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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 88
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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V

Ich bekam einen Rückfall; es trat ein überaus heftiger Fieberanfall ein, und in der Nacht redete ich irre. Aber das tat ich nicht die ganze Nacht hindurch: dazwischen hatte ich auch zahllose Träume, eine lange Kette, die gar nicht aufhören wollte. Von diesen Träumen hat sich einer oder wenigstens das Bruchstück eines Traumes meinem Gedächtnis für das ganze Leben eingeprägt. Ich teile ihn hier ohne jeden Kommentar mit; er war prophetisch, und ich kann ihn nicht weglassen.

Ich befand mich plötzlich mit irgendeiner großen, stolzen Absicht im Herzen in einem geräumigen, hohen Zimmer, aber nicht bei Tatjana Pawlowna; ich erinnere mich an das Zimmer sehr genau, was ich hier im voraus bemerke. Aber obgleich ich allein war, hatte ich trotzdem ununterbrochen das beunruhigende, qualvolle Gefühl, daß ich doch nicht allein sei, daß ich erwartet würde, und daß man von mir etwas erwartete. Irgendwo hinter der Tür saßen Leute und warteten, was ich tun würde. Es war ein unerträgliches Gefühl: ›O wäre ich doch allein!‹ Und auf einmal trat sie herein. Sie sah schüchtern aus, sie fürchtete sich gewaltig, sie blickte mir in die Augen. In meiner Hand hatte ich jenes Schriftstück. Sie lächelte, um mich in ihre Bande zu schlagen, sie schmeichelte mir; ich bemitleidete sie, aber ich begann einen starken Widerwillen zu empfinden. Plötzlich bedeckte sie ihr Gesicht mit den Händen. Ich warf das Schriftstück auf den Tisch und sagte mit unbeschreiblicher Verachtung: »Bitten Sie mich nicht erst darum, da ist es, ich wünsche von Ihnen nichts! Ich räche mich für allen mir angetanen Schimpf durch Verachtung!« Ich verließ das Zimmer, fast erstickend an meinem maßlosen Stolz. Aber an der Tür, im Dunkeln, bekam mich Lambert zu fassen! »Schafskopf, Schafskopf!« flüsterte er mir nachdrücklich zu, indem er mich an der Hand festhielt, »sie wird auf der Wassilij-Insel ein Pensionat für adlige junge Mädchen einrichten müssen« (NB - das heißt: um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, wenn ihr Vater durch mich von dem Schriftstück Kenntnis erhalten, sie enterbt und aus dem Hause gejagt haben würde. Ich schreibe Lamberts Worte buchstäblich her, so wie ich sie geträumt habe).

»Arkadij Makarowitsch sucht die ›edle Schönheit‹«, hörte ich Anna Andrejewnas Stimme irgendwo nahebei, ebendort auf der Treppe, aber ihre Worte klangen nicht wie ein Lob, sondern wie unerträglicher Spott. Ich kehrte mit Lambert in das Zimmer zurück. Aber als sie Lambert erblickte, fing sie plötzlich an zu lachen. Meine erste Empfindung war ein furchtbarer Schreck, ein solcher Schreck, daß ich stehenblieb und nicht näher treten wollte. Ich sah sie an und traute meinen Augen nicht; es war, als hätte sie plötzlich eine Maske von ihrem Gesicht genommen: es waren dieselben Züge, aber jeder Zug war gewissermaßen zu maßloser Frechheit entstellt. »Den Kaufpreis, gnädige Frau, den Kaufpreis!« schrie Lambert, und nun lachten sie beide noch ärger; mir aber wollte das Herz aufhören zu schlagen: »Oh, ist diese schamlose Person wirklich dieselbe Frau, von der ein Blick ausreichte, um mein Herz von tugendhaften Empfindungen erglühen zu lassen?«

»Da sieht man es, wozu sie um des Geldes willen fähig sind, diese stolzen Leute aus den höchsten Kreisen!« rief Lambert. Aber das schamlose Weib ließ sich nicht einmal durch diese Worte in Verlegenheit bringen; sie lachte nämlich darüber, daß ich so erschrocken war. Oh, sie war bereit, den Kaufpreis zu zahlen, das sah ich, und ... und was ging mit mir vor? Ich fühlte weder Mitleid noch Ekel mehr; ich zitterte wie noch nie in meinem Leben ... Ein neues, unbeschreibliches Gefühl bemächtigte sich meiner, ein Gefühl, wie ich es überhaupt noch nie gekannt hatte, ein Gefühl, stark wie die ganze Welt ... Oh, jetzt war ich nicht mehr imstande, fortzugehen, um keinen Preis! Oh, wie es mir gefiel, daß sie so schamlos war! Ich ergriff ihre beiden Hände, die Berührung ihrer Hände erschütterte mich qualvoll, und ich näherte meinen Mund ihren frechen, roten, vor Lachen zitternden Lippen, die mich riefen.

Oh, hinweg mit dieser unwürdigen Erinnerung! Verfluchter Traum! Ich schwöre, daß vor diesem abscheulichen Traum in meinem Geist kein Gedanke vorhanden gewesen ist, der diesem schändlichen Gedanken auch nur im entferntesten ähnlich gewesen wäre. Nicht einmal unwillkürlich war eine solche Vorstellung in meiner Einbildungskraft entstanden (obgleich ich das Schriftstück in der Tasche eingenäht trug und manchmal mit einem seltsamen Lächeln nach der Tasche fühlte). Woher kam es denn nun, daß dies alles auf einmal in völlig fertiger Gestalt vor mein geistiges Auge trat? Das kam daher, daß in mir die Seele einer Spinne steckte! Das bedeutet, daß dies alles schon längst in meinem unsittlichen Herzen geboren war und dort lag, daß es in meinen Wünschen lag, daß aber das Herz sich im wachen Zustand noch schämte und der Verstand es noch nicht wagte, sich etwas Ähnliches mit Bewußtsein vorzustellen. Aber im Traum stellte meine Seele selbst alles, was in meinem Herzen war, vor mich hin und breitete es vor mir aus, in vollkommener Deutlichkeit, in einem ganz klaren Bild und - in prophetischer Form. Und war es wirklich das gewesen, was ich ihnen hatte beweisen wollen, als ich am Vormittag aus Makar Iwanowitschs Zimmer hinausgelaufen war? Aber genug jetzt, vorläufig nichts weiter davon! Dieser Traum, den ich hatte, ist eines der merkwürdigsten Ereignisse meines Lebens.

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