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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 77
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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Neuntes Kapitel

I

Der Tag hatte mit einer Katastrophe geendet, aber es blieb noch die Nacht. Hier meine Erinnerungen an die Ereignisse dieser Nacht.

Ich glaube, es war eben Mitternacht vorbei, als ich auf die Straße trat. Die Nacht war hell, still und kalt. Ich lief beinahe und hatte es furchtbar eilig, aber – ich schlug nicht die Richtung nach Hause ein. »Warum soll ich nach Hause gehen? Kann es denn jetzt für mich ein Zuhause geben? Die Menschen in jenem Hause leben; ich würde morgen aufwachen, um ebenfalls weiterzuleben – aber ist das etwa jetzt für mich möglich? Mein Leben ist zu Ende; weiterzuleben ist für mich jetzt unmöglich.« So irrte ich in den Straßen umher, ohne im geringsten darauf zu achten, wohin ich ging, und ich weiß nicht einmal, ob ich überhaupt irgendwohin wollte. Es war mir sehr heiß, und ich schlug alle Augenblicke meinen schweren Schuppenpelz auseinander. »Jetzt gibt es für mich keine Tätigkeit mehr, die irgendeinen Zweck haben könnte«, das war damals meine Empfindung. Und sonderbar: es schien mir, als gehöre alles ringsumher, sogar die Luft, die ich atmete, gewissermaßen einem andern Weltkörper an, als befände ich mich plötzlich auf dem Mond. Alles dies, die Stadt, die Passanten, der Gehsteig, auf dem ich lief, alles dies gehörte nicht mehr mir. ›Das da ist der Schloßplatz, das da ist die Isaakskirche«, dachte ich undeutlich, »aber die gehen mich jetzt nichts mehr an‹, alles war mir gewissermaßen fremd geworden, alles gehörte auf einmal nicht mehr mir. »Ich habe Mama, ich habe Lisa, nun ja; aber was sind mir jetzt Lisa und meine Mutter? Es ist alles zu Ende, alles ist mit einem Schlag zu Ende; nur das eine bleibt bestehen: daß ich lebenslänglich ein Dieb bin.

Wodurch soll ich beweisen, daß ich kein Dieb bin? Ist das jetzt überhaupt möglich? Soll ich nach Amerika gehen? Was kann ich dadurch beweisen? Wersilow wird der erste sein, der glaubt, daß ich gestohlen habe! Und meine »Idee«? Was für eine »Idee«? Was hat die »Idee« jetzt noch zu bedeuten? Wenn ich nach fünfzig Jahren, nach hundert Jahren auf der Straße ginge, so würde sich immer jemand finden, der mit dem Finger auf mich wiese und sagte: »Das ist ein Dieb. Er hat die Verwirklichung seiner Idee damit begonnen, daß er beim Roulett stahl ...««

War ich von Ingrimm erfüllt? Ich weiß es nicht; Vielleicht ja. Sonderbar: ich habe immer, vielleicht schon von meiner frühesten Kindheit an, eine besondere Charaktereigentümlichkeit gehabt: wenn mir jemand etwas Böses antat, dabei alles Maß überschritt, mich auf das tiefste beleidigte, so wurde bei mir ein unbezwingliches Verlangen rege, mich der Beleidigung passiv zu fügen und sogar den Wünschen des Beleidigers entgegenzukommen: »Da! Sie haben mich gedemütigt, also will ich mich selbst noch tiefer demütigen; sehen Sie her, weiden Sie sich an dem Anblick!« Touchard schlug mich und wollte mir zeigen, daß ich ein Lakai und kein Senatorensohn sei, und siehe da, ich übernahm sofort von selbst die Rolle eines Lakaien. Ich reichte ihm nicht nur beim Ankleiden die Kleider zu, sondern ergriff auch aus freien Stücken die Bürste und bürstete ihm das letzte Stäubchen ab, ohne daß er mich darum gebeten oder es mir befohlen hätte; ich lief manchmal von selbst in lakaienhaftem Eifer mit der Bürste hinter ihm her, um ein letztes Fusselchen von seinem Frack zu entfernen, so daß er selbst manchmal Einhalt gebot: »Laß nur gut sein, Arkadij, laß nur gut sein!« Wenn er manchmal nach Hause kam und seinen Rock auszog, säuberte ich diesen, legte ihn sorgsam zusammen und schlug ihn in ein kariertes Seidentuch. Ich wußte, daß meine Kameraden sich deshalb über mich lustig machten und mich verachteten, sehr genau wußte ich das, aber das war mir ganz recht: »Wenn man will, daß ich ein Lakai bin, nun, dann bin ich eben ein Lakai, und wenn man will, daß ich ein Knecht bin, dann bin ich eben ein Knecht.« Einen derartigen passiven Haß und heimlichen Ingrimm konnte ich jahrelang in mir bewahren. Und wie war es jetzt? Bei Serschtschikow hatte ich in heller Wut durch den ganzen Saal geschrien: »Ich werde alle anzeigen, das Roulett ist polizeilich verboten!« Und ich kann versichern, daß auch da etwas Ähnliches vorlag: man hatte mich erniedrigt, mich visitiert, mich für einen Dieb erklärt, mich moralisch getötet – »nun, so mögen Sie es denn alle wissen, daß Sie es erraten haben; ich bin nicht nur ein Dieb, sondern auch ein Denunziant!« Jetzt bei der Rückerinnerung lege ich mir die Sache so zurecht und erkläre sie mir in dieser Weise; damals aber war mir durchaus nicht nach einer Analyse zumute; ich schrie das damals ohne jede Absicht und hatte eine Sekunde vorher nicht einmal gewußt, daß ich es schreien würde; ich tat es ganz unwillkürlich, das war eben so ein eigentümlicher Zug in meiner Seele.

Während ich so lief, hatte das Fieber bei mir zweifellos schon begonnen, aber ich erinnere mich genau, daß ich mit Bewußtsein handelte. Dabei aber kann ich mit Bestimmtheit sagen, daß eine richtige Kette von Gedanken und Schlußfolgerungen für mich schon damals ein Ding der Unmöglichkeit war; ich fühlte sogar in jenen Augenblicken im stillen selbst, daß ich manche Gedanken bilden konnte, andere aber absolut nicht. Ebenso trugen manche meiner damaligen Entschlüsse, obgleich ich sie bei klarem Bewußtsein gefaßt hatte, nicht die geringste Logik in sich. Ja noch mehr: ich erinnere mich recht wohl, daß ich in manchen Augenblicken mir der Unsinnigkeit dieses oder jenes Entschlusses völlig bewußt war und doch gleichzeitig mit vollem Bewußtsein zu seiner Ausführung schreiten konnte. Ja, ich war in jener Nacht sehr nahe daran, ein Verbrechen zu begehen, und es war nur ein Zufall, daß ich es nicht tat.

Mir ging auf einmal eine Bemerkung durch den Kopf, die Tatjana Pawlowna über Wersilow gemacht hatte: er solle an die Nikolaibahn gehen und den Kopf auf die Schienen legen, da würde er ihm schon abgefahren werden. Dieser Gedanke bemächtigte sich einen Augenblick lang meiner ganzen Empfindungen, aber ich verscheuchte ihn sofort wieder mit einem Gefühl des Schmerzes: ›Wenn ich den Kopf auf die Schienen legte und stürbe, dann würden die Leute morgen sagen: »Das hat er deswegen getan, weil er gestohlen hat, er hat es aus Schamgefühl getan« – nein, um keinen Preis!‹ Und siehe da, in diesem Augenblick empfand ich plötzlich einen furchtbaren Ingrimm. ›Was nun?‹ ging es mir durch den Kopf. ›Rechtfertigen kann ich mich auf keine Weise mehr, ein neues Leben anzufangen ist ebenfalls unmöglich; daher will ich mich darein fügen, ein Lakai zu werden, ein Hund, ein gemeines Insekt, ein Denunziant, ein richtiger Denunziant, und dann will ich mich ganz in der Stille vorbereiten und eines Tages alles plötzlich in die Luft sprengen, alles vernichten, alle, Schuldige und Unschuldige, und dann werden es alle auf einmal erfahren, daß das eben jener selbe Mensch gewesen ist, den sie einen Dieb genannt haben ... und dann will ich auch mir selbst das Leben nehmen.‹

Ich erinnere mich nicht, wie ich beim Umherlaufen in eine Seitengasse irgendwo in der Nähe des Konnogwardejskij-Boulevards hineingeraten war. In dieser Seitengasse zogen sich an beiden Seiten, auf eine Strecke von fast hundert Schritten, steinerne Mauern hin, durch welche die Hinterhöfe abgeschlossen wurden. Hinter einer solchen Mauer linker Hand erblickte ich einen gewaltigen Stapel Holz; es war ein langer Stapel, wie man sie auf Holzhöfen sieht, und er überragte die Mauer um gut eine Sashen. Ich blieb auf einmal stehen und begann nachzudenken. Ich hatte ein kleines silbernes Etui mit Wachszündhölzchen in der Tasche bei mir. Ich wiederhole, ich war mir damals ganz genau dessen bewußt, was ich überlegte und was ich tun wollte, und habe es auch jetzt im Gedächtnis, aber warum ich das tun wollte – das weiß ich nicht, weiß ich absolut nicht. Ich erinnere mich nur, daß ich auf einmal ein sehr starkes Verlangen danach bekam. ›Auf die Mauer hinaufzusteigen ist sehr wohl möglich‹, sagte ich mir; es traf sich, daß nur zwei Schritte von mir entfernt in der Mauer sich ein Tor befand, das wahrscheinlich ganze Monate lang fest verschlossen zu bleiben pflegte. ›Wenn man unten auf den Vorsprung tritt‹, dachte ich weiter, ›so kann man an den oberen Rand des Tors fassen und auf die Mauer selbst hinaufsteigen – und niemand wird es bemerken; es ist ja kein Mensch da, ringsum ist alles still! Und dann setze ich mich oben auf die Mauer und kann das Holz ganz vorzüglich anzünden; ich brauche nicht einmal innen hinunterzusteigen, da das Holz beinahe an die Mauer stößt. Infolge der Kälte wird es noch besser brennen; ich brauche mit der Hand nur ein Birkenscheit herauszuziehen ... und ein Scheit herauszuziehen wird gar nicht erforderlich sein: ich kann einfach, während ich auf der Mauer sitze, mit der Hand von einem Scheit Birkenholz die Rinde abreißen, sie mit einem Zündholz anstecken und in das Holz schieben, dann ist das Feuer fertig. Ich aber springe hinunter und gehe davon; ich brauche nicht einmal zu laufen, weil das Feuer lange Zeit nicht bemerkt werden wird ...‹ So überlegte ich das alles und – hatte plötzlich meinen Entschluß gefaßt. Ich empfand darüber ein ganz besonderes Vergnügen, einen hohen Genuß und stieg hinauf. Ich war ein vorzüglicher Kletterer: Turnen war schon auf dem Gymnasium meine Spezialität gewesen, aber ich hatte Überschuhe an; und das erschwerte die Sache. Indes gelang es mir doch, indem ich mich mit der einen Hand an einem kaum bemerkbaren Vorsprung oben festhielt, mich hochzuziehen, und ich streckte schon die andere Hand aus, um den oberen Rand der Mauer zu fassen, als ich auf einmal ausrutschte und rücklings herunterfiel. Ich nehme an, daß ich mit dem Hinterkopf auf die Erde schlug und wohl ein oder zwei Minuten lang ohne Bewußtsein dalag. Als ich wieder zu mir kam, schlug ich mechanisch meinen Pelz vorn übereinander, da ich auf einmal ein unerträgliches Kältegefühl verspürte, und ohne noch recht zu wissen, was ich tat, kroch ich in einen Winkel des Tores und kauerte mich, ganz zusammengekrümmt, in die Nische zwischen dem Tor und der vorspringenden Mauer. Meine Gedanken verwirrten sich, und wahrscheinlich schlummerte ich sehr schnell ein. Jetzt habe ich eine traumhafte Erinnerung daran, daß auf einmal ein tiefer, schwerer Glockenschlag an mein Ohr drang und ich mit Genuß nach ihm hinzuhorchen begann.

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