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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 97
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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Fünftes Kapitel

I

Anna Andrejewna warf, sowie ich ihr gemeldet wurde, sogleich ihre Näharbeit hin und kam mir schnell bis ins erste Zimmer entgegen, um mich zu begrüßen, was sie früher nie getan hatte. Sie streckte mir beide Hände hin und errötete im selben Augenblick. Schweigend führte sie mich in ihr Zimmer, setzte sich wieder an ihre Handarbeit und wies mir einen Platz neben sich an; aber sie machte sich nicht wieder an ihre Näherei, sondern fuhr fort, mich mit derselben warmen Teilnahme anzusehen, ohne ein Wort zu sprechen.

»Sie haben Darja Onissimowna zu mir geschickt«, begann ich unvermittelt; ich fühlte mich durch diese allzu stark herausgekehrte Teilnahme peinlich berührt, obwohl sie mich angenehm kitzelte.

Sie fing auf einmal an zu sprechen, ohne auf meine Frage zu antworten.

»Ich habe alles gehört, ich weiß alles. Das muß eine furchtbare Nacht gewesen sein ... Oh, wieviel haben Sie leiden müssen! Ist es wahr, ist es wahr, daß Sie schon bewußtlos waren, als man Sie in der Kälte fand?«

»Das hat Ihnen ... gewiß Lambert ...«, murmelte ich errötend.

»Ich habe gleich damals von ihm alles erfahren; aber ich wartete auf Sie. Oh, wie erschrocken er war, als er zu mir kam! In Ihrer Wohnung ... dort, wo Sie krank lagen, wollte man ihn nicht zu Ihnen lassen ... man empfing ihn ganz sonderbar ... Ich weiß allerdings nicht, wie das im einzelnen zugegangen ist, aber er hat mir allerlei von jener Nacht erzählt: er sagte, Sie hätten, gleich nachdem Sie die Besinnung wiedererlangt hätten, von mir und ... von Ihrer Anhänglichkeit mir gegenüber gesprochen. Ich war bis zu Tränen gerührt, Arkadij Makarowitsch, und weiß gar nicht, wodurch ich ein so warmes Interesse von Ihrer Seite verdient habe, und noch dazu in einer solchen Lage, wie damals die Ihrige war! Sagen Sie, Herr Lambert ist ein Jugendfreund von Ihnen?«

»Ja. Aber dieser Fall ... ich muß gestehen, ich bin unvorsichtig gewesen und habe ihm vielleicht damals zuviel gesagt.«

»Oh, von dieser schmutzigen, schrecklichen Intrige hätte ich auch ohne ihn erfahren. Ich habe das immer, immer geahnt, daß man Sie so weit bringen würde. Sagen Sie einmal, ist es wahr, daß Bjoring gewagt hat, die Hand gegen Sie zu erheben?«

Sie redete so, als ob nur Bjoring und sie die Schuld an meiner kritischen Situation an der Mauer trügen. ›Da hat sie ja auch recht‹, dachte ich im stillen; aber ich fuhr auf:

»Wenn er die Hand gegen mich erhoben hätte, so wäre er nicht ungestraft davongekommen, und ich säße jetzt nicht vor Ihnen, ohne mich gerächt zu haben«, antwortete ich hitzig. Vor allen Dingen hatte ich die Empfindung, daß sie mich zu irgendeinem Zweck reizen, mich gegen jemand aufhetzen wollte (übrigens war es ja klar, gegen wen); aber dennoch ging ich darauf ein.

»Wenn Sie sagen, Sie hätten es vorhergesehen, daß man mich so weit bringen würde, so lag von Seiten Katerina Nikolajewnas selbstverständlich nur ein Mißverständnis vor ... freilich hat sie gar zu schnell ihre guten Gefühle gegen mich mit diesem Mißverständnis vertauscht ...«

»Das ist es eben, daß sie das gar zu schnell getan hat!« fiel Anna Andrejewna mit geradezu enthusiastischem Mitgefühl ein. »Oh, wenn Sie wüßten, was da jetzt für eine Intrige gesponnen wird! Sie werden es sich natürlich nur schwer vorstellen können, Arkadij Makarowitsch, wie peinlich meine Lage ist«, fuhr sie, errötend und mit niedergeschlagenen Augen, fort. »Seit damals, gleich an dem Vormittag, als ich Sie zum letztenmal sah, habe ich einen Schritt getan, den nicht jeder so zu verstehen und zu begreifen fähig ist, wie ihn ein Mensch mit Ihrer ungetrübten Urteilskraft, mit Ihrem liebenden, unverdorbenen, frischen Herzen verstehen würde. Seien Sie überzeugt, mein Freund, daß ich Ihre Anhänglichkeit zu würdigen weiß und sie Ihnen durch ewige Dankbarkeit lohnen werde. In der höheren Gesellschaft wird natürlich gar mancher einen Stein gegen mich aufheben, und gar mancher hat es schon getan. Aber selbst wenn diese Leute von ihrem abscheulichen Standpunkt aus recht hätten, wer von ihnen könnte, wer dürfte es wagen, den Stab über mich zu brechen? Mein Vater hat mich verlassen, als ich noch ein kleines Kind war; wir Wersilows sind eine alte, vornehme russische Familie, aber wir haben keine Bleibe, und ich esse bei fremden Leuten das Brot, das sie mir aus Barmherzigkeit geben. War es da nicht ganz natürlich, daß ich mich an den Mann wandte, der schon seit meiner Kindheit Vaterstelle an mir vertreten hat, dessen Güte ich so viele Jahre selbst erfahren habe? Meine Gefühle für ihn kennt nur Gott, nur er kann über sie Richter sein; der Welt gestehe ich nicht das Recht zu, über den von mir getanen Schritt zu richten! Und wenn nun da die hinterlistigste, schmutzigste Intrige eingefädelt wird und die eigene Tochter eine Verschwörung anstiftet, um den vertrauensvollen, großmütigen Vater zugrunde zu richten, darf man das etwa hinnehmen? Nein, und wenn ich selbst meinen guten Ruf dadurch zerstören sollte, ich will den edlen Mann retten! Ich bin bereit, bei ihm einfach als seine Wärterin zu leben, seine Hüterin und Pflegerin zu sein, aber ich werde nicht zulassen, daß die kalte, weltliche, garstige Berechnung triumphiert!«

Sie hatte außerordentlich lebhaft gesprochen, und diese Lebhaftigkeit war höchstwahrscheinlich zur Hälfte gekünstelt, dabei aber doch echt, da es klar war, wie sehr ihr die Sache am Herzen lag. Oh, ich fühlte es, daß sie log (wenn auch ehrlich, denn man kann auch ehrlich lügen) und daß sie jetzt schlecht war; aber es ist erstaunlich, wie es einem mit den Frauen geht: dieser äußere Anstand, diese höheren Umgangsformen, diese unnahbare Höhe der Vornehmheit und diese stolze Keuschheit, all das hatte die Wirkung, mich in Verwirrung zu setzen, und ich begann ihr in jeder Hinsicht zuzustimmen, das heißt, solange ich bei ihr saß; wenigstens brachte ich es nicht fertig, ihr zu widersprechen. Oh, der Mann befindet sich einer Frau gegenüber geradezu im Zustand geistiger Sklaverei, namentlich wenn er ein hochherziger Mann ist! So eine Frau kann ihn überreden, wozu sie will. ›Sie und Lambert mein Gott!‹ dachte ich und blickte sie verständnislos an. Übrigens will ich alles offen sagen: ich bin selbst heute noch nicht imstande, sie zu verurteilen; ihre Gefühle konnte in der Tat nur Gott sehen, und zudem ist der Mensch eine so komplizierte Maschine, daß man in manchen Fällen nicht daraus klug wird, und besonders, wenn dieser Mensch auch noch eine Frau ist.

»Was erwarten Sie eigentlich von mir, Anna Andrejewna?« fragte ich aber doch in ziemlich energischem Ton.

»Wie? Was bedeutet diese Frage, Arkadij Makarowitsch?«

»Es scheint mir nach allem ... und auf Grund einiger anderer Erwägungen ...«, erwiderte ich stockend und verlegen, »daß Sie mich haben rufen lassen, weil Sie etwas von mir erwarten; also was denn nun eigentlich?«

Ohne auf meine Frage zu antworten, fing sie sogleich wieder ebenso schnell und lebhaft wie vorher an zu reden:

»Aber es ist mir nicht möglich, ich bin zu stolz, um mich mit unbekannten Personen wie diesem Herrn Lambert in Erörterungen und Abmachungen einzulassen. Ich habe auf Sie gewartet und nicht auf Herrn Lambert. Meine Lage ist schrecklich, sie ist ganz verzweifelt, Arkadij Makarowitsch! Von den Ränken dieser Frau rings umgeben, sehe ich mich gezwungen, mit List zu verfahren – und das ist mir unerträglich. Ich erniedrige mich fast dazu zu intrigieren und habe auf Sie wie auf einen Erlöser gewartet. Man kann mich nicht dafür schelten, daß ich sehnsüchtig Umschau halte, um wenigstens einen Freund zu finden, und daher konnte ich nicht anders als mich darüber freuen, daß ich einen Freund hatte: der Mann, der sogar in jener Nacht, beinahe erfroren, meiner gedachte und immer nur meinen Namen wiederholte, der ist mir gewiß treu ergeben. So habe ich diese ganze Zeit über gedacht, und darum habe ich auf Sie gehofft.«

Sie sah mir in die Augen, als warte sie ungeduldig auf meine Antwort. Und siehe da, es mangelte mir wieder an Mut, sie zu enttäuschen und ihr geradeheraus zu sagen, daß Lambert sie belogen habe und daß ich ihm damals ganz und gar nicht gesagt hätte, ich sei ihr so besonders ergeben, und ganz und gar nicht immer nur ihren Namen genannt hätte. So bekräftigte ich gewissermaßen durch mein Stillschweigen Lamberts Lüge. Oh, sie selber (davon bin ich überzeugt) wußte ja recht gut, daß Lambert übertrieben und sie sogar einfach belogen hatte, nur um einen anständig aussehenden Vorwand zu haben, unter dem er zu ihr kommen und Beziehungen zu ihr anknüpfen konnte, und wenn sie mir mit solcher Innigkeit in die Augen sah, als sei sie von der Wahrheit jener meiner angeblichen Äußerungen und meiner Ergebenheit überzeugt, so wußte sie dabei natürlich, daß ich sozusagen aus Zartgefühl und wegen meiner Jugendlichkeit nicht wagen würde, es in Abrede zu stellen. Ob ich übrigens mit dieser Vermutung das Rechte treffe, weiß ich nicht. Vielleicht bin ich nur schrecklich verdorben.

»Mein Bruder wird mich beschützen«, sagte sie auf einmal in einer gewissen Erregung, als sie sah, daß ich nicht antworten wollte.

»Es ist mir gesagt worden, Sie seien mit ihm in meiner Wohnung gewesen«, murmelte ich verwirrt.

»Ja, der unglückliche Fürst Nikolai Iwanowitsch kann sich ja jetzt vor dieser ganzen Intrige oder, richtiger gesagt, vor seiner leiblichen Tochter fast nirgendhin retten als in Ihre Wohnung, das heißt in die Wohnung eines Freundes; wenigstens ist er ja doch berechtigt, Sie für seinen Freund zu halten! ... Und wenn Sie wirklich etwas für ihn tun wollen, so tun Sie dies – wenn Sie Hochherzigkeit und Kühnheit genug besitzen ... und endlich, wenn Sie überhaupt etwas tun können. Oh, es handelt sich da nicht darum, mir zu helfen, sondern dem unglücklichen alten Mann, dem einzigen Menschen, der Sie aufrichtig liebt, der Sie wie einen Sohn in sein Herz geschlossen hat und sich bis jetzt immer noch nach Ihnen sehnt! Für mich erhoffe ich nichts, nicht einmal von Ihnen – wenn sogar mein leiblicher Vater mir einen so hinterlistigen, boshaften Streich gespielt hat!«

»Ich möchte meinen, daß Andrej Petrowitsch ...«, begann ich.

»Andrej Petrowitsch«, unterbrach sie mich mit einem bitteren Lächeln, »Andrej Petrowitsch hat mir damals auf meine direkte Frage sein Ehrenwort gegeben, er habe nie auch nur die entferntesten Absichten auf Katerina Nikolajewna gehabt; ich habe dieser Angabe völlig Glauben geschenkt, als ich meinen Schritt tat; aber dabei stellte sich heraus, daß er nur so lange ruhig blieb, bis er die erste Nachricht über einen Herrn Bjoring erhielt.«

»Das verhält sich anders«, rief ich, »es hat einen Augenblick gegeben, wo auch ich nahe daran war, an seine Liebe zu dieser Frau zu glauben, aber dem ist nicht so ... Und selbst wenn es so wäre, so könnte er, möchte ich meinen, jetzt vollständig beruhigt sein ... nachdem die Beziehungen zu diesem Herrn abgebrochen worden sind.«

»Zu welchem Herrn?«

»Zu Bjoring.«

»Wer hat Ihnen etwas von dem Abbruch der Beziehungen gesagt? Vielleicht hat dieser Herr noch nie so viel zu bedeuten gehabt wie jetzt«, sagte sie mit einem giftigen Lächeln; es schien mir sogar, als ob sie auch mich spöttisch anblickte.

»Mir hat es Darja Onissimowna gesagt«, murmelte ich in einer Verwirrung, die ich nicht imstande war zu verbergen und die sie sehr wohl bemerkte.

»Darja Onissimowna ist eine sehr liebe Person, und ich kann ihr natürlich nicht verbieten, mich gern zu haben, aber sie hat absolut nicht die Möglichkeit, Dinge in Erfahrung zu bringen, die sie nichts angehen.«

Mein Herz zog sich schmerzlich zusammen, und wenn sie es tatsächlich darauf angelegt hatte, mich in Empörung zu versetzen, so hatte sie ihren Zweck erreicht, denn es loderte allerdings in mir eine starke Empörung auf, aber nicht gegen jene Frau, sondern einstweilen nur gegen Anna Andrejewna selbst. Ich erhob mich von meinem Platz.

»Als ehrenhafter Mensch muß ich Sie im voraus darauf aufmerksam machen, Anna Andrejewna, daß Ihre Erwartungen ... in bezug auf mich ... sich vielleicht als durchaus falsch erweisen werden ...«

»Ich erwarte, daß Sie mich beschützen«, sagte sie, mich fest ansehend, »mich, die ich von allen verlassen bin, mich, Ihre Schwester, wenn Sie so wollen, Arkadij Makarowitsch.«

Noch einen Augenblick, und sie hätte angefangen zu weinen.

»Nun, erwarten Sie lieber nichts, weil ›vielleicht‹ nichts geschehen wird«, stammelte ich; ich hatte eine unaussprechlich peinliche Empfindung.

»Wie soll ich ihre Worte verstehen?« fragte sie jetzt schon sehr furchtsam.

»In dem Sinne, daß ich von Ihnen allen fortgehen werde, und damit basta!« rief ich plötzlich beinahe wütend. »Und das Schriftstück werde ich zerreißen. Leben Sie wohl!«

Ich machte ihr eine Verbeugung und ging schweigend hinaus, wagte aber dabei kaum, sie anzusehen; jedoch ich war noch nicht die Treppe hinunter, als mich Darja Onissimowna mit einem zusammengefalteten halben Briefbogen einholte. Woher Darja Onissimowna auf einmal auftauchte und wo sie während meines Gesprächs mit Anna Andrejewna gesteckt haben mochte, das ist mir unerfindlich. Sie sagte kein Wort, sondern übergab mir nur das Blatt Papier und lief wieder zurück. Ich schlug das Blatt auseinander: es enthielt in sorgsamer, deutlicher Schrift Lamberts Adresse und war offenbar schon einige Tage vorher zurechtgemacht worden. Ich erinnerte mich auf einmal, daß ich, als Darja Onissimowna damals bei mir war, ihr gesagt hatte, ich wüßte nicht, wo Lambert wohne, aber ich hatte es so gemeint: »Ich weiß es nicht und will es nicht wissen.« In diesem Augenblick aber wußte ich Lamberts Adresse bereits durch Lisa, die ich eigens gebeten hatte, sich auf dem Adreßbüro danach zu erkundigen. Dieses Vorgehen Anna Andrejewnas erschien mir nun doch allzu energisch, ja zynisch: obwohl ich mich geweigert hatte, ihr behilflich zu sein, schickte sie mich, als ob sie meinen Worten nicht den geringsten Glauben schenkte, geradeswegs zu Lambert. Es war mir ganz klar, daß sie über das Schriftstück bereits vollständig orientiert war, und von wem anders konnte sie es erfahren haben als von Lambert, zu dem sie mich deshalb auch hinschickte, damit ich mit ihm alles verabreden möchte.

›Sie halten mich entschieden alle ohne Ausnahme für einen grünen Jungen ohne eigenen Willen und ohne festen Charakter und meinen, mit mir alles machen zu können‹, dachte ich empört.

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