Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Ebers >

Der Kaiser

Georg Ebers: Der Kaiser - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDer Kaiser
seriesGeorg Ebers - Ausgewählte Werke
volumeFünfter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20140408
senderwww.gaga.net
created20071117
projectid60fc0df8
Schließen

Navigation:

Dreizehntes Kapitel

Nicht weniger schlaflos als für den Sklaven war auch für des Palastverwalters Keraunus Tochter Selene diese Nacht vergangen.

Der eitle Wunsch ihres Vaters, Arsinoe mit den reichen Bürgerstöchtern an den für den Kaiser zu veranstaltenden Schaustellungen teilnehmen zu lassen, erfüllte ihr das Herz mit neuer Angst.

Das war der entscheidende Schlag, der das auf schwankendem Grunde stehende Gebäude ihres Scheinlebens einreißen und die Ihren und mit ihnen sie selbst in Schande und Not stürzen mußte.

Wenn das letzte Stück von einigem Werte verkauft war und die Gläubiger sich gerade während der Anwesenheit des Kaisers nicht länger zurückhalten ließen und ihren Vater auszupfänden oder ins Schuldgefängnis abzuführen kamen, war es dann nicht so gut wie gewiß, daß ein anderer seine Stelle erhielt und sie mit ihren Geschwistern dem Elend anheimfiel?

Da lag Arsinoe neben ihr und schlief mit so ruhigen, tiefen Atemzügen wie der blinde Helios und die anderen Kleinen.

Vor dem Zubettegehen hatte sie das unbesonnene Mädchen so innig und beredt, wie sie nur konnte, zu überreden versucht, gebeten und angefleht, ebenso, wie sie es getan, dem Vater bestimmt zu erklären, keinen Teil an den bevorstehenden Aufzügen zu nehmen; Arsinoe aber hatte sie zuerst unwillig zurückgewiesen, dann geweint und zuletzt trotzig erklärt, es würde sich doch vielleicht noch Rat finden, und was der Vater erlaube, das habe sie, Selene, kein Recht, ihr zu verkümmern oder gar zu verbieten. Als sie später Arsinoe so ruhig an ihrer Seite schlafen sah, hätte sie sie am liebsten aufgerüttelt; doch war sie gewohnt, alle Sorgen des Hauses allein zu tragen und von ihrer Schwester unwillig abgewiesen zu werden, wenn sie es versuchte, sie zu ermahnen, daß sie es unterließ.

Arsinoe hatte ein gutes, weiches Herz; aber sie war jung und schön und eitel.

Mit zärtlichem Zureden wäre alles von ihr zu gewinnen gewesen; aber Selene ließ sie bei jeder Mahnung die Überlegenheit fühlen, die ihr ihre Sorge für die Familie und ihr gereifteres Wesen verliehen.

So verging denn kein Tag, an dem es unter diesen so verschiedenen und doch gutgesinnten Schwestern nicht zu Zank und Tränen gekommen wäre.

Arsinoe war immer die erste, die zur Versöhnung die Hand bot, aber Selene hatte für ihre freundlichsten Worte selten ein liebevolleres Wort als ein »Laß nur« oder »Ich weiß schon«.

Ihr äußerer Verkehr trug den Stempel einer Lieblosigkeit, die sich bis zu feindselig klingenden Worten zu steigern vermochte.

Hundertmal gingen sie, ohne einander »Gute Nacht« zu wünschen, ins Bett, und öfter noch sparten sie den Morgengruß, wenn sie einander zum erstenmal in der Frühe begegneten.

Arsinoe sprach gern, aber in Selenes Gegenwart wurde sie schweigsam; Selene fand an wenigen Dingen Freude, die die Jugend ergötzten, ihre Schwester an allen.

Die älteste Tochter des Verwalters sorgte für den Bedarf des Lebens der Kinder, ihre Kost und Kleider, die zweite für ihr Spiel und die Puppen. Jene bewachte und unterwies sie mit ängstlicher Sorge, indem sie in jeder kleinen Unart den Keim zu künftigen schlimmen Neigungen sah, diese verlockte sie zu Torheiten, aber öffnete ihr Gemüt dem Frohsinn und erreichte durch Küsse und gute Worte weit mehr als Selene durch Tadel. Selene mußte die Kleinen mehrmals rufen, wenn sie etwas von ihnen verlangte, auf Arsinoe liefen sie zu, sobald sie sie erblickten. Ihr gehörten die Herzen der Kinder, und das empfand Selene bitter und wollte ihr ungerecht erscheinen; denn sie sah, daß die Schwester durch Tändeleien in müßigen Stunden süßeren Lohn gewann, als sie durch Sorge, Mühe und schwere Arbeit, mit der sie sich oft die Nächte verdarb.

Aber Kinder sind so ungerecht nicht.

Freilich zahlen sie nur mit dem Herzen und nicht mit dem Kopfe. Wer ihnen die wärmere Liebe reicht, dem erstatten sie sie redlich zurück.

In dieser Nacht waren es sicher wenig schwesterliche Gefühle, mit denen Selene auf die schlummernde Arsinoe blickte, und die Worte, mit denen diese entschlummert war, hatten recht unfreundlich geklungen. Aber darum fühlten beide doch warm füreinander, und wer es versucht hätte, die eine vor der anderen auch nur mit einem Worte anzugreifen, der würde bald erfahren haben, wie ein inniges Band diese beiden so verschieden gearteten Herzen verknüpfte.

Völlig schlaflos verbringt kein neunzehnjähriges Mädchen die Nacht, wie sorgenvoll es sich auch auf dem Lager wendet und umherwirft.

Auch Selene übermannte auf Viertelstunden der Schlummer, und jedesmal träumte ihr dann von der Schwester.

Einmal sah sie Arsinoe als Königin aufgeputzt und von Bettelkindern mit häßlichen Worten verfolgt. Dann erblickte sie sie auf dem Rundplatze unter ihrem Altane, wie sie in ausgelassenem Getändel mit Pollux die Büste ihrer Mutter zerschlug. Endlich träumte ihr, daß sie selbst, wie in der Kinderzeit, im Garten des Torhüters mit dem Bildhauer spielte. Sie formten zusammen Kuchen aus Sand, und Arsinoe sprang auf alle, sobald sie fertig waren, und trat sie in Stücke.

Den erquickenden, traumlosen, festen Schlaf der Jugend kannte das schöne, bleiche Mädchen schon lange nicht mehr; denn der süßeste Schlummer sucht diejenigen eher auf, die bei Tage ruhen, als bis zum Übermaß Ermüdete, und zu diesen pflegte Selene Abend für Abend zu gehören.

In jeder Nacht hatte sie Träume; doch sie waren fast immer von trauriger Art und so beängstigend, daß sie oft über ihr eigenes banges Stöhnen erwachte oder Arsinoe durch lautes Schreien den ruhigen Schlummer verdarb.

Ihren Vater störten diese Angstrufe niemals; denn er begann in jeder Nacht und so auch in dieser, bald nachdem er zur Ruhe gegangen, zu schnarchen und hörte damit erst auf, wenn er sich vom Lager erhob.

Selene war stets vor allen anderen, selbst vor den Sklaven, im Hause tätig.

Heute erschien der Schlaflosen das Nahen des Morgens wie eine Erlösung.

Als sie aufstand, war es noch völlig dunkel; doch sie wußte, daß der Aufgang der Dezembersonne nur noch wenige Stunden auf sich warten lassen werde.

Ohne auf die anderen Schlafenden zu achten und sich zu bemühen, geräuschlos aufzutreten oder was es zu tun gab, so zu verrichten, zündete sie ihr Lämpchen an dem Nachtlichte an, wusch sich, ordnete sich das Haar und schlug an die Tür der alten Sklaven.

Nachdem diese ihr ein verschlafenes »Sogleich« und »Ja doch« zugegähnt hatten, ging sie in das Zimmer des Vaters und nahm seinen Krug, um frisches Wasser für ihn zu holen.

Der beste Brunnen des Palastes stand auf einer kleinen Terrasse auf seiner westlichen Seite. Er wurde von der Wasserleitung der Stadt versorgt und bestand aus fünf Mischgestalten aus Marmor, die auf den gewundenen Fischschwänzen eine Muschel trugen, in der ein bärtiger Flußgott ruhte. Ihre Roßköpfe spien Wasser in ein großes Becken, das sich im Lauf der Jahrhunderte mit grünen Pflanzenfäden erfüllt hatte.

Um zu diesem Brunnen zu gelangen, mußte Selene den Gang durchschreiten, an dem die von dem Kaiser und seinem Gefolge bewohnten Zimmer lagen.

Sie wußte nur, daß ein Baumeister aus Rom in der Lochias abgestiegen sei; denn sie war für ihn nach Mitternacht um Fleisch und Salz angegangen worden; aber in welchen Räumen man den Fremden untergebracht, hatte ihr niemand gesagt.

Als sie heute denselben Weg, den sie Tag für Tag zur gleichen Stunde zurückzulegen pflegte, antrat, beschlich sie ein banges Gefühl.

Es war ihr, als sei hier nicht alles wie sonst, und als sie den Fuß auf die letzte zu dem Gange hinaufführende Stufe gesetzt hatte und das Lämpchen höher hob, um zu sehen, woher das Geräusch kam, das sie zu hören meinte, nahm sie im Halbdunkel ein furchtbares Etwas wahr, das, als es ihr näher kam, einem Hunde glich und doch größer, viel größer war als ein solcher.

Das Blut erstarrte ihr vor Schreck.

Einige Augenblicke stand sie wie gebannt und wußte nur, daß das Brummen und Knirschen, das sie vernahm, böse war und sie bedrohte.

Endlich fand sie die Kraft, sich zur Flucht umzuwenden, aber schon im nämlichen Augenblick ertönte hinter ihr ein lautes, wütendes Gebell, und sie vernahm die schnellen Sätze des Ungetüms, das über den steinernen Fußboden des Ganges auf sie zujagte.

Jetzt wurde sie heftig gestoßen. Der Krug flog ihr aus der Hand und zersprang in tausend Scherben, und von einer warmen; rauhen, schrecklichen Last niedergerissen, sank sie zu Boden.

Ihr lautes Jammergeschrei hallte von den harten, nackten Wänden des Ganges wider und erweckte die Schläfer an seiner Seite.

»Sieh zu, was das ist,« rief Hadrian seinem Sklaven zu, der sofort aufgesprungen war und Schild und Schwert ergriffen hatte.

»Der Molosser wird ein Weib, das hier vorbei wollte, angefallen haben,« entgegnete Mastor.

»Halt ihn zurück, aber schlage ihn nicht!« rief der Kaiser ihm nach; »Argus hat nur getan, was seine Schuldigkeit ist.«

Der Sklave eilte, so schnell er vermochte, den Gang hinunter und rief laut den Namen des Molossers.

Aber ein anderer hatte diesen bereits von seinem Opfer zurückgerissen, und zwar Antinous, dessen Gemach dicht bei der Stätte dieses Überfalls gelegen war, und der, sobald er das Gebell des Argus und das Geschrei Selenes vernommen, sich beeilt hatte, die auf der Wacht und im Dunkeln furchtbar grimmige Dogge zurückzuhalten.

Als Mastor erschien, war es dem Jüngling eben gelungen, den Hund von Selene zurückzuziehen, die auf den zu dem Gange führenden Stufen lag. Bevor Antinous sie erreichen konnte, hatte sich Argus, die Zähne fletschend und knurrend über sie hingestellt.

Der Hund, den die begütigenden und verweisenden Worte der Freunde schnell zur Ruhe brachten, trat still und mit gesenktem Kopf zur Seite, als Antinous neben dem ohnmächtigen Mädchen niederkniete, auf das durch eine breite Fensteröffnung das junge Licht des erwachenden Morgens fiel.

Ängstlich schaute der Jüngling in das bleiche Antlitz der Ohnmächtigen, hob ihr die regungslosen Arme in die Höhe und suchte auf ihrem hellen Gewande nach dem Blute, das sie vielleicht vergossen hatte – aber vergebens.

Nachdem er auch wahrgenommen, daß sie atme und ihre Lippen sich regten, rief er Mastor zu:

»Argus scheint sie nur niedergerissen und nicht verwundet zu haben. Sie hat die Besinnung verloren. Geh rasch in mein Zimmer und bringe mir das bläuliche Fläschchen aus meinem Salbenkasten und dazu einen Becher mit Wasser.«

Der Sklave pfiff dem Hunde und folgte, so schnell er konnte, diesem Befehl.

Indessen blieb Antinous neben der leblosen Jungfrau auf den Knien liegen und wagte es, ihr das Haupt mit dem weichen, vollen Haarschmuck in die Höhe zu richten.

Wie wunderschön waren diese marmorbleichen, edelgeschnittenen Züge, wie rührend erschien ihm das schmerzliche Zucken, das ihr den Mund umspielte, und wie wohl tat es dem verzogenen Günstling des Kaisers, dem sich Liebe aufdrängte, wo er sich zeigte, sich ungerufen hilf- und liebreich erweisen zu können.

»Wach auf, wache doch auf!« rief er Selene zu – und als sie sich dennoch nicht regte, rief er dringender und zärtlicher: »Wache doch auf!«

Sie hörte ihn nicht und blieb auch regungslos, als er den Peplos, den die Dogge ihr abgerissen, ihr leise errötend über die entblößte Schulter breitete.

Jetzt erschien Mastor mit dem Wasser und dem blauen Fläschchen und gab dem Bithynier beide in die Hand. Während Antinous das Haupt des Mädchens in seinen Schoß sinken ließ, entfernte der Sklave sich schnell, indem er sagte:

»Der Kaiser rief mich.«

Da benetzte der Jüngling die Stirn Selenes mit dem belebenden Naß, ließ sie den kräftigen Duft der Essenz, die die Phiole enthielt, einatmen und rief von neuem laut und innig sein:

»Erwache, wache doch auf!«

Jetzt öffneten sich ihre blutlosen Lippen und zeigten ihm ihre kleinen, schneeweißen Zähne, jetzt erhoben sich auch langsam die Lider, die ihr die Augen bedeckt hatten.

Tief aufatmend stellte er den Pokal und die Phiole auf den Boden, um sie zu stützen, wenn sie sich langsam erheben würde; aber kaum hatte er das Antlitz wieder dem ihren zugewandt, als sie schnell und heftig auffuhr, beide Hände in Todesangst ihm um den Hals schlang und aufschrie:

»Rettung, Pollux, Rettung! Das Ungeheuer verschlingt mich!«

Antinous faßte von Schreck ergriffen die Arme des Mädchens, um sie von seinem Halse zu lösen; aber schon gaben sie ihn frei und sanken nieder.

Im nächsten Augenblicke schüttelte sich Selene, als habe ein Fieberschauer sie überfallen.

Dann erhob sie wiederum die Hände, drückte sie an die Schläfen und schaute dem neben ihr knienden Jüngling verwirrt und angstvoll ins Antlitz.

»Was ist das? Wer bist du?« fragte sie leise.

Da erhob er sich schnell von der Erde, und während er sie bei dem Versuch, sich aufzurichten und auf die Füße zu stellen, unterstützte, sagte er:

»Den Göttern sei Dank, daß du lebst. Unser großer Molosser warf dich zu Boden. Er hat so furchtbare Zähne.«

Selene stand jetzt aufrecht dem Jüngling gegenüber, bei dessen letzten Worten sie von neuem zusammenschauderte.

»Fühlst du Schmerzen?« fragte Antinous ängstlich.

»Ja,« entgegnete sie dumpf.

»Er hat dich gebissen?«

»Ich glaube nicht. Hebe die Spange dort auf; sie ist mir vom Peplos gefallen.«

Der Bithynier folgte sogleich diesem Geheiß, und während das Mädchen das Gewand von neuem an der Schulter befestigte, fragte sie abermals:

»Wer bist du? Wie kommt der Molosser in unseren Palast?«

»Er gehört – er gehört zu uns. Spät abends sind wir hier angelangt, und Pontius hat uns –«

»So gehörst du zu dem Baumeister aus Rom?«

»Ja; aber wer bist du?«

»Des Palastvorstehers Keraunus Tochter, Selene.«

»Und wer ist Pollux, den du zu Hilfe riefst, als du erwachtest?«

»Was geht das dich an?«

Antinous errötete und gab verlegen zurück:

»Ich erschrak, als du mit seinem Namen auf den Lippen so heftig auffuhrst, nachdem ich dich mit Wasser und dieser Essenz ins Leben gerufen.«

»Ich wäre auch so erwacht und kann wieder gehen. Wer wütende Hunde in ein fremdes Haus führt, sollte sie besser behüten. Binde die Dogge fest; denn die Kinder, meine kleinen Geschwister, kommen hier vorbei, wenn sie ins Freie wollen. Ich danke dir für deine Hilfe. Und mein Krug?«

Sie sah sich bei dieser Frage nach dem hübschen Gefäß um, das ihre Mutter besonders gern gehabt hatte. Als sie es in Scherben daliegen sah, schluchzte sie, ohne zu weinen, auf. Dann rief sie entrüstet:

»Nichtswürdig ist es!«

Mit diesem Ausruf wandte sie Antinous den Rücken und ging, indem sie den linken Fuß, der sie schmerzte, vorsichtig nachzog, auf die Wohnung ihres Vaters zu.

Der Jüngling schaute der schlanken Gestalt Selenes schweigend nach.

Es drängte ihn, ihr zu folgen und ihr zu sagen, wie leid ihm der Unfall tue, der sie betroffen, und daß der Molosser nicht ihm, sondern einem anderen gehöre; doch er wagte es nicht.

Nachdem sie schon längst seinen Blicken entschwunden, stand er noch immer an der nämlichen Stelle.

Endlich raffte er sich zusammen, begab sich langsam in sein Zimmer zurück, setzte sich dort auf sein Lager und blickte träumend zu Boden, bis des Kaisers Ruf ihn aufschreckte. Selene hatte Antinous kaum eines Blickes gewürdigt.

Sie litt Schmerzen nicht nur am linken Fuße, sondern auch am Hinterhaupte, in dem sich eine offene Wunde befand. Ihr starkes Haar hatte das Blut, das dieser Verletzung entflossen war, zurückgehalten.

Sie fühlte sich recht matt; und der Verlust ihres hübschen Kruges, der nun wieder durch einen anderen ersetzt werden mußte, verdroß sie mehr, als sie die Schönheit des Günstlings hätte erfreuen können.

Langsam und müde betrat sie das Wohngemach, in dem der Vater bereits auf sie und das Wasser wartete.

Er war gewohnt, es stets zur gleichen Stunde zu erhalten, und weil Selene heute länger ausblieb als sonst, wußte er nichts Besseres zu tun, als sich die Zeit mit Brummen und leisem Schelten zu vertreiben.

Als seine Tochter endlich die Schwelle übertrat, bemerkte er sogleich, daß sie ohne Krug erschien, und fragte mürrisch:

»Soll ich heute gar kein Wasser bekommen?«

Selene schüttelte das Haupt, ließ sich auf einen Stuhl gleiten und begann leise zu weinen.

»Was hast du?« fragte der Verwalter.

»Der Krug ist zerbrochen,« entgegnete sie traurig.

»Gib doch besser acht auf die teuren Sachen,« schalt Keraunus; »du jammerst immer, wenn es an Geld fehlt, und dabei zerbrichst du die halbe Wirtschaft.«

»Ich ward zu Boden gerissen,« gab Selene zurück und trocknete die Augen.

»Zu Boden gerissen? Von wem?« fragte der Verwalter und erhob sich langsam.

»Von der bösen Dogge des Baumeisters, der gestern abend aus Rom hier ankam, und dem wir in dieser Nacht Salz und Brot gaben. Er hat auf der Lochias geschlafen.«

»Und er hetzt seinen Hund auf mein Kind!« rief Keraunus mit rollenden Augen.

»Der Molosser war allein in dem Gange, als ich hinausging.«

»Hat er dich gebissen?«

»Nein; aber er riß mich nieder und stellte sich über mich hin und fletschte mich an; oh, es war gräßlich!«

»Verfluchter, hergelaufener Lump!« grollte der Verwalter. »Ich will ihn lehren, wie man sich in einem fremden Hause beträgt.«

»Laß nur,« bat Selene, als sie sah, daß der Vater nach dem krokusgelben Pallium griff; »das Geschehene ist nicht zu ändern, und wenn es Ärger und Streit gibt, wird es dir schaden.«

»Gesindel, freches Volk, das sich mit bissigen Kötern in meinem Palaste breit macht,« murrte Keraunus vor sich hin, ohne auf die Tochter zu hören. Indem er dann die Falten des Palliums zurechtzog, grollte er: »Arsinoe! Ob das Mädchen wohl jemals hört!«

Als die Gerufene endlich erschien, befahl er, das Eisen zu wärmen und ihm die Locken zu brennen.

»Es liegt schon bei dem Feuer,« entgegnete Arsinoe; »komm mit in die Küche.«

Keraunus folgte ihr und ließ sich den gefärbten Haarschmuck ringeln und salben.

Dabei umstanden ihn seine jüngeren Kinder, die in der Küche auf den Mehlbrei warteten; denn Selene pflegte ihn ihnen jetzt zu reichen.

Keraunus hatte ihren Morgengruß mit so freundlichem Nicken beantwortet, wie es Arsinoes Zange, die seinen Kopf an den Haaren festhielt, gestatten wollte.

Nur den blinden Helios, einen hübschen Knaben von sechs Jahren, zog er an sich und gab ihm einen Kuß auf die Wange.

Er liebte dies des edelsten Sinnes beraubte und doch immer heitere Kind mit besonderer Zärtlichkeit. Einmal lachte er auch auf, als der Bube sich an seine das Eisen schwingende Schwester drängte und ihn fragte: »Weißt du, Vater, warum ich mich ärgere, nicht sehen zu können?« und dann auf das neugierig klingende: »Nun?« des Verwalters die Antwort erteilte: »Weil ich dich so gern einmal mit den schönen Locken sehen möchte, die Arsinoe dir brennt.«

Aber die Heiterkeit des sorgenvolles Mannes schwand, als seine jüngere Tochter die Arbeit unterbrach und ihn halb ernst, halb scherzend fragte:

»Hast du weiter über den Empfang des Kaisers nachgedacht, Vater? Ich putze dich täglich so schön heraus; aber diesmal sollst du mich putzen.«

»Wir werden sehen,« entgegnete Keraunus ausweichend.

»Weißt du,« fuhr Arsinoe nach einer kleinen Pause fort und klemmte die letzte Locke in die erwärmte Zange, »heute nacht hab' ich alles noch einmal überlegt. Wenn es uns gar nicht glücken will, das Geld für meine Kleider zusammenzubringen, dann könnte man doch wohl –«

»Was?«

»Selene hätte auch nichts dagegen.«

»Wogegen?«

»Du wirst wieder böse.«

»Sprich nur.«

»Du bezahlst doch Steuern wie jeder andere Bürger.«

»Was soll das?«

»Daß wir also berechtigt wären, auch etwas von der Stadt zu verlangen.«

»Wozu?«

»Um meine Kleider für das Fest zu bezahlen, das nicht ein einzelner, sondern die Bürgerschaft für den Kaiser veranstaltet. Almosen dürfen wir nicht annehmen; aber es wäre doch Torheit, auszuschlagen, was die reiche Stadt uns anbietet. Das hieße geradezu sie beschenken.«

»Du schweigst,« rief Keraunus aufrichtig empört und besann sich vergebens auf den Satz, mit dem er gestern das gleiche Ansinnen zurückgewiesen. »Du schweigst und wartest ab, bis ich selbst wieder von diesen Dingen zu reden beginne.«

Da warf Arsinoe die Zange so unwillig auf den Herd, daß sie laut klirrend auf den Stein schlug; ihr Vater aber verließ die Küche und ging in das Wohnzimmer zurück.

Dort fand er Selene auf seinem Polster und die alte Sklavin, die ihr ein nasses Tuch auf den Hinterkopf preßte und ihr ein anderes auf den nackten linken Fuß gelegt hatte.

»Verwundet?« lief Keraunus und die Augen begannen ihm langsam von rechts nach links und von links nach rechts zu rollen.

»Da sieh die Geschwulst,« kreischte die Alte in gebrochenem Griechisch, indem sie mit der schwarzen Hand den schneeweißen Fuß Selenes den Augen des Vaters näherte. »Tausend reiche Herrinnen haben keine Hand so klein wie das da. Armes, armes kleines Fuß.«

Nach dieser Klage drückte die Alte die Lippen auf die feinen Zehen des Mädchens.

Doch Selene drängte sie zurück und sagte, indem sie sich an den Vater wandte:

»Die Wunde da oben ist klein und hat gar nichts zu sagen; aber das Fleisch und die Adern sind hier am Knöchel geschwollen. Das Bein tut etwas weh, wenn ich auftrete. Als der Hund mich umriß, hab' ich mich wohl an den steinernen Stufen geschlagen.«

»Es ist unerhört!« rief Keraunus, dem das Blut von neuem zu Kopfe stieg. »Warte nur! Ich werde ihnen zeigen, was ich von solcher Aufführung halte.«

»Nein, nein,« bat Selene. »Ersuche sie nur höflich, den Hund einzuschließen oder an die Kette zu legen, damit er den Kindern nichts tut.«

Ihre Stimme klang sehr ängstlich bei dieser Bitte; denn die Furcht, der Vater könnte seine Stelle verlieren, die er ihr, sie wußte selber nicht warum, längst verwirkt zu haben schien, regte sich in ihr heute noch lebendiger als sonst.

»Zu dem, was hier geschehen ist, auch noch gute Worte!« entgegnete Keraunus abweisend und als würde ihm Unerhörtes zugemutet.

»Nein, nein, sag ihm nur deine Meinung,« schrie die Alte. »Wenn das deinem Vater geschehen wäre, der würde dem fremden Steinhauer gut auf den Leib gerückt sein!«

»Und sein Sohn Keraunus wird ihm auch nichts schenken,« versicherte der Verwalter und verließ das Gemach, ohne auf Selenes Bitte, daß er sich nicht ereifern möge, zu achten.

Im Vorzimmer fand er seinen alten Sklaven und befahl ihm, einen Stock zu ergreifen, ihm voranzugehen und ihn bei dem Gaste des Baumeisters Pontius zu melden, der in einem der Gemächer zur Seite des Brunnenganges wohne.

So war es vornehm, und so kam der Schwarze früher als er mit dem Molosser in Berührung, den er wie alle Hunde für ein verabscheuungswürdiges Tier hielt.

Als er sich seinem Ziele näherte, befand er sich in der rechten Stimmung, dem Fremden, der hierher gekommen war, um Mitglieder seines Hauses von bissigen Hunden niederreißen zu lassen, die Wahrheit zu sagen.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.