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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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VIII

Um nun endlich definitiv zum 19. September zu kommen, will ich nur noch in aller Kürze und sozusagen im Vorübergehen bemerken, daß ich sie alle, das heißt Wersilow, meine Mutter und meine Schwester (die letztere sah ich zum erstenmal in meinem Leben), in sehr bedrängten Verhältnissen vorfand: sie waren fast bettelarm oder standen doch unmittelbar vor völliger Armut. Ich hatte davon schon in Moskau gehört, aber doch nicht alles geahnt, was ich nun mit eigenen Augen sah. Ich war von klein auf gewöhnt gewesen, mir diesen Menschen, diesen »meinen künftigen Vater«, beinahe mit einer Art von Glorienschein vorzustellen, und konnte ihn mir gar nicht anders denken als überall auf dem ersten Platz. Wersilow hatte bisher nie mit meiner Mutter in ein und derselben Wohnung gewohnt, sondern ihr immer eine besondere gemietet; allerdings hatte er das nur aus den in solchen Kreisen üblichen gemeinen »Anstandsrücksichten« getan. Aber jetzt wohnten sie alle zusammen in einem Holzhäuschen, in einer Seitenstraße des Semjonowskij Polk. Alle ihre Sachen waren bereits versetzt, so daß ich meiner Mutter ohne Wersilows Wissen meinen heimlichen Schatz, sechzig Rubel, gab. Ich sage: meinen heimlichen Schatz, denn diese Summe hatte ich mir von meinem Taschengeld, das mir im Betrag von fünf Rubeln monatlich verabfolgt wurde, im Laufe von zwei Jahren zusammengespart; begonnen hatte ich mit dem Sparen gleich am ersten Tag, als mir meine »Idee« gekommen war, und darum durfte Wersilow von diesem Geld keine Silbe wissen. Davor zitterte ich.

Diese Beihilfe war nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Meine Mutter arbeitete, und meine Schwester nahm gleichfalls Näharbeit an; Wersilow dagegen ging müßig, betrug sich launenhaft und hatte eine Menge seiner früheren, ziemlich kostspieligen Gewohnheiten beibehalten. Er murrte gewaltig, besonders über das Mittagessen, und sein ganzes Benehmen war völlig despotisch. Aber meine Mutter, meine Schwester, Tatjana Pawlowna und die ganze aus einer Menge von Frauenspersonen bestehende Andronikowsche Familie (Andronikow war ein drei Monate vorher verstorbener Bürovorsteher, der neben seinem Amt Wersilows Geschäftsangelegenheiten besorgt hatte) verehrten ihn andächtig wie einen Fetisch. Ich hatte mir so etwas gar nicht vorstellen können. Ich bemerke, daß er neun Jahre vorher unvergleichlich eleganter gewesen war. Ich habe bereits gesagt, daß er in meinen Träumereien mit einer Art Glorienschein umgeben war, und daher konnte ich es nicht begreifen, wie er in einer Zeit von nicht mehr als neun Jahren so hatte altern und sich zu seinem Nachteil verändern können; das stimmte mich sofort traurig und flößte mir Mitleid und Scham ein. Sein Anblick war einer der peinlichsten Eindrücke, die ich gleich nach meiner Ankunft hatte. Übrigens war er noch durchaus kein alter Mann, er war erst fünfundvierzig Jahre alt; bei genauerer Betrachtung fand ich in seiner immer noch schönen Erscheinung sogar etwas Anziehenderes, als das, was in meiner Erinnerung haftete. Es war jetzt weniger äußerer Glanz, weniger Vornehmheit als damals vorhanden, aber das Leben hatte diesem Gesicht einen viel interessanteren Ausdruck als früher aufgeprägt.

Indessen bildete die Armut nur den zehnten oder zwanzigsten Teil seines Mißgeschicks, und ich wußte das nur zu gut. Außer der Armut lag noch etwas sehr viel Ernsteres vor – um gar nicht davon zu reden, daß er immer noch Hoffnung hatte, einen Erbschaftsprozeß zu gewinnen, den er schon vor einem Jahr gegen die Fürsten Sokolskij angestrengt hatte; es war daher nicht unmöglich, daß er in allernächster Zeit ein Gut im Werte von sechzigtausend, vielleicht sogar noch mehr Rubeln erhielt. Ich habe schon oben gesagt, daß dieser Wersilow in seinem Leben drei Erbschaften durchgebracht hatte, und da war es nun möglicherweise wieder eine Erbschaft, die ihm aus der Klemme half! Die gerichtliche Entscheidung stand unmittelbar bevor. Im Hinblick darauf war ich auch hergereist. Allerdings gab ihm auf die bloße Hoffnung hin niemand Geld, so daß er nirgends welches borgen konnte; sie mußten daher einstweilen aushalten.

Aber Wersilow ging auch zu niemandem hin, obwohl er manchmal den ganzen Tag fortblieb. Es war schon mehr als ein Jahr her, daß man ihn aus der vornehmen Gesellschaft ausgestoßen hatte. Diese Affäre war mir trotz all meiner Bemühungen in der Hauptsache unklar geblieben, obwohl ich schon einen ganzen Monat lang in Petersburg wohnte. War Wersilow schuldig oder nicht? Das war für mich eine wichtige Frage, und ebendeswegen war ich hergereist! Alle hatten sich von ihm abgewandt, unter anderen auch alle einflußreichen, vornehmen Leute, mit denen Beziehungen zu unterhalten er sein ganzes Leben lang besonders gut verstanden hatte, und zwar war dies geschehen infolge von Gerüchten über eine sehr gemeine und (was in den Augen der »vornehmen Gesellschaft« das allerschlimmste war) aufsehenerregende Handlung, die er vor mehr als einem Jahr in Deutschland begangen haben sollte; es hieß sogar, er habe damals allzu öffentlich eine Ohrfeige erhalten, und zwar gerade von einem der Fürsten Sokolskij, habe aber nicht mit einer Forderung zum Duell geantwortet. Sogar seine Kinder (die legitimen), der Sohn und die Tochter, hatten sich von ihm losgesagt und wohnten von ihm getrennt. Allerdings hatten der Sohn und die Tochter durch die Familie Fanariotow und durch den alten Fürsten Sokolskij (Wersilows ehemaligen Freund) Verkehr mit den höchsten Kreisen. Übrigens fand ich, während ich ihn diesen ganzen Monat lang aufmerksam beobachtete, in ihm einen hochmütigen Menschen, der nicht von der Gesellschaft aus ihrem Kreis ausgeschlossen war, sondern vielmehr seinerseits die Gesellschaft weggejagt hatte, – eine so selbstbewußte Miene machte er. Aber hatte er ein Recht, eine solche Miene zu machen? Das war's, worüber ich mich aufregte! Ich mußte unbedingt in kürzester Frist die volle Wahrheit erfahren; denn ich war hergereist, um über diesen Menschen das Urteil zu fällen. Ich hielt meine Macht noch vor ihm verborgen, aber ich mußte ihn entweder anerkennen oder ihn gänzlich von mir stoßen. Das letztere wäre mir gar zu schmerzlich gewesen, und dieser Gedanke bereitete mir Qualen. Ich will nun endlich ein volles Geständnis ablegen: dieser Mensch war mir teuer!

Vorläufig lebte ich mit ihnen in ein und derselben Wohnung, arbeitete und beherrschte mich nur mit Mühe so weit, daß ich nicht grob wurde. Ja, es gelang mir nicht einmal, mich so weit zu beherrschen. Obwohl ich schon einen Monat bei ihnen lebte, kam ich mit jedem Tag mehr zu der Überzeugung, daß ich es absolut nicht fertigbrachte, mich mit der Bitte um endgültige Aufklärung an ihn zu wenden. Der stolze Mensch stand geradezu als ein Rätsel vor mir, das mich in tiefster Seele beleidigte. Er benahm sich gegen mich sogar liebenswürdig und scherzte mit mir, aber mir wären Streit und Zank lieber gewesen als diese Scherze. Alle meine Gespräche mit ihm trugen immer den Charakter einer gewissen Zweideutigkeit, oder, einfacher gesagt, er bediente sich dabei eines eigentümlich spöttischen Tones. Er nahm mich nach meiner Ankunft aus Moskau gleich von vornherein nicht für voll. Ich konnte nicht begreifen, warum er das tat. Allerdings erreichte er dadurch, daß ich in sein Innerstes nicht hineinschauen konnte; aber ich selbst hätte mich nicht dazu erniedrigt, ihn zu bitten, daß er ernst mit mir umgehen möchte. Außerdem hatte er gewisse wunderbare, unwiderstehliche Manieren an sich, gegen die ich nicht aufkam. Kurz gesagt, er behandelte mich wie einen ganz grünen Jungen, was ich kaum ertragen konnte, obgleich ich gewußt hatte, daß es so geschehen würde. Infolgedessen hörte ich selbst auf, ernst zu sprechen, und wartete das Weitere ab; ja, ich redete überhaupt fast gar nicht mehr. Ich wartete auf jemand, dessen Ankunft in Petersburg es mir ermöglichen sollte, endgültig die Wahrheit zu erfahren; das war meine letzte Hoffnung. Jedenfalls bereitete ich mich darauf vor, endgültig mit ihnen zu brechen, und traf dazu schon alle Maßnahmen. Meine Mutter tat mir leid, aber ... »entweder er oder ich« – diese Alternative wollte ich ihr und meiner Schwester stellen. Sogar den Tag hatte ich schon festgesetzt; vorläufig aber ging ich in meinen Dienst.

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