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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 87
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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IV

Es war ein außerordentlich heller Tag. Das Rouleau in Makar Iwanowitschs Zimmer war früher auf Anordnung des Doktors gewöhnlich den ganzen Tag über heruntergelassen gewesen; aber jetzt befand sich am Fenster nicht ein Rouleau, sondern ein Vorhang, so daß der obere Teil des Fensters nicht verdeckt war; dies war gemacht worden, weil es dem Alten bei dem früheren Rouleau unbehaglich gewesen war, da er die Sonne so gar nicht sah. Und da hatten wir nun gerade bis zu dem Augenblick dagesessen, wo auf einmal die Sonnenstrahlen dem alten Makar Iwanowitsch gerade ins Gesicht schienen. Im Eifer des Gesprächs hatte er das anfänglich nicht beachtet, sondern mechanisch, während er redete, mehrmals den Kopf seitwärts gebeugt, weil das grelle Licht seine kranken Augen sehr belästigte und reizte. Mama, die neben ihm stand, hatte schon einige Male unruhig nach dem Fenster geblickt; das Richtige wäre gewesen, das Fenster einfach mit irgend etwas vollständig zu verhängen, aber um das Gespräch nicht zu unterbrechen, kam sie auf den Gedanken, zu versuchen, ob sie nicht die Fußbank, auf der Makar Iwanowitsch saß, nach rechts zur Seite rücken könnte: es war nur nötig, sie um drei oder höchstens vier Werschok zu bewegen. Mama hatte sich schon mehrmals niedergebeugt und die Fußbank angefaßt, sie aber nicht wegziehen können; die Fußbank mit dem darauf sitzenden Makar Iwanowitsch hatte sich nicht gerührt.

Makar Iwanowitsch, der ihre Anstrengungen im Eifer des Gesprächs nur ganz unbewußt fühlte, hatte mehrmals versucht, sich ein wenig zu erheben, aber die Beine hatten ihm den Dienst versagt. Mama fuhr jedoch trotzdem fort, sich anzustrengen und zu ziehen, und all das machte Lisa schließlich furchtbar zornig. Es waren mir schon ein paar funkelnde, erregte Blicke von ihr aufgefallen, aber ich hatte im ersten Augenblick nicht gewußt, worauf ich sie zurückführen sollte, und überdies nahm mich das Gespräch vollständig in Anspruch. Da hörten wir auf einmal, wie sie mit scharfer Stimme den alten Makar Iwanowitsch beinahe anschrie:

»So heben Sie sich doch wenigstens ein bißchen in die Höhe, Sie sehen doch, wie Mama sich abquält!«

Der Alte sah sie schnell an, verstand sofort und versuchte eilig, sich ein wenig zu erheben, aber das gelang ihm nicht; er hob sich eine Handbreit in die Höhe und sank dann wieder auf die Fußbank zurück.

»Ich kann nicht, Täubchen«, antwortete er in klagendem Ton und sah Lisa irgendwie völlig gehorsam an.

»Reden können Sie so viel, daß man ein ganzes Buch damit anfüllen könnte, aber sich zu rühren, dazu sind Sie nicht imstande!«

»Lisa!« rief Tatjana Pawlowna. Makar Iwanowitsch machte wieder eine außerordentliche Anstrengung.

»So nehmen Sie doch den Krückstock, er liegt ja neben Ihnen, und richten Sie sich mit dem Krückstock auf!« sagte Lisa noch einmal scharf.

»Da hast du auch recht!« versetzte der Alte und griff sofort eilig nach dem Stock.

»Wir müssen ihn einfach aufheben!« sagte Wersilow aufstehend; der Doktor setzte sich ebenfalls in Bewegung, auch Tatjana Pawlowna sprang auf, aber sie hatten noch nicht Zeit gehabt heranzutreten, als Makar Iwanowitsch, mit aller Kraft sich auf seinen Krückstock stützend, sich plötzlich erhob, mit frohem Triumphgefühl auf seinem Platz dastand und rings um sich blickte.

»Da bin ich doch in die Höhe gekommen!« sagte er ordentlich stolz und lächelte fröhlich. »Ich danke dir auch, liebes Kind, du hast mich belehrt, und ich hatte schon gedacht, daß die lieben Beinchen mir gar nicht mehr gehorchten...«

Aber er stand nicht lange so da; er hatte das kaum gesagt, als auf einmal der Stock, auf den er sich mit dem ganzen Gewicht seines Körpers stützte, auf dem Teppich ausrutschte und er, da »die lieben Beinchen« ihm fast gar keinen Halt gaben, der Länge nach polternd auf den Fußboden stürzte. Das war, wie ich mich erinnere, ein geradezu furchtbarer Anblick. Alle schrien auf und stürzten hin, um ihm aufzuhelfen, aber er hatte sich Gott sei Dank bei dem Fall nichts getan; er war nur schwer und geräuschvoll mit beiden Knien auf den Fußboden geschlagen, hatte aber noch Zeit gehabt, die rechte Hand vor sich hin zu halten und sich auf sie zu stemmen. Er wurde aufgehoben und auf das Bett gesetzt. Er war sehr blaß geworden, nicht vor Schreck, sondern von der Erschütterung. (Der Doktor hatte bei ihm neben allem andern auch eine Herzkrankheit gefunden.) Mama war ganz außer sich vor Schreck. Und auf einmal wandte sich Makar Iwanowitsch, obwohl er noch ganz blaß aussah, am ganzen Leibe zitterte und anscheinend noch nicht recht wieder zur Besinnung gekommen war, an Lisa und sagte mit beinahe zärtlich klingender, leiser Stimme zu ihr:

»Nein, liebes Kind, die lieben Beinchen stehen wirklich nicht mehr!«

Ich kann gar nicht sagen, was für einen Eindruck diese Worte damals auf mich machten. Die Sache war die, daß in den Worten des armen alten Mannes nicht der geringste Klang einer Klage oder eines Vorwurfs lag; vielmehr war ohne weiteres deutlich, daß er gleich von Anfang an in Lisas Worten absolut nichts Böses gefunden und ihr Anschreien für berechtigt gehalten hatte, das heißt daß sie ganz recht getan hatte, ihn für seine Verfehlung auszuschelten. Alles dies übte auf Lisa eine außerordentlich starke Wirkung aus. In dem Augenblick des Falls war sie wie alle übrigen aufgesprungen und hatte ganz leichenblaß und natürlich von tiefem Schmerz ergriffen dagestanden, da sie an allem schuld war, aber als sie diese Worte hörte, wurde sie plötzlich in demselben Augenblick über das ganze Gesicht dunkelrot vor Scham und Reue.

»Nun ist's aber genug!« kommandierte Tatjana Pawlowna auf einmal. »Das kommt alles von diesem Gerede! Es ist Zeit, daß wir auseinandergehen; das führt zu nichts Gutem, wenn der Doktor selbst so ein Geschwätz veranstaltet.«

»Sie haben ganz recht«, stimmte ihr Alexander Semjonowitsch bei, der mit dem Kranken beschäftigt war. »Ich habe einen Fehler begangen, Tatjana Pawlowna, er braucht Ruhe!«

Aber Tatjana Pawlowna hörte nicht auf ihn: sie blickte etwa eine halbe Minute lang schweigend und unverwandt Lisa ins Gesicht.

»Komm her, Lisa, und küsse mich alte Närrin, wenn du magst«, sagte sie dann zu meiner Überraschung.

Und sie küßte sie, ich weiß nicht wofür, aber gerade das war es, was man jetzt tun mußte; beinahe wäre ich selbst auf Tatjana Pawlowna zugestürzt, um sie zu küssen. Denn jetzt mußte man Lisa nicht durch Vorwürfe ganz zu Boden drücken, sondern das neue, schöne Gefühl, das sich jetzt zweifellos in ihr regte, mit freudiger Anerkennung begrüßen. Aber statt auch meinerseits solche Empfindungen zu äußern, stand ich plötzlich auf und begann mit fester Stimme und in scharfem Ton:

»Makar Iwanowitsch, Sie haben wieder den Ausdruck ›edle Schönheit‹ gebraucht, und ich habe mich gerade gestern und alle diese Tage mit diesem Ausdruck gequält ... und überhaupt habe ich mich mein ganzes Leben lang gequält, nur habe ich früher nicht gewußt, weswegen. Dieses Zusammentreffen der Ausdrücke halte ich für eine Fügung des Schicksals, beinahe für ein Wunder. Ich spreche das in Ihrer Gegenwart aus ...«

Aber ich wurde sofort unterbrochen. Ich bemerke noch einmal: ich wußte nichts von ihrer Verabredung hinsichtlich Mamas und Makar Iwanowitschs; und von mir glaubten sie natürlich auf Grund früherer Erfahrungen, daß ich zu jedem derartigen Skandal fähig sei.

»Bringt ihn zum Schweigen, bringt ihn zum Schweigen!« schrie Tatjana Pawlowna voller Wut. Mama zitterte. Makar Iwanowitsch bekam, als er das allgemeine Erschrecken sah, selbst einen Schreck.

»Arkadij, hör auf!« rief Wersilow ernst.

»Für mich, meine Herrschaften«, fuhr ich noch lauter fort, »für mich ist es geradezu ein häßlicher Anblick, Sie alle neben diesem kleinen Kind« (ich wies auf Makar hin) »zu sehen. Hier ist nur eine Heilige - das ist Mama, aber auch die ...«

»Sie erschrecken ihn!« sagte der Doktor nachdrücklich.

»Ich weiß, daß ich der ganzen Welt feindlich gegenüberstehe«, stammelte ich (oder etwas in dieser Art); aber nachdem ich noch einmal rings um mich geschaut hatte, richtete ich einen herausfordernden Blick auf Wersilow.

»Arkadij!« rief er wieder, »eine ganz ebensolche Szene hat hier schon einmal zwischen uns stattgefunden. Ich bitte dich inständig, beherrsche dich jetzt!«

Ich kann nicht beschreiben, mit was für einer tiefen Empfindung er das sagte. Eine große, aufrichtige, schmerzliche Traurigkeit prägte sich auf seinem Gesicht aus. Das erstaunliche war aber dabei, daß er wie schuldbewußt aussah: ich war der Richter und er der Verbrecher. Alles das brachte mich um den Rest meiner Vernunft.

»Ja!« schrie ich ihm zur Antwort zu, »eine ganz ebensolche Szene fand statt, als ich Wersilow begrub und aus meinem Herzen riß ... Aber damals folgte eine Auferstehung von den Toten, jetzt jedoch ... jetzt wird es keinen neuen Morgen mehr geben! Aber ... aber ihr alle hier werdet sehen, wozu ich fähig bin: ihr ahnt nicht einmal, was ich euch beweisen kann!«

Nach diesen Worten stürzte ich davon, auf mein Zimmer. Wersilow lief mir nach ...

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