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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 94
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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II

Es begann damit, daß schon zwei Tage vor meinem ersten Ausgang Lisa am Abend in großer Aufregung nach Hause kam. Sie fühlte sich beleidigt, und in der Tat war das, was ihr widerfahren war, nicht zu ertragen.

Ich habe schon ihre Beziehungen zu Wassin erwähnt. Sie ging zu ihm hin, nicht nur, um uns zu zeigen, daß sie uns nicht brauchte, sondern auch, weil sie Wassin wirklich sehr hoch achtete. Die Bekanntschaft hatte schon in Luga begonnen, und ich hatte immer die Empfindung gehabt, daß Wassin sich für sie interessierte. In dem Unglück, das sie betroffen hatte, konnte sie natürlich den Wunsch hegen, einen charakterfesten, ruhigen, immer edeldenkenden Mann, für den sie Wassin hielt, um Rat zu fragen. Zudem verstehen es die Frauen nicht besonders, den Verstand eines Mannes zu beurteilen, wenn ihnen der Mann selbst gefällt, und nehmen dann Paradoxien gern für streng logische Schlüsse, wenn sie mit ihren eigenen Wünschen übereinstimmen. An Wassin gefiel meiner Schwester seine Teilnahme für ihre Situation und, wie es ihr bei den ersten Besuchen vorkam, seine Teilnahme auch für den Fürsten. Da sie zudem seine Neigung zu ihr ahnte, mußte sie ihm die Teilnahme für seinen Rivalen besonders hoch anrechnen. Der Fürst aber, dem sie selbst gesagt hatte, daß sie manchmal zu Wassin gehe, um sich bei ihm Rat zu holen, hatte diese Mitteilung gleich vom erstenmal an mit großer Beunruhigung aufgenommen; er war eifersüchtig geworden. Lisa fühlte sich dadurch gekränkt und setzte nun aus Trotz ihre Besuche bei Wassin erst recht fort. Der Fürst sagte nichts mehr darüber, machte aber ein finsteres Gesicht. Lisa selbst hat mir später (sehr lange nachher) gestanden, daß Wassin ihr damals sehr bald nicht mehr gefallen habe; er war ruhig, und gerade diese stete, gleichmäßige Ruhe, die ihr am Anfang so zugesagt hatte, machte auf sie später einen ziemlich unangenehmen Eindruck. Er schien in Dingen des praktischen Lebens Erfahrung zu besitzen und gab ihr tatsächlich einige anscheinend gute Ratschläge, aber es traf sich sonderbar, daß sich diese Ratschläge sämtlich als unausführbar erwiesen. Er urteilte sehr von oben herab und legte sich ihr gegenüber keinerlei Zwang auf; diese Zwanglosigkeit wurde mit der Zeit immer größer, was Lisa seiner wachsenden, ungewollten Verachtung für ihre Lage zuschrieb. Einmal hatte sie ihm dafür gedankt, daß er sich mir gegenüber beständig so freundlich benehme und, obwohl er an Verstand hoch über mir stehe, dennoch mit mir wie mit seinesgleichen rede (das, heißt, sie hatte ihm meine eigenen Worte wiederholt). Er antwortete ihr:

»So ist das nicht; das ist nicht der Grund. Der Grund ist der, daß ich zwischen ihm und anderen Menschen keinen Unterschied sehe. Ich halte ihn weder für dümmer als die Klugen noch für schlechter als die Guten. Ich benehme mich gegen alle Menschen in gleicher Weise, weil sie in meinen Augen alle gleich sind.«

»Wie? Sehen Sie wirklich keine Unterschiede?«

»O gewiß, alle unterscheiden sich in diesem oder jenem Punkt voneinander, aber in meinen Augen existieren keine Unterschiede, weil die Unterschiede der Menschen mich nicht berühren: für mich sind alle gleich und ist alles gleich; und daher bin ich gegen alle gleichmäßig freundlich.«

»Und wird Ihnen das nicht langweilig?«

»Nein, ich bin immer mit mir zufrieden.«

»Und Sie haben keine Wünsche?«

»Wie sollte ich keine Wünsche haben? Aber keine aufregenden. Ich brauche fast nichts, nicht einen Rubel mehr, als ich habe. Ob ich ein goldenes Kleid trage oder ein solches, wie ich es jetzt anhabe, das ist ganz gleich. Das goldene Kleid würde Wassins Wert nicht erhöhen. Leckere Speisen verlocken mich nicht; könnten etwa äußere Ehren und Würden den Wert des Platzes haben, auf dem ich stehe?«

Lisa beteuerte mir, daß er sich buchstäblich so ausgedrückt habe. Übrigens kann man über solche Aussprüche nicht so ohne weiteres urteilen; man muß die Umstände kennen, unter denen sie getan sind.

Allmählich kam Lisa zu der Schlußfolgerung, daß er auch über den Fürsten vielleicht nur deshalb nachsichtig urteilte, weil für ihn alle Menschen gleich waren und »keine Unterschiede existierten«, und keineswegs aus Teilnahme für ihn; schließlich aber begann er offensichtlich seinen Gleichmut zu verlieren und den Fürsten nicht nur zu tadeln, sondern sich auch über ihn mit geringschätziger Ironie zu äußern. Darüber war Lisa aufgebracht, aber Wassin verblieb bei diesem Benehmen. Eigenartig war dabei, daß er sich immer sehr milde ausdrückte und sogar seinen Tadel nicht im Ton des Unwillens aussprach, sondern ihr einfach durch logische Schlüsse die Nichtswürdigkeit ihres Helden bewies; aber gerade in dieser logischen Beweisführung lag die Ironie. Schließlich bewies er ihr fast unverblümt die ganze »Unverständigkeit« ihrer Liebe, die ganze eigensinnige Gewaltsamkeit dieser Liebe. »Sie haben sich in Ihren Gefühlen verirrt, und Gefühlsverirrungen muß man, sobald man sich ihrer bewußt geworden ist, unter allen Umständen korrigieren.«

Das hatte er gerade an jenem Tage gesagt; Lisa war empört aufgestanden, um wegzugehen; aber was tat dieser verständige Mensch nun zum Schluß: mit der edelsten Miene und sogar in gefühlvoller Weise trug er ihr seine Hand an. Lisa sagte ihm gleich ins Gesicht, er sei ein Dummkopf, und ging hinaus.

Einer Frau vorzuschlagen, sie solle einem Unglücklichen deshalb untreu werden, weil dieser Unglückliche ihrer nicht wert sei, und besonders dies einer Frau vorzuschlagen, die von diesem Unglücklichen schwanger ist – da sieht man den Verstand dieser Leute! Ich nenne das eine arge theoretische Verstiegenheit und eine vollständige Unkenntnis des Lebens, die aus maßloser Eigenliebe hervorgeht. Und überdies erkannte Lisa mit größter Klarheit, daß er sogar auf seine Handlungsweise stolz war, vielleicht deswegen, weil er schon von ihrer Schwangerschaft wußte. Mit Tränen der Entrüstung eilte sie zum Fürsten, und was tat der? Er überbot Wassin noch: man sollte meinen, nach dieser Erzählung hätte er davon überzeugt sein können, daß zur Eifersucht kein Anlaß bestand; aber gerade nun benahm er sich wie ein Verrückter. Übrigens machen es ja alle Eifersüchtigen so! Er machte ihr eine furchtbare Szene und kränkte sie dermaßen, daß sie nahe daran war, alle Beziehungen zu ihm sofort abzubrechen.

Dennoch beherrschte sie sich noch, als sie nach Hause gekommen war; nur konnte sie sich nicht enthalten, Mama alles zu bekennen. Oh, an jenem Abend schlossen sie sich wieder ganz so eng aneinander an wie früher: das Eis war gebrochen. Beide weinten sich selbstverständlich, wie das ihre Gewohnheit war, einander umschlungen haltend, aus, und es schien auch, daß Lisa sich beruhigte, obwohl sie sehr ernst und trüb blieb. Den Abend über saß sie bei Makar Iwanowitsch, ohne ein Wort zu reden, aber auch ohne das Zimmer zu verlassen. Sie hörte aufmerksam mit an, was er sagte. Seit jener Geschichte mit der Fußbank erwies sie ihm eine große, sozusagen schüchterne Ehrerbietung, obgleich sie immer schweigsam blieb.

Aber diesmal gab Makar Iwanowitsch dem Gespräch eine unerwartete Wendung, die alle in Erstaunen versetzte; ich bemerke, daß Wersilow und der Doktor am Vormittag mit sehr ernsten Gesichtern über sein Befinden gesprochen hatten. Ich bemerke ferner, daß in unserer Familie schon seit mehreren Tagen Vorbereitungen zur Feier von Mamas Geburtstag getroffen wurden, der in fünf Tagen bevorstand, und daß häufig davon gesprochen wurde. Anläßlich dieser Gespräche geriet Makar Iwanowitsch auf einmal in alte Erinnerungen hinein und erzählte von Mamas Kindheit und von der Zeit, wo sie noch nicht habe »auf den Beinchen stehen« können. »Sie ging mir nicht vom Arm«, erzählte der Alte, »manchmal lehrte ich sie auch gehen: ich stellte sie drei Schritte von mir entfernt in eine Ecke und rief sie dann, und sie wackelte durchs Zimmer auf mich los und fürchtete sich nicht und lachte, und wenn sie dann zu mir hingelaufen war, stürzte sie auf mich zu und schlang die Arme um meinen Hals. Und Märchen habe ich dir nachher erzählt, Sofja Andrejewna; du hörtest meine Märchen sehr gern; du konntest ein paar Stunden auf meinen Knien sitzen und zuhören. Alle im Hause wunderten sich: ›Nun seht mal an, wie sie an Makar hängt!‹ Manchmal nahm ich dich auch mit in den Wald, suchte einen Himbeerstrauch, setzte dich zu den Himbeeren und schnitzte dir unterdes eine Pfeife aus Holz. Und wenn wir dann genug spazierengegangen waren, trug ich dich auf dem Arm nach Hause – und das Kindchen schlief. Und einmal hast du solche Angst vor einem Wolf bekommen und kamst, am ganzen Leib zitternd, zu mir gestürzt, aber es war gar kein Wolf da.«

»Daran erinnere ich mich noch«, sagte Mama.

»Erinnerst du dich wirklich?«

»Ich erinnere mich noch an vieles andere. Seit ich von mir selbst im Leben weiß, habe ich mich von Ihrer Liebe und Freundlichkeit umgeben gesehen«, sagte sie gerührt und wurde auf einmal ganz rot.

Makar Iwanowitsch wartete ein Weilchen und fuhr dann fort:

»Lebt wohl, Kinderchen, ich gehe jetzt von euch. Das Ende meines Lebens ist nun herangekommen. Ich habe in meinen alten Tagen Trost für alle Leiden gefunden; ich danke euch, meine Lieben.«

»Reden Sie doch nicht so, liebster Makar Iwanowitsch!« rief Wersilow, einigermaßen beunruhigt. »Der Doktor hat mir erst vorhin noch gesagt, daß es Ihnen sehr viel besser geht ...«

Mama horchte ängstlich auf.

»Na, was weiß denn der, dein Alexander Semjonowitsch«, erwiderte Makar Iwanowitsch lächelnd. »Er ist ein sehr lieber Mensch, weiter aber auch nichts. Laßt das nur gut sein, liebe Freunde, oder glaubt ihr, daß ich mich vor dem Tod fürchte? Ich hatte heute nach dem Morgengebet so ein Gefühl im Herzen, daß ich aus diesem Zimmer nicht mehr hinausgehen werde; eine innere Stimme sagte mir das. »Nun gut also, der Name des Herrn sei gelobt! Nur an euch allen möchte ich mich noch einmal satt sehen. Auch der Dulder Hiob fand Trost beim Anblick seiner neuen Kinderchen, aber vergaß er seine früheren, und konnte er sie überhaupt vergessen? Das ist unmöglich! Nur daß sich im Lauf der Jahre die Trauer gleichsam mit der Freude vermischt, sich zu einem freudigen Seufzen verklärt. So ist es nun einmal auf Erden: eine jede Seele wird geprüft und getröstet. Ich habe mir vorgenommen, Kinderchen, euch ein Wörtchen zu sagen, ein kleines Wörtchen«, fuhr er mit einem stillen, schönen Lächeln fort, das ich nie vergessen werde, und wandte sich auf einmal an mich. »Du, mein Lieber, hänge du immer eifrig der heiligen Kirche an, und wenn die Zeit ruft, so stirb auch für sie, aber warte, erschrick nicht, es braucht nicht gleich zu sein«, fügte er lächelnd hinzu. »Jetzt denkst du vielleicht an dergleichen nicht, aber später wirst du vielleicht daran denken. Und was ich noch sagen wollte: wenn du etwas Gutes zu tun gedenkst, so tue es um Gottes willen, und nicht, um beneidet zu werden. An deinem Werk aber halte fest und laß dich nicht durch Anwandlungen von Kleinmut davon abbringen; tue es mit Ruhe, ohne Überhastung und ohne Unterbrechung! Nun, das ist ja wohl alles, was ich dir zu sagen hatte. Nur noch dies: gewöhne dich, täglich und unablässig zu beten! Ich wollte dir das nur sagen, vielleicht erinnerst du dich einmal daran. Auch Ihnen, gnädiger Herr Andrej Petrowitsch, möchte ich gern etwas sagen, aber Gott wird auch ohne mich Ihr Herz zu finden wissen. Wir beide, Sie und ich, haben schon lange nicht mehr davon gesprochen, seit der Zeit, wo dieser Pfeil mein Herz durchbohrte. Jetzt aber, wo ich hinweggehe, will ich Sie nur an das erinnern ... was Sie mir damals versprochen haben ...«

Die letzten Worte flüsterte er beinahe und hielt die Augen gesenkt.

»Makar Iwanowitsch!« sagte Wersilow verlegen und stand vom Stuhl auf.

»Nun, nun, beunruhigen Sie sich nicht, gnädiger Herr, ich wollte nur daran erinnern ... Die Schuld Gott gegenüber trage in dieser Sache vor allem ich; denn obgleich Sie mein Herr waren, so hätte ich doch diese Schwäche nicht zulassen sollen. Darum quäle auch du, Sofja, deine Seele nicht allzusehr, denn deine ganze Sünde ist meine Sünde, und ich glaube, du hast damals kaum ein hinreichendes Verständnis dafür besessen, und vielleicht Sie auch nicht, gnädiger Herr, ebensowenig wie sie«, fügte er lächelnd mit schmerzlich zuckenden Lippen hinzu. »Und wiewohl ich dich damals hätte belehren können als meine Gattin, sogar mit dem Stock, und es auch hätte tun müssen, so tatest du mir doch leid, als du weinend vor mir niederfielst und nichts verschwiegst ... und mir die Füße küßtest. Nicht um dir einen Vorwurf zu machen, erwähne ich das, liebste Sofja, sondern nur um Andrej Petrowitsch zu erinnern ... denn Sie werden sich ja auch selbst an Ihr Versprechen als Edelmann erinnern, gnädiger Herr, die Brautkrone aber bedeckt alles ... Ich sage das in Gegenwart der Kinder, gnädiger Herr ...«

Er befand sich in großer Aufregung und blickte Wersilow an, wie wenn er von ihm eine zustimmende Antwort erwartete. Ich wiederhole: das alles war so unerwartet, daß ich dasaß, ohne mich zu rühren. Wersilow war nicht weniger aufgeregt als er: er trat schweigend zu Mama heran und umarmte sie innig; dann ging Mama, ebenfalls schweigend, zu Makar Iwanowitsch hin und verbeugte sich ganz tief vor ihm.

Kurz, es war eine ergreifende Szene; im Zimmer waren diesmal nur die Familienmitglieder anwesend. Nicht einmal Tatjana Pawlowna war da. Lisa saß gerade aufgerichtet auf ihrem Stuhl und hörte schweigend zu; auf einmal stand sie auf und sagte in festem Ton zu Makar Iwanowitsch:

»Segnen Sie auch mich, Makar Iwanowitsch, zu einer großen Qual, die mir bevorsteht. Morgen wird sich mein ganzes Schicksal entscheiden ... beten Sie heute für mich!«

Nach diesen Worten ging sie aus dem Zimmer. Ich weiß, daß Makar Iwanowitsch schon von Mama alles, was ihr begegnet war, erfahren hatte. Aber ich sah an diesem Abend zum erstenmal Wersilow und Mama als ein Paar zusammen; bis dahin war mir Mama neben ihm immer wie seine Dienerin erschienen. Sehr, sehr vieles hatte ich noch nicht bemerkt, nicht gekannt an diesem Menschen, über den ich doch schon den Stab gebrochen hatte, und daher kehrte ich in großer Verwirrung in mein Zimmer zurück. Und ich muß sagen, daß sich gerade zu dieser Zeit alle meine Zweifel über ihn verdichtet hatten; noch nie vorher war er mir so geheimnisvoll und rätselhaft erschienen wie gerade zu dieser Zeit, aber davon handelt ja die ganze Geschichte, die ich hier niederschreibe; alles zu seiner Zeit.

›Aber‹, dachte ich damals im stillen, als ich bereits im Begriff war, mich schlafen zu legen, ›da hat sich doch herausgestellt, daß er Makar Iwanowitsch sein Wort als Edelmann gegeben hat, Mama zu heiraten, falls sie Witwe werden sollte. Das hat er verschwiegen, als er mir früher so vieles von Makar Iwanowitsch erzählte.‹

Am folgenden Tag war Lisa von Morgen bis Abend nicht zu Hause, und als sie ziemlich spät zurückkehrte, ging sie geradeswegs zu Makar Iwanowitsch hinein. Ich wollte eigentlich nicht hineingehen, um die beiden nicht zu stören, aber bald merkte ich, daß auch Mama und Wersilow schon dort waren, und ging ebenfalls hin. Lisa saß neben dem alten Mann und weinte an seiner Schulter; der aber streichelte ihr mit traurigem Gesicht schweigend den Kopf.

Wersilow teilte mir, als wir uns nachher in meinem Zimmer befanden, mit, daß der Fürst auf seiner Absicht bestehe und sich mit Lisa so bald wie möglich, noch vor dem Urteilsspruch des Gerichts, trauen lassen wolle. Lisa konnte sich nur schwer dazu entschließen, obgleich sie kaum noch ein Recht hatte, sich zu weigern. Und auch Makar Iwanowitsch hatte ihr »befohlen«, sich trauen zu lassen. Natürlich hätte sich dies später alles ganz von selbst ergeben, und sie hätte sich zweifellos aus eigenem Entschluß trauen lassen, ohne Befehle und ohne Schwanken, aber im gegenwärtigen Augenblick fühlte sie sich so tief gekränkt von demjenigen, den sie liebte, und durch diese Liebe sogar in ihren eigenen Augen so erniedrigt, daß ihr der Entschluß schwerfiel. Aber auch abgesehen von der Kränkung war da noch ein neuer hindernder Umstand vorhanden, von dem ich noch gar keine Ahnung haben konnte.

»Hast du gehört, daß alle diese jungen Leute von der Petersburger Seite gestern verhaftet worden sind?« fügte Wersilow auf einmal hinzu.

»Was? Dergatschew?« rief ich.

»Ja, und Wassin ebenfalls.«

Ich war wie vor den Kopf geschlagen, besonders als ich von Wassins Verhaftung hörte.

»Aber ist er denn in irgend etwas verwickelt? Mein Gott, wie wird es ihnen jetzt ergehen? Und gerade in dem Augenblick, wo Lisa über Wassin so empört gewesen ist! ... Was meinen Sie, was ihnen geschehen kann? Da steckt Stebelkow dahinter! Ich versichere Ihnen, das ist Stebelkows Werk!«

»Lassen wir das«, erwiderte Wersilow und sah mich mit einem seltsamen Blick an (gerade so, wie man einen Menschen ansieht, der nichts begreift und nichts errät), »wer weiß denn, was sie da eigentlich haben, und wer kann wissen, wie es ihnen ergehen wird? Darüber wollte ich auch nicht mit dir reden; ich habe gehört, du hättest vor, morgen auszugehen: möchtest du nicht bei dem Fürsten Sergej Petrowitsch mit vorsprechen?«

»Das soll mein erstes sein; ich muß allerdings gestehen, daß mir das sehr peinlich ist ... Aber soll ich ihm etwas von Ihnen bestellen?«

»Nein, nichts. Ich werde ihn selbst besuchen. Mir tut Lisa leid. Und was kann Makar Iwanowitsch ihr für Ratschläge erteilen? Er weiß ja selbst nichts von den Menschen und vom Leben. Ja, was ich noch sagen wollte, mein Lieber« (er hatte mich schon lange nicht mehr »mein Lieber« genannt), »da sind auch noch ... so ein paar junge Leute ... von denen einer dein früherer Schulkamerad Lambert ist ... Mir scheint, das sind sämtlich schlimme Schurken ... Ich sage es nur, um dich zu warnen ... Übrigens ist das ja natürlich vollständig deine Sache, und ich weiß sehr wohl, daß ich kein Recht habe ...«

»Andrej Petrowitsch«, versetzte ich, und ergriff seine Hand, ohne Überlegung und beinahe in einer Art von Begeisterung, was bei mir oft vorkommt (unser Gespräch fand fast im Dunkeln statt) »Andrej Petrowitsch, ich habe geschwiegen – Sie haben das ja gesehen, ich habe immer geschwiegen, bis jetzt, wissen Sie warum? Um Ihren Geheimnissen aus dem Wege zu gehen. Ich habe den direkten Entschluß gefaßt, sie nie kennenzulernen. Ich bin feige, ich fürchte, daß Ihre Geheimnisse Sie ganz aus meinem Herzen reißen werden, und das möchte ich nicht. Und wenn das so ist, wozu brauchen dann andrerseits Sie meine Geheimnisse zu wissen? Mag es doch bitte auch Ihnen gleichgültig sein, wohin ich gehe! Nicht wahr?«

»Du hast recht; aber nun kein Wort mehr, ich bitte dich!« sagte er und ging aus dem Zimmer. So war es unerwarteterweise doch zu einer, wenn auch nur kurzen Aussprache zwischen uns gekommen. Aber er hatte nur die Erregung gesteigert, die ich vor dem neuen, für den folgenden Tag beabsichtigten Schritt ins Leben empfand, so daß ich die ganze Nacht über fortwährend aus dem Schlaf aufwachte; aber mir war wohl zumute.

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