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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 83
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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III

»Setz dich, setz dich hin, deine Beine können sicher noch nicht recht stehen«, sagte er zu mir und wies mit freundlicher Einladung auf einen Platz neben sich; dabei fuhr er fort, mir mit demselben leuchtenden Blick ins Gesicht zu sehen. Ich setzte mich neben ihn und erwiderte:

»Ich kenne Sie, Sie sind Makar Iwanowitsch.«

»Jawohl, mein Lieber. Nun, das ist ja schön, daß du wieder aufgestanden bist. Du bist ein junger Mensch; da hast du es gut. Ein alter Mann muß ins Grab, aber ein junger Mensch soll leben.«

»Sind Sie denn krank?«

»Ja, ich bin krank, Freund, besonders an den Füßen; bis zur Schwelle haben sie mich noch getragen, aber sowie ich mich hier hingesetzt hatte, sind sie angeschwollen. Das habe ich seit dem vorigen Donnerstag, als solche Grade wurden« (er meinte: als die Kälte eintrat). »Ich habe sie mir bisher immer mit einer Salbe eingerieben, siehst du, die hat mir vor zwei Jahren Lichten, ein Doktor, Edmund Karlytsch, in Moskau verschrieben, und die Salbe hat mir auch geholfen, sehr gut hat sie mir geholfen; na, aber jetzt hilft sie nicht mehr. Ja, und die Brust ist mir auch dick geworden. Und seit gestern tut mir auch der Rücken weh, als ob mich die Hunde beißen ... nachts kann ich auch nicht schlafen.«

»Wie kommt es denn, daß Sie hier so gar nicht zu hören sind?« unterbrach ich ihn. Er sah mich an, als ob er über etwas nachdächte.

»Weck nur deine Mutter nicht auf!« fügte er hinzu, wie wenn ihm plötzlich etwas einfiele. »Sie ist hier nebenan die ganze Nacht über tätig gewesen, ganz leise und unhörbar wie eine Fliege; jetzt aber hat sie sich, soviel ich weiß, hingelegt. Ach, so ein kranker, alter Mann hat es recht schlecht«, fuhr er mit einem Seufzer fort. »Woran sich nur die Seele immer noch so klammert und hält, und immer freut sie sich noch am Licht; und ich glaube, wenn sie das ganze Leben noch einmal von vorn anfangen könnte, so würde sich die Seele vielleicht auch davor nicht fürchten; obwohl ein solcher Gedanke möglicherweise sündhaft ist.«

»Wieso sündhaft?«

»Dieser Gedanke ist ein Luftschloß, ein alter Mann aber muß gern und willig davongehen. Wenn man aber dem Tod mit Murren und Unzufriedenheit entgegensieht, so ist das eine große Sünde. Na, aber wenn jemand in seelischer Heiterkeit das Leben liebgewonnen hat, dann, denke ich mir, wird Gott ihm das verzeihen, selbst einem alten Mann. Es ist schwer für einen Menschen, von jeder Sünde zu wissen, was sündig ist und was nicht: es ist da ein Geheimnis, das über den Menschenverstand hinausgeht. Ein alter Mann aber muß zu jeder Zeit zufrieden sein und muß in der vollen Blüte seines Verstandes sterben, selig und willig, von seinen Lebenstagen gesättigt, seinem letzten Stündlein entgegenseufzend und sich freuend, dahingehend wie eine Ähre zur Garbe, nachdem er sein Geheimnis erfüllt hat.«

»Sie reden immer von einem Geheimnis; was heißt denn das: »sein Geheimnis erfüllen«?« fragte ich und sah mich dabei nach der Tür um. Ich freute mich darüber, daß wir beide allein waren und ringsum tiefe Stille herrschte. Die Sonne schien vor ihrem Untergang hell ins Fenster herein. Er sprach etwas schwülstig und unklar, aber im Ton innerer Überzeugung und mit großer Lebhaftigkeit, als freue er sich wirklich über mein Kommen. Aber ich bemerkte, daß er sich zweifellos in einem fieberhaften Zustand befand, und zwar sogar in einem recht schlimmen. Ich war ebenfalls krank, ich fieberte ebenfalls von dem Augenblick an, wo ich zu ihm hereingekommen war.

»Worin das Geheimnis besteht? Alles ist ein Geheimnis, mein Freund, in allem liegt ein göttliches Geheimnis. In jedem Baum, in jedem Gräschen ist dieses selbe Geheimnis eingeschlossen. Ob nun ein kleines Vögelchen singt oder die Sterne in ihren ganzen Scharen bei Nacht am Himmel glänzen, alles ist dieses eine, gleiche Geheimnis. Das allergrößte Geheimnis aber besteht in dem, was der Seele des Menschen in jener Welt harrt. Ja, so ist das, Freund!«

»Ich weiß nicht, in welchem Sinne Sie ... Ich sage das natürlich nicht, um mich über Sie lustig zu machen, und Sie können überzeugt sein, daß ich an Gott glaube; aber alle diese Geheimnisse sind doch durch den Verstand schon längst aufgedeckt worden, und was nicht aufgedeckt worden ist, das wird alles aufgedeckt werden, ganz bestimmt und vielleicht in ganz kurzer Zeit. Die Botanik weiß genau, wie der Baum wächst; der Physiologe und der Anatom wissen sogar, warum der Vogel singt, oder sie werden es bald in Erfahrung bringen, und was die Sterne anlangt, so sind sie nicht nur alle gezählt, sondern auch jede ihrer Bewegungen ist auf die Minute genau ausgerechnet, so daß man die Erscheinung eines Kometen vorhersagen kann, sogar tausend Jahre vorher, auf die Minute ... und jetzt ist sogar die Zusammensetzung der fernsten Sterne bekannt geworden. Nehmen Sie ein Mikroskop – das ist so ein Vergrößerungsglas, das die Gegenstände millionenfach vergrößert –, und betrachten Sie unter ihm einen Wassertropfen, und Sie werden dort eine ganze neue Welt erblicken, ein vollständiges Gewimmel lebender Wesen, und dabei war auch das ein Geheimnis, aber es ist aufgedeckt worden.«

»Ich habe davon gehört, mein Teuerster; die Leute haben mir wiederholt davon erzählt. Es ist nicht zu leugnen: das ist eine große, herrliche Sache; alles ist dem Menschen nach Gottes Willen verliehen, nicht umsonst hat ihm Gott den Lebensatem eingehaucht: »Lebe und erkenne!««

»Nun, das sind Gemeinplätze. Aber Sie sind kein Feind der Wissenschaft, kein Klerikaler? Das heißt, ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen ...«

»Nein, mein Teuerster, ich habe die Wissenschaft von klein auf geachtet, und obwohl ich selbst unwissend bin, so murre ich doch nicht darüber; ist es mir selbst nicht zuteil geworden, so doch einem andern. Es ist vielleicht insofern auch besser so, weil ein jeder das Seine haben muß. Denn, lieber Freund, nicht einem jeden ist die Wissenschaft von Nutzen. Alle sind maßlos, jeder möchte die ganze Welt in Erstaunen versetzen, und ich würde vielleicht einer der Schlimmsten sein, wenn ich ein Gelehrter wäre. So aber, da ich ganz und gar kein Gelehrter bin, wie kann ich mich da überheben, wenn ich doch selbst nichts weiß? Du aber bist jung und scharfsinnig, und das ist dir als dein Anteil zugefallen, du studiere nur! Erkenne alles, damit, wenn du auf einen Gottlosen oder Frechling stößt, du ihm antworten kannst und er dich mit seinem törichten Gerede nicht mundtot macht und deine unreifen Gedanken in Verwirrung bringt. So ein Glas aber habe ich noch vor nicht allzu langer Zeit gesehen.«

Er holte tief Atem und seufzte. Ich hatte ihm durch mein Kommen entschieden das größte Vergnügen bereitet. Sein Mitteilungsdrang hatte etwas Krankhaftes. Außerdem irre ich mich sicherlich nicht, wenn ich behaupte, daß er mich manchmal ganz besonders liebevoll ansah: er legte seine Hand freundlich auf die meinige, klopfte mir auf die Schulter ... na, aber manchmal, muß ich gestehen, schien er mich auch wieder vollständig zu vergessen, als ob er allein im Zimmer säße, und redete zwar eifrig weiter, aber sozusagen in die leere Luft.

»Mein Freund«, fuhr er fort, »da lebt in dem kleinen Gennadij-Kloster ein Mann von großem Verstand. Er ist von vornehmer Herkunft und seinem Rang nach Oberstleutnant und besitzt großen Reichtum. Als er noch in der Welt lebte, wollte er sich nicht durch die Ehe binden; jetzt ist es schon das zehnte Jahr, daß er sich von der Welt zurückgezogen hat; er hat den stillen, schweigsamen Zufluchtsort liebgewonnen, sein Denken von der weltlichen Eitelkeit abgewandt und Ruhe der Seele gewonnen. Er hält die Mönchsregeln vollständig inne, will aber nicht Mönch werden. Und Bücher, mein Freund, besitzt er so viele, wie ich noch bei keinem andern Menschen gesehen habe; er hat mir selbst gesagt, es seien für achttausend Rubel. Pjotr Walerjanytsch heißt er. Er hat mich zu verschiedenen Zeiten vieles gelehrt, und ich hörte ihm immer außerordentlich gern zu. Da sagte ich einmal zu ihm: »Wie kommt es, Herr, daß Sie bei Ihrem großen Verstand, und da Sie doch schon zehn Jahre lang in mönchischem Gehorsam und in vollständiger Abtötung Ihres Willens leben, wie kommt es, daß Sie da nicht das Mönchsgelübde ablegen, um auf diese Art zu noch größerer Vollkommenheit zu gelangen?« Er aber erwiderte mir darauf: »Was redest du da von meinem Verstand, Alter; vielleicht hat mein Verstand mich in Fesseln geschlagen, und nicht ich habe ihn zur Besonnenheit gebracht. Und was sprichst du von meinem Gehorsam; vielleicht habe ich schon längst verlernt, mich im Zaum zu halten. Und was schwatzt du von der Abtötung meines Willens? Auf mein Geld würde ich sofort verzichten und meinem Rang entsagen und die ganze Kavallerie sogleich da auf den Tisch legen, aber von meiner Pfeife Tabak kann ich nicht lassen, obwohl ich schon zehn Jahre lang mit mir selbst im Kampf liege. Was würde ich also für ein Mönch sein, und wie kannst du mich wegen der Abtötung meines Willens rühmen?« Ich war damals erstaunt über diese Demut. Na, nun also im vorigen Sommer, zu den Petrifasten, kehrte ich wieder in jenem Kloster ein – Gott hatte mich hingeführt –, und da sah ich in seiner Zelle eben so ein Ding stehen, ein Mikroskop; das hatte er sich für ein großes Stück Geld aus dem Ausland kommen lassen. »Warte mal, Alter«, sagte er, »ich werde dir etwas Erstaunliches zeigen, weil du so etwas noch nie gesehen hast. Du siehst hier einen Wassertropfen, der ist so rein wie eine Träne; na, nun paß mal auf, was in ihm drin ist; und du wirst sehen, daß die Mechaniker bald alle Geheimnisse Gottes werden herausgebracht haben, für uns beide, für mich und dich, werden sie kein einziges mehr übriglassen‹; genau mit diesen Worten sagte er das, ich habe es mir gemerkt. Aber ich hatte in so ein Mikroskop schon fünfunddreißig Jahre vorher hineingesehen, bei Alexander Wladimirowitsch Malgassow, unserm Herrn, der mütterlicherseits ein Onkel Andrej Petrowitschs war und von dem das Gut auch dann nach seinem Tode auf Andrej Petrowitsch überging. Das war ein großmächtiger Herr, ein hoher General, und er hielt sich eine große Meute Jagdhunde, und ich war damals viele Jahre lang bei ihm Pikör. Na also; der stellte damals auch so ein Mikroskop auf, das er sich ebenfalls mitgebracht hatte, und befahl dem ganzen Gutsgesinde, Männern und Weibern, es sollte einer nach dem andern herantreten und hineinsehen, und es wurde ebenfalls ein Floh gezeigt und eine Laus und die Spitze einer Nadel und ein Haar und ein Wassertropfen. Und nun war es ein Hauptspaß: sie fürchteten sich heranzutreten, und sie fürchteten sich auch vor dem Herrn, denn der war sehr jähzornig. Manche verstanden es gar nicht, hineinzusehen; sie kniffen die Augen zu und sahen nichts; andere hatten Angst und schrien, und der Schulze Sawin Makarow hielt sich beide Hände vor die Augen und schrie: »Macht mit mir, was ihr wollt – ich gehe nicht hin!« Da gab es viel Gelächter. Aber zu Pjotr Walerjanytsch sagte ich nichts davon, daß ich schon früher, vor mehr als fünfunddreißig Jahren, dieses selbe Wunder gesehen hatte, denn ich sah, daß es ihm großes Vergnügen machte, es mir zu zeigen, und so tat ich denn im Gegenteil sehr verwundert und erschrocken. Er ließ mir ein Weilchen Zeit und fragte dann: ›Nun, Alter, was sagst du jetzt?‹ Aber ich verneigte mich und sagte zu ihm: ›Gott sprach: »Es werde Licht!« und es ward Licht.‹ Er aber erwiderte darauf: ›Ward nicht vielmehr Finsternis?‹ Und das sagte er in so sonderbarem Ton und lächelte nicht einmal dabei. Ich wunderte mich damals über ihn; er aber war ordentlich böse geworden und sagte weiter nichts.«

»Die Sache ist ganz einfach: Ihr Pjotr Walerjanytsch ißt im Kloster die Mönchskost und macht die vorgeschriebenen Verneigungen, aber er glaubt nicht an Gott, und Sie sind gerade in einem solchen Augenblick zu ihm gekommen, das ist das Ganze«, sagte ich, »und außerdem ist er ein recht komischer Mensch: er hatte doch gewiß vorher schon zehnmal ein Mikroskop gesehen; warum benimmt er sich denn beim elftenmal, als ob er den Verstand verliert? Sicher so eine nervöse Reizbarkeit ... die er sich im Kloster zugezogen hat.«

»Er ist ein Mensch von reinen Sitten und von hohem Verstand«, sagte der Alte nachdrücklich, »und er ist auch nicht gottlos. Er hat eine große Menge Verstand, aber ein unruhiges Herz. Solche Menschen gehen jetzt sehr viel aus dem herrschaftlichen und aus dem gelehrten Stand hervor. Und da will ich dir noch etwas sagen; ein solcher Mensch straft sich selbst. Du aber geh ihnen aus dem Weg und ärgere sie nicht, aber ehe du abends einschläfst, gedenke ihrer in deinem Gebet, denn solche Menschen suchen Gott. Betest du vor dem Einschlafen?«

»Nein, ich halte das für eine leere Förmlichkeit. Ich muß Ihnen übrigens gestehen, daß mir Pjotr Walerjanytsch gefällt: er ist wenigstens kein leeres Stroh, sondern immerhin ein Mensch und hat einige Ähnlichkeit mit jemandem, der uns beiden nahesteht und den wir beide kennen.«

Der Alte beachtete nur den ersten Satz meiner Antwort.

»Du tust unrecht, Freund, daß du nicht betest; das Beten ist etwas Gutes, es macht das Herz heiter, sowohl vor dem Einschlafen als auch, wenn man sich vom Schlaf erhebt, als auch, wenn man in der Nacht aufwacht. Das kann ich dir sagen. Im vorigen Sommer, im Juli, zogen wir nach dem Kloster von Bogorodsk zum Kirchenfest. Je näher wir dem Ort kamen, um so mehr Volk fand sich zusammen, und zuletzt waren wir unser beinahe zweihundert, die wir alle hinzogen, um die heiligen Gebeine der beiden großen Wundertäter Anikij und Grigorij zu küssen. Wir übernachteten auf freiem Feld, und ich erwachte am Morgen ganz früh; alle schliefen noch, und selbst die liebe Sonne schaute noch nicht hinter dem Wald hervor. Ich hob den Kopf in die Höhe, mein Lieber, ließ meinen Blick rings umherwandern und seufzte: überall eine unsägliche Schönheit! Alles so still, die Luft so leicht; die Gräschen wachsen – wachset, ihr Gräschen Gottes; ein Vögelchen singt – singe, du Vögelchen Gottes; ein Kindlein quäkt auf dem Arm der Mutter – Gott schütze dich, du kleines Menschlein, wachse auf und werde glücklich, du Kindlein! Und es war mir, als empfände ich zum erstenmal in meinem Leben das alles in meinem Herzen ... Ich legte mich wieder hin und schlief so angenehm wieder ein. Es ist schön auf der Welt, mein Lieber! Wenn's mit meiner Gesundheit besser wird, möchte ich im Frühling wieder auf die Wanderung gehen. Und daß alles ein Geheimnis ist, das macht die Sache noch schöner; das Herz bangt und staunt, und diese Bangigkeit macht das Herz heiter: ›Alles ist in dir, o Gott, und ich selbst bin in dir, und nimm du mich auf!‹ Murre nicht, junger Mann: dadurch, daß es ein Geheimnis ist, wird es nur um so schöner«, fügte er gerührt hinzu.

»›Dadurch, daß es ein Geheimnis ist, wird es nur um so schöner ...‹ Das werde ich behalten; diese Worte werde ich mir einprägen. Sie drücken sich sehr ungenau aus, aber ich verstehe Sie ... Es überrascht mich, daß Sie weit mehr wissen und verstehen, als Sie ausdrücken können; nur reden Sie wie im Fieber ...«, entfuhr es mir unwillkürlich beim Anblick seiner fieberhaft glänzenden Augen und seines blaß gewordenen Gesichts. Aber er hatte, wie es schien, meine Worte gar nicht gehört.

»Weißt du auch wohl, lieber junger Mensch«, begann er wieder, als setzte er seine frühere Rede fort, »weißt du auch wohl, daß es für die Erinnerung an einen Menschen auf dieser Erde eine Grenze gibt? Die Grenze für die Erinnerung an einen Menschen ist auf nur hundert Jahre angesetzt. Hundert Jahre nach seinem Tode können sich seiner noch seine Kinder oder Enkel erinnern, die noch sein Gesicht gesehen haben, aber dann kann zwar das Gedächtnis an ihn noch fortleben, aber nur durch Reden und Gedanken, da alle, die sein lebendes Antlitz gesehen haben, schon dahingegangen sind. Und sein Grabhügel auf dem Friedhof wächst mit Gras und Kraut zu, und der weiße Stein darauf zerbröckelt, und alle Leute und sogar seine eigenen Nachkommen vergessen ihn, und später wird selbst sein Name vergessen, denn nur wenige Namen erhalten sich im Gedächtnis der Menschen – nun, mag es so sein! Aber mag ich auch vergessen werden, ihr meine Lieben, ich werde euch doch auch noch im Grab liebhaben. Ich werde eure fröhlichen Stimmen hören, ihr Kinderchen, ich werde eure Schritte bei den Gräbern eurer Väter am Allerseelentag hören; lebt nur einstweilen noch im Sonnenschein und freut euch; ich aber werde zu Gott für euch beten, und in euren Träumen werde ich zu euch kommen ... wenn ich auch tot bin – die Liebe überdauert den Tod! ...«

Die Hauptsache war, daß ich mich in demselben fieberhaften Zustand befand wie er; statt wegzugehen oder ihm beruhigend zuzureden, vielleicht auch ihn ins Bett zu bringen, da er schon vollständig wie im Fieberwahn redete, ergriff ich plötzlich seine Hand, beugte mich zu ihm hinab, drückte sie und sagte in aufgeregtem Flüsterton und mit mühsam verhaltenen Tränen:

»Ich freue mich, daß Sie gekommen sind. Ich habe vielleicht schon lange auf Sie gewartet. Von den andern hier liebe ich niemanden: sie besitzen keine edle Schönheit ... Ich werde nicht mit ihnen denselben Weg gehen, ich weiß nicht, wohin ich gehen werde, ich werde mit Ihnen gehen ...«

Aber zum Glück kam in diesem Augenblick Mama herein; sonst weiß ich nicht, was ich schließlich noch getan hätte. Es war ihr am Gesicht anzusehen, daß sie eben erst aufgewacht war und sich in großer Aufregung befand; in der Hand hatte sie ein Fläschchen und einen Eßlöffel; als sie uns erblickte, rief sie: »Hab ich es doch gewußt! Ich habe ihm das Chinin nicht rechtzeitig eingegeben, und nun hat er gleich wieder starkes Fieber! Ich habe die Zeit verschlafen, Makar Iwanowitsch, mein Täubchen!«

Ich stand auf und ging hinaus. Sie gab ihm die Medizin und brachte ihn zu Bett. Ich legte mich ebenfalls wieder in mein Bett, befand mich aber in starker Aufregung. Eine große Neugier war in mir rege geworden, und ich dachte angestrengt über diese Begegnung nach. Was ich damals von ihr erwartete, weiß ich nicht. Allerdings entbehrten meine Überlegungen jeglichen Zusammenhanges, und was in meinem Kopf auftauchte, waren nicht Gedanken, sondern nur Bruchstücke von Gedanken. Ich lag mit dem Gesicht nach der Wand zu, und auf einmal erblickte ich im Winkel jenen scharfen, hellen Fleck Sonnenlicht, dessen Erscheinen ich vorher mit solchem Ingrimm erwartet hatte; und nun erinnere ich mich, daß meine ganze Seele frohlockte und gleichsam ein neues Licht in mein Herz drang. Ich erinnere mich an diesen wonnevollen Augenblick und will ihn nie vergessen. Es war nur ein Schimmer neuer Hoffnung und neuer Kraft ... Ich war damals in der Genesung begriffen, und somit mochten solche starken Affekte eine unvermeidliche Folge des Zustandes meiner Nerven sein, aber an diese selbe lichte Hoffnung glaube ich auch jetzt noch – das ist's, was ich jetzt niederschreiben und mir ins Gedächtnis rufen wollte. Allerdings wußte ich auch damals mit aller Bestimmtheit, daß ich nicht mit Makar Iwanowitsch als Pilger umherziehen würde und daß ich mir über das Wesen dieses neuen Dranges, der mich ergriffen hatte, selbst nicht klar war, aber ein Wort hatte ich schon ausgesprochen, wenn auch im Fieberdelirium: »Die andern besitzen keine edle Schönheit!« ›Gewiß‹, dachte ich in meinem exaltierten Zustand, ›von diesem Augenblick an werde ich die »edle Schönheit« suchen, aber die hier besitzen sie nicht, und darum werde ich sie verlassen.‹

Es raschelte etwas hinter mir, ich drehte mich um: Mama stand, sich über mich beugend, da und sah mir mit schüchterner Neugier in die Augen. Ich ergriff sie plötzlich bei der Hand.

»Warum haben Sie mir denn von unserm teuren Gast nichts gesagt, Mama?« fragte ich auf einmal; die Frage kam mir ganz unwillkürlich über die Lippen. Alle Unruhe verschwand mit einem Schlag von ihrem Gesicht, und eine Art Freude leuchtete darin auf, aber sie gab mir keine Antwort auf meine Frage, sondern sagte nur:

»Vergiß auch Lisa nicht, du hast Lisa vergessen.«

Sie sagte das hastig und unter Erröten und wollte schnell fortgehen, da sie es ebenfalls nicht liebte, Gefühle herauszukehren, und in dieser Hinsicht mir ähnlich, das heißt schamhaft und keusch war; außerdem wollte sie selbstverständlich mit mir kein Gespräch über Makar Iwanowitsch anfangen; es genügte schon das, was wir uns durch unsere Blicke sagen konnten. Aber ich, der ich doch jedes Herauskehren von Gefühlen haßte, ich hielt sie mit Gewalt an der Hand zurück: ich sah ihr entzückt in die Augen, lachte leise und zärtlich und streichelte mit der andern Hand ihr liebes Gesicht und ihre eingefallenen Wangen. Sie beugte sich zu mir herab und drückte ihre Stirn gegen die meinige.

»Nun, Christus beschütze dich!« sagte sie dann, indem sie sich wieder aufrichtete; ihr ganzes Gesicht strahlte. »Werde nur wieder gesund. Ich werde dir das nicht vergessen. Er ist krank, sehr krank ... Sein Leben steht in Gottes Hand ... Ach, was habe ich da gesagt; das kann ja gar nicht sein! ...«

Sie ging hinaus. Ihr ganzes Leben lang hat sie ihren legitimen Gatten, den Pilger Makar Iwanowitsch, mit Furcht und Zittern und scheuer Andacht verehrt, ihren Gatten, der ihr so großmütig ein für allemal verziehen hatte.

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