Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 95
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
Schließen

Navigation:

III

Als ich am nächsten Tag das Haus verließ, gab ich mir, obgleich es schon zehn Uhr war, doch die größte Mühe, ganz leise hinauszukommen: ohne Lebewohl zu sagen und ohne mich zu melden, machte ich mich sozusagen heimlich davon. Warum ich das tat, weiß ich nicht, aber selbst wenn Mama gesehen hätte, daß ich wegging, und mich angeredet hätte, so würde ich sogar ihr eine Bosheit geantwortet haben. Als ich auf die Straße hinaustrat und die kalte Straßenluft einatmete, ließ mich eine überaus starke Empfindung ordentlich zusammenfahren, eine beinahe tierische, ich möchte sagen raubtierhafte Empfindung. Warum ich ging und wohin ich ging? Das war völlig unbestimmt und zugleich raubtierhaft. Meine Stimmung war grimmig und freudig, beides zugleich.

»Werde ich mich heute beschmutzen, oder werde ich mich nicht beschmutzen?« dachte ich frisch und mutig bei mir, obgleich ich recht wohl wußte, daß der heutige Schritt, wenn ich ihn einmal getan haben würde, ein entscheidender und im ganzen Leben nicht wieder korrigierbarer sein würde. Aber es ist zwecklos, in Rätseln zu sprechen.

Ich ging geradeswegs nach dem Gefängnis, in dem der Fürst saß. Ich hatte schon drei Tage vorher von Tatjana Pawlowna ein Briefchen an den Aufseher erhalten, und dieser empfing mich sehr freundlich. Ich weiß nicht, ob er ein guter Mensch war, und das ist, denke ich, auch belanglos; aber er gestattete mir eine Zusammenkunft mit dem Fürsten, und zwar in seinem eigenen Zimmer, das er so liebenswürdig war uns zu überlassen. Das Zimmer war von der Art, wie die Zimmer in den Dienstwohnungen von Beamten dieser Rangstufe gewöhnlich sind - auch dies zu beschreiben, halte ich für überflüssig. Auf diese Weise blieb ich mit dem Fürsten allein.

Er kam zu mir herein in einem halbmilitärischen Hausanzug, aber in sehr reiner Wäsche, mit einer stutzerhaften Krawatte, gewaschen und gekämmt, aber er war gleichzeitig schrecklich mager und gelb geworden. Diese gelbe Färbung bemerkte ich sogar in seinen Augen. Kurz, sein Äußeres hatte sich dermaßen verändert, daß ich in das größte Erstaunen geriet.

»Wie Sie sich verändert haben!« rief ich.

»Das macht nichts! Setzen Sie sich, lieber Freund!« sagte er, wies mit einer etwas geckenhaften Bewegung auf einen Lehnstuhl und setzte sich selbst mir gegenüber hin. »Lassen Sie uns zur Hauptsache kommen: sehen Sie, mein lieber Alexej Makarowitsch ...«

»Arkadij«, verbesserte ich.

»Was? Ach ja; nun, das ist ja ganz gleich. Ach ja!« sagte er mit plötzlicher Überlegung. »Entschuldigen Sie, mein Teuerster, lassen Sie uns zur Hauptsache kommen...«

Kurz, er hatte es höchst eilig, zu irgendeinem Thema überzugehen. Er war ganz und gar, vom Kopf bis zu den Füßen, von einem ihm sehr wichtig erscheinenden Gedanken erfüllt, den er zu formulieren und mir auseinanderzusetzen wünschte. Er sprach furchtbar viel und schnell, indem er mir mit qualvoller Anstrengung und lebhaften Gestikulationen etwas zu erklären suchte, aber in den ersten Minuten verstand ich absolut nichts.

»Kurz gesagt« (er hatte schon zehnmal vorher den Ausdruck »kurz gesagt« gebraucht), »kurz gesagt«, schloß er, »wenn ich Ihnen, Arkadij Makarowitsch, so viele Umstände gemacht habe und Sie so dringlich gestern durch Lisa ersucht habe, herzukommen, so sieht das zwar wie Feuerlärm aus, aber da dieser Entschluß seinem innersten Wesen nach ein überaus wichtiger, endgültiger sein soll, so müssen wir ...«

»Erlauben Sie, Fürst«, unterbrach ich ihn, »Sie haben mir gestern sagen lassen, daß ich herkommen möchte? Mir hat Lisa kein Wort davon bestellt.«

»Wie?« rief er, plötzlich in das größte Erstaunen, ja beinahe in Schrecken geratend.

»Sie hat mir kein Wort davon bestellt. Als sie gestern abend nach Hause kam, war sie so zerstreut, daß sie überhaupt nicht dazu gekommen ist, mit mir auch nur ein Wort zu reden.«

Der Fürst sprang von seinem Stuhl auf.

»Ist das wirklich wahr, Arkadij Makarowitsch? Dann ist das ... dann ist das ...«

»Aber was ist denn eigentlich dabei? Warum regen Sie sich so auf? Sie wird es einfach vergessen haben, oder es ist irgend etwas ...«

Er setzte sich wieder hin, aber es hatte ihn eine Art Starrkrampf überkommen. Die Nachricht, daß Lisa mir nichts bestellt hatte, schien ihn geradezu niedergeschmettert zu haben.

Er begann auf einmal wieder schnell zu reden und zu gestikulieren, aber es war wieder furchtbar schwer, ihn zu verstehen.

»Halt!« sagte er plötzlich, indem er mit dem Reden innehielt und einen Finger in die Höhe hob. »Halt! Das ist ... das ist ... wenn ich mich nicht irre ... das ist ein hinterlistiger Streich!« murmelte er mit dem Lächeln eines Irrsinnigen. »Und das bedeutet, daß ...«

»Das bedeutet gar nichts!« unterbrach ich ihn. »Und ich begreife überhaupt nicht, warum Sie sich über einen so nichtssagenden Umstand so aufregen ... Ach, Fürst, seit damals, seit jener Nacht - Sie erinnern sich wohl ...«

»Seit welcher Nacht? Und woran soll ich mich erinnern?« rief er verstimmt; er ärgerte sich offenbar darüber, daß ich ihn unterbrochen hatte.

»Bei Serschtschikow, wo wir zum letztenmal zusammen waren, na, wissen Sie nicht? Bevor Sie mir den Brief schrieben. Sie waren damals ebenfalls in furchtbarer Aufregung, aber damals und jetzt - das ist ein solcher Unterschied, daß ich mich geradezu um Sie ängstige ... Oder erinnern Sie sich nicht daran?«

»Ach ja«, versetzte er im Ton eines Weltmannes, als ob es ihm plötzlich wieder einfiele, »ach ja! Jener Abend... Ich habe davon gehört... Nun, wie ist denn Ihr Befinden, und wie geht es Ihnen selbst jetzt nach alledem, Arkadij Makarowitsch? ... Aber lassen Sie uns zur Hauptsache kommen! Sehen Sie, ich verfolge eigentlich drei Ziele; ich habe drei Aufgaben vor mir, und ich ...«

Er fing wieder hastig von seiner »Hauptsache« zu sprechen an. Ich begriff endlich, daß ich einen Menschen vor mir hatte, dem man zumindest sofort ein in Essig getauchtes Handtuch um den Kopf legen, wenn nicht zur Ader lassen mußte. Sein unzusammenhängendes Gerede drehte sich selbstverständlich um seinen Prozeß und um dessen möglichen Ausgang; dann sprach er davon, daß ihn sein Regimentskommandeur selbst besucht und ihm lange von etwas abgeraten, er aber nicht darauf gehört habe; dann von einer Eingabe, die er soeben irgendwo eingereicht habe; vom Staatsanwalt; davon, daß er wahrscheinlich mit Verlust der Standesrechte irgendwohin nach dem Norden Rußlands werde verschickt werden; von der Möglichkeit, in Taschkent Kolonist zu werden und sich wieder von unten heraufzudienen; von den guten Lehren und Lebensregeln, mit denen er seinen Sohn (den ihm Lisa gebären werde) »in der Einöde, in Archangelsk, in Cholmogory« ausstatten wolle. »Wenn ich den Wunsch hatte, Ihre Meinung zu hören, Arkadij Makarowitsch, so mögen Sie überzeugt sein, daß ich auf Ihr Urteil großen Wert lege ... Wenn Sie wüßten, wenn Sie wüßten, Arkadij Makarowitsch, mein Teuerster, mein Bruder, was Lisa für mich bedeutet, was sie für mich hier, jetzt, diese ganze Zeit über bedeutet hat!« rief er auf einmal und griff sich dabei mit beiden Händen an den Kopf.

»Sergej Petrowitsch, wollen Sie sie denn wirklich zugrunde richten und mit sich nehmen? Nach Cholmogory!« Diese Frage entfuhr mir unwillkürlich, und ich konnte sie nicht zurückhalten. Lisas Schicksal, lebenslänglich an der Seite dieses Irrsinnigen, kam mir plötzlich klar und gleichsam zum erstenmal zum Bewußtsein. Er sah mich an, stand von neuem auf, machte ein paar Schritte im Zimmer, drehte dann um und setzte sich wieder hin; dabei hielt er sich immer den Kopf mit den Händen.

»Ich träume immer von Spinnen!« sagte er plötzlich.

»Sie befinden sich in einer schrecklichen Aufregung; ich würde Ihnen raten, Fürst, sich hinzulegen und einen Doktor holen zu lassen.«

»Nein, erlauben Sie, das kommt erst später. Ich habe Sie hauptsächlich zu mir bitten lassen, um Ihnen das Erforderliche über die Trauung mitzuteilen. Wissen Sie, die Trauung wird hier, hier in der Kirche, stattfinden; ich habe bereits alles besprochen. Die Erlaubnis zu allem ist schon erteilt, und man redet mir sogar zu ... Was Lisa anlangt, so ...«

»Fürst, lieber Fürst«, rief ich, »haben Sie doch Mitleid mit Lisa, quälen Sie sie wenigstens jetzt nicht, seien Sie nicht eifersüchtig!«

»Wie!« schrie er, indem er mich mit weitaufgerissenen Augen starr ansah und das ganze Gesicht zu einem breiten, sinnlos fragenden Lächeln verzerrte. Offenbar hatte der Ausdruck: »Seien Sie nicht eifersüchtig!« aus irgendeinem Grund auf ihn einen furchtbaren Eindruck gemacht.

»Verzeihen Sie, Fürst, ich habe das nur so unüberlegt gesagt. O Fürst, in der letzten Zeit habe ich einen alten Mann kennengelernt, meinen nominellen Vater ... Oh, wenn Sie ihn sähen, dann würden Sie ruhiger sein ... Auch Lisa schätzt ihn sehr hoch.«

»Ach ja, Lisa ... ach ja, das ist Ihr Vater? Oder ... pardon, mon cher, so etwas Ähnliches ... Ich erinnere mich ... sie hat mir davon erzählt ... ein altes Männchen ... Ich bin davon überzeugt, ich bin davon überzeugt. Ich habe auch so ein altes Männchen gekannt ... Mais passons, vor allen Dingen müssen wir, um die ganze Wichtigkeit des Augenblicks zu erkennen ...«

Ich stand auf, um wegzugehen; es war mir schmerzlich, ihn anzusehen.

»Ich verstehe nicht!« sagte er in strengem, würdevollem Ton, als er sah, daß ich weggehen wollte.

»Es ist mir schmerzlich, Sie anzusehen«, sagte ich.

»Arkadij Makarowitsch, ein Wort, nur noch ein Wort!« sagte er mit ganz anderer Miene und Haltung, indem er mich bei den Schultern faßte und mich nötigte, mich auf einen Lehnstuhl zu setzen. »Haben Sie schon das von diesen jungen Leuten gehört, Sie verstehen?« fragte er, sich zu mir herabbeugend.

»Ach ja, Dergatschew! Da steckt gewiß Stebelkow dahinter!« rief ich, unfähig, mich zu beherrschen.

»Ja, Stebelkow und ... Sie wissen nichts?«

Er brach ab und starrte mich wieder mit denselben weitaufgerissenen Augen und mit demselben breiten, krampfhaften, sinnlos fragenden Lächeln an, bei dem sich seine Mundwinkel immer weiter auseinanderzogen. Sein Gesicht wurde allmählich blasser. Auf einmal lief mir ein Schütteln durch den Leib: ich dachte an den Blick, mit dem mich Wersilow tags zuvor angesehen hatte, als er mir von Wassins Verhaftung Mitteilung machte.

»Oh, wirklich?« rief ich erschrocken.

»Sehen Sie, Arkadij Makarowitsch, ich habe Sie eben deshalb bitten lassen, um Ihnen das zu erklären ... ich wollte ...«, begann er hastig zu flüstern.

»Also Sie, Sie haben Wassin denunziert?« rief ich.

»Nein, sehen Sie, es war da ein Manuskript. Wassin hatte es kurz vor dem letzten Tag Lisa übergeben ... zur Aufbewahrung. Die aber ließ es mir hier zum Durchsehen, und dann geschah es am folgenden Tag, daß sie sich miteinander überwarfen ...«

»Sie haben das Manuskript der Behörde zugestellt!«

»Arkadij Makarowitsch, Arkadij Makarowitsch!«

»Und also haben Sie«, rief ich aufspringend und jedes Wort scharf betonend, »also haben Sie ohne jeden anderen Beweggrund, ohne jeden anderen Zweck, einzig und allein weil der unglückliche Wassin Ihr Nebenbuhler war, nur aus Eifersucht das Manuskript, das Lisa anvertraut war, ausgeliefert ... und wem ausgeliefert? Wem? Dem Staatsanwalt?«

Aber er antwortete nicht und hätte auch kaum antworten können, denn er stand vor mir wie ein Götzenbild, immer mit demselben krankhaften Lächeln und demselben starren Blick; aber auf einmal öffnete sich die Tür, und Lisa trat herein. Sie wäre beinahe in Ohnmacht gefallen, als sie uns beide zusammen sah.

»Du bist hier? Also du bist hier?« rief sie, während ihr Gesicht sich plötzlich verzerrte, und sie ergriff mich bei den Armen. »Also ... du weißt es

Aber sie las es schon auf meinem Gesicht, daß ich »es wußte«. In unwiderstehlicher innerer Bewegung umarmte ich sie schnell und drückte sie fest und innig an meine Brust! Und in diesem Augenblick begriff ich zum erstenmal in vollem Ausmaß, was für ein unabwendbares, endloses Leid ohne einen lichten Morgen für alle Zeit auf dem Schicksal dieser freiwilligen Märtyrerin lastete.

»Ist es denn möglich, jetzt mit ihm zu reden?« rief sie, sich plötzlich von mir losreißend. »Ist es denn möglich, mit ihm zusammen zu sein? Warum bist du hier? So sieh ihn doch an, sieh ihn an! Ist es denn möglich, ihn zu verdammen?«

Ein unendliches Leid und ein unendliches Mitleid prägten sich auf ihrem Gesicht aus, als sie bei diesen herausgeschrienen Worten auf den Unglücklichen zeigte. Er saß im Lehnstuhl, das Gesicht mit den Händen bedeckend. Und sie hatte recht: das war ein Mensch im Fieberdelirium, der für nichts zur Verantwortung gezogen werden konnte. Er wurde noch an demselben Vormittag ins Lazarett gebracht, und am Abend war bei ihm schon eine Gehirnentzündung zum Ausbruch gekommen.

 << Kapitel 94  Kapitel 96 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.