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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 98
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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II

Nichtsdestoweniger ging ich zu Lambert. Wo hätte ich auch sonst die Neugierde, die ich empfand, stillen können? Lambert wohnte, wie sich herausgestellt hatte, sehr weit entfernt, in der Kossoi-Gasse beim Sommergarten, immer noch in denselben möblierten Zimmern; aber damals, als ich von ihm weglief, hatte ich so wenig auf den Weg und die Entfernung geachtet, daß, als Lisa mir vier Tage zuvor seine Adresse mitteilte, ich ganz erstaunt war und es beinahe nicht glauben wollte, daß er dort wohnte. An der Tür zu den möblierten Zimmern, in der dritten Etage, bemerkte ich, während ich noch die Treppe hinaufstieg, zwei junge Männer und dachte, sie hätten wohl vor mir geklingelt und warteten darauf, daß geöffnet würde. Während ich hinaufstieg, standen sie beide mit dem Rücken zur Tür da und betrachteten mich angelegentlich. ›Da gibt es möblierte Zimmer, die beiden werden gewiß zu einem andern Mieter wollen‹, dachte ich bei mir, als ich mich ihnen mit finsterem Gesicht näherte. Es wäre mir sehr unangenehm gewesen, bei Lambert jemand zu treffen. Indem ich es vermied, sie anzusehen, streckte ich die Hand nach dem Klingelgriff aus.

»Attendez!« rief mir der eine zu.

»Bitte warten Sie noch mit dem Klingeln!« sagte der andere junge Mensch mit wohlklingender, angenehmer Stimme; er zog beim Reden die Worte ein wenig in die Länge. »Wir sind hier gleich fertig und klingeln dann alle zusammen, ist es Ihnen recht?«

Ich hielt inne. Beide waren noch sehr junge Leute, etwa zwanzig oder zweiundzwanzig Jahre alt; sie beschäftigten sich dort an der Tür mit etwas sehr Sonderbarem, und ich suchte erstaunt daraus klug zu werden. Derjenige, welcher »Attendez!« gerufen hatte, war ein sehr hochaufgeschossener Bursche, mindestens zehn Werschok, hager und ausgemergelt, aber sehr muskulös, mit einem für seine Statur sehr kleinen Kopf und einem komisch-düsteren Ausdruck auf dem etwas pockennarbigen, aber ziemlich klugen und sogar angenehmen Gesicht. Seine Augen hatten einen Blick von auffallender Starrheit und ganz unnötiger, überflüssiger Energie. Seine Kleidung war sehr schäbig: er trug einen alten wattierten Mantel mit einem kleinen, ausgehaarten Kragen von Schuppenpelz (der Mantel war für seine Gestalt zu kurz und offenbar für eine andere Person angefertigt), häßliche, beinahe bäuerische Stiefel und einen schrecklich verbeulten, fuchsig gewordenen Zylinderhut. Der ganze Mensch machte den Eindruck eines Schmutzfinken: die handschuhlosen Hände waren unsauber, und die langen Nägel wiesen Trauerränder auf. Im Gegensatz zu ihm war sein Kamerad stutzerhaft gekleidet; das sah man an seinem leichten Iltispelz, an seinem eleganten Hut und an den neuen, hellen Handschuhen, in denen seine schlanken Finger steckten; an Körpergröße kam er mir ungefähr gleich, aber sein frisches, jugendliches Gesicht trug einen außerordentlich liebenswürdigen Ausdruck.

Der lange Bursche war dabei, sich die Krawatte abzubinden, ein ganz zerlumptes, schmieriges Band oder schon mehr eine Art Strippe; der nette junge Mensch aber zog eine andere, neue, eben gekaufte, schwarze Krawatte aus der Tasche und bemühte sich, sie dem langen Burschen umzubinden, der ihm gehorsam und mit ernstem Gesicht seinen sehr langen Hals hinreckte und dabei den Mantel von den Schultern zurückschlug.

»Nein, bei einem so schmutzigen Hemd geht das nicht«, sagte der mit dem Umbinden Beschäftigte, »es macht nicht nur keinen schönen Effekt, sondern das Ganze sieht noch schmutziger aus. Ich hatte dir doch gesagt, du solltest dir einen reinen Kragen umbinden ... Ich bekomme es nicht zurecht ... Verstehen Sie es vielleicht?« wandte er sich plötzlich an mich.

»Was denn?« fragte ich.

»Sehen Sie hier, ihm die Krawatte umzubinden. Wissen Sie, man muß es irgendwie so einrichten; daß sein schmutziges Hemd nicht zu sehen ist; sonst geht unfehlbar der ganze Effekt verloren. Ich habe ihm eben eigens eine Krawatte beim Friseur Philippe gekauft, für einen Rubel.«

»Für jenen Rubel?« murmelte der Lange.

»Ja, für jenen Rubel; jetzt habe ich keine Kopeke mehr. Also Sie verstehen es auch nicht? Dann werden wir Alfonsinka bitten müssen.«

»Zu Lambert?« fragte mich der Lange auf einmal in scharfem Ton.

»Ja, ich will zu Lambert«, antwortete ich ihm nicht minder energisch und sah ihm gerade ins Gesicht.

»Dolgorowky?« fragte er in demselben Ton und ebenso laut weiter.

»Nein, ich heiße nicht Korowkin«, antwortete ich ebenso scharf; ich hatte falsch gehört.

»Dolgorowky?« wiederholte der Lange beinahe schreiend und trat fast drohend auf mich zu. Sein Kamerad fing an zu lachen.

»Er sagt Dolgorowky, nicht Korowkin«, bemerkte er erklärend. »Wissen Sie, die Franzosen im Journal des Débats verdrehen oft die russischen Namen ...«

»In der Indépendance«, brummte der Lange.

»... Na meinetwegen auch in der Indépendance. Für Dolgorukij zum Beispiel schreiben sie Dolgorowky, das habe ich selbst gelesen, und den Grafen W. nennen sie immer comte Wallonieff.«

»Doboyny!« schrie der Lange.

»Ja, da ist auch noch ein gewisser Doboyny; ich habe es selbst gelesen, und wir haben beide darüber gelacht: eine russische madame Doboyny im Ausland ... aber sag mal, wozu reden wir von denen allen?« wandte er sich plötzlich an den Langen.

»Entschuldigen Sie, sind Sie Herr Dolgorukij?«

»Ja, mein Name ist Dolgorukij; aber woher wissen Sie das?«

Der Lange flüsterte dem netten jungen Mann etwas ins Ohr; dieser runzelte die Stirn und machte eine verneinende Gebärde; aber der Lange wandte sich auf einmal an mich:

»Monsieur le prince, vous n'avez pas de rouble d'argent pour nous, pas deux, mais un seul, voulez-vous?«

»Ach, was bist du für ein gräßlicher Mensch!« rief der Jüngere.

»Nous vous rendons«, schloß der Lange; er sprach die französischen Worte in plumper, ungeschickter Manier aus.

»Wissen Sie, er ist ein Satiriker«, sagte der Jüngere lachend zu mir. »Sie meinen wohl, er könne kein Französisch? Er spricht wie ein Pariser; er äfft nur die Russen nach, die in Gesellschaft leidenschaftlich gern miteinander französisch sprechen, ohne es zu können ...«

»Dans les wagons«, fügte der Lange zur Erklärung hinzu.

»Na ja, auch in den Bahnwagen: ach, was bist du für ein langweiliger Geselle! Wozu diese Erklärung. Eine wunderliche Passion, sich dumm zu stellen!«

Ich hatte unterdes einen Rubel hervorgeholt und reichte ihn dem Langen hin.

»Nous vous rendons«, sagte er, indem er den Rubel einsteckte; dann wandte er sich plötzlich zur Tür und machte sich mit völlig unbewegtem, ernstem Gesicht und vor allen Dingen ohne die geringste Spur von Erregung daran, mit der Spitze seines riesigen, derben Stiefels dagegen zu hämmern.

»Ach, du wirst wieder mit Lambert Zank bekommen«, bemerkte der Jüngere beunruhigt. »Bitte klingeln Sie lieber!«

Ich klingelte, aber der Lange fuhr dennoch fort, mit dem Stiefel zu hämmern.

»Ah, sacré ...«, ließ sich plötzlich Lamberts Stimme hinter der Tür vernehmen, die er schnell öffnete.

»Dites donc, voulez-vous que je vous casse la tête, mon ami?« schrie er den Langen an.

»Mon ami, voilà Dolgorowky, l'autre mon ami«, erwiderte der Lange in würdevollem, ernstem Ton und sah dabei Lambert unverwandt an, der vor Zorn ganz rot geworden war. Sowie dieser mich erblickte, änderte sich sein ganzes Wesen wie mit einem Schlag.

»Du bist da, Arkadij! Endlich! Na, also bist du wieder gesund, endlich wieder gesund?«

Er ergriff meine beiden Hände und drückte sie mir kräftig; kurz, er bekundete ein so aufrichtiges Entzücken, daß ich mich sogleich davon sehr angenehm berührt fühlte und sogar ein Gefühl der Zuneigung zu ihm verspürte.

»Du bist der erste, zu dem ich komme!«

»Alphonsine!« rief Lambert.

Diese kam sofort hinter dem Bettschirm hervorgesprungen.

»Le voilà!«

»C'est lui!« rief Alfonsina, schlug die Hände zusammen und wollte, nachdem sie die Arme wieder auseinandergebreitet hatte, auf mich zustürzen, um mich zu umarmen, aber Lambert beschützte mich.

»Nein, nein, nein, tout beau!« rief er ihr wie einem Hund zu. »Siehst du, Arkadij, wir, das heißt ein paar junge Leute, haben uns heute verabredet, bei den Tataren zu dinieren. Ich lasse dich nicht mehr los, du mußt mit uns fahren. Wir wollen dinieren; nach Tisch werfe ich die hier sofort hinaus, und dann wollen wir beide miteinander plaudern. Komm nur herein, komm nur herein! Wir machen uns gleich auf, nur noch einen Augenblick!«

Ich trat ein, stellte mich mitten im Zimmer hin, sah mich rings um und überließ mich meinen Erinnerungen. Lambert kleidete sich hinter dem Bettschirm schnell um. Der Lange und sein Kamerad waren ebenfalls hinter uns eingetreten, ohne sich durch Lamberts Worte zurückschrecken zu lassen.

»Mademoiselle Alphonsine, voulez-vous me baiser?« brummte der Lange.

»Mademoiselle Alphonsine«, begann der Jüngere, indem er an sie herantrat und ihr die Krawatte zeigte, aber sie stürzte grimmig auf die beiden los:

»Ah, le petit vilain!« rief sie dem Jüngeren zu. »Ne m'approchez pas, ne me salissez pas, et vous, le grand dadais, je vous flanque à la porte tous les deux, savez-vous cela.«

Der Jüngere kümmerte sich nicht darum, daß sie ihn so geringschätzig und verächtlich abgewehrt hatte, als fürchte sie wirklich, sich an ihm zu beschmutzen (was ich absolut nicht begriff, da er ein so nettes Gesicht hatte und, nachdem er den Pelz abgelegt, sich so gut gekleidet zeigte), sondern begann sie beharrlich zu bitten, sie möchte doch seinem langen Freund die Krawatte umbinden und ihm vorher einen reinen Kragen von Lambert umknöpfen. Sie hätte, empört über eine solche Zumutung, beinahe auf die beiden losgeprügelt, aber Lambert, der es mit angehört hatte, rief ihr von der andern Seite des Bettschirms her zu, sie solle nicht alle aufhalten, sondern tun, was von ihr verlangt würde; »sonst werden wir sie gar nicht los«, fügte er hinzu, und Alfonsina holte sofort einen Kragen und band, ohne jetzt auch nur eine Spur von Widerwillen zu zeigen, dem Langen die Krawatte um. Dieser reckte gerade wie vorher auf der Treppe ihr während des Umbindens seinen Hals hin.

»Mademoiselle Alphonsine, avez-vous vendu votre bologne?« fragte er.

»Qu'est-ce que ça, ma bologne?«

Der Jüngere erklärte es ihr, daß »la bologne« das Bologneserhündchen bedeute.

»Tiens, quel est ce baragouin?«

»Je parle comme une dame russe sur les eaux minérales«, bemerkte le grand dadais, der immer noch mit vorgestrecktem Hals dastand.

»Qu'est-ce que ça qu'une dame russe sur les eaux minérales et ... où est donc votre jolie montre, que Lambert vous a donnée?« wandte sie sich plötzlich an den Jüngeren.

»Was? Hat er wieder keine Uhr mehr?« rief Lambert in gereiztem Ton hinter dem Bettschirm.

»Wir haben sie aufgegessen!« brummte le grand dadais.

»Ich habe sie für acht Rubel verkauft; sie war ja nur aus vergoldetem Silber, und Sie hatten gesagt, es wäre eine goldene. Solche Uhren kosten jetzt auch im Laden nur sechzehn Rubel«, sagte der Jüngere, der sich nur ungern rechtfertigte, zu Lambert.

»Dem muß ein Ende gemacht werden!« fuhr Lambert noch ärgerlicher fort. »Ich kaufe Ihnen, mein junger Freund, nicht darum Kleider und andere schöne Sachen, damit Sie sie für Ihren langen Freund vergeuden ... Was haben Sie denn da wieder für eine Krawatte gekauft?«

»Die kostet nur einen Rubel; die ist nicht von Ihrem Geld. Er hatte überhaupt keine Krawatte, und einen Hut muß ich ihm auch noch kaufen.«

»Unsinn!« rief Lambert, der jetzt wirklich böse geworden war. »Ich hatte ihm auch zu einem Hut genug Geld gegeben, aber er hat es sogleich für Austern und Champagner ausgegeben. Er stinkt geradezu, ein solcher Schmutzfink ist er; man kann sich nirgends mit ihm sehen lassen. Wie soll ich ihn zum Essen mitnehmen?«

»In einer Droschke«, brummte der dadais. »Nous avons un rouble d'argent que nous avons prêté chez notre nouvel ami.«

»Gib ihnen nichts, Arkadij, gar nichts!« schrie Lambert wieder.

»Erlauben Sie, Lambert, ich fordere geradezu von Ihnen auf der Stelle zehn Rubel«, sagte der Jüngere auf einmal; er war so zornig geworden, daß ihm das Blut ins Gesicht schoß und er davon fast noch einmal so schön aussah. »Und wagen Sie es nie wieder, solche Dummheiten zu reden wie jetzt eben zu Dolgorukij. Ich verlange zehn Rubel, um Dolgorukij sogleich seinen Rubel wiedergeben zu können, und für das übrige Geld werde ich Andrejew sofort einen Hut kaufen – Sie werden es selbst sehen.«

Lambert trat hinter dem Bettschirm hervor.

»Da sind drei Gelbe, drei Rubel, und mehr gibt es nicht bis Dienstag, und daß Sie sich nicht unterstehen ... sonst ...«

Le grand dadais riß ihm das Geld nur so aus der Hand.

»Dolgorowky, da ist der Rubel, nous vous rendons avec beaucoup de grâce. Petja, wir wollen fahren!« schrie er seinem Kameraden zu, und indem er dann auf einmal die beiden Scheine in die Höhe hob und umherschwenkte und Lambert dreist ins Gesicht blickte, brüllte er aus voller Kehle: »Ohé, Lambert! Où est Lambert? As-tu vu Lambert?«

»Daß Sie sich nicht unterstehen, daß Sie sich nicht unterstehen!« brüllte auch Lambert in fürchterlichstem Zorn. Ich sah, daß alledem etwas früher Geschehenes zugrunde lag, das mir nicht bekannt war, und betrachtete die Szene mit Verwunderung. Aber der Lange ließ sich durch Lamberts Zorn in keiner Weise einschüchtern; er brüllte vielmehr noch lauter: »Ohé, Lambert!« und so weiter. Unter solchem Geschrei gingen sie auf die Treppe hinaus. Lambert wollte ihnen zuerst nachlaufen, kehrte aber sogleich wieder zurück.

»Na warte, die werde ich bald wegjagen! Sie kosten mehr, als man von ihnen hat ... Wir wollen gehen, Arkadij! Ich habe mich schon verspätet. Es erwartet mich dort jemand, den ich ebenfalls ... brauche ... Auch so ein Vieh ... Alle sind sie Viehzeug! Gesindel, Gesindel!« schrie er wieder und knirschte beinahe mit den Zähnen; aber auf einmal gewann er seine Selbstbeherrschung zurück. »Ich freue mich, daß du endlich gekommen bist. Alphonsine, daß du keinen Schritt aus dem Hause gehst! Komm!«

Vor der Haustür erwartete ihn eine elegante, mit einem Traber bespannte Droschke. Wir stiegen ein; aber noch während der ganzen Fahrt konnte er seine Wut auf diese jungen Leute nicht loswerden und sich nicht beruhigen. Ich wunderte mich, daß er die Sache so ernst nahm, und auch darüber, daß sie sich gegenüber Lambert so respektlos benahmen und er sogar beinahe vor ihnen Furcht hatte. Infolge des alten Eindrucks, der bei mir noch von der Kinderzeit haftengeblieben war, hatte ich immer die Vorstellung, alle Leute müßten sich vor Lambert fürchten, so daß ich trotz all meiner Unabhängigkeit in jenem Augenblick sicherlich auch selbst vor Lambert Angst hatte.

»Ich kann dir sagen, das ist alles ein schauderhaftes Gesindel«, redete Lambert weiter, der sich noch immer nicht beruhigen konnte. »Ob du es glaubst oder nicht: dieser lange, gräßliche Kerl hat mich vorgestern in guter Gesellschaft geradezu gepeinigt. Stellt sich vor mich hin und schreit: ›Ohé, Lambert!‹ In guter Gesellschaft! Alle lachten und wußten, daß er das tat, damit ich ihm Geld gab – du kannst dir meine Lage vorstellen. Ich gab ihm welches. Oh, das sind Schurken! Ob du es glaubst oder nicht: er war Fähnrich in einem Regiment und wurde weggejagt, und kannst du dir das vorstellen: er ist gebildet; er ist in einem guten Haus erzogen worden, kannst du dir das vorstellen? Er hat eigene Gedanken, er könnte ... Ach, hol's der Teufel! Und er ist stark wie ein Herkules. Er ist nützlich, aber nur wenig. Und er wäscht sich nicht die Hände, das hast du wohl selbst gesehen. Ich habe ihn einer Dame, einer alten vornehmen Dame, empfohlen und ihr gesagt, er bereue und wolle sich aus Gewissensbissen das Leben nehmen, aber als er zu ihr kam, setzte er sich hin und fing an zu pfeifen. Und der andere, der Hübsche, ist der Sohn eines Generals; die Familie schämt sich seiner; ich habe ihn vor der gerichtlichen Verurteilung bewahrt, ihn gerettet; und nun siehst du, wie er es mir dankt! Hier gibt es keine ordentlichen Leute! Ich werde diese Bande zum Teufel jagen!«

»Sie kennen meinen Namen; du hast mit ihnen von mir gesprochen?«

»Ich war dumm genug. Wenn man so nach Tisch ein Weilchen mit den Menschen zusammensitzt, da ist es schwer, sich Zwang aufzuerlegen ... Es kommt da heute noch so eine schreckliche Kanaille hin. Ich sage dir: das ist eine schreckliche Kanaille und ein furchtbar schlaues Subjekt! Hier sind alle Menschen Schufte, hier gibt es keinen einzigen ehrlichen Menschen! Na, aber wenn ich erst mit ihnen Schluß gemacht habe, dann ... Was ißt du gern? Na, ganz egal, man speist dort gut. Ich werde bezahlen, mach dir keine Sorgen! Das ist gut, daß du anständig angezogen bist. Ich kann dir Geld geben. Komm nur immer zu mir! Stell dir vor, ich habe ihnen hier zu essen und zu trinken geben lassen, jeden Tag Fischpastete; diese Uhr, die er verkauft hat – das war schon die zweite! Dieser Kleine, Trischatow heißt er – du hast wohl gesehen, Alfonsina ekelt sich davor, ihn auch nur anzusehen, und verbietet ihm, in ihre Nähe zu kommen – und auf einmal erklärt er im Restaurant, in Gegenwart von Offizieren: ›Ich will Schnepfen.‹ Ich habe ihm Schnepfen bringen lassen. Aber ich werde mich schon noch rächen!«

»Erinnerst du dich noch, Lambert, wie wir beide in Moskau nach einem Restaurant fuhren und du mich in dem Restaurant mit einer Gabel stachst und wie du damals fünfhundert Rubel hattest?«

»Ja, ich erinnere mich daran. Zum Teufel ja, gewiß! Ich kann dich gut leiden ... Das kannst du mir glauben. Niemand kann dich leiden, aber ich kann dich gut leiden; nur ich, vergiß das nicht ... Der, der da heute hinkommt, ein pockennarbiger Kerl, das ist eine ganz schlaue Kanaille; antworte ihm nichts, wenn er mit dir zu reden anfängt, und wenn er dich fragt, so antworte Unsinn oder schweige! ...«

Wenigstens fragte er infolge seiner Aufregung mich unterwegs über nichts aus. Ich fühlte mich sogar ordentlich beleidigt, daß er ein solches Vertrauen in mich setzte und nicht einmal auf die Vermutung kam, ich könnte ihm vielleicht meinerseits mißtrauen. Es schien mir, als hätte er die dumme Anschauung, er könne mich noch so kommandieren wie früher. ›Und außerdem ist er schrecklich ungebildet‹, dachte ich, als ich in das Restaurant trat.

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