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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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V

Aber ich war noch nicht eine Straße entlanggegangen, als ich fühlte, daß ich nicht imstande war zu gehen, daß ich sinnlos gegen diese fremden, teilnahmslosen Menschen anrannte; aber wo sollte ich bleiben? Wer brauchte mich, und was brauchte ich jetzt? Mechanisch schleppte ich mich zum Fürsten Sergej Petrowitsch, ohne überhaupt an ihn zu denken. Er war nicht zu Hause. Ich sagte zu Pjotr (seinem Diener), ich wolle im Arbeitszimmer warten (wie ich es oftmals getan hatte). Das Arbeitszimmer war ein großer, sehr hoher Raum, der mit Möbeln sehr vollgestellt war. Ich ging in die dunkelste Ecke, ließ mich dort auf ein Sofa nieder, setzte die Ellbogen auf den Tisch und stützte den Kopf in beide Hände. Ja, nun war die Frage: »Was muß ich jetzt tun?« Wenn ich damals diese Frage auch hätte formulieren können, so wäre ich doch schlechterdings nicht imstande gewesen, sie zu beantworten.

Aber ich konnte weder logisch denken noch mir klare Fragen vorlegen. Ich habe schon oben gesagt, daß ich am Ende dieser Tage von den Ereignissen fast erdrückt wurde; ich saß jetzt da, und alles drehte sich chaotisch in meinem Kopf herum. »Ja, ich habe sein ganzes Inneres gesehen und nichts davon verstanden« – dieser Gedanke schwebte mir ein paarmal vor. »Er hat mir eben ins Gesicht gelacht: aber er lachte nicht über mich; er dachte nur an Bjoring, nicht an mich. Vorgestern beim Mittagessen wußte er schon alles und war darum so finster. Er hörte meine dumme Beichte in der Kneipe an und entstellte alles auf Kosten der Wahrheit, aber was kümmerte ihn die Wahrheit? Er glaubt ja selbst kein Wort von dem, was er ihr geschrieben hat. Er wollte sie nur beleidigen, sinnlos beleidigen, ohne auch nur zu wissen, weswegen; er griff nach einem Vorwand, und den lieferte ich ihm ... Es war die Tat eines tollen Hundes! Will er etwa jetzt Bjoring töten? Warum? Sein Herz weiß warum! Ich aber weiß nichts davon, wie es in seinem Herzen aussieht ... Nein, nein, auch jetzt weiß ich es nicht. Liebt er sie wirklich so leidenschaftlich? Oder haßt er sie so leidenschaftlich? Ich weiß es nicht, aber weiß er es selbst? Was habe ich da zu Mama gesagt, daß ihm nichts Schlimmes widerfahren kann, was habe ich damit sagen wollen? Habe ich ihn verloren oder habe ich ihn nicht verloren?

... Sie hat gesehen, wie ich gestoßen wurde ... Sie hat ebenfalls gelacht; oder hat sie es nicht getan? Ich würde gelacht haben! Ein Spion bekam Schläge, ein Spion! ...

Was bedeutet das, ging es mir plötzlich durch den Kopf, was bedeutet das, daß er in diesem häßlichen Brief sagte, das Schriftstück sei überhaupt nicht verbrannt, sondern existiere noch? ...

Er wird Bjoring nicht totschießen; sicherlich sitzt er jetzt in dem Lokal und hört die Lucia! Aber vielleicht geht er danach hin und schießt Bjoring tot. Bjoring hat mir einen Stoß versetzt, er hat mich beinahe geschlagen; hat er mich geschlagen? Bjoring hält es sogar für unter seiner Würde, sich mit Wersilow zu duellieren; wird er es da etwa mit mir wollen? Vielleicht wird es notwendig sein, daß ich morgen auf der Straße auf ihn warte und ihn mit dem Revolver niederschieße ... Diesen Gedanken verfolgte ich in meinem Innern ganz mechanisch, ohne im geringsten über ihn stutzig zu werden.

Zeitweilig phantasierte ich davon, daß im nächsten Augenblick sich die Tür öffnen, Katerina Nikolajewna hereinkommen und mir die Hand reichen würde und daß wir dann beide in ein Gelächter ausbrechen würden ... ›O Student, du mein lieber Student!‹ Das war so ein unklarer Gedanke oder vielmehr ein sehnsüchtiger Wunsch von mir, als es im Zimmer schon sehr dunkel geworden war. »Ich habe doch erst ganz vor kurzem vor ihr gestanden und ihr Lebewohl gesagt, und sie hat mir die Hand gereicht und gelacht. Wie ist es möglich gewesen, daß wir in einer so kurzen Spanne Zeit so erschreckend weit auseinandergekommen sind? Ich sollte ganz einfach zu ihr hingehen und mich unverzüglich mit ihr aussprechen, augenblicklich, ganz einfach, ganz einfach! Herrgott, wie ist es nur geschehen, daß da auf einmal eine ganz neue Welt begonnen hat! Ja, eine neue Welt, eine ganz, ganz neue Welt! ... Aber Lisa und der Fürst, die sind noch aus der alten Welt ... Da bin ich nun hier beim Fürsten. Und Mama – wie hat sie es nur fertiggebracht, mit ihm zu leben, wenn es so steht! Ich hätte es gekonnt, ich kann alles, aber sie? Was wird nun geschehen?« Und wie vom Wirbelwind getrieben, huschten die Gestalten Lisas, Anna Andrejewnas, Stebelkows, des Fürsten, Afjerdows und vieler anderer in meinem kranken Gehirn vorbei, ohne eine Spur zu hinterlassen. Aber meine Gedanken wurden immer gestaltloser und huschten immer schneller davon; ich war froh, wenn ich einmal einen verstehen und festhalten konnte.

»Ich habe ja doch meine »Idee«!« dachte ich plötzlich, »Aber ist es auch wirklich so? Ist das auch nicht etwa nur eine auswendig gelernte Phrase? Meine Idee ist Dunkelheit und Einsamkeit, aber besteht jetzt für mich überhaupt noch eine Möglichkeit, wieder in die frühere Dunkelheit zurückzukriechen? Ach, mein Gott, ich habe ja das Schriftstück nicht verbrannt! Ich habe vorgestern ganz vergessen, es zu verbrennen. Ich will nach Hause gehen und es an einer Kerze verbrennen; es muß gerade eine Kerze sein; ich weiß nur nicht, ob ich jetzt wirklich richtig denke ...«

Es war schon längst dunkel geworden, und Pjotr brachte Kerzen herein. Er stand über mir und fragte, ob ich schon gegessen hätte. Ich machte nur eine ablehnende Handbewegung. Indessen brachte er mir eine Stunde darauf Tee, und ich trank gierig eine große Tasse voll aus. Dann erkundigte ich mich, was die Uhr sei. Es war halb neun, und ich wunderte mich nicht einmal darüber, daß ich schon fünf Stunden lang dagesessen hatte.

»Ich bin schon dreimal zu Ihnen hereingekommen«, sagte Pjotr, »aber Sie schliefen wohl.«

Ich hatte keine Erinnerung, daß er dagewesen war. Ich weiß nicht warum, aber ich bekam auf einmal einen gewaltigen Schreck darüber, daß ich geschlafen hatte, stand auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen, um nicht wieder »einzuschlafen«, Zuletzt bekam ich heftige Kopfschmerzen. Punkt zehn Uhr trat der Fürst herein, und ich wunderte mich darüber, daß ich auf ihn gewartet hatte; ich hatte ihn vollständig vergessen, vollständig.

»Sie sind hier, und ich bin zu Ihnen hergefahren, um Sie abzuholen«, sagte er zu mir. Sein Gesicht war finster und streng und zeigte keine Spur von einem Lächeln, Seine Augen ließen einen unerschütterlichen Vorsatz erkennen. »Ich habe mich den ganzen Tag abgemüht und alle Mittel versucht«, fuhr er, ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, fort, »alles ist zusammengestürzt, und die Zukunft birgt nur Schrecken ...« (NB. er war also nicht beim Fürsten Nikolai Iwanowitsch gewesen.) »Ich habe mit Shibelskij gesprochen; der Mensch ist unmöglich. Sehen Sie: zuerst muß man Geld haben, und dann werden wir sehen. Wenn aber die Beschaffung des Geldes nicht gelingt, dann ... Aber ich habe mir heute vorgenommen, an diesen Fall nicht zu denken. Heute wollen wir uns nur das Geld beschaffen; morgen werden wir dann das Weitere sehen, Ihr Spielgewinn von vorgestern ist noch unangerührt; auch nicht eine Kopeke habe ich davon genommen. Es fehlen nur drei Rubel an dreitausend. Nach Abzug Ihrer Schuld bekommen Sie dreihundertundvierzig Rubel zurück. Nehmen Sie sie und dazu noch siebenhundert, damit es tausend sind, und ich werde die übrigen zweitausend nehmen. Dann wollen wir uns bei Serschtschikow an die entgegengesetzten Enden des Tisches setzen und versuchen, zehntausend Rubel zu gewinnen, vielleicht erreichen wir etwas; und gewinnen wir nicht, dann ... Übrigens ist das das einzige, was mir noch übrigbleibt.«

Er sah mich mit einem düsteren Blick an.

»Ja, ja!« rief ich plötzlich, als wäre ich vom Tode auferstanden. »Wir wollen hinfahren. Ich habe nur auf Sie gewartet ...«

Ich bemerke, daß ich während dieser Stunden auch nicht einen Augenblick an das Roulett gedacht hatte.

»Aber das Gemeine, Unwürdige einer solchen Handlungsweise?« fragte der Fürst plötzlich.

»Was meinen Sie damit? Daß wir zum Roulett hinwollen? Das ist doch das beste Mittel!« rief ich. »Geld ist die Hauptsache! Nur wir beide, Sie und ich, sind Heilige; dagegen hat Bjoring sich verkauft, und Anna Andrejewna hat sich verkauft, und Wersilow – haben Sie gehört, daß Wersilow irrsinnig ist? Irrsinnig, irrsinnig!«

»Sind Sie nicht auch krank, Arkadij Makarowitsch? Sie haben so sonderbare Augen.«

»Sagen Sie das, um ohne mich hinzufahren? Aber ich werde mich heute nicht von Ihnen trennen. Nicht ohne Grund habe ich die ganze Nacht vom Spiel geträumt. Fahren wir, fahren wir!« rief ich, als hätte ich damit auf einmal die Rettung aus allen Schwierigkeiten gefunden.

»Nun gut, dann wollen wir hinfahren, obwohl Sie fiebern, aber dort ...«

Er sprach nicht zu Ende. Sein Gesicht hatte einen unheimlichen, schrecklichen Ausdruck. Wir waren schon beim Hinausgehen.

»Wissen Sie«, sagte er auf einmal und blieb in der Tür stehen, »daß es außer dem Spiel noch einen andern Ausweg aus der Not gibt?«

»Was für einen?«

»Einen fürstlichen.«

»Was meinen Sie damit? Was meinen Sie damit?«

»Das werden Sie später erfahren. Nur dies zu Ihrer Kenntnis: ich bin dieses Ausweges nicht mehr würdig, es ist dazu zu spät. Wir wollen hinfahren, aber denken Sie an das, was ich Ihnen gesagt habe? Probieren wir es mit dem Ausweg für Lakaien ... Ich weiß ganz genau, daß ich ganz bewußt und vollständig aus freiem Willen hinfahre und wie ein Lakai handle!«

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