellte sie sich vor, daß er in dies stille Gemach trete, sich an das Hauptende ihres Lagers setze und mit den guten Augen in die ihren schaue. Ach, und nun konnte sie nicht anders! Sie mußte sich aufrichten und ihm die Hände entgegenstrecken.

»Ruhig, Kind, ruhig,« warnte Hanna, »es tut dir nicht gut, dich so viel zu bewegen.«

Da öffnete Selene die Augen, um sie gleich wieder zu schließen, und träumte lange Zeit weiter, bis sie von lauten Stimmen im Garten aus der Ruhe geschreckt wurde.

Frau Hanna verließ das Gemach, ihre Stimme mischte sich in die der anderen Leute vor dem Hause, und als sie zu der Leidenden zurückkehrte, waren ihre Wangen gerötet, und sie fand nicht sogleich passende Worte, um der Kranken mitzuteilen, was sie ihr doch wohl erzählen durfte.

»Ein sehr großer Mensch im übermütigsten Anzuge,« sagte sie endlich, »verlangte Einlaß zu uns, und als der Torhüter ihn abwies, erzwang er sich ihn. Er fragte nach dir.«

»Nach mir?« fragte Selene errötend.

»Ja, mein Kind. Er brachte einen großen, selten schönen Blumenstrauß und sagte dazu, der Freund von der Lochias lasse dich grüßen.«

»Der Freund von der Lochias?« murmelte Selene nachdenklich vor sich hin. Dann leuchteten ihr die Augen freudig auf, und sie fragte schnell: »Du sagtest, der Mann, der den Strauß brachte, sei sehr groß gewesen?«

»Das war er.«

»O, bitte, Frau Hanna,« rief Selene und versuchte sich aufzurichten, »laß mich die Blumen sehen!«

»Hast du einen Bräutigam, Kind?« fragte die Witwe.

»Einen Bräutigam? Nein! Aber da ist ein junger Mann, mit dem wir immer spielen durften, als wir noch klein waren, ein Künstler, ein guter Mensch, und von dem wird der Strauß sein.«

Hanna sah die Leidende teilnehmend an, winkte Maria und sagte:

»Der Strauß ist sehr groß. Du magst ihn dir ansehen, hierbleiben darf er aber nicht; der Duft von so vielen Blumen könnte dir schaden.«

Maria stand von dem Sessel neben dem Haupte der Kranken auf und flüsterte ihr fragend zu:

»Der große Torhütersohn?«

Selene nickte lächelnd mit dem Kopfe, und als die Frauen sich entfernten, änderte sie die nach der Seite gewandte Lage, streckte sich gerade auf den Rücken aus, preßte die linke Hand aufs Herz und schaute tief atmend in die Höhe. Dabei sang und klang es ihr vor den Ohren, und ihre umschleierten Augen erblickten bunt flimmernde Lichtkörper von schönem Glanz. Es wurde ihr schwer zu atmen, und doch war es ihr, als sei die Luft, die sie einzog, von Blumendüften durchweht.

Hanna und Maria brachten den gewaltig großen Strauß.

Die Augen Selenens leuchteten heller, und voller Bewunderung schlug sie die Hände zusammen. Dann ließ sie sich das herrliche, farbenbunte, duftende Geschenk bald von dieser, bald von jener Seite zeigen, drückte das Antlitz in die Blüten und küßte dabei heimlich den zarten Rand einer schönen, halberschlossenen Rosenknospe. Sie fühlte sich wie berauscht, und in langsamer Folge floß ihr eine helle Träne nach der anderen über die Wangen.

Maria war die erste, die die in das Band an den Stielen des Straußes gesteckte Nadel bemerkte. Sie löste sie los und zeigte sie Selene, die sie ihr schnell aus der Hand nahm. Über und über errötend heftete sie die Augen auf das in den Stein geschnittene Bild des seine Pfeile schleifenden Eros. Sie empfand keinen Schmerz mehr, sie fühlte sich ganz gesund und dabei so froh, so stolz, so überglücklich.

Frau Hanna sah mit Besorgnis ihre große Erregung, winkte Maria und sagte:

»Nun ist's genug, meine Tochter; wir stellen den Strauß vor das Fenster, damit du ihn sehen kannst.«

»Schon?« fragte Selene voller Bedauern und brach dabei einige Veilchen und Rosen aus dem übervollen Gewinde.

Als sie wieder allein war, legte sie die Blumen hin und betrachtete dann liebevoll die Figuren auf der schönen Spange.

Die hatte gewiß Teuker, der Bruder ihres Pollux, der Steinschneider, gefertigt.

Wie fein war der Bildstich, wie sinnig gewählt der Gegenstand, den er zur Darstellung brachte! Nur die schwere goldene Einfassung beunruhigte sie, die seit manchem Jahr mit dem Gelde haushalten und immer haushalten mußte.

Sie sagte sich, daß es von dem armen Jungen, der auch die Schwester zu erhalten hatte, doch unrecht sei, sich für sie in so große Unkosten zu stürzen. Aber sein Geschenk machte sie darum nicht weniger froh; es wäre ihr ja auch von ihrem eigenen kleinen Besitz für ihn nichts zu kostbar erschienen. Später wollte sie ihn schon Sparsamkeit lehren.

Die Frauen kamen zu ihr zurück, nachdem sie mit vieler Mühe den Strauß vor dem Fenster aufgestellt hatten, und erneuerten die Umschläge, ohne mit ihr zu reden. Sie mochte auch gar nicht sprechen; denn sie hörte so gern den schönen Verheißungen zu, die das Herz ihr machte, und ihre Augen trafen, wohin sie auch schauten, auf etwas Liebes. Die Blumen auf ihrem Bett, der Strauß vor dem Fenster, die Spange in ihrer Hand, Frau Hannas gütiges Gesicht, selbst Marias unschöne Züge sah sie gern; denn die Verwachsene kam ihr vor wie eine Freundin, eine Vertraute. Pollux war ja Maria nicht fremd, und sie konnte mit ihr von ihm reden.

Selene erkannte sich selbst nicht wieder. Es war Winter in ihr gewesen, jetzt war es Frühling; es war Nacht in ihr gewesen, nun war es Tag; ihr Herz war wie verdorrt gewesen, nun glich es einem Garten, der sich anschickt, in der vollen Pracht des Frühlings zu grünen und Blüten zu treiben. Früher war es ihr schwer gefallen, die ausgelassene Heiterkeit Arsinoes oder der Kinder zu verstehen; ja, sie hatte sich über sie geärgert und sie zurechtgewiesen, wenn ihr fröhliches Lachen gar kein Ende nehmen wollte; heute hätte sie sich gern mit gleicher Hingabe gefreut.

Da lag das arme, schöne Geschöpf und blickte so glückselig nach dem Strauße vor dem Fenster und ahnte nicht, daß ein anderer als der, den sie liebte, ihn ihr übersandt haben könnte, ein anderer, nach dem sie noch weniger fragte als nach den Christen, die im Garten der Witwe des Pudens vor ihrem Fenster auf und nieder wandelten. Da ruhte sie, erfüllt von Wonne und einer Liebe gewiß, die ihr niemals gegolten, sicher das Herz eines Mannes zu besitzen, der nicht an sie dachte und noch vor wenigen Stunden mit ihrer Schwester, berauscht von Glück und Freude, dahingerast war.

Arme Selene!

Diesmal träumte sie einen Traum von ungetrübter Seligkeit; doch den Minuten folgten Minuten, und eine jede brachte sie dem Erwachen näher, und welchem Erwachen!

Ihr Vater war nicht, wie er gewollt hatte, vor dem Gang in die Präfektur mit Arsinoe bei ihr gewesen.

Der Wunsch, sein Kind in einem seiner Herkunft würdigen Gewande zu Frau Julia zu führen, hatte ihn lange aufgehalten, und es war ihm doch nicht gelungen, seinen Zweck zu erreichen.

Alle Webereien und Magazine waren geschlossen: denn die Arbeiter, Sklaven und Kaufleute nahmen teil an dem Feste, und als die vom Präfekten bestimmte Stunde nahte, saß seine Tochter noch immer in dem einfachen weißen Kleide und in dem schlichten, mit blauem Bande besetzten Peplos, der bei Tage noch weit unscheinbarer aussah als am Abend, in der Sänfte.

Der Strauß, den Arsinoe von Verus empfangen hatte, bereitete ihr Vergnügen; denn Mädchen freuen sich immer über schöne Blumen; es haben ja beide auch etwas Verwandtes.

Als Vater und Tochter vor der Präfektur anlangten, wurde Arsinoe ängstlich, und Keraunus verstand es nicht, den Verdruß zu verbergen, sie in so einfacher Kleidung zu Frau Julia führen zu müssen. Seine finstere Stimmung hellte sich keineswegs auf, als man ihn im Vorzimmer warten ließ, während Frau Julia mit der Gattin des Verus und Balbilla für seine Tochter wundervoll gefärbte, kostbare Stoffe von der feinsten Wolle, von Seide und zartem Bombyxgewebe aussuchte. Diese Art von Arbeit hat die Eigentümlichkeit an sich, daß sie desto längere Zeit in Anspruch nimmt, je mehr Mithelferinnen sich an ihr beteiligen, und so mußte es sich der Verwalter gefallen lassen, wohl zwei Stunden in dem mehr und mehr mit Klienten und Besuchern sich füllenden Vorgemach des Präfekten zu warten. – Endlich kam Arsinoe zurück, ganz glühend, ganz voll von den glänzenden Dingen, die für sie vorbereitet wurden.

Ihr Vater erhob sich langsam von dem Polster, und während sie auf ihn zueilte, öffnete sich die Tür, und der reiche Besitzer der Papyrusfabriken, Plutarch, wurde wieder bekränzt, wieder mit kostbaren Blumen geschmückt, die aus den Brustfalten seines Palliums hervorleuchteten, von den beiden lebendigen Stützen in das Zimmer geschoben.

Jedermann erhob sich bei seinem Nahen, und als Keraunus sah, daß sich der erste Sachwalter der Stadt, ein Mann aus altem Geschlecht, vor ihm verneigte, tat er es gleichfalls.

Die Augen Plutarchs waren weit stärker als die Beine, und da, wo es schöne Frauen zu sehen gab, erwiesen sie sich immer am stärksten.

Schon auf der Schwelle bemerkte er Arsinoe und winkte ihr mit beiden Händen zu, als wäre sie eine liebe alte Bekannte.

Das reizende Kind hatte es ihm angetan. In jüngeren Jahren hätte er alles aufgeboten, um ihre Gunst zu erringen; jetzt genügte es ihm, sie die seine angenehm fühlen zu lassen.

Nach seiner Gewohnheit ließ er sich ganz dicht an sie heranführen, berührte ihren Oberarm mehrmals mit der Hand und sagte heiter:

»Nun, holde Roxane, hat es Frau Julia recht gemacht mit den Kleidern?«

»Oh, sie wählten so schöne, so wunderschöne Stoffe!« entgegnete das Mädchen.

»Haben sie?« fragte Plutarch wieder, um durch ein Wort zu verbergen, daß er etwas bei sich erwäge. »Haben sie? Wie sollten sie nicht?«

Das ausgewaschene Gewand Arsinoes war dem Alten ins Auge gefallen, und weil der Kunsthändler Gabinius heute morgen zu ihm gekommen war, um ihn auszuforschen, ob Arsinoe nicht doch zu seinen Arbeiterinnen gehöre, und ihm zu wiederholen, daß ihr Vater ein armer, hochnäsiger Schlucker sei, dessen Raritätenkram, von dem er einiges höhnisch hervorhob, nichts wert sei, so fragte er sich schnell, in welcher Weise er seinen hübschen Liebling vor den neidischen Zungen der Nebenbuhlerinnen bewahren könnte; denn es war ihm schon manche gehässige Äußerung zu Ohren gekommen.

»Was die würdige Julia in die Hand nimmt, das muß ja trefflich geraten,« begann er laut und fuhr dann flüsternd fort: »Übermorgen, wenn die Goldschmiede die Werkstätten wieder öffnen, will ich sehen, was ich für dich finde. – Ich falle zusammen. Richtet mich höher auf, Antäus und Atlas! So. – Ja, mein Kind, hier oben sieht er noch besser aus als da unten. Ist der starke Herr, der da hinter dir steht, dein Vater?«

»Ja.«

»Hast du keine Mutter mehr?«

»Sie ist gestorben.«

»Oh,« entgegnete Plutarch im Tone des Bedauerns. Dann wandte er sich an den Verwalter und sagte: »Nimm meinen Glückwunsch zu solcher Tochter, Keraunus. Ich höre, du mußt auch die Mutter bei ihr vertreten.«

»Leider, Herr! Mein armes Weib sah ihr ähnlich. Seit ihrem Tode führ' ich ein freudloses Leben.«

»Aber ich höre, daß du dich mit dem Sammeln von schönen Seltenheiten ergötzest. Wir teilen diese Neigung. Würdest du dich von dem Becher meines Namensvetters Plutarch trennen? Es soll ein gutes Stück sein, sagt der Kunsthändler Gabinius.«

»Das ist es,« entgegnete der Verwalter mit Stolz. »Ein Geschenk des Kaisers Trajan an den Philosophen. Schön geschnitztes Elfenbein. Ich trenne mich schwer von dieser Perle; aber –« und bei dieser Versicherung senkte er die Stimme – »aber ich bin dir verpflichtet, du nimmst dich meiner Tochter an, und um dir ein Gegengeschenk anzubieten, ver–«

»Davon kann keine Rede sein,« unterbrach ihn Plutarch, der die Menschen kannte und den die geschwollene Art des Verwalters lehrte, daß der Kunsthändler ihn nicht mit Unrecht für einen hochmütigen Mann erklärt hatte. »Du erweisest mir eine Ehre, indem du mir gestattest, das Meine für den Putz unserer Roxane beizutragen. Ich bitte dich, mir den Becher zu senden. Jeden Preis, den du stellst, billige ich natürlich von vornherein.«

Keraunus kämpfte einen Augenblick mit sich selbst.

Hätte er nicht so dringend Geld gebraucht, wäre der Wunsch, einen neuen, ansehnlichen Sklaven hinter sich herschreiten zu sehen, nicht gar so lebendig in ihm gewesen, hätte er darauf bestanden, Plutarch seinen Becher zu schenken; so aber räusperte er sich, schaute zu Boden und sagte verlegen und ohne jede Spur der früheren Sicherheit: »Ich bleibe dein Schuldner, aber du wünschest, wie es scheint, daß wir dies Geschäft nicht mit anderen Dingen vermengen. Wohl denn! Ich bekam für ein Schwert des Antonius, das ich besaß, zweitausend Drachmen . . .«

»Dann hat,« fiel ihm der alte Herr ins Wort, »der Becher Plutarchs, das Geschenk des Trajan, den doppelten Wert, zumal für mich, der ich mit dem großen Manne verwandt war. Darf ich dir viertausend Drachmen für deinen Schatz bieten?«

»Ich wünsche dir gefällig zu sein, und so sage ich ja,« entgegnete der Verwalter würdevoll und drückte Arsinoe, die dicht neben ihm stand, den kleinen Finger. Ihre Hand hatte schon lange die seine berührt, um ihn zu ermahnen, doch bei seiner ersten Absicht zu verbleiben und Plutarch den Becher zu schenken.

Als das ungleiche Paar das Vorgemach verließ, schaute Plutarch ihm schmunzelnd nach und dachte bei sich:

So war's recht. Wie wenig hab' ich im ganzen von meinem Reichtum, wie oft möcht' ich, wenn ich einen rüstigen Lastträger sehe, mit ihm tauschen; aber heute war es doch gut, daß ich habe, so viel ich nur mag. Das reizende Kind! Für die Leute braucht es notwendigerweise ein neues Kleid, seiner Schönheit aber tat das verwaschene Fähnchen wahrlich keinerlei Eintrag, sie gehört ja zu mir; denn ich habe sie in der Fabrik unter den Kleberinnen gesehen – das weiß ich.

Keraunus war mit der Tochter ins Freie gelangt.

Vor der Präfektur konnte er nicht umhin, laut vor sich hin zu kichern, seinem Kinde die Schulter zu streicheln und ihm zuzuraunen:

»Ich sagte dir's ja, Mädchen. Wir werden noch reich, wir kommen wieder empor und brauchen in nichts hinter den anderen Bürgern zurückzustehen.«

»Ja, Vater, aber gerade weil du das glaubst, hättest du doch eigentlich dem alten Herrn den Becher schenken können.«

»Nein,« entgegnete Keraunus. »Geschäft ist Geschäft; aber später zahle ich alles, was er für dich tut, zehnfältig heim – durch mein Bild des Apelles. Frau Julia erhält den mit den beiden geschnittenen Steinen besetzten Schuhriemen, der von einer Sandale Kleopatras stammt.«

Da schlug Arsinoe die Augen nieder; denn sie wußte, wie viel diese Schätze wert waren, und sagte:

»Das können wir ja später bedenken.«

Dann stiegen sie und der Vater in die auf sie wartenden Sänften, ohne die Keraunus schon nicht mehr bestehen zu können meinte, und ließen sich zu dem Garten der Witwe des Pudens tragen.

Die glückselige Träumerei Selenes wurde durch diesen Besuch unterbrochen.

Keraunus benahm sich gegen Frau Hanna mit eisiger Kälte; denn es gereichte ihm zur Befriedigung, ihr seine Verachtung gegen alles, was Christ hieß, fühlbar zu machen.

Als er ihr sein Bedauern aussprach, daß Selene gezwungen worden sei, bei ihr zu bleiben, sagte die Witwe:

»Es geht ihr doch besser hier als auf der Straße.«

Auf die Versicherung des Verwalters, er nehme nichts geschenkt und werde die Pflege seiner Tochter bezahlen, entgegnete Hanna: »Wir tun gern für dein Kind was wir können, und ein anderer lohnt uns dafür.«

»Das wollt' ich mir verbitten!« rief Keraunus entrüstet.

»Wir verstehen uns nicht,« versetzte die Christin freundlich. »Ich meine keinen sterblichen Menschen, und der Lohn den wir erstreben, ist kein Geld und Gut, sondern das frohe Bewußtsein, den Schmerz eines Leidenden gelindert zu haben.«

Keraunus zuckte die Achseln und entfernte sich, nachdem er Selene befohlen hatte, den Arzt zu fragen, wann sie wieder nach Haus gebracht werden dürfe.

»Ich lasse dich keinen Augenblick länger hier, als es not tut,« sagte er so dringend, als gälte es, sie aus einem verpesteten Hause zu entfernen, küßte ihr die Stirn, grüßte Frau Hanna so herablassend, als habe er ihr eben ein Almosen gereicht, und entfernte sich, ohne Selenes Versicherung, sie befinde sich sehr wohl bei der Witwe, zu Ende zu hören.

Der Boden hatte ihm längst unter den Füßen und das Geld in der Tasche gebrannt; besaß er doch Mittel in Fülle, sich einen vortrefflichen neuen Sklaven zu kaufen. Vielleicht reichten sie sogar, wenn er den alten Sebek mit in den Kauf gab, für die Erwerbung eines gut aussehenden Griechen, der seine Kinder im Lesen und Schreiben unterrichten konnte. Auf das Äußere des neuen Hausgenossen wollte er den Hauptaugenmerk richten; wenn er auch geschult war, ließ sich damit der hohe Kaufpreis, den er für ihn zu zahlen gedachte, entschuldigen.

Als sich Keraunus dem Sklavenmarkte näherte, sagte er sich nicht ohne Rührung über sein väterlich gesinntes Herz:

»Alles zu Ehren des Hauses, alles nur für die Kinder!«

Arsinoe blieb seiner Bestimmung gemäß bei Selene. Ihr Vater wollte sie auf dem Heimwege abholen.

Nachdem sich der Verwalter entfernt hatte, verließ Frau Hanna mit Maria die Schwestern; denn sie vermuteten, daß sie den Wunsch hegen müßten, mancherlei ohne Zeugen miteinander zu besprechen.

Sobald beide Mädchen allein waren, sagte Arsinoe:

»Du hast rote Wangen, Selene, und siehst heiter aus, ach, und auch ich, ich bin so glücklich – so glücklich.«

»Weil du die Roxane darstellst?«

»Auch das ist ja schön, und wer hätte noch gestern morgen gedacht, daß wir heute so reich sein würden! Wir wissen gar nicht mehr, wohin mit dem Gelde.«

»Wir?«

»Ja, denn der Vater verkaufte zwei Sachen aus seinem Kram für sechstausend Drachmen.«

»Oh!« rief Selene und klatschte leis in die Hände. »Dann lassen sich doch die dringendsten Schulden bezahlen.«

»Gewiß; aber das ist noch lange nicht alles.«

»Nun?«

»Wo soll ich anfangen? Ach, Selene, das Herz ist mir so voll. Ich bin müde, und doch könnt' ich tanzen und singen und toben heute und die Nacht durch und morgen. Wenn ich an mein Glück denke, braust mir der Kopf, und es wird mir, als müßt' ich mich festhalten, um nicht zu taumeln. Du weißt noch nicht, wie es jemand zumute ist, den der Pfeil des Eros getroffen. Ach, ich liebe Pollux so sehr, und er liebt mich wieder!«

Alles Blut wich bei diesem Bekenntnis aus den Wangen Selenes, und von ihren bleichen Lippen fielen die leise fragenden Worte:

»Pollux, des Euphorion Sohn, der Bildhauer Pollux?«

»Ja, unser lieber, guter, langer Pollux!« rief Arsinoe. »Spitze nur die Ohren und laß dir erzählen, wie dies alles gekommen. – In dieser Nacht auf dem Wege zu dir, gestand er mir, wie sehr er mich liebt, und nun sollst du raten, wie wir den Vater für uns gewinnen. Später sagt er schon ja; denn Pollux kann alles, was er nur will, und wird einmal groß werden, so groß wie Papias und Aristeas und Nealkes zusammengenommen. Den Jungenstreich mit der albernen Fratze . . . aber wie bleich du aussiehst, Selene.«

»Es ist nichts, gar nichts. Ich habe Schmerzen. – Rede nur weiter,« bat Selene.

»Frau Hanna gebot mir, dich nicht viel sprechen zu lassen.«

»Erzähle nur alles – ich bleibe still!«

»Du sahst ja auch den schönen Kopf der Mutter, den er gemacht hat,« hob Arsinoe an. »Ihm gegenüber sahen und sprachen wir uns seit langer Zeit zum erstenmal wieder, und da fühlte ich gleich, daß es einen lieberen Menschen als ihn auf der ganzen Erde, so weit und breit sie ist, gar nicht gebe. Dort vergaffte er sich auch in mich dummes Ding. Gestern abend begleitete er mich zu dir. Als ich nun an seinem Arme in der Nacht durch die Straßen ging, da – da – o Selene, wie das war, wie wunderherrlich; du kannst es nicht glauben! – Tut dir der Fuß sehr weh. Ärmste, du hast ganz feuchte Augen?«

»Weiter – erzähle nur weiter.« Und Arsinoe tat wie ihr geheißen, und ersparte der Unglücklichen nichts, was die Wunde in ihrem Herzen erweitern und vertiefen konnte.

In süßen Erinnerungen schwelgend, beschrieb sie die Stelle auf der Straße, an der Pollux sie zum erstenmal geküßt, die Büsche im Garten, in deren Schatten sie ihm in die Arme gesunken war, ihren beseligenden Gang durch die Mondnacht und die sich zum Feste sammelnden Menschen, und endlich auch, wie sie mit ihm, voll des Gottes, dem Zuge gefolgt und durch die Straßen gerast war. Sie schilderte auch mit Tränen im Auge, wie schwer ihr der Abschied geworden und erzählte lachend, daß ein Efeublatt in ihrem Haar dem Vater beinahe alles verraten.

Sie sprach und sprach, und es lag für sie etwas Berauschendes in der eigenen Rede.

Wie diese auf Selene wirkte, bemerkte sie nicht.

Konnte sie denn wissen, daß ihre Worte und kein anderer Schmerz es waren, die das wehe Zucken um den Mund der Schwester hervorriefen?

Als Arsinoe sodann von den herrlichen Kleidern erzählte, die Frau Julia für sie anfertigen ließ, hörte ihr die Leidende nur mit halbem Ohre zu; doch sie merkte wieder auf, als sie vernahm, wieviel der reiche Plutarch für den Elfenbeinbecher geboten hatte, und daß ihr Vater den alten Sklaven gegen einen anderen, rüstigeren vertauschen wollte.

»Unser guter, schwarzer, mausernder Storch sieht wohl recht struppig aus,« bemerkte Arsinoe; »aber es tut mir doch leid, daß er fort soll. Wärest du zu Hause gewesen, hätte sich der Vater doch vielleicht noch besonnen.«

Selene lachte trocken auf, und die Lippen zogen sich ihr höhnisch zur Seite, während sie ausrief:

»Nur zu, nur so weiter! Dann kommt ihr noch, zwei Tage bevor man euch auf die Straße setzt, zu Wagen und Pferden.«

»Du glaubst immer das Schlimmste,« entgegnete Arsinoe unwillig. »Ich sage dir, es wird alles weit schöner und besser und freundlicher kommen, als wir es erwarten. Sobald wir es reichlicher haben, kaufen wir auch den Alten zurück und füttern ihn, bis er tot ist.«

Die Leidende zuckte die Achseln, ihre Schwester aber sprang mit Tränen im Auge von ihrem Sitze auf.

Sie hatte sich so sehr gefreut, Selene mitzuteilen, wie glücklich sie sei und fest geglaubt, ihre Erzählung werde wie Sonnenschein nach einer finstern Nacht die Seele der Kranken erheitern. Und nun bot sie ihr nichts als bittern Hohn.

Weigert sich ein Freund, unser Glück mit zu genießen, so verletzt das nicht weniger schwer, als wenn er uns im Unglück verläßt.

»Kannst du mir nur eine Freude versalzen!« rief Arsinoe. »Ich weiß ja, daß dir nichts recht ist, was ich tue; aber wir sind doch Schwestern, und du brauchtest nicht die Zähne zusammenzubeißen, die Worte zu sparen und die Achseln zu zucken, wenn ich dir Dinge erzähle, über die sich auch fremde Mädchen, wenn ich sie ihnen anvertraute, mit mir freuen würden. Du bist so kalt und so herzlos! Vielleicht verrätst du mich gar an den Vater!«

Arsinoe vollendete den Satz nicht; denn Selene schaute schmerzlich und ängstlich auf sie hin, als sie zugleich entgegnete:

»Ich kann mich nicht freuen; es tut gar zu weh.«

Bei dieser Klage rannen ihr Tränen über die Wangen, und sobald Arsinoe das sah, empfand sie neues Mitleid mit der Kranken, beugte sich über sie und küßte ihr erst einmal und dann auch ein zweites- und drittesmal die Wange; Selene aber drängte sie von sich und wimmerte leise: »Laß mich, ich bitte dich, laß mich! – Geh hinaus, ich kann es nicht länger ertragen.«

Aufschluchzend wandte sie das Antlitz der Wand zu; Arsinoe versuchte noch einmal, ihr mit Liebesbezeigungen zu nahen; diesmal aber wies die Leidende sie noch heftiger zurück und rief wie verzweifelnd:

»Ich sterbe, wenn du mich nicht allein läßt.«

Da wandte sich die Glückliche, deren beste Gabe von der einzigen Freundin verschmäht ward, weinend der Tür zu, um vor dem Hause der Witwe auf den Vater zu warten.

Hanna sah, als sie neue Umschläge auflegte, Selene an, daß sie geweint hatte; doch sie fragte sie nicht nach dem Grund ihrer Tränen.

Gegen Abend erklärte die Witwe der Pflegebefohlenen, daß sie sie nun auf eine halbe Stunde allein lassen werde; denn sie und Maria wollten fortgehen, um mit den Brüdern und Schwestern auch für sie zu ihrem Gotte zu beten.

»Laßt nur, laßt,« sagte Selene, »wie es ist, so ist es; es gibt keine Götter.«

»Götter?« entgegnete Hanna. »Nein; aber es gibt einen guten, liebreichen Vater im Himmel, und du lernst ihn schon kennen.«

»Ich kenne ihn,« murmelte die Kranke mit schneidendem Spott.

Sobald sie allein war, richtete sie sich in dem Bette auf und warf die Blumen, die vor ihr gelegen hatten, weit in das Zimmer hinein, drehte an der für die Befestigung der Spange bestimmten Nadel so lange, bis sie zerbrach, und rührte keine Hand, als der goldene Reif mit dem geschnittenen Steine zwischen die Wand des Zimmers und das Bett fiel.

Dann starrte sie an die Decke des Gemachs und rührte sich nicht.

Es wurde Nacht.

Die Lilien und Geißblattblüten in dem großen Strauß am Fenster begannen kräftiger zu duften, und der Wohlgeruch, den sie ausströmten, drängte sich unerbittlich ihren von fieberhafter Erregung geschärften Sinnen auf. Bei jedem Atemzug empfand sie ihn, und keine Minute verging, in der er sie nicht an ihr zertrümmertes Glück und an das Elend ihres Herzens erinnert hätte. So ward ihr der süße Odem der Blumen unerträglicher als beißender Rauch, und sie zog die Decke über den Kopf, um dieser neuen Qual zu entgehen. Aber bald befreite sie sich wieder von ihrer Hülle, weil sie unter ihr zu ersticken meinte.

Eine Unruhe ohnegleichen bemächtigte sich ihrer, und dabei hämmerte der Schmerz in ihrem kranken Fuße, die Wunde brannte, und peinigendes Kopfweh pochte an ihre Stirn und kniff die Muskeln über ihrem Auge zusammen.

Jeder Nerv in ihr, jeder Gedanke, den sie hegte, bereitete ihr Qual, und sie fühlte sich dabei ganz haltlos, ganz verwahrlost und völlig preisgegeben lauter grausamen Mächten, die ihr die Seele hin und her rissen wie der Sturm die Kronen der Palmen.

Ohne Tränen, unfähig, an derselben Stelle liegen zu bleiben, und doch für jede Bewegung durch neue Schmerzen bestraft, aus den Fugen gestoßen, nicht stark genug, um in ihrer Zerfahrenheit einen zusammenhängenden Gedanken zu fassen, und doch fest überzeugt, daß der Blumenduft, den sie fort und fort einatmen mußte, sie vergiften, zugrunde richten, um den Verstand bringen würde, hob sie den kranken Fuß aus dem Bette, ließ den anderen folgen und setzte sich auf dem Lager nieder, ohne auf ihre Schmerzen und die Warnung des Arztes zu achten.

Das lange Haar floß ihr aufgelöst über das Angesicht, über die Arme und Hände, mit denen sie das Haupt stützte.

In dieser Stellung gewann die Tätigkeit ihres Geistes und Herzens eine neue Richtung.

Versteinernd war der Blick, mit dem sie auf den Estrich starrte, und bittere Feindseligkeit gegen die Schwester, Haß gegen Pollux, Verachtung vor der elenden Schwäche des Vaters und ihrer eigenen Verblendung trieben miteinander ein wüstes Wechselspiel in ihrer Seele.

Draußen lag alles in stillem Frieden, und von dem Hause der Witwe des Pudens her trug ihr der Abendwind dann und wann die reinen Klänge eines frommen Liedes an das Ohr. Selene beachtete sie nicht; als ihr aber derselbe Hauch den Blumenduft stärker als vorher ins Antlitz wehte, grub sie die Finger fest in das Haar und zog es so kräftig herunter, daß sie über den Schmerz, den sie sich selbst verursachte, laut aufstöhnen mußte.

Die Frage, ob denn ihr Hauptschmuck weniger reich und schön sei als der Arsinoes, drängte sich ihr auf, und wie ein Blitz die Nacht, durchzuckte ihre verdüsterte Seele der Wunsch, mit der Hand, die jetzt ihr selber Schmerzen bereitete, die Schwester an den Haaren zu Boden zu ziehen.

Dieser Duft, dieser entsetzliche Duft!

Sie konnte ihn nicht länger ertragen!

Außer sich stellte sie sich auf den verletzten Fuß und mit kleinen, ganz kleinen Schritten schob sie sich wimmernd dem Fenster entgegen und stürzte den Strauß mitsamt dem großen Kruge von gebranntem Ton, in dem er stand, zu Boden. Das Gefäß zerbrach. Es hatte der armen Hanna vor kurzem mühsam ersparte Geldstücke gekostet.

Auf einem Fuße lehnte Selene, um sich zu erholen, an dem rechten Pfosten der Zimmeröffnung und vernahm hier lauter als auf dem Lager die Stimme der Meereswogen, die sich an dem steinernen Uferbau hinter dem Häuschen ihrer Pflegerin brachen.

Mit diesen Tönen war das Kind der Lochias wohl vertraut; so wie heute hatte indes das Gespüle und der Anschlag des an die Steine klatschenden feuchten und kühlen Elementes noch nie auf sie gewirkt.

Ihr fieberndes Blut glühte, ihr Fuß brannte, der Kopf war heiß, wie in langsamem Feuer verzehrte der Haß ihr die Seele, und es war ihr, als riefe jede neue Welle, die sich an dem Uferbau brach, ihr zu: »Ich bin kalt, ich bin feucht, ich kann die Flammen löschen, die dich verzehren, ich kann dich erquicken und kühlen.«

Was vermochte die Erde ihr zu bieten als neue Qual und neues Elend! Aber das Meer – das blaue, dunkle Meer war groß, kalt und tief, und seine Wogen versprachen ihr mit schmeichelnden Tönen, die Glut des Fiebers und die Last des Lebens mit einem Male von ihr zu nehmen.

Selene bedachte nichts, überlegte nichts, erinnerte sich weder an die Kinder, für die sie so lange wie eine Mutter gesorgt hatte, noch an den Vater, dessen Hüterin und Stütze sie gewesen war; aber dumpfe Stimmen in ihrer Seele raunten ihr zu, daß die Welt schlecht und grausam und eine Stätte der Qual und der Sorgen sei, die das Herz zernagten.

Es war ihr zu Sinne, als wäre sie bis an die Schläfen in einen Feuerpfuhl versunken, und wie eine Unglückliche, deren Gewänder in Flammen gerieten, trieb es sie in das Wasser auf dessen Grunde sie hoffen durfte, ihr höchstes Sehnsuchtsziel zu erreichen, den schönen, kalten Tod, in dem alles vorbei war.

Schwankend und stöhnend schob sie sich durch die Tür in den Garten und hinkte, bei jedem Schritt vorwärts, dem Erliegen nahe, dem Meere entgegen.

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