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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 74
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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IV

Wersilow war nicht allein. Ich schicke eine Bemerkung voraus: da er am vorhergehenden Tag einen solchen Brief an Katerina Nikolajewna abgeschickt und tatsächlich (Gott allein weiß, warum) dem Baron Bjoring eine Abschrift davon zugesandt hatte, mußte er natürlich heute im Laufe des Tages auch die bekannten »Folgen« seines Schrittes erwarten und hatte deshalb die entsprechenden Maßregeln getroffen: am Morgen hatte er Mama und Lisa (die, wie ich nachher erfuhr, schon am Morgen, weil sie sich krank fühlte, zurückgekehrt war und sich ins Bett gelegt hatte) nach oben, in den »Sarg«, umquartiert; die Zimmer aber, und namentlich unser »Salon«, waren mit besonderer Sorgfalt aufgeräumt und ausgefegt worden. Und tatsächlich erschien bei ihm um zwei Uhr nachmittags ein Baron R., Oberst, etwa vierzigjährig, von deutscher Abstammung, hochgewachsen, hager, anscheinend von bedeutender Körperkraft, ebenfalls mit rötlichem Haar wie Bjoring, nur ein wenig kahlköpfig. Er war einer jener Barone R., deren es im russischen Heer sehr viele gibt, lauter Leute, die auf ihren Stand als Barone sehr stolz sind, gar kein Vermögen besitzen, nur von ihrem Gehalt leben, einen großen Diensteifer entwickeln und im Regiment ihren Mann stehen. Den Anfang ihrer Auseinandersetzungen hörte ich nicht mehr mit; beide waren sehr lebhaft – und wie hätten sie es auch nicht sein sollen! Wersilow saß am Tisch auf dem Sofa, der Baron zur Seite auf einem Lehnstuhl. Wersilow war blaß, aber er sprach mit Selbstbeherrschung, den Mund nur wenig öffnend; der Baron dagegen redete sehr laut; er neigte sichtlich zu heftigen Gesten, und hielt sich nur mit Anstrengung zurück, aber er machte ein strenges, hochmütiges, sogar verächtliches Gesicht, das jedoch auch eine gewisse Verwunderung erkennen ließ. Als er mich erblickte, zog er finster die Augenbrauen zusammen; Wersilow aber freute sich beinahe über mein Kommen.

»Guten Tag, mein Lieber! Baron, das ist eben jener sehr junge Mensch, von dem in dem Brief die Rede ist, und seien Sie überzeugt, er wird uns nicht stören; seine Anwesenheit kann uns sogar nützlich werden.« (Der Baron sah mich geringschätzig an.) »Mein Lieber«, fügte Wersilow, sich zu mir wendend, hinzu, »ich freue mich sogar darüber, daß du gekommen bist; setz dich bitte in eine Ecke, bis ich mit dem Baron fertig bin! Seien Sie unbesorgt, Baron, er wird nur still in der Ecke sitzen.«

Mir war das ganz gleichgültig, da ich meinen Entschluß bereits gefaßt hatte, und außerdem überraschte mich alles sehr; ich setzte mich schweigend in eine Ecke, möglichst tief in die Ecke hinein, und blieb so bis zum Ende des Gesprächs sitzen, ohne die Augen wegzuwenden und ohne mich zu rühren.

»Ich wiederhole Ihnen noch einmal, Baron«, sagte Wersilow mit fester Stimme, jedes Wort in markanter Weise aussprechend, »daß ich Katerina Nikolajewna Achmakowa, an die ich diesen unwürdigen, krankhaften Brief geschrieben habe, nicht nur für das edelste Wesen, sondern auch für den Gipfel aller Vollkommenheit halte!«

»Ein derartiger Widerruf Ihrer eigenen Worte klingt, wie ich Ihnen bereits bemerkt habe, wie eine neue Wiederholung derselben«, schrie der Baron. »Ihre Ausdrucksweise ist entschieden respektlos.«

»Und doch wird es das richtigste sein, wenn Sie meine Worte in ihrem buchstäblichen Sinne auffassen. Sehen Sie, ich leide an Anfällen und ... allerlei Störungen und mache sogar eine Kur dagegen; so ist es auch gekommen, daß ich in einem solchen Augenblick ...«

»Diese Erklärungen gehören absolut nicht hierher. Ich muß Ihnen immer wieder und wieder bemerken, daß Sie unentwegt bei Ihrer fehlerhaften Behandlung der Sache beharren; vielleicht tun Sie das sogar mit Absicht. Ich habe Sie schon gleich zu Anfang darauf aufmerksam gemacht, daß die ganze diese Dame betreffende Frage, das heißt die Frage Ihres Briefes speziell an die Generalin Achmakowa, bei unserem jetzigen Gespräch vollständig ausscheiden muß; Sie aber kommen immer wieder darauf zurück. Baron Bjoring hat mich gebeten und beauftragt, nur das, was ihn dabei persönlich betrifft, ins reine zu bringen, das heißt Ihre dreiste Zustellung dieser »Abschrift« und dann Ihr Postskriptum, daß Sie zu jeder gewünschten Genugtuung bereit seien.«

»Aber ich möchte meinen, dieses letztere ist schon ohne weitere Auseinandersetzungen klar.«

»lch verstehe, ich höre. Sie bitten nicht einmal um Entschuldigung, sondern bleiben beharrlich bei Ihrer Erklärung, daß Sie zu jeder Genugtuung bereit seien. Aber das ist doch gar zu billig. Und darum halte ich in Anbetracht der Wendung, die Sie dem Gespräch hartnäckig geben wollen, mich schon jetzt für berechtigt, Ihnen meinerseits alles ungeniert auszusprechen, das heißt, ich bin zu dem Schluß gelangt, daß Baron Bjoring mit Ihnen absolut nicht ... auf der Basis der Gleichberechtigung verkehren kann.«

»Eine solche Entscheidung der Frage ist natürlich für Ihren Freund, den Baron Bjoring, die vorteilhafteste, und ich muß gestehen, Sie haben mich dadurch ganz und gar nicht in Erstaunen versetzt: ich hatte das erwartet.«

Ich bemerke in Klammern: gleich bei den ersten Worten und beim ersten Blick hatte ich deutlich erkannt, daß Wersilow absichtlich einen heftigen Zusammenstoß herbeizuführen suchte, diesen nervösen Baron herausforderte und reizte und seine Geduld auf eine vielleicht gar zu harte Probe stellte. Der Baron krümmte sich ordentlich zusammen.

»Ich habe gehört, daß Sie witzig sein können, aber Witz ist noch nicht Verstand.«

»Eine sehr tiefsinnige Bemerkung, Oberst.«

»Ich habe Sie nicht gebeten, mich zu loben«, schrie der Baron, »und bin nicht hergekommen, um leeres Stroh zu dreschen! Hören Sie einmal zu: Baron Bjoring war, als er Ihren Brief erhielt, sehr in Zweifel, was er tun sollte, da dieser Brief zeigte, daß der Schreiber für das Irrenhaus reif ist. Und natürlich hätten sich sogleich Mittel finden lassen, um Sie zu ... beruhigen. Aber auf Grund gewisser besonderer Erwägungen übte man gegen Sie Nachsicht, und es wurden Erkundigungen über Sie eingezogen: es ergab sich, daß Sie zwar einmal zur guten Gesellschaft gehört und bei der Garde gedient haben, daß Sie aber dann aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden und in einem mehr als zweifelhaften Rufe stehen. Indessen ging ich trotzdem hierher, um die Sache persönlich festzustellen, und nun erlauben Sie sich noch zu allem andern, ein Wortgeklingel zu machen, und erklären selbst, daß Sie gewissen Anfällen unterworfen seien ... Nun genug! Mit Rücksicht auf seinen Stand und auf seine Reputation kann Baron Bjoring sich in dieser Sache nicht so tief herablassen ... Kurz, mein Herr, ich bin bevollmächtigt, Ihnen zu eröffnen, daß, wenn in Zukunft eine Wiederholung Ihres jetzigen Benehmens oder auch nur etwas Ähnliches stattfinden sollte, man unverzüglich Mittel finden wird, um Sie zur Ruhe zu bringen, sehr schnell und zuverlässig wirkende Mittel, wie ich Ihnen versichern kann. Wir leben nicht wie die Tiere im Wald, sondern in einem wohlgeordneten Staat!«

»Sind Sie davon so fest überzeugt, mein guter Baron R.?«

»Hol's der Teufel!« rief der Baron, plötzlich aufstehend, »Sie führen mich sehr in Versuchung, Ihnen sofort zu beweisen, daß ich keineswegs Ihr ›guter Baron R.‹ bin!«

»Ach, ich möchte Sie noch einmal darauf aufmerksam machen«, versetzte Wersilow, sich ebenfalls erhebend, »daß sich meine Frau und meine Tochter hier in der Nähe befinden ... ich möchte Sie daher bitten, nicht so laut zu sprechen, weil Ihr Geschrei zu ihnen dringen könnte.«

»Ihre Frau ... ach was! ... Wenn ich jetzt hier gesessen und mit Ihnen geredet habe, so habe ich das einzig und allein in der Absicht getan, diese widerwärtige Geschichte klarzustellen«, fuhr der Baron ebenso zornig wie vorher, und ohne seine Stimme nur im geringsten zu dämpfen, fort.

»Genug nun!« schrie er wütend. »Sie sind nicht nur aus dem Kreis der anständigen Menschen ausgeschlossen worden, sondern Sie sind auch ein Irrer, ein richtiger geistesgestörter Irrer, und haben sich dieses Zeugnis selbst ausgestellt! Sie verdienen keine Nachsicht, und ich erkläre Ihnen, daß man noch heute in bezug auf Sie die erforderlichen Maßnahmen ergreifen und Sie an einen Ort schaffen wird, wo man schon verstehen wird, Sie wieder zur Vernunft zu bringen ... Sie werden aus der Stadt hinausgebracht werden!«

Mit schnellen, großen Schritten verließ er das Zimmer. Wersilow begleitete ihn nicht. Er stand da und sah mich zerstreut an, anscheinend ohne mich überhaupt zu bemerken; auf einmal lächelte er, schüttelte seine Haare zurück, ergriff seinen Hut und schritt ebenfalls zur Tür. Ich ergriff ihn bei der Hand.

»Ach ja, du bist auch da? Du hast es ... mit angehört?« Er blieb vor mir stehen.

»Wie konnten Sie das tun? Wie konnten Sie die Sache so verdrehen, mich so bloßstellen! ... In einer so heimtückischen Weise!«

Er sah mich unverwandt an, aber sein Lächeln wurde immer breiter und ging zuletzt geradezu in ein Lachen über.

»Ich bin beschimpft worden ... in ihrer Gegenwart! In ihrer Gegenwart! Vor ihren Augen bin ich ausgelacht worden, und er ... hat mir einen Stoß versetzt!« schrie ich ganz außer mir.

»Wirklich? Ach, du armer Junge, wie leid du mir tust ... Also du bist dort ... aus–ge–lacht worden!«

»Sie machen sich über mich lustig, Sie machen sich über mich lustig! Ihnen kommt das komisch vor!«

Er riß schnell seine Hand aus der meinigen, setzte den Hut auf und verließ lachend, jetzt bereits richtig lachend, die Wohnung. Wozu sollte ich ihm nachlaufen? Was hätte das für einen Zweck gehabt? Ich hatte alles begriffen und – alles in einem einzigen Augenblick verloren! Auf einmal erblickte ich Mama; sie war von oben heruntergekommen und sah ängstlich umher.

»Ist er weggegangen?«

Ich umarmte sie schweigend, und sie schmiegte sich fest, ganz fest an mich.

»Mama, liebe Mama, können Sie denn wirklich noch hierbleiben? Kommen Sie gleich mit fort, ich werde Sie beschützen, ich werde für Sie arbeiten wie ein Sträfling, für Sie und für Lisa ... Wir wollen uns von all diesen Menschen lossagen und weggehen. Wir wollen für uns allein leben. Mama, erinnern Sie sich noch, wie Sie mich bei Touchard besuchten und wie ich Sie nicht anerkennen wollte?«

»Ich erinnere mich, lieber Sohn; ich werde mich mein ganzes Leben lang dir gegenüber schuldig fühlen; ich hatte dich geboren und kannte dich gar nicht.«

»Er ist daran schuld, Mama; er ist an allem schuld; er hat Sie nie geliebt.«

»Doch, er hat mich geliebt.«

»Kommen Sie mit, Mama!«

»Wohin soll ich von ihm weggehen? Er ist ja doch unglücklich, nicht wahr?«

»Wo ist Lisa?«

»Sie liegt; als sie nach Hause kam, fühlte sie sich nicht wohl; ich habe Angst um sie. Sind sie denn dort aufgebracht über ihn? Was werden sie jetzt mit ihm machen? Wo ist er hingegangen? Womit hat ihm dieser Offizier hier gedroht?«

»Es wird ihm nichts passieren, Mama, ihm passiert nie etwas, ihm widerfährt nie etwas Schlimmes, das ist ganz unmöglich. Er ist nun einmal so ein Mensch! Da ist Tatjana Pawlowna, fragen Sie die, wenn Sie mir nicht glauben, da ist sie.« (Tatjana Pawlowna war plötzlich ins Zimmer getreten.) »Leben Sie wohl, Mama! Ich komme gleich wieder zu Ihnen, und wenn ich wiederkomme, werde ich Ihnen wieder dieselbe Frage vorlegen ...«

Ich lief hinaus. Ich konnte keinen Menschen sehen; das betraf nicht nur Tatjana Pawlowna. Mamas Anblick war mir geradezu eine Qual. Ich wollte allein sein, ganz allein.

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