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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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III

Der Fürst war tatsächlich nicht wohl und saß allein zu Hause, den Kopf mit einem nassen Handtuch umwickelt. Er hatte mich schon ungeduldig erwartet; aber es war nicht nur der Kopf, der ihm weh tat, vielmehr litt der ganze Mensch seelisch. Ich muß wieder etwas vorwegnehmen: in dieser ganzen letzten Zeit bis zur Katastrophe traf es sich, daß ich fortwährend mit Leuten zusammenkam, die so aufgeregt waren, daß man sie alle beinahe für geistesgestört halten konnte; ohne es zu wollen, mußte ich von ihnen gewissermaßen angesteckt werden. Ich muß gestehen, ich kam mit bösen Gefühlen zu ihm und schämte mich auch sehr darüber, daß ich tags zuvor bei ihm in Tränen ausgebrochen war. Und dann hatten doch auch er und Lisa mich so geschickt zu betrügen verstanden, daß ich nicht umhinkonnte, mich für einen Dummkopf zu halten. Kurz, als ich bei ihm eintrat, erklangen in meiner Seele falsche Saiten. Aber all dieses Falsche und Angenommene fiel bald von mir ab. Ich muß ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen: nachdem er sein Mißtrauen als unbegründet erkannt hatte, gab er sich auch völlig hin, und es zeigten sich bei ihm Züge einer beinahe kindlichen Freundlichkeit, Zutraulichkeit und Liebe. Er küßte mich unter Tränen und begann sogleich von unserer Angelegenheit zu sprechen ... Ja, er hatte mich wirklich sehr nötig: in seinen Worten und in der Verknüpfung seiner Gedanken herrschte eine arge Unordnung.

Er erklärte mir mit der größten Bestimmtheit, er beabsichtige, Lisa zu heiraten, und zwar möglichst bald. »Daß sie nicht adlig ist, hat auch nicht einen Augenblick lang bei mir Bedenken erregt, das können Sie mir glauben«, sagte er zu mir. »Mein Großvater war mit einem Gutsmädchen verheiratet, das bei einem benachbarten Gutsbesitzer an dessen privatem Leibeigenentheater Sängerin gewesen war. Allerdings hat meine Familie auf mich bestimmte Hoffnungen gesetzt, aber auf diese Hoffnungen wird sie nun eben verzichten müssen, und das wird auch nicht einmal einen Kampf kosten. Ich will mit meiner ganzen jetzigen Umgebung brechen, endgültig brechen! Alles soll anders, alles soll neu werden! Ich verstehe nicht, weswegen Ihre Schwester mich liebgewonnen hat; aber allerdings würde ich ohne sie jetzt vielleicht nicht mehr auf der Welt sein. Ich schwöre es Ihnen aus tiefstem Herzen: ich sehe jetzt in meinem Zusammentreffen mit ihr in Luga einen Fingerzeig der Vorsehung. Ich glaube, sie hat mich wegen der unermeßlichen Tiefe meines Falles liebgewonnen ... haben Sie übrigens dafür Verständnis, Arkadij Makarowitsch?«

»Vollkommen!« erwiderte ich im Ton festester Überzeugung. Ich saß in einem Lehnstuhl am Tisch, während er im Zimmer auf und ab ging.

»Ich muß Ihnen den ganzen Hergang unserer Begegnung erzählen, ohne etwas zu verschweigen. Die Sache begann damit, daß ich ihr ein Geheimnis anvertraute; sie ist die einzige, die es erfahren hat, weil sie die einzige ist, der ich mich entschloß es mitzuteilen. Sonst weiß es bis auf den heutigen Tag niemand. Nach Luga war ich damals mit Verzweiflung im Herzen gekommen; ich wohnte bei Frau Stolbejewa, ich weiß selbst nicht warum – vielleicht suchte ich die größte Einsamkeit. Ich hatte damals eben erst meinen Abschied beim ***schen Regiment genommen. In dieses Regiment war ich nach meiner Rückkehr aus dem Ausland eingetreten, nach jener Begegnung, die ich im Ausland mit Andrej Petrowitsch gehabt hatte. Ich hatte damals Geld, ich führte beim Regiment ein verschwenderisches Leben und kargte auch für andere nicht, aber die anderen Offiziere mochten mich nicht leiden, obwohl ich mir alle Mühe gab, niemandem zu nahe zu treten. Ich muß Ihnen gestehen, daß mich überhaupt nie jemand gern gehabt hat. Es war dort ein Kornett, ein gewisser Stepanow; ich muß Ihnen gestehen, ein ganz hohles, unbedeutendes und sogar gleichsam eingeschüchtertes Menschlein, kurz, in keiner Weise etwas Hervorragendes. Indes war er zweifellos ehrenhaft. Er hatte sich an mich angeschlossen, und ich machte mit ihm keinerlei Umstände: er saß bei mir schweigend, aber in würdiger Haltung tagelang in einer Ecke, ohne mich im geringsten zu stören. Eines Tages erzählte ich ihm ein Geschichtchen, das gerade unter den Offizieren kursierte, flocht aber dabei eine Menge Unsinn ein: daß die Tochter des Obersten mir gegenüber nicht gleichgültig sei und daß der Oberst, der mich zum Schwiegersohn haben wolle, mir natürlich jeden meiner Wünsche erfülle ... Kurz, ich will auf Einzelheiten nicht eingehen, aber aus dem Ganzen entstand dann eine sehr verwickelte, sehr häßliche Klatscherei. Diese war nicht von Stepanow ausgegangen, sondern von meinem Burschen, der alles erlauscht und es im Gedächtnis behalten hatte, weil darin eine komische Geschichte vorkam, durch die die junge Dame kompromittiert wurde. Und als nun die Klatscherei herauskam und der Bursche von den Offizieren ins Verhör genommen wurde, da berief er sich auf Stepanow als Zeugen; das heißt, er gab an, ich hätte es Stepanow erzählt. Dieser geriet dadurch in eine peinliche Situation: er konnte keineswegs leugnen, es von mir gehört zu haben, das war Ehrensache. Und da ich in dieser Geschichte zwei Drittel hinzugelogen hatte, so waren die Offiziere empört, und der Regimentskommandeur sah sich genötigt, uns alle bei sich zu versammeln, um in die Sache Klarheit zu bringen. Und da richtete er nun in Gegenwart aller an Stepanow die Frage, ob er das von mir gehört habe oder nicht. Der sagte die volle Wahrheit. Nun, und was tat da ich, der Sprößling eines tausendjährigen Fürstengeschlechtes? Ich leugnete und sagte Stepanow ins Gesicht, er lüge; freilich sagte ich es in höflicher Art und Weise, indem ich mich einer Wendung bediente wie: er habe mich ›falsch verstanden‹ und so weiter ... Ich lasse wieder die Einzelheiten weg, aber der Vorteil meiner Situation bestand darin, daß ich, da Stepanow häufig zu mir gekommen war, die Sache nicht ohne Wahrscheinlichkeit so darstellen konnte, als habe er um gewisser Vorteile willen mit meinem Burschen eine Art von Komplott gemacht. Stepanow sah mich nur stillschweigend an und zuckte mit den Achseln. Ich erinnere mich noch an seinen Blick und werde ihn niemals vergessen. Darauf wollte er unverzüglich seinen Abschied einreichen; aber was glauben Sie, was geschah? Die Offiziere machten ihm alle ohne Ausnahme zusammen einen Besuch und redeten ihm zu, zu bleiben. Zwei Wochen darauf trat ich meinerseits aus dem Regiment aus: es hatte mich niemand dazu gedrängt oder aufgefordert; ich gab als Grund für mein Ausscheiden Familienverhältnisse an. Damit war die Sache beendet. Anfangs machte ich mir darüber gar keine Gedanken und war sogar auf meine ehemaligen Kameraden ärgerlich; ich wohnte in Luga und lernte Lisaweta Makarowna kennen; aber dann – es war erst ein Monat seitdem vergangen – fing ich schon an, häufig meinen Revolver zu betrachten und an den Tod zu denken. Ich sehe alle Dinge von der dunklen Seite an, Arkadij Makarowitsch. Ich verfaßte einen Brief an den Regimentskommandeur und an die Offiziere, in welchem ich meine Lüge vollständig eingestand und Stepanow für einen Ehrenmann erklärte. Nachdem ich den Brief geschrieben hatte, stellte ich mir die Frage: ›Soll ich ihn abschicken und leben bleiben, oder soll ich ihn abschicken und mich töten?‹ Ich hätte diese Frage nicht beantworten können. Ein Zufall, ein blinder Zufall brachte mich nach einem schnellen, eigenartigen Gespräch mit Lisaweta Makarowna ihr plötzlich seelisch näher. Sie hatte auch schon vorher Frau Stolbejewa manchmal besucht; wir waren einander begegnet, hatten uns gegrüßt und sogar ab und zu ein paar Worte miteinander gesprochen. Ich entdeckte ihr alles. Da war es, wo sie mir die rettende Hand reichte.«

»Wie entschied sie denn Ihre Frage?«

»Ich habe den Brief nicht abgeschickt. Sie sagte, ich solle ihn nicht abschicken. Sie motivierte das folgendermaßen: wenn ich den Brief abschickte, so würde ich damit allerdings eine edle Tat ausführen, die genügen würde, um mich von dem ganzen Schmutz rein zu waschen, ja noch weit mehr als das, aber würde ich das auch aushalten können? Sie war der Meinung, daß niemand das aushalten könne, da er sich dadurch seine Zukunft vernichte und sich die Auferstehung zu einem neuen Leben unmöglich mache. Und außerdem: wenn noch Stepanow zu leiden gehabt hätte; aber das Offizierskorps habe ihn ja ohnehin rehabilitiert. Kurz, was sie sagte, war paradox; aber sie hielt mich dadurch aufrecht, und ich überließ mich vollständig ihrer Leitung.«

»Die Art, wie sie die Frage entschied, war jesuitisch, aber weiblich!« rief ich. »Sie hat Sie offenbar schon damals geliebt!«

»Das war es gerade, was mich zu neuem Leben erweckte. Ich nahm mir fest vor, ein anderer Mensch zu werden, mein Leben umzugestalten, die früheren Verfehlungen vor meinem eigenen und vor ihrem Richterstuhl wiedergutzumachen – und nun sehen Sie, womit es geendet hat! Es hat damit geendet, daß ich mit Ihnen hier die Roulettsäle besuche und Pharo spiele; durch die Erbschaft habe ich mich von meinen guten Vorsätzen wieder abbringen lassen, ich habe meine Freude gehabt an der Hoffnung auf eine Karriere, an dem Verkehr mit diesen Menschen, an meinen Trabern ... ich habe Lisa gepeinigt – o Schmach, o Schmach!«

Er rieb sich mit der Hand die Stirn und ging im Zimmer hin und her.

»Uns beide, Arkadij Makarowitsch, Sie und mich, hat das allgemeine russische Schicksal betroffen: Sie wissen nicht, was Sie tun sollen, und ich weiß nicht, was ich tun soll. Gerät ein Russe nur ein klein wenig aus dem offiziellen Geleise, das durch die Sitte für ihn zum Gesetz geworden ist, so weiß er sogleich nicht mehr, was er tun soll. Solange er im Geleise bleibt, ist alles klar: das Einkommen, der Rang, die gesellschaftliche Stellung, die Equipagen, die Visiten, die dienstliche Tätigkeit, die Frau; aber sowie dieser Zustand auch nur im geringsten gestört wird, was bin ich dann? Ein Blatt, das der Wind umhertreibt. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Während dieser beiden Monate habe ich mir alle Mühe gegeben, mich im Geleise zu halten; ich habe das Geleise liebgewonnen, mich an das Geleise gewöhnt. Sie kennen noch nicht die ganze Tiefe meines jetzigen Falles: ich liebte Lisa, liebte sie aufrichtig, und dachte zu gleicher Zeit an die Achmakowa!«

»Wirklich?« rief ich mit einer Empfindung des Schmerzes. »Beiläufig, Fürst, was sagten Sie mir gestern über Wersilow, er habe Sie zu irgendeiner Gemeinheit gegen Katerina Nikolajewna aufgehetzt?«

»Ich habe vielleicht übertrieben und in meinem Mißtrauen ihm ebenso unrecht getan wie Ihnen. Lassen wir das beiseite. Aber glauben Sie wirklich, es hätte mir nicht in dieser ganzen Zeit, von dem Aufenthalt in Luga an, ein hohes Lebensideal vorgeschwebt? Ich kann Ihnen versichern, es ist mir nicht entschwunden, ist mir immer vor Augen geblieben und hat für mich nichts von seiner Schönheit verloren. Den Schwur, den ich vor Lisaweta Makarowna abgelegt habe, ein neues Leben zu beginnen, diesen Schwur habe ich nicht vergessen. Als Andrej Petrowitsch gestern hier über den Adel sprach, hat er mir nichts Neues gesagt, dessen können Sie sicher sein. Mein Ideal hat jetzt einen festen Inhalt gewonnen: ein paar Dutzend Deßjatinen Land (und zwar nur ein paar Dutzend, da ich von der Erbschaft fast nichts mehr übrig habe), dann ein vollständiger, ganz vollständiger Bruch mit der Gesellschaft und mit der Karriere, ein ländliches Haus, eine Familie und ich selbst Pflüger oder etwas Ähnliches. Oh, in unserer Familie ist das nichts Neues: der Bruder meines Vaters hat eigenhändig gepflügt und mein Großvater ebenfalls. Wir sind zwar ein tausendjähriges Fürstengeschlecht und von so hohem Adel wie die Rohans, aber wir sind Bettler. Und das würde ich auch meinen Kindern einprägen: ›Denk dein ganzes Leben lang daran, daß du ein Edelmann bist und daß in deinen Adern das heilige Blut russischer Fürsten fließt, aber schäme dich dessen nicht, daß dein Vater selbst das Land gepflügt hat: er hat es in Fürstenart getan.‹ Ich würde ihnen kein Vermögen hinterlassen außer diesem Stückchen Land, ihnen aber dafür die höchste Bildung zuteil werden lassen, das würde ich für meine Pflicht halten. Oh, hierbei würde mir Lisa helfen, Lisa, die Kinder und die Arbeit; oh, wie haben wir beide, sie und ich, uns das alles in Gedanken ausgemalt, hier, in diesen Zimmern; und ist es zu glauben: ich dachte gleichzeitig an Frau Achmakowa, die ich nicht liebe, an die Möglichkeit einer vornehmen, reichen Heirat! Und erst nach der Nachricht von diesem Bjoring, die Naschtschokin gestern brachte, erst da entschloß ich mich, zu Anna Andrejewna zu gehen.«

»Aber Sie sind doch zu ihr gegangen, um sich von ihr loszusagen? Und ich meine, das war doch eine ehrenhafte Tat?«

»Meinen Sie?« sagte er, plötzlich vor mir stehenbleibend. »Nein, Sie kennen meinen Charakter noch nicht! Oder ... oder es ist da etwas, was ich selbst nicht kenne: denn ich habe wahrscheinlich mehrere Charaktere. Ich habe Sie aufrichtig lieb, Arkadij Makarowitsch, und außerdem habe ich Ihnen diese zwei Monate lang schweres Unrecht getan, und darum will ich, daß Sie als Lisas Bruder alles erfahren: ich fuhr zu Anna Andrejewna in der Absicht, ihr einen Antrag zu machen, nicht um mich von ihr loszusagen.«

»Ist es möglich? Aber Lisa sagte mir doch ...«

»Ich habe Lisa belogen.«

»Erlauben Sie: Sie haben ihr einen förmlichen Antrag gemacht, und Anna Andrejewna hat Ihnen einen Korb gegeben? War es so? War es so? Die Einzelheiten sind für mich von außerordentlicher Wichtigkeit, Fürst.«

»Nein, einen Antrag habe ich ihr nicht gemacht, aber nur deswegen nicht, weil ich nicht dazu kam. Sie selbst kam mir zuvor und gab mir, allerdings nicht mit direkten, aber doch durchsichtigen, klaren Worten, »zartfühlend« zu verstehen, daß dieses Projekt von vornherein unmöglich sei.«

»Also haben Sie ihr in Wirklichkeit doch keinen Antrag gemacht, und Ihr Stolz wurde nicht verletzt!«

»Können Sie wirklich so darüber urteilen? Und der Richterspruch meines eigenen Gewissens? Und Lisa, die ich betrogen habe und ... vielleicht im Stich lassen wollte? Und das Gelübde, das ich mir selbst und dem ganzen Geschlecht meiner Vorfahren gegeben habe, ein anderer Mensch zu werden und alle meine früheren Schändlichkeiten wiedergutzumachen? Ich bitte Sie inständig, sagen Sie ihr nichts davon! Vielleicht würde das das einzige sein, was zu verzeihen sie nicht imstande wäre! Ich bin seit gestern ganz krank. Und nun die Hauptsache: es scheint, daß jetzt alles aus ist und der letzte der Fürsten Sokolskij ins Zuchthaus kommen wird. Arme Lisa! Ich habe heute den ganzen Tag sehnsüchtig auf Sie gewartet, Arkadij Makarowitsch, um Ihnen, als dem Bruder Lisas, das zu entdecken, was sie noch nicht weiß. Ich bin ein krimineller Verbrecher und an der Herstellung gefälschter Aktien der ***er Eisenbahn beteiligt.«

»Was ist das nun wieder! Wie, ins Zuchthaus?« rief ich, indem ich aufsprang und ihn erschrocken anblickte.

Auf seinem Gesicht lag der Ausdruck eines tiefen, düsteren, hoffnungslosen Grams.

»Setzen Sie sich hin!« sagte er und setzte sich selbst auf einen Lehnstuhl mir gegenüber. »Erfahren Sie zunächst die Tatsachen: vor gut einem Jahr, in demselben Sommer, als ich in Ems mit Lidija und Katerina Nikolajewna zusammenkam, gerade in der Zeit, als ich mich auf zwei Monate nach Paris begeben hatte, ging mir in Paris selbstverständlich das Geld aus. Da erschien wie gerufen Stebelkow, den ich übrigens schon von früher her kannte. Er gab mir Geld und versprach, mir noch mehr zu geben, bat mich aber auch seinerseits um eine Gefälligkeit: er bedurfte eines Künstlers, der Zeichner, Graveur, Lithograph und so weiter und zugleich Chemiker und Techniker sein mußte, und das zu einem ganz bestimmten Zweck. Über diesen Zweck sprach er sich gleich das erstemal mit hinreichender Deutlichkeit aus. Und warum auch nicht? Er kannte meinen Charakter; das alles amüsierte mich nur. Die Sache war die, daß ich noch von der Schulbank her einen Bekannten hatte, der zu jener Zeit als russischer Emigrant – übrigens war er von Abstammung nicht Russe – in Hamburg lebte. In Rußland war er schon einmal in eine unangenehme Geschichte wegen Banknotenfälschung verwickelt gewesen. Und gerade auf diesen Menschen hatte Stebelkow sein Augenmerk gerichtet, aber er brauchte ein Empfehlungsschreiben an ihn und wandte sich zu diesem Zweck an mich. Ich gab ihm zwei Zeilen und vergaß die ganze Sache sofort wieder. Darauf kam er noch ein paarmal mit mir zusammen, und ich erhielt von ihm damals im ganzen etwa dreitausend Rubel. Diese ganze Angelegenheit hatte ich schon vollständig vergessen. Hier habe ich die ganze Zeit Geld auf Wechsel und Pfänder von ihm entliehen, und er ist vor mir gekrochen wie ein Sklave. Und plötzlich erfahre ich gestern von ihm zum erstenmal, daß ich ein Kriminalverbrecher bin.«

»Wann denn gestern?«

»Nun, gestern vormittag, als ich mit ihm im Nebenzimmer herumschrie, bevor Naschtschokin kam. Er erdreistete sich zum erstenmal, und zwar gleich ganz unverhohlen, mit mir von Anna Andrejewna zu sprechen. Ich hob die Hand auf, um ihm einen Schlag zu versetzen, aber er stand plötzlich auf und erklärte mir, ich sei mit ihm solidarisch und solle nicht vergessen, daß ich sein Komplice und ein ebensolcher Schurke sei wie er; kurz, wenn das auch nicht seine Worte waren, so war es doch der Sinn.«

»So ein Unsinn! Das ist doch nur Phantasie!«

»Nein, das ist nicht nur Phantasie. Er war heute bei mir und setzte es mir eingehender auseinander. Diese Aktien befinden sich schon längst im Umlauf, und es werden ihrer noch mehr in Umlauf gesetzt werden; aber es scheint, daß irgendwo schon welche als falsch angehalten worden sind. Allerdings stehe ich der Sache fern, aber Stebelkow sagte zu mir: »Sie haben mir doch damals das Briefchen gegeben.««

»Aber Sie haben ja nicht gewußt, zu welchem Zweck er es haben wollte, oder doch?«

»Ich habe es gewußt«, antwortete der Fürst leise und schlug die Augen nieder. »Das heißt, sehen Sie, ich habe es gewußt und habe es auch wieder nicht gewußt. Ich habe mich darüber amüsiert. Ich habe mir damals gar keine weiteren Gedanken darüber gemacht, um so weniger, als ich gar keine falschen Aktien nötig hatte und nicht beabsichtigte, solche zu fabrizieren. Aber auf der andern Seite diese dreitausend Rubel, die er mir damals gab und später nicht einmal auf mein Konto setzte, und ich ließ das zu. Übrigens, woher wollen Sie das wissen? Vielleicht war ich auch ein Fälscher. Ich mußte doch wissen, wie die Sache stand, ich bin doch kein kleines Kind; ich wußte es, amüsierte mich aber darüber und war gemeinen Verbrechern behilflich ... war ihnen behilflich für Geld! Mithin bin ich auch ein Fälscher!«

»Oh, Sie übertreiben; Sie haben sich vergangen, aber Sie übertreiben!«

»Da ist vor allen Dingen noch ein gewisser Shibelskij, ein noch junger Mensch, der beim Gericht tätig ist, so eine Art Gehilfe bei der Staatsanwaltschaft. Bei diesen Aktien ist er ebenfalls irgendwie beteiligt; er ist dann später einmal auf Veranlassung jenes Hamburger Herrn zu mir gekommen, in einer ganz unbedeutenden Angelegenheit selbstverständlich, und ich weiß selbst nicht einmal, weswegen eigentlich; jedenfalls wurden die Aktien dabei nicht erwähnt. Aber doch hat er zwei Schriftstücke von meiner Hand aufbewahrt und in seinem Besitz, beides Billette von je zwei Zeilen, und diese zeugen nun natürlich ebenfalls gegen mich; das habe ich heute recht wohl verstanden. Stebelkow erklärte, daß dieser Shibelskij alles gefährde: er habe dort irgendwelches Geld, wohl staatliches, unterschlagen, beabsichtige aber, noch mehr zu unterschlagen und dann auszuwandern; er brauche nun seiner Angabe nach als Beihilfe zur Auswanderung eine Summe von achttausend Rubeln. Mein Anteil an der Erbschaft wird ausreichen, um Stebelkow zu befriedigen; aber Stebelkow sagt, es müsse auch Shibelskij befriedigt werden ... Kurz, ich soll ihnen meinen Anteil an der Erbschaft überlassen und noch zehntausend Rubel dazuzahlen - das ist das letzte Wort der beiden. Und dann wollen sie mir meine beiden Schriftstücke zurückgeben. Sie stecken beide unter einer Decke, das ist klar.«

»Das ist ja der reine Unsinn! Wenn die beiden Sie denunzieren, so verraten sie sich ja selbst! Unter keinen Umständen werden sie eine Denunziation gegen Sie einreichen.«

»Das weiß ich. Sie drohen auch gar nicht mit einer Denunziation; sie sagen nur: »Wir werden Sie natürlich nicht denunzieren, aber wenn die Sache herauskommen sollte, dann ...«, so reden sie, weiter nichts; aber ich glaube, das genügt schon! Aber darum handelt es sich nicht: was auch immer aus der Sache werden mag, und selbst wenn ich diese Schriftstücke jetzt in meiner Tasche hätte, aber mit diesen Schurken solidarisch zu sein, lebenslänglich ihr Mitschuldiger zu sein, lebenslänglich! Rußland zu belügen, meine Kinder zu belügen, Lisa zu belügen, das eigene Gewissen zu belügen! ...«

»Weiß es Lisa?«

»Nein, alles weiß sie nicht. Sie würde es in ihrem Zustand nicht ertragen. Ich trage jetzt die Uniform meines Regiments, und jedesmal, wenn ich einem Soldaten meines Regiments begegne, werde ich mir bewußt, daß ich nicht wert bin, diese Uniform zu tragen.«

»Hören Sie«, rief ich plötzlich, »es hat keinen Zweck, darüber Worte zu machen; es gibt für Sie nur eine einzige Rettung: gehen Sie zum Fürsten Nikolai Iwanowitsch, bitten Sie ihn, ohne ihm etwas zu entdecken, Ihnen zehntausend Rubel zu borgen, bestellen Sie dann die beiden Schurken hierher, rechnen Sie endgültig mit ihnen ab, und kaufen Sie Ihre Briefchen zurück – dann ist die Sache erledigt! Die ganze Sache ist dann erledigt, und Sie können hingehen und pflügen! Weg mit den Hirngespinsten; vertrauen Sie sich dem Leben an!«

»Ich habe selbst schon daran gedacht«, sagte er in festem Ton. »Ich habe es mir heute den ganzen Tag hin und her überlegt und mich endlich dazu entschlossen. Ich wartete nur auf Sie; ich werde zu ihm hinfahren. Wissen Sie, ich habe mir nie in meinem Leben von dem Fürsten Nikolai Iwanowitsch auch nur eine Kopeke geben lassen. Er ist sehr gut zu unserer Familie und hat ihr sogar ... wirkliche Teilnahme bewiesen, aber ich selbst, ich persönlich, habe mir nie Geld von ihm geben lassen. Aber jetzt habe ich mich dazu entschlossen. Wissen Sie, unsere Linie der Fürsten Sokolskij ist älter als die Linie des Fürsten Nikolai Iwanowitsch; die letztere ist eine jüngere Linie, sogar nur eine Seitenlinie und beinahe anfechtbar ... Unsere Vorfahren lebten miteinander in Feindschaft. Zu Anfang der petrinischen Reformen hielt sich mein Ururgroßvater, der ebenfalls Pjotr hieß, beharrlich zur Sekte der Altgläubigen und mußte in die Wälder von Kostroma flüchten. Dieser Fürst Pjotr hatte in zweiter Ehe ebenfalls eine Nichtadlige zur Frau ... Damals zweigten sich die anderen Sokolskijs ab. Aber ich ... wie bin ich doch darauf gekommen? ...«

Er war sehr erschöpft und redete ohne rechte Überlegung.

»Beruhigen Sie sich«, sagte ich, indem ich aufstand und nach meinem Hut griff. »Legen Sie sich schlafen, das ist für Sie das notwendigste. Fürst Nikolai Iwanowitsch wird es Ihnen sicherlich nicht abschlagen, am wenigsten jetzt, wo er freudig erregt ist. Sie wissen, was sich dort zugetragen hat? Wirklich nicht? Ich habe etwas ganz Verwunderliches gehört, daß er heiraten wird; es ist noch Geheimnis, aber natürlich nicht für Sie.«

Ich erzählte ihm alles, während ich schon mit dem Hut in der Hand dastand. Er hatte nichts davon gewußt. Er erkundigte sich hastig nach allerlei Einzelheiten, namentlich nach der Zeit, dem Ort und dem Grad der Glaubwürdigkeit. Ich verheimlichte ihm natürlich nicht, daß es nach der Darstellung, die ich gehört hatte, unmittelbar nach seinem gestrigen Besuch bei Anna Andrejewna geschehen sein mußte. Ich kann gar nicht beschreiben, was für einen schmerzlichen Eindruck diese Nachricht auf ihn machte; sein Gesicht wurde ganz entstellt, als ob es sich schräg zöge; ein schiefes Lächeln krampfte seine Lippen zusammen; zuletzt wurde er furchtbar blaß und versank mit niedergeschlagenen Augen tief in Gedanken. Ich erkannte auf einmal in voller Deutlichkeit, daß seine Eitelkeit durch den Korb, den ihm Anna Andrejewna tags zuvor gegeben hatte, furchtbar verletzt worden war. Vielleicht stand ihm bei seiner krankhaften Gemütsverfassung in diesem Augenblick allzu deutlich die lächerliche, demütigende Rolle vor Augen, die er gestern vor diesem Mädchen gespielt hatte, von dessen Einwilligung er, wie sich jetzt zeigte, die ganze Zeit so fest überzeugt gewesen war. Dazu kam ferner vielleicht der Gedanke, daß er Lisa gegenüber eine solche Gemeinheit begangen hatte und so ohne jeden Erfolg! Es ist merkwürdig, wofür diese hochgeborenen Lebemänner einander halten und auf welcher Basis sie einander zu achten vermögen; so konnte dieser Fürst doch annehmen, daß Anna Andrejewna schon von seinem Verhältnis mit Lisa wußte, die doch in Wirklichkeit ihre Schwester war, und daß, wenn sie nichts davon wußte, es sicherlich einmal erfahren würde; aber trotzdem hatte er an ihrem Jawort nicht gezweifelt!

»Und Sie konnten wirklich glauben«, sagte er, mich stolz und hochmütig anblickend, »daß ich, ich, jetzt nach einer solchen Mitteilung dazu fähig sein würde, zum Fürsten Nikolai Iwanowitsch zu fahren und ihn um Geld zu bitten! Ihn; den Bräutigam des Mädchens, das mir soeben einen Korb gegeben hat; was wäre das für ein unwürdiges, lakaienhaftes Benehmen! Nein, jetzt ist alles zusammengestürzt; und wenn die Hilfe dieses alten Mannes meine letzte Hoffnung war, so mag auch diese Hoffnung begraben sein!«

Im stillen, in meinem Herzen, stimmte ich ihm bei; aber nach Lage der Dinge durfte man sich hier doch einer etwas milderen Auffassung bedienen: war denn der alte Fürst wirklich als ein Mann, als ein Bräutigam anzusehen? In meinem Kopf brodelten allerlei Gedanken. Ich hatte mir übrigens sowieso schon vorher vorgenommen, am nächsten Tag den alten Herrn unbedingt zu besuchen. Jetzt aber gab ich mir Mühe, den Eindruck meiner Mitteilung abzuschwächen und den armen Fürsten dahin zu bringen, daß er sich schlafen legte: »Schlafen Sie sich aus, und Ihre Gedanken werden heller und freundlicher werden. Sie werden es selbst sehen!« Er drückte mir warm die Hand, küßte mich aber diesmal nicht. Ich gab ihm mein Wort, am Abend des nächsten Tages wieder zu ihm zu kommen: »Dann wollen wir uns miteinander aussprechen«, sagte ich, »es hat sich allzu vieles angesammelt, worüber wir zusammen zu sprechen haben.« Auf diese meine Worte antwortete er nur mit einem irgendwie fatalen Lächeln.

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