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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 79
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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III

Jeder Mensch, wer es auch sei, bewahrt gewiß die Erinnerung an irgendein Erlebnis, das er als etwas Phantastisches, Ungewöhnliches, Abnormes, beinahe Wunderbares ansieht oder anzusehen geneigt ist, sei es nun ein Traum oder eine Begegnung oder eine Prophezeiung oder eine Ahnung oder sonst etwas Derartiges. Ich bin bis auf den heutigen Tag geneigt, diese meine Begegnung mit Lambert als etwas geradezu Prophetisches anzusehen ... wenigstens nach den Umständen und Folgen dieser Begegnung zu urteilen. Übrigens ging das alles, wenigstens von der einen Seite, höchst natürlich zu: er befand sich einfach in halbtrunkenem Zustand auf dem Heimweg von einem seiner nächtlichen Geschäftsgänge (von welcher Art diese waren, wird später dargelegt werden), war in der Seitengasse an dem Tor einen Augenblick stehengeblieben und hatte mich erblickt. In Petersburg war er damals erst seit einigen Tagen.

Das Zimmer, in dem ich mich befand, war klein, sehr einfach möbliert und gehörte zu einer gewöhnlichen Petersburger Pension mittleren Ranges. Lambert selbst war übrigens höchst elegant und kostbar gekleidet. Auf dem Fußboden standen zwei Koffer, die erst zur Hälfte ausgepackt waren. Eine Ecke des Zimmers war durch einen Wandschirm abgeteilt, der das Bett verbarg.

»Alphonsine!« rief Lambert.

»Présente!« antwortete hinter dem Bettschirm eine brüchige Frauenstimme mit Pariser Akzent, und nach nicht mehr als zwei Minuten kam Mademoiselle Alphonsine hervorgehüpft; sie war eben erst aus dem Bett aufgestanden und hatte in der Geschwindigkeit einen baumwollenen Sarafan angezogen – ein sonderbares Geschöpf, lang und mager wie ein Span, brünett, mit langer Taille, länglichem Gesicht, beweglichen Augen und eingefallenen Wangen – ein furchtbar abgelebtes Frauenzimmer!

»Schnell!« (Ich übersetze, denn er sprach mit ihr französisch.) »Die Leute hier haben gewiß einen Samowar; schnell heißes Wasser, Rotwein, Zucker und ein Glas her! Aber schnell, er ist ganz erstarrt; es ist ein Freund von mir ... er hat die Nacht draußen im Schnee geschlafen ...«

»Malheureux!« setzte sie an und schlug mit theatralischer Gebärde die Hände zusammen.

»Willst du still sein!« herrschte Lambert sie an wie einen kleinen Hund und drohte ihr mit dem Finger; sie unterbrach sofort ihre Geste und lief hinaus, um den Auftrag auszuführen.

Er besichtigte und betastete mich; er fühlte mir den Puls und legte seine Hand an meine Stirn und an meine Schläfen.

»Sonderbar«, brummte er, »daß du nicht erfroren bist ... Allerdings stecktest du ganz und gar im Pelz, auch mit dem Kopf, du saßest in dem Pelz drin wie in einer Höhle ...«

Das Glas mit dem heißen Getränk wurde gebracht, ich schlürfte es gierig, und es belebte mich sofort. Ich begann wieder zu schwatzen; ich saß in halbliegender Haltung in der Sofaecke und redete immerzu hastig und undeutlich, aber was ich eigentlich erzählte und wie ich es erzählte, daran habe ich wieder fast gar keine Erinnerung. Ich wiederhole: ob er damals etwas von meinen Erzählungen verstanden hat, weiß ich nicht, aber eins ist mir später klargeworden, nämlich: er hatte mich gerade hinreichend verstanden, um daraus zu schließen, daß er die Begegnung mit mir in ihrer Bedeutung nicht unterschätzen durfte... Später werde ich an passender Stelle auseinandersetzen, was für eine Spekulation er darauf gründen konnte.

Ich war nicht nur sehr lebendig geworden, sondern zeitweilig, wie ich glaube, sogar lustig. Ich erinnere mich an die Sonne, die auf einmal das Zimmer hell machte, als die Rouleaus in die Höhe gezogen wurden, und an den prasselnden Ofen, der von jemand geheizt worden war – von wem und wie, daran erinnere ich mich nicht. Erinnerlich ist mir auch noch das winzige Bologneserhündchen, das Mademoiselle Alphonsine auf dem Arm hielt und kokett an ihr Herz drückte: Dieses Bologneserhündchen hatte für mich eine besondere Anziehungskraft, so daß ich sogar ein paarmal meine Erzählung unterbrach und die Hand nach ihm ausstreckte, aber Lambert gab Alfonsina einen Wink, und sie verschwand sofort mit ihrem Hündchen hinter dem Bettschirm.

Er selbst war sehr schweigsam, saß mir gegenüber und hörte, sich stark zu mir vorbeugend, eifrig zu; mitunter lächelte er längere Zeit, wobei er die Zähne sichtbar werden ließ und die Augen zusammenkniff, als ob er angestrengt nachdächte und die Sache gründlich zu verstehen suchte. Ich habe nur daran eine kleine Erinnerung bewahrt, daß, als ich ihm von dem »Schriftstück« erzählte, ich mich absolut nicht verständlich ausdrücken und in vernünftigem Zusammenhang erzählen konnte und ihm am Gesicht ansah, daß er nicht imstande war, mich zu verstehen, mich aber sehr gern verstanden hätte, so daß er es sogar wagte, mich durch eine Frage zu unterbrechen, was deswegen gefährlich war, weil ich, wenn ich unterbrochen wurde, sogleich selbst von dem Thema abkam und vergaß, wovon ich gesprochen hatte. Wie lange wir so dasaßen und sprachen, weiß ich nicht und kann ich nicht einmal schätzungsweise angeben. Auf einmal stand er auf und rief Alfonsina.

»Er braucht Ruhe; vielleicht wird auch ein Arzt nötig sein. Was er wünscht, mußt du alles tun, das heißt... vous comprenez, ma fille? Vous avez de l'argent, nein? Da ist welches!« Er reichte ihr einen Zehnrubelschein. Dann begann er mit ihr zu flüstern. »Vous comprenez! Vous comprenez!« sagte er mehrmals zu ihr, wobei er mit dem Finger drohte und die Augenbrauen zusammenzog. Ich sah, daß sie vor ihm eine schreckliche Angst hatte.

»Ich komme bald wieder; du aber würdest am besten tun, wenn du dich ordentlich ausschliefest«, sagte er lächelnd zu mir und nahm seine Mütze.

»Mais vous n'avez pas dormi du tout, Maurice!« rief Alfonsina pathetisch.

»Taisez-vous, je dormirai après.« Er ging hinaus.

»Sauvée!« flüsterte sie mir pathetisch zu und zeigte mit der Hand hinter ihm her.

»Monsieur, monsieur«, begann sie dann sogleich in schauspielerischem Ton, nachdem sie mitten im Zimmer eine theatralische Stellung eingenommen hatte. »Jamais homme ne fut si cruel, si Bismarck, que cet être, qui regarde une femme comme une saleté de hasard. Une femme, qu'est-ce que ça dans notre époque? ›Tue la!‹ voilà le dernier mot de l'Académie française!«

Ich sah sie mit weit geöffneten Augen an. Vor meinen Augen verdoppelte sich alles, ich sah deutlich schon zwei Alfonsinen vor mir... Auf einmal bemerkte ich, daß sie weinte; ich zuckte zusammen und vermutete, daß sie schon sehr lange zu mir gesprochen, ich aber unterdessen geschlafen hatte oder ohne Bewußtsein gewesen war.

»Hélas! de quoi m'aurait servi de le découvrir plutôt«, rief sie, »et n'aurais-je pas autant gagné à tenir ma honte cachée toute ma vie? Peut-être, n'est-il pas honnête à une demoiselle de s'expliquer si librement devant monsieur, mais enfin je vous avoue que s'il m'était permis de vouloir quelque chose, oh, ce serait de lui plonger au coeur mon couteau, mais en détournant les yeux, de peur que son regard exécrable ne fît trembler mon bras et ne glaçât mon courage! Il a assassiné ce pope russe, monsieur, il lui arracha sa barbe rousse pour la vendre à un artiste en cheveux au pont des Maréchaux, tout près de la Maison de monsieur Andrieux. – Hautes nouveautés, articles de Paris, linge, chémises, vous savez, n'est-ce pas? ... Oh, monsieur, quand l'amitié rassemble à table épouse, enfants, sœurs, amis, quand une vive allégresse enflamme mon cœur, je vous le demande, monsieur: est-il bonheur préférable à celui dont tout jouit? Mais il rit, monsieur, ce monstre exécrable et inconcevable, et si ce n'était pas par l'entremise de monsieur Andrieux, jamais, oh, jamais je ne serais... Mais quoi, monsieur, qu'avez-vous, monsieur?«

Sie stürzte auf mich zu: ich hatte, glaube ich, ein Fieberschauern oder vielleicht auch einen Ohnmachtsanfall bekommen. Ich kann es gar nicht schildern, was für einen bedrückenden, krankhaften Eindruck dieses halbverrückte Wesen auf mich machte. Vielleicht meinte sie, es sei ihr befohlen worden, mich zu unterhalten: wenigstens ließ sie mich keinen Augenblick in Ruhe. Vielleicht war sie einmal beim Theater gewesen; sie sprach mit einem schauderhaften Pathos, drehte sich hin und her und redete ohne Unterbrechung, ich aber schwieg schon lange. Alles, was ich aus ihren Erzählungen verstehen konnte, war, daß sie in irgendwelcher engen Verbindung mit der »Maison de monsieur Andrieux, hautes nouveautés, articles de Paris, etc.« gestanden hatte und vielleicht sogar aus der Maison de monsieur Andrieux herstammte; dann aber hatte ce monstre furieux et inconcevable sie irgendwie auf ewig von monsieur Andrieux weggerissen, und darin bestand nun die Tragödie ... Sie schluchzte, aber es schien mir, daß sie das nur so anstandshalber tat und überhaupt nicht weinte; manchmal hatte ich die Vorstellung, sie würde auf einmal wie ein Skelett vollständig auseinanderfallen; sie sprach die Worte mit einer gequetschten, brüchigen Stimme aus; das Wort préférable zum Beispiel sprach sie préfér-a-able und blökte den Vokal a wie ein Schaf. Als ich einmal zum Bewußtsein kam, sah ich, daß sie mitten im Zimmer eine Pirouette ausführte, aber sie tanzte nicht, sondern diese Pirouette stand ebenfalls in irgendeiner Beziehung zu der Erzählung, und Alfonsina mimte nur eine andere Person. Auf einmal stürzte sie auf ein kleines, altes, verstimmtes Klavier los, das im Zimmer stand, und begann darauf zu klimpern und dazu zu singen... Ich mag wohl etwa zehn Minuten lang oder länger alles um mich herum vergessen haben oder eingeschlafen sein, aber das Bologneserhündchen fing an zu kläffen, und ich kam wieder zu mir: das Bewußtsein kehrte mir plötzlich für einen Augenblick in vollem Umfang zurück und machte mich innerlich wieder vollständig wach; ich sprang erschrocken auf.

»Lambert, ich bin bei Lambert!« dachte ich, ergriff meine Mütze und stürzte zu meinem Pelz hin.

»Où allez-vous, monsieur?« rief die achtsame Alfonsina.

»Ich will weg, ich will hinausgehen! Lassen Sie mich, halten Sie mich nicht zurück!«

»Oui, monsieur!« stimmte mir Alfonsina durchaus bei und lief selbst hin, um mir die Tür nach dem Flur zu öffnen. »Mais ce n'est pas loin, monsieur, ce n'est pas loin du tout, ça ne vaut pas la peine de mettre votre Pelz, c'est ici près, monsieur!« schrie sie, daß es über den ganzen Flur schallte.

Nachdem ich aus dem Zimmer hinausgelaufen war, wandte ich mich nach rechts.

»Par ici, monsieur, c'est par ici!« rief sie aus voller Kehle und krallte sich mit ihren langen, knochigen Fingern in meinen Pelz, während sie mit der andern Hand irgendwohin auf dem Flur nach links zeigte, wohin ich gar nicht gehen wollte. Ich riß mich los und lief zu der nach der Treppe führenden Eingangstür.

»Il s'en va, il s'en va!« kreischte Alfonsina mit ihrer brüchigen Stimme hinter mir her. »Mais il me tuera, monsieur, il me tuera.« Aber ich war schon auf die Treppe hinausgerannt, und obwohl sie mir sogar auf der Treppe nachsetzte, gelang es mir doch, die Haustür zu öffnen, auf die Straße hinauszustürmen und mich in die erste beste Droschke zu werfen. Ich nannte dem Kutscher Mamas Adresse ...

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