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Gutenberg > Georg Ebers >

Der Kaiser

Georg Ebers: Der Kaiser - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDer Kaiser
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeFünfter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
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Achtzehntes Kapitel

Selene trat durch das Eingangstor der unabsehbar langen Mauer von ungebrannten Ziegeln, die die weite Fläche umgab, auf der die Höfe, Wasserbehälter und Häuser standen, die zu der großen Papyrusfabrik des Plutarch gehörten, in der sie mit der Schwester zu arbeiten pflegte.

Sonst konnte sie ihr Ziel leicht in einer guten Viertelstunde erreichen, heute hatte sie mehr als viermal so lange gebraucht, und sie wußte selbst nicht, wie es ihr möglich geworden, sich trotz der großen Schmerzen, die sie erlitt, aufrecht zu erhalten und fortzuschreiten, zu hinken, zu taumeln.

An jeden Vorübergehenden hätte sie sich klammern, an jeden langsam dahinfahrenden Wagen, an jedes Lasttier, das an ihr vorbeizog, sich hängen mögen; – aber mitleidslos und ohne auf sie zu achten zogen Mensch und Tier die eigenen Wege.

Mancher Eilige stieß sie und schaute sich kaum um, wenn sie sich mit leisem Gestöhn hinter ihm zusammenzog und sich auf der nächsten Schwelle, einem Prellstein oder Warenballen niederließ, um die Augen zu trocknen oder das hochgeschwollene Fußgelenk leise mit der Handfläche zu drücken. Sie meinte, wenn sie dies tat, mit Hilfe des neuen Schmerzes die alte, gleichmäßige, unerträgliche Pein wenigstens auf Minuten vergessen zu können.

Die Gassenbuben, welche sie mit dem höhnenden »Klipp, klapp!« verfolgt hatten, verließen sie, nachdem sie stetig fortzuwandern aufgehört hatte.

Eine Frau mit einem Kind auf dem Arme fragte sie, als sie sich wieder, um auszuruhen, auf einer Türschwelle niederließ, was ihr fehle, schritt aber weiter, als Selene nur den Kopf schüttelte und ihr die Antwort schuldig blieb.

Einmal glaubte sie erliegen zu müssen; denn der Fußweg füllte sich plötzlich mit lachenden Buben, neugierigen Männern und Frauen. – Der übermütige Verus kam auf seinem Wagen dahergefahren, und auf welchem Wagen!

Die Alexandriner waren gewohnt, viel Seltsames in den belebten Straßen ihrer volkreichen Stadt zu sehen; dies Fuhrwerk zog aber dennoch alle Blicke auf sich und erregte, wo es erschien, Erstaunen, Bewunderung, Heiterkeit und nicht am seltensten bitteren Spott.

Mitten auf dem vergoldeten Wagen stand der schöne Römer und lenkte vier breitgespannte Schimmel mit eigener Hand. Auf dem Kopfe trug er einen Kranz, schräg über die Brust hin zog sich eine Rosengirlande. Auf dem Trittbrette des Wagens saßen zwei reizende, als Amoretten aufgeputzte Kinder. Ihre Beinchen schaukelten sich in der Luft, und in den kleinen Händen hielten sie an langen goldenen Drähten weiße Tauben, die dem Gespanne voranflatterten.

Die einander drängende und treibende Menge stieß Selene schonungslos an eine Wand.

Statt dem seltsamen Aufzuge nachzuschauen, bedeckte sie, um ihre Züge ungesehen schmerzlich verziehen zu können, das Angesicht mit den Händen. Aber sie hatte doch den glänzenden Wagen, das goldene Geschirr der Schimmel und die Gestalt des übermütigen Mannes wie ein Traumbild, das ihr Schmerz dunkel umschleierte, an ihr vorübergleiten sehen, und dieser Anblick erweckte in ihrer von Pein und Jammer halb gelähmten Seele bittere Abneigung und den Gedanken, daß die Pferdezäume dieses Verschwenders genügen würden, sie und die Ihren ein ganzes Jahr lang vor Elend zu schützen.

Als das Fuhrwerk um die nächste Straßenecke bog und die Menge ihm nacheilte, wäre sie beinahe zu Boden gerissen worden. Sie konnte nicht mehr weiter und sah sich nach einer Sänfte um; aber während es hier sonst niemals an Tragsesseln fehlte, wollte heute keiner erscheinen.

Mit einigen hundert Schritten war die Fabrik zu erreichen, aber diese nahmen in ihrer Vorstellung die Länge vieler Stadien an.

Da kamen einige Arbeiter und Arbeiterinnen aus der Fabrik an ihr vorüber.

Sie lachten und zeigten einander ihren Lohn.

Die Geldverteilung war also schon in vollem Gange.

Ein Blick nach dem Stande der Sonne lehrte sie, wie lange sie schon unterwegs sei, und erinnerte sie wieder an den Zweck ihres Ausganges.

Mit einem gewaltsamen Aufgebot ihrer Widerstandskraft hinkte sie einige Schritte weiter. Als ihr dann der Mut von neuem zu erlahmen begann, kam ihr ein kleines Mädchen entgegengelaufen, das für den Tisch, an dem sie und Arsinoe zu arbeiten pflegten, Handlangerdienste leistete und jetzt einen Henkelkrug trug. Sie rief die kleine braune Ägypterin zu sich heran und sagte:

»Bitte, Hathor, komm mit mir bis zur Fabrik zurück. Ich kann nicht mehr weiter, so schrecklich weh tut mir der Fuß da. Wenn ich mich etwas auf deine Schulter stütze, dann geht es schon besser.«

»Ich mag nicht,« rief das Kind. »Wenn ich bald zurück bin, so bekomme ich Datteln.« Dabei lief es weiter.

Selene blickte ihm nach, und eine Stimme in ihrem Innern, gegen die sie heute nicht zum ersten Male anzukämpfen hatte, fragte sie, warum denn gerade sie sich für andere quäle, da doch die übrigen Menschen nur immer an sich selbst dächten.

Seufzend unternahm sie einen neuen Versuch, vorwärts zu kommen.

Als sie wenige Schritte zurückgelegt hatte, ohne das, was an ihr vorbeikam, zu sehen oder zu hören, rief ein Mädchen sie an und fragte sie schüchtern und freundlich, was ihr fehle.

Es war eine Blattkleberin, die ihr in der Fabrik gegenüber zu sitzen pflegte, ein armes, verwachsenes Geschöpf, das aber stets heiter und still die geschickten Finger regte und ihr und Arsinoe anfänglich manchen nützlichen Handgriff gezeigt hatte.

Jetzt bot die Arbeiterin ungebeten Selene die schiefe Schulter zur Stütze und richtete jeden ihrer Schritte mit so feinem Gefühl nach denen der Leidenden, als ob sie alles, was dieser weh tat, mit ihr empfinde. So gelangten beide, ohne miteinander zu reden, bis zum Tore der Fabrik.

In dem ersten Hofe nötigte die Verwachsene Selene, sich auf ein Bündel von Papyrusstengeln zu setzen, die überall neben großen Wasserbehältern, in denen die Pflanzen aufgefrischt wurden, nach ihrer Heimat geordnet und zu hohen Haufen aufgetürmt, nebeneinander lagen.

Nach kurzer Rast durchschritten sie den Saal, in dem die dreikantigen grünen Stengel nach der Güte des weichen Markes, das sie enthielten, ausgesucht wurden.

Die folgenden Räume, in denen Männer die grüne Schale der Stengel von den weichen inneren Geweben ablösten, und die langen Säle, in denen besonders geschickte Arbeiter das Mark mit scharfen Messern in lange, fingerbreite, feuchte Streifen von verschiedener Feinheit zerspalteten, schienen ihr, je weiter sie ging, desto länger zu werden und gar nicht aufhören zu wollen.

Sonst saßen hier zur Rechten und Linken eines breiten Ganges, den die Sklaven benützten, wenn sie die fertigen Lamellen ins Trockenhaus trugen, die Markspalter in langen Reihen, jeder für sich an seinem Tischchen; heute aber hatten die meisten schon die Plätze verlassen und standen plaudernd beieinander oder packten die hölzernen Schraubstöcke, Messer und Schleifsteine zusammen.

In der Mitte dieses Raumes sank die Hand Selenes von der Schulter der Begleiterin. Ein Schwindel erfaßte sie und leise klang es ihr von den Lippen:

»Ich kann nicht mehr.«

Die Verwachsene hielt sie aufrecht, so gut sie konnte. Obgleich sie selbst nicht stark war, gelang es ihr dennoch, Selene bis zu einer leeren Bank mehr zu tragen als zu führen, und sie auf ihr niederzulassen.

Einige Arbeiter scharten sich um die zusammengesunkene Ohnmächtige und brachten Wasser herbei. Als die Leidende die Augen endlich wieder aufschlug und sie erfuhren, daß sie in diejenigen Räume gehörte, in denen man die fertigen Papyrusblätter aneinander klebte, erboten sich einige, sie dahin zu tragen.

Ehe Selenes Zustimmung erfolgt war, hatten sie die Bank ergriffen und mit ihrer leichten Last hochgehoben. Das verletzte Glied hing nun in der Luft und verursachte der Leidenden solchen Schmerz, daß sie aufschrie, den kranken Fuß an sich zu ziehen versuchte und mit der Hand nach dem Knöchel griff. Ihre Begleiterin lieh ihr sogleich Hilfe; denn sie nahm ungebeten Selenes Fuß in die Hand und stützte ihn mit zarter, vorsichtiger Sorgfalt.

Aller Augen richteten sich auf das wie im Triumph von Männern getragene, hoch in der Luft schwebende Mädchen. Die Leidende fühlte dies; es war ihr aber dabei zumute, als sei sie eine Verbrecherin, die man durch die Straßen führte, um den Bürgern ihre Schande zu zeigen.

In den großen Räumen, woselbst hier Männer, dort gut geübte und besonders geschickte Mädchen und Frauen die getrockneten schmalen Papyrusstreifen kreuzweise zu Bogen übereinander klebten, fühlte sie sich kräftig genug, um den Schleier fest um ihr tief geneigtes Antlitz zu ziehen.

Arsinoe und sie selbst hatten stets, um unerkannt zu bleiben, dicht verschleiert diese Räume durchschritten, und nur in dem kleinen Zimmer, in dem sie mit zwanzig anderen Frauen fertige Bogen zusammenklebten, die Hüllen abgelegt.

Jetzt sahen alle sie prüfend und neugierig an.

Gewiß, ihr Fuß tat ihr weh, gewiß brannte ihr die Wunde am Haupte, gewiß fühlte sie sich elend; dennoch aber fand der Bettelstolz, den sie vom Vater geerbt hatte, und das herabsetzende Bewußtsein, von diesen geringen Leuten für eine der Ihren gehalten zu werden, Raum genug in ihrer Seele.

In ihrem Arbeitszimmer waren nur freie Frauen tätig; aber mehr als tausend Sklaven rührten in der Fabrik die Hände, und sie hätte ebenso gern mit Tieren aus einer Schüssel gegessen, als mit diesen etwas geteilt.

Zu einer Zeit, in der es in ihrem Hause an allem gebrach, hatte ihr eigener Vater ihr Auge auf die Fabrik gerichtet, indem er entrüstet erzählte, daß die Töchter eines verarmten Bürgers sich und ihren ganzen Stand erniedrigten, indem sie sich, um Geld zu verdienen, mit Papyrusmacherei abgäben.

Sie würden freilich gut genug bezahlt, und auf Selenes Frage hatte er die Höhe des Lohnes angegeben, den sie erhielten, und den Namen des reichen Fabrikanten genannt, der ihnen mit seinem Golde die bürgerliche Ehre abgekauft habe.

Bald darauf war sie allein in die Fabrik gegangen, hatte mit ihrem Leiter alles Nötige besprochen und dann mit Arsinoe die Tätigkeit in der Werkstätte begonnen, in der beide nun schon seit zwei Jahren Tag für Tag mehrere Stunden fertige Papyrusblätter zusammenklebten.

Wie oft hatte Arsinoe beim Beginn einer neuen Woche oder wenn sich besonderer Widerwille gegen die Arbeit in ihr regte, sich geweigert, ihr von neuem in die Fabrik zu folgen, und wieviel Überredungskunst hatte sie aufbieten, wieviele neue Bänder kaufen, wie oft die Teilnahme an einer Schaustellung bewilligen müssen, deren Besuch die Hälfte eines ganzen Wochenlohnes verschlang, um Arsinoe zu bewegen, bei der Arbeit auszuharren und die Drohung, dem Vater zu verraten, wohin sie ihre sogenannten Spaziergänge richteten, unausgeführt zu lassen.

Als Selene, die bis an die Tür der Werkstätte getragen worden war, wieder auf dem gewöhnlichen Arbeitsschemel und vor dem langen Klebebrette saß, auf dem hundert fertige Papyrusblätter zusammengefügt werden sollten, fühlte sie sich kaum fähig, die Hülle vom Gesichte zu entfernen.

Den obersten Bogen zog sie vor sich hin, tauchte den Pinsel in das Gummigefäß und begann den Rand des Blattes mit dem Klebestoffe zu bestreichen – aber mitten bei dieser Arbeit versagte ihr die Kraft, und das leichte Werkzeug entfiel ihren Fingern. Entmutigt legte sie die Hände auf den Tisch, das Gesicht in die Hände und begann leise zu weinen.

Während ihre Tränen langsam flossen, die Schultern ihr zuckten und Schauer auf Schauer ihr den jungen Leib schüttelte, hatte eine Frau, die Selene gegenübersaß, die Verwachsene zu sich herangerufen und leise mit ihr geflüstert, ihr dann die Hand fest und innig gedrückt und ihr mit den großen, völlig glutlosen, aber rein und hell glänzenden Augen ins Antlitz geschaut.

Darauf setzte sich die Verwachsene schweigend auf den leeren Platz Arsinoes neben Selene und schob der Frau die kleinere Hälfte der vor ihr liegenden Blätter zu. Dann begannen beide emsig zu kleben.

Sie hatten sich schon lange dieser Arbeit hingegeben, als Selene endlich das Haupt erhob und von neuem den Pinsel zu ergreifen versuchte. Sie schaute sich um und sah ihre Begleiterin, der sie nicht einmal Dank für ihre Hilfe gesagt hatte, auf Arsinoes Platz eifrig die Hände regen.

Fragend schaute sie mit den immer noch feuchten Augen die Nachbarin an, und als diese, ganz von der Arbeit in Anspruch genommen, den Blick der Leidenden nicht bemerkte, sagte Selene mehr verwundert als freundlich:

»Das ist meiner Schwester Platz. Heute magst du ihn benützen; wenn aber die Fabrik wieder auf ist, muß sie wieder neben mir sitzen.«

»Ich weiß, ich weiß,« entgegnete die Arbeiterin schüchtern. »Ich mache da nur eure Bogen fertig; denn ich habe nichts mehr zu tun, und man sieht dir ja an, wie weh dir dein Fuß tut.«

Was hier geschah, war für Selene etwas so Fremdes und Neues, daß sie die Nachbarin nicht verstand und, die Achsel zuckend, entgegnete:

»Meinethalben verdiene dir, so viel du kannst; ich bringe heut doch nichts zustande.«

Die Verwachsene errötete und blickte die ihr gegenübersitzende Frau unschlüssig an. Diese legte sogleich den Pinsel aus der Hand und sagte, indem sie sich an Selene wandte:

»So meint es Maria nicht, liebes Kind. Sie übernahm die eine Hälfte deiner Tagesarbeit und ich die andere fertig zu machen, damit dein Leiden dich nicht um den Tagelohn bringe.«

»Seh' ich so arm aus?« fragte die Tochter des Keraunus, und lichtes Rot färbte ihr die blassen Züge.

»Gewiß nicht, Kind,« entgegnete die Frau. »Du und deine Schwester, ihr seid bestimmt aus einem guten Hause; aber gönn' uns doch die Freude, dir behilflich zu sein!«

»Ich weiß nicht . . .« stammelte Selene.

»Wenn du sähest, daß es mir schwer fiele, mich zu bücken, und der Wind wehte die Blätter hier auf den Boden, würdest du sie nicht gern für mich aufheben?« fragte die Frau. »Was wir hier für dich tun, ist nicht weniger und auch nicht viel mehr. In einigen Minuten sind wir fertig, und dann können wir den anderen folgen. Ich bin eure Aufseherin, wie du weißt, und muß ohnehin hierbleiben, bis die letzte von euch Kleberinnen die Werkstätte verläßt.«

Selene fühlte wohl, daß sie für die Freundlichkeit, die diese beiden Frauen ihr erwiesen, dankbar zu sein habe, und doch wollte sie ihr vorkommen wie ein Almosen, das man ihr aufdrang. Darum versetzte sie rasch und immer noch mit zartem Rot auf den Wangen:

»Ich bin sehr erkenntlich für euren guten Willen, gewiß sehr erkenntlich; hier aber arbeitet doch jede für sich, und es würde sich nicht für mich schicken, mir von euch schenken zu lassen, was ihr euch verdient habt.«

Diese Zurückweisung war dem Mädchen mit einer von Hochmut keineswegs freien Entschiedenheit von den Lippen geklungen; doch sie trübte nicht die gütige Ruhe der Frau, die die Arbeiterinnen »Witwe Hanna« zu nennen pflegten, und die nun, den ruhigen Blick der großen Augen auf Selene richtend, freundlich erwiderte:

»Wir haben gern für dich gearbeitet, liebe Tochter, und ein göttlicher Weiser sagte, Geben sei seliger denn Nehmen. Verstehst du, was das bedeutet? In unserem Falle will es sagen, daß es gute Menschen weit glücklicher macht, sich gefällig zu erweisen, als von anderen gute Gaben zu empfangen. Du sagst ja, du wärest uns erkenntlich. Willst du uns nun unsere Freude verderben?«

»Ich begreife nicht recht . . .« entgegnete Selene.

»Nicht?« unterbrach sie die Witwe Hanna. »So versuche es nur einmal, dich selbst gegen andere mit recht herzlicher Liebe gefällig zu erweisen, und du wirst sehen, wie gut das tut, wie das die Brust erweitert und jede Mühe in Lust verwandelt. Nicht wahr, Maria, wir wollen Selene recht innig danken, wenn sie uns die Freude nicht trübt, für sie die Hände zu regen?«

»Ich hab' es so gern getan,« versicherte die andere, »und da bin ich fertig.«

»Und ich auch,« sagte die Witwe, indem sie das letzte Blatt mit einem Tuch auf den Nachbar drückte und dann die von ihr vollendeten Streifen mit denen Marias vereinte.

»Ich danke euch sehr,« murmelte Selene mit niedergeschlagenen Augen und erhob sich von dem Sessel. Dabei versuchte sie, sich auch ihres kranken Fußes als Stütze zu bedienen; dies verursachte ihr indes solchen Schmerz, daß sie mit einem leisen Aufschrei wieder auf den Stuhl zurücksank.

Die Witwe eilte sogleich ihr an die Seite, kniete neben ihr nieder, nahm den verletzten Fuß mit zarter Behutsamkeit in die wohlgebildeten, schmalen Hände, betrachtete ihn aufmerksam, befühlte ihn leise und rief dann entsetzt vor sich hin:

»Mein Heiland! Mit diesem Fuß ist sie über die Straße gegangen?« Dann erhob sie das Antlitz zu Selene und sagte liebreich:

»Armes, armes Kind! Was mußt du leiden! Wie das geschwollene Fleisch die Sandalenriemen umgibt. Es ist schrecklich! Und doch! Wohnst du weit von hier?«

»Ich komme in einer halben Stunde nach Hause.«

»Unmöglich! Laß mich erst auf meiner Tafel nachsehen, was du von dem Zahlmeister zu fordern hast, damit ich es hole, und dann wird sich schon finden, was sich für dich tun läßt. Du bleibst indessen still sitzen, liebe Tochter, und du, Maria, stellst ihr einen Schemel unter die Füße und lösest ihr vorsichtig die Riemen vom Knöchel. Fürchte dich nicht, Kind, sie hat weiche, pflegsame Hände.«

Mit dieser Versicherung erhob sie sich und küßte die Stirn und beide Augen Selenes; diese aber hielt sie fest und sagte mit feuchtem Blick und vor Rührung zitternder Stimme nichts als:

»Frau Hanna, liebe Frau Hanna.«

Wie an einem Oktobertage warmer Sonnenschein den Wanderer an den vergangenen Sommer zu denken veranlaßt, so erinnerte das Sein und Tun der Witwe Selene an die lang entbehrte Liebe und Sorgfalt der verstorbenen Mutter. In die Bitterkeit ihres Schmerzes mischte sich etwas wohltuend Süßes. Dankbar nickte sie der Witwe zu und blieb folgsam auf ihrem Sessel sitzen. Es tat ihr so gut, wieder einmal gehorchen, gern gehorchen, sich Kind fühlen und für liebreiche Sorgfalt Dank empfinden zu dürfen.

Die Witwe entfernte sich, und Maria ließ sich vor Selene auf ein Knie nieder, um die Riemen, die von den angeschwollenen Muskeln halb verdeckt wurden, zu lockern und zu beseitigen. Sie tat es mit großer Behutsamkeit; sobald ihre Finger aber sie nur berührten, zuckte die Leidende ächzend zusammen und sank in Ohnmacht, bevor die Verwachsene die Riemen gelöst.

Maria brachte Wasser und kühlte ihr die Stirn und die heiße Kopfwunde. Nachdem Selene wieder die Augen aufgeschlagen hatte, kehrte Frau Hanna zurück. Als die Witwe ihr über das volle, weiche Haar strich, lächelte die Kranke und fragte leise:

»Hab' ich geschlafen?«

»Du hattest die Augen geschlossen, liebes Kind,« entgegnete die Aufseherin. »Hier hab' ich deinen und den Lohn deiner Schwester für zwölf Tage. Rühre dich nicht; ich stecke ihn in dein Täschchen. Maria ist mit der Lösung des Schuhes nicht zustande gekommen, gleich aber wird der Arzt, den die Fabrik für ihre Leute hält, hier sein und für den armen Fuß da gute Dinge verordnen. Der Obervorsteher läßt auch eine Sänfte für dich herrichten. Wo wohnt ihr?«

»Wir?« fragte Selene erschreckt. »Nein, nein, ich gehe nach Hause.«

»Aber, liebes Kind, du kämest nicht bis über die Schwelle dort, auch wenn wir beide dich führten.«

»So laß mir eine Sänfte von der Straße holen. Mein Vater – es braucht niemand zu wissen! – Ich kann nicht.«

Frau Hanna winkte Maria, sich zu entfernen. Als sich die Tür hinter der Verwachsenen geschlossen hatte, nahm sie einen Sessel, setzte sich Selene gegenüber, legte die Hand auf das gesunde Knie der Leidenden und sagte:

»Nun sind wir allein, liebes Mädchen. Ich bin nicht schwatzhaft und werde dein Vertrauen gewiß nicht mißbrauchen. Sage mir ruhig, wohin du gehörst. Nicht wahr? Du glaubst mir, daß ich es gut mit dir meine!«

»Ja,« entgegnete Selene innig und schaute der Witwe in das von völlig schlichtem braunem Haar umrahmte, sehr ebenmäßig geschnittene Antlitz, das auf jedem seiner Züge den Stempel freundlicher Herzensgüte trug. »Ja, du erinnerst mich sogar an meine Mutter.«

»Die könnt' ich auch sein,« entgegnete Hanna.

»Ich bin schon neunzehn Jahre alt.«

»Schon?« lächelte Hanna. »Mein Leben, liebes Mädchen, währt doppelt so lang wie das deine. Ich besaß auch ein Kind, einen Sohn, und der ward mir genommen, als er noch klein war. Jetzt wär' er um ein Jahr älter als du, meine Tochter; hast du noch eine Mutter?«

»Nein,« entgegnete Selene mit der alten, ihr zur Gewohnheit gewordenen Herbheit. »Die Götter entrissen sie uns. Sie wäre jetzt wie du, noch nicht vierzig Jahre alt, und sie war so schön und freundlich wie du. Als sie starb, hinterließ sie außer mir noch sieben andere Kinder, alle klein, und darunter eines, das blind ist. Ich bin die älteste und tue für sie, was ich kann, damit sie nicht verkommen.«

»Gott wird dir bei dieser schönen Aufgabe helfen.«

»Die Götter?« rief Selene bitter. »Sie lassen sie wachsen; das andere hab' ich allein zu besorgen. Oh, mein Fuß, mein Fuß!«

»Wir wollen auch jetzt vor allen Dingen an ihn denken. Dein Vater ist am Leben?«

»Ja.«

»Und er darf nicht wissen, daß du hier arbeitest?«

Selene schüttelte verneinend das Haupt.

»Er ist unvermögend, doch von vornehmer Herkunft?«

»Ja.«

»Ich glaube, da kommt der Arzt. Nun? Soll ich den Namen deines Vaters nicht wissen? Es wird doch nötig sein, dich nach Hause zu schaffen.«

»Ich bin die Tochter des Palastverwalters Keraunus, und unser Quartier befindet sich im Schloß auf der Lochias,« entgegnete Selene mit einem raschem Entschluß, doch leise flüsternd, damit der Arzt, der die Tür des Gemachs öffnete, sie nicht verstehe. »Niemand, und mein Vater am letzten, darf wissen, was wir hier tun.«

Die Witwe winkte ihr beruhigend zu, begrüßte den ergrauten Heilkünstler, der mit seinem Gehilfen die Werkstätte betreten hatte, führte ihn zu der Kranken, kühlte mit einem nassen Tuch die Stirn und Wunde des Mädchens, stützte es mit den Armen und küßte ihm, wenn der Schmerz es zu übermannen drohte, die Wangen, während der Alte das kranke Glied untersuchte und mit einer scharfen Schere die Riemen von dem verletzten Knöchel schnitt.

Manches aus tiefster Brust kommende Stöhnen, mancher jähe Aufschrei verriet, wie überwältigend groß der Schmerz war, den Selene ausstand.

Als endlich ihr zarter, schön gebauter, nun aber infolge der hohen Geschwulst entstellter Fuß von den Banden befreit war und ihr Knöchel den Druck der prüfenden Finger des Arztes überstanden hatte, rief dieser, indem er sich an den Gehilfen wandte, der ihm Beistand leistete:

»Sieh her, Hippolyt! Mit diesem Ding da ist das Mädchen über die Straße gegangen. Wenn ein anderer mir von diesem Falle erzählte, würde ich ihm sagen, er möge solche Lüge für sich behalten. Die Fibula am Gelenk ist entzwei, und mit dem gebrochenen Gliede ist das Kind weiter gelaufen, als ich mir außerhalb meiner Sänfte zu kommen getraue. Beim Hunde, Mädchen, wenn du nicht zeitlebens lahm bleibst, ist es ein Wunder.«

Selene hörte mit geschlossenen Augen und zum Verlöschen matt dem Arzte zu. Bei den letzten Worten zuckte sie leise und mit einem verächtlichen Zug auf den Lippen die Achsel.

»Du machst dir nichts aus dem Hinken?« fragte der Alte, dessen scharfen Augen nichts an der Patientin entging. »Das ist deine Sache – meine aber ist es, zu verhüten, daß du unter meinen Händen zum Krüppel wirst. Die Gelegenheit, ein Wunder zu verrichten, wird unsereinem nicht alle Tage geboten, und zum Glück stellst du mir selbst einen tüchtigen Helfer zur Seite: keinen Liebsten oder dergleichen, mein' ich, obgleich du nichtswürdig hübsch bist, sondern deine schöne, schöne, heilkräftige Jugend. Das Loch im Kopfe ist auch heißer als nötig. Kühlt es gehörig mit frischem Wasser. Wo wohnst du, Mädchen?«

»Fast eine halbe Stunde von hier,« nahm Frau Hanna für Selene das Wort.

»So weit kann man sie jetzt selbst auf einer Sänfte nicht tragen,« entgegnete der Alte.

»Ich muß nach Hause!« rief Selene entschieden, indem sie sich hoch aufzurichten versuchte.

»Unsinn!« rief der Arzt. »Ich möchte mir auch solche Bewegungen verbitten. Still liegen, aushalten, gehorsam sein, sonst nimmt der schlechte Spaß noch ein nichtswürdiges Ende. Das Fieber hat schon begonnen, und heut abend kommt es noch besser. Es hat mit dem Bein nichts zu schaffen, aber desto mehr mit der entzündeten Wunde am Kopfe.«

»Ging' es vielleicht,« fuhr er, indem er sich an Frau Hanna wandte, fort, »hier ein Lager zurechtzumachen, auf dem sie liegen bleiben könnte, bis man die Fabrik wieder öffnet?«

»Lieber geh' ich zugrunde!« schrie Selene auf und versuchte dem Arzte den Fuß zu entziehen.

»Stille, stille nur, liebes Kind,« bat die Witwe beruhigend. »Ich weiß schon, wohin wir dich bringen. Mein Haus liegt im Garten der Frau Paulina, der Witwe des Pudens, hier neben, hart am Meere, kaum tausend Schritte von hier, und an einem weichen Lager und sorgsamer Pflege wird es dir da nicht fehlen. Eine gute Sänfte steht bereit, und ich sollte doch meinen« . . .

»Ist immer noch ein Stück Weges,« entgegnete der Alte; »aber freilich, besser als bei dir kann sie nirgends bewahrt sein, Frau Hanna. Versuchen wir's denn, und ich begleite sie, um den vermaledeiten Trägern die Schienbeine zu zerschlagen, wenn sie nicht gleichmäßig schreiten.«

Selene widersprach dieser Anordnung nicht und nahm den Trank willig ein, den der Alte ihr reichte; aber sie weinte leise, als man sie in die Sänfte setzte und ihr den Fuß sorgfältig mit Kissen unterstützte.

Auf der Straße, wohin sie durch eine Nebenpforte gelangte, umschleierte sich ihr das Bewußtsein von neuem, und halb wachend, halb wie im Traum hörte sie die Stimme des Arztes, der die Träger zur Vorsicht mahnte, sah sie auf der Straße die an ihr vorüberziehenden Leute, Reiter und Wagen. Dann bemerkte sie, daß man sie durch einen großen Garten trug, und endlich ahnte sie dunkel, daß man sie auf ein Bett legte.

Von nun an beherrschten ihr Träume die Seele, daß aber die Wirklichkeit ihr Anrecht an sie nicht völlig verloren, bewies manches schmerzliche Zucken im Gesicht und dann und wann eine schnelle Bewegung ihrer Hand, die nach dem verwundeten Haupte griff.

An ihrem Lager saß Frau Hanna und handelte genau nach der Verordnung des Arztes, der die Kranke erst verließ, nachdem er sich mit dem Bett und ihrer Lage auf ihm völlig einverstanden erklären konnte.

Maria saß neben der Witwe und half ihr Umschläge anfeuchten und aus altem Leinenzeug Binden schneiden.

Als Selene ruhiger zu atmen begann, winkte Frau Hanna die Helferin ganz nahe zu sich heran und fragte leise:

»Kannst du bis morgen früh hier bleiben? Wir müssen einander in der Pflege ablösen; denn es gibt vielleicht viele Nächte zu wachen. Wie heiß sich die Kopfwunde anfühlt!«

»Ja; nur muß ich es der Mutter sagen, damit sie sich nicht ängstigt.«

»Gut; und dann magst du noch einen zweiten Gang übernehmen; denn ich kann jetzt das arme Kind nicht verlassen.«

»Ihre Angehörigen werden besorgt sein.«

»Zu ihnen sollst du eben gehen; aber niemand außer uns beiden darf erfahren, wer sie ist. Frage nach Selenes Schwester und erzähle ihr, was geschehen ist. Findest du ihren Vater, so sage ihm, ich pflegte seine Tochter und der Arzt verböte ihr streng, zu gehen oder sich zu tragen zu lassen. Er darf nicht wissen, daß Selene zu unseren Arbeiterinnen gehört; erwähne also vor ihm die Fabrik mit keinem Wort. Findest du weder Arsinoe noch den Vater zu Hause, so sage nur dem, der dir öffnet, ich hätte die Kranke bei mir aufgenommen und täte es gern. Von unserer Werkstätte, hörst du, wird nicht geredet. Und noch eins: das arme Mädchen wäre gewiß nicht trotz seiner Schmerzen in die Fabrik gegangen, wenn die Ihrigen ihren Lohn nicht sehr nötig hätten. Gib ihnen diese Drachmen und sage; wie es ja wahr ist, wir hätten sie bei Selene gefunden.«

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