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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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VII

Jetzt von etwas ganz anderem.

Einen Monat vorher, das heißt einen Monat vor dem 19. September, faßte ich in Moskau den Entschluß, mich von all den Meinigen loszusagen und vollständig in meiner Idee aufzugehen. Ich schreibe absichtlich hin: »in meiner Idee aufzugehen«, weil dieser Ausdruck meinen Hauptgedanken, das Ziel, für das ich auf der Welt bin, ziemlich vollständig bezeichnet. Was das für eine Idee ist, davon wird später noch sehr viel zu sprechen sein. In der Einsamkeit meines langjährigen, träumerischen Moskauer Lebens hatte sich diese Idee schon in der sechsten Gymnasialklasse in meinem Kopf gebildet und mich seitdem wohl keinen Augenblick verlassen. Sie verschlang mein ganzes Leben. Ich hatte auch vorher mich oft Träumereien hingegeben und gleich von meiner Kindheit an in jenem bewußten Traumland gelebt; aber als diese wichtigste, alles verschlingende Idee in meinem Kopf aufgetaucht war, hatten meine Träumereien an Kraft gewonnen, eine bestimmte Form angenommen und sich aus törichten zu verständigen entwickelt. Das Gymnasium war den Träumereien nicht hinderlich gewesen; es war ebensowenig der Idee hinderlich. Ich füge jedoch hinzu, daß ich im letzten Schuljahr nur ein schlechter Schüler war, während ich bis zur siebenten Klasse immer zu den ersten gehört hatte; es war dies die Folge eben jener Idee, die Folge eines vielleicht unrichtigen Schlusses, den ich aus ihr gezogen hatte. Auf diese Weise war nicht das Gymnasium der Idee hinderlich, sondern die Idee dem Gymnasium. Sie erwies sich auch für das Universitätsstudium hinderlich. Als ich das Gymnasium absolviert hatte, nahm ich mir sogleich vor, nicht nur mit allen meinen Angehörigen vollständig zu brechen, sondern nötigenfalls auch mit der ganzen Welt, obwohl ich damals erst zwanzig Jahre alt war. So schrieb ich denn durch die angemessene Mittelsperson an die angemessene Stelle in Petersburg, man möge mich künftighin völlig in Ruhe lassen, mir kein Geld mehr zu meinem Unterhalt schicken und mich möglichst ganz vergessen (das heißt, selbstverständlich falls man sich meiner überhaupt noch erinnere), und zum Schluß teilte ich mit, daß ich »um keinen Preis« die Universität beziehen würde. Ich stand vor folgendem unausweichlichem Dilemma: entweder mußte ich mir den Besuch der Universität und den weiteren Ausbau meiner Bildung versagen, oder ich mußte die sonst sofort mögliche Umsetzung der »Idee« in die Tat noch um vier Jahre hinausschieben. Ich entschied mich, ohne zu schwanken, für die Idee, von deren Richtigkeit ich wie von der eines mathematischen Lehrsatzes überzeugt war. Wersilow, mein Vater, den ich erst ein einziges Mal in meinem Leben als zehnjähriger Knabe gesehen hatte (und der in diesem einen Augenblick einen starken Eindruck auf mich gemacht hatte), Wersilow forderte mich in Beantwortung meines Briefes, der übrigens nicht an ihn gerichtet gewesen war, selbst in einem eigenhändigen Schreiben auf, nach Petersburg zu kommen, und stellte mir eine private Anstellung in Aussicht. Diese Aufforderung von seiten eines trockenen, stolzen, mir gegenüber hochmütigen und nachlässigen Mannes, der mich in die Welt gesetzt, mich zu fremden Leuten gegeben, mich gar nicht kennengelernt und dies niemals auch nur bereut hatte (wer weiß, vielleicht hatte er von meinem Dasein überhaupt nur eine unklare, dunkle Vorstellung, da sich später herausstellte, daß auch das Geld für meinen Unterhalt in Moskau nicht von ihm, sondern von anderen gezahlt worden war), die Aufforderung von Seiten dieses Mannes, sage ich, der sich so plötzlich meiner erinnerte und mich eines eigenhändigen Schreibens würdigte, diese mir schmeichelhafte Aufforderung entschied mein Schicksal. In seinem Briefchen (es war nur eine knappe Seite kleinen Formats) gefiel mir seltsamerweise unter anderem besonders, daß er des Universitätsstudiums mit keinem Wort Erwähnung tat, mich nicht bat, meinen Entschluß zu ändern, mir keine Vorwürfe machte, weil ich nicht studieren wollte, kurz, keine väterlichen Redensarten von der üblichen Art machte, und dabei war gerade dies von seiner Seite insofern häßlich, als es seine Gleichgültigkeit mir gegenüber noch stärker zutage treten ließ. Ich entschloß mich, hinzufahren, auch deshalb, weil dies meinem Hauptplan nicht hinderlich war. ›Ich will sehen, was daraus wird‹, dachte ich, ›jedenfalls binde ich mich an sie nur für eine gewisse Zeit, vielleicht nur für ganz kurze Zeit. Sowie ich aber sehen sollte, daß dieser wenn auch nur konventionelle und unbedeutende Schritt mich doch von meinem Hauptplan entfernt, werde ich sogleich mit ihnen brechen, alles im Stich lassen und mich in mein Gehäuse zurückziehen.‹ Geradeso sagte ich zu mir: in mein Gehäuse! ›Ich werde mich wie eine Schildkröte in meinem Gehäuse verbergen‹, dieser Vergleich gefiel mir sehr. ›Ich werde nicht mehr allein sein‹, fuhr ich in meinen Überlegungen fort, während ich diese ganzen letzten Tage in Moskau wie betäubt umherging, ›ich werde jetzt nie mehr allein sein wie bisher so viele schreckliche Jahre hindurch: ich werde jetzt meine Idee haben, der ich niemals werde untreu werden, nicht einmal, wenn ich an allen Menschen dort Gefallen fände und sie mich glücklich machten und ich mit ihnen sogar zehn Jahre zusammen lebte!‹ Aber, wie ich im voraus bemerke, gerade diese Empfindung, gerade diese Zwiespältigkeit meiner schon in Moskau festgelegten Pläne und Ziele, eine Zwiespältigkeit, deren ich mir in Petersburg jederzeit bewußt blieb (denn ich weiß nicht, ob es in Petersburg einen Tag gegeben hat, den ich mir nicht als den endgültigen Termin angesetzt hätte, um mit ihnen zu brechen und davonzugehen), diese Zwiespältigkeit, sage ich, war wohl eine der Hauptursachen der vielen Unvorsichtigkeiten, Schändlichkeiten, ja Gemeinheiten und natürlich auch Dummheiten, die ich in diesem Jahr begangen habe.

Natürlich, ich bekam auf einmal einen Vater, den ich vorher noch nie gehabt hatte. Dieser Gedanke berauschte mich geradezu, sowohl während der Reisevorbereitungen in Moskau, als auch während ich dann im Zug saß. Daß er mein Vater war, schien mir dabei noch nicht das wichtigste, und von Zärtlichkeiten war ich kein Freund, aber wie war es möglich gewesen, daß dieser Mensch mich nicht hatte kennen wollen und mich gedemütigt hatte, während ich diese ganzen Jahre über mich gleichsam in Träumen an ihn angesaugt hatte (wenn man sich bei Träumen so ausdrücken kann)? In allen meinen Träumereien, von meiner Kindheit an, hatte ich mich mit ihm beschäftigt, meine Gedanken hatten sich um ihn gedreht, er war immer der definitive Endpunkt gewesen. Ich weiß nicht, ob ich ihn gehaßt oder geliebt habe, aber er hatte mit seiner Persönlichkeit alle meine Gedanken an die Zukunft, alle meine Spekulationen auf das Leben angefüllt – und das war ganz von selbst gekommen, zugleich mit meinem Heranwachsen.

Zu meiner Abreise von Moskau trug auch noch ein mächtiger Umstand bei, eine Verlockung, die schon drei Monate vor der Abreise (also zu einer Zeit, wo von Petersburg noch gar nicht die Rede war) mein Herz hatte höher schlagen lassen! Ich fühlte mich nach jenem unbekannten Ozean schon deshalb hingezogen, weil ich ohne weiteres als Herrscher auf ihn hinausfahren konnte, sogar als Herr über fremde Schicksale, und über die Schicksale von was für Menschen! Aber nur großmütige, nicht despotische Gefühle wallten in meinem Innern, das schicke ich voraus, damit meine Worte nicht zu falschen Auffassungen Anlaß geben. Zudem konnte Wersilow denken (falls er mich überhaupt für wert hielt, seine Gedanken auf mich zu richten), da komme so ein junger Bursche, der eben das Gymnasium durchgemacht habe, ein Jüngling, und blicke die Welt mit erstaunten Augen an. Aber dabei kannte ich bereits sein ganzes Geheimnis und hatte ein sehr wichtiges Schriftstück in Händen, für das er (jetzt weiß ich das bereits zuverlässig) mehrere Jahre seines Lebens hingegeben haben würde, wenn ich ihm damals das Geheimnis entdeckt hätte. Ich merke übrigens, daß ich Rätsel aufgegeben habe. Ohne Tatsachen kann man Gefühle nicht schildern. Überdies wird von alledem am gegebenen Ort noch genug und übergenug die Rede sein; darum habe ich ja auch zur Feder gegriffen. Aber so zu schreiben wie jetzt eben, das nimmt sich wie Phantasterei oder Wolkennebel aus.

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