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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 68
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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Siebentes Kapitel

I

Ich erwachte am Morgen gegen acht Uhr, schloß sogleich meine Tür zu, setzte mich ans Fenster und begann nachzudenken. So saß ich bis zehn Uhr. Das Dienstmädchen klopfte zweimal bei mir an, aber ich jagte sie fort. Schließlich, es war schon zwischen zehn und elf, klopfte es wieder. Ich wollte schon wieder schreien, aber es war Lisa. Mit ihr zugleich kam auch das Dienstmädchen herein, brachte mir den Kaffee und machte sich daran, den Ofen zu heizen. Das Dienstmädchen wieder hinauszuschicken, war unmöglich, und die ganze Zeit über, während Fjokla Holz einlegte und das Feuer anblies, ging ich mit großen Schritten in meinem kleinen Zimmer auf und ab, ohne ein Gespräch mit Lisa zu beginnen; ja ich gab mir sogar Mühe, sie nicht anzusehen. Das Dienstmädchen verrichtete seine Arbeit mit einer unsäglichen Langsamkeit, und zwar absichtlich, wie das alle Dienstmädchen in solchen Fällen tun, wenn sie merken, daß ihre Anwesenheit die Herrschaften hindert, miteinander zu sprechen. Lisa hatte sich am Fenster auf einen Stuhl gesetzt und folgte mir mit den Augen.

»Dein Kaffee wird kalt«, sagte sie plötzlich.

Ich sah sie an: ihr Gesicht zeigte nicht die geringste Verlegenheit, sondern vollkommene Ruhe, und auf ihren Lippen lag sogar ein Lächeln.

»Ja, so sind die Weiber!« rief ich unwillkürlich und zuckte die Achseln.

Endlich hatte das Dienstmädchen den Ofen angeheizt und wollte nun anfangen, das Zimmer aufzuräumen, aber ich jagte sie ärgerlich hinaus und schloß hinter ihr die Tür zu.

»Sag mir bitte, warum hast du die Tür wieder zugeschlossen?« fragte Lisa.

Ich trat vor sie hin.

»Lisa, wie konnte ich denken, daß du mich so betrügen würdest!« rief ich auf einmal, ohne diesen Anfang irgendwie überlegt zu haben, und diesmal kamen mir nicht die Tränen in die Augen, sondern es war beinahe ein boshaftes Gefühl, das mir, für mich selbst völlig unerwartet, einen Stich ins Herz gab. Lisa errötete, antwortete aber nicht; sie fuhr nur fort, mir gerade ins Gesicht zu sehen.

»Ach, Lisa, ach, wie dumm ich war! Aber war ich denn dumm? Alle Anzeichen haben sich erst gestern auf einen Punkt vereinigt, und wie hätte ich vorher darauf kommen können? Etwa dadurch, daß du häufig Frau Stolbejewa und diese ... Darja Onissimowna besuchtest? Aber ich hielt dich für eine Sonne, Lisa, und wie hätte mir so etwas in den Kopf kommen können? Erinnerst du dich, wie ich dich damals, vor zwei Monaten, in seiner Wohnung traf und wie wir beide, du und ich, dann zusammen im Sonnenschein gingen und so fröhlich waren ... War es denn damals schon geschehen? Ja?«

Sie antwortete mit einem bejahenden Kopfnicken.

»Also hast du mich schon damals betrogen! Da lag der Grund nicht in meiner Dummheit, Lisa, sondern eher in meinem Egoismus, nicht in der Dummheit, sondern in dem Egoismus meines Herzens und – vielleicht in meinem Glauben an Heiligkeit. Oh, ich war immer der festen Überzeugung, daß ihr alle unendlich hoch über mir stündet, und nun! Und nun zuletzt, gestern, im Zeitraum eines Tages, fand ich trotz aller Andeutungen keine Zeit, es mir zurechtzulegen ... Und ich war auch gestern mit ganz anderen Dingen beschäftigt!«

In diesem Augenblick mußte ich auf einmal an Katerina Nikolajewna denken und fühlte wieder einen schmerzhaften Stich wie von einer Nadel im Herzen und errötete über das ganze Gesicht. Natürlich konnte ich in einem solchen Augenblick nicht gut und freundlich sein.

»Aber weswegen rechtfertigst du dich denn? Mir scheint, Arkadij, du suchst dich wegen irgend etwas zu rechtfertigen, also weswegen denn?« fragte Lisa leise und sanft, aber in sehr festem, sicherem Ton.

»Weswegen, weswegen! Ja, was soll ich jetzt tun? Siehst du, das ist die Frage! Und du sagst: ›Weswegen denn?‹ Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll! Ich weiß nicht, wie sich ein Bruder in solchen Fällen verhält ... Ich weiß, daß man so einen mit der Pistole in der Hand zum Heiraten zwingt ... Ich werde handeln, wie ein ehrenhafter Mann handeln muß. Aber wie ein ehrenhafter Mann in solcher Lage handeln muß, das weiß ich eben nicht! ... Warum weiß ich das nicht? Weil wir nicht adlig sind; er aber ist ein Fürst, er macht dort seine Karriere; er wird uns, wenn wir auch ehrenhafte Leute sind, gar nicht anhören. Und du und ich, wir sind nicht einmal richtige Geschwister, sondern illegitime Kinder, ohne Familienzugehörigkeit, Kinder eines Gutsknechtes; und heiraten denn etwa die Fürsten Mädchen aus dem Gutsgesinde? O welche Gemeinheit! Und da sitzt du nun und wunderst dich über mich!«

»Ich glaube, daß du Qualen leidest«, sagte Lisa und errötete dabei von neuem, »aber du übereilst dich damit und quälst dich selbst.«

»Ich übereile mich? Aber bin ich denn deiner Ansicht nach nicht schon viel zu spät gekommen? Wie kannst du, Lisa, so zu mir reden?« rief ich heftig, nun endlich aufs höchste entrüstet. »Und wieviel Schmach habe ich ertragen, und wie muß mich dieser Fürst verachtet haben! Oh, jetzt ist mir alles klar, und die ganze Situation steht mir deutlich vor Augen: er war fest davon überzeugt, daß ich schon längst sein Verhältnis mit dir durchschaut hätte, aber absichtlich schwiege oder sogar die Nase hoch trüge und auf diese ›Ehre‹ stolz sei – selbst das konnte er von mir denken! Und daß ich mir für meine Schwester, für die Schande meiner Schwester Geld geben ließe! Das mit anzusehen war ihm ekelhaft, und ich gebe ihm darin vollkommen recht. Ich gebe ihm darin recht: alle Tage einen Schuft bei sich zu sehen und ihn zu empfangen, weil er ihr Bruder ist, und ihn dann noch von Ehre reden zu hören ... das ist eine Qual für ein Herz, selbst für ein Herz wie das seinige! Und du hast das alles geschehen lassen, du hast mich nicht gewarnt! Er hat mich dermaßen verachtet, daß er mit einem Menschen wie Stebelkow über mich gesprochen und mir selbst gestern gesagt hat, er habe mir und Wersilow schon sein Haus verbieten wollen. Und nun dieser Stebelkow! ›Anna Andrejewna‹, sagte er, ›ist ja ebensogut Ihre Schwester wie Lisaweta Makarowna‹, und dann rief er mir noch nach: ›Mein Geld ist besser.‹ Und ich, ich rekelte mich bei ihm unverschämt auf den Sofas umher und ging mit seinen Bekannten um, als ob ich ihresgleichen wäre, hole sie alle der Teufel! Und du hast das alles geschehen lassen! Am Ende weiß auch Darsan schon davon; wenigstens kann man das nach seinem Ton von gestern abend glauben ... Alle, alle wissen es, nur ich nicht!«

»Niemand weiß etwas; keinem seiner Bekannten hat er es gesagt, und er konnte es auch keinem sagen«, unterbrach mich Lisa, »und über diesen Stebelkow weiß ich nur, daß Stebelkow ihn peinigt und sich dies vielleicht nur kombiniert hat... Über dich aber habe ich mehrere Male mit ihm gesprochen, und er hat meiner Versicherung völlig geglaubt, daß dir nichts bekannt ist, und ich weiß jetzt nur nicht, warum und wie es gestern zwischen euch zu einer Szene gekommen ist.«

»Oh, wenigstens habe ich ihm gestern meine Schuld zurückgezahlt, so daß ich diese Last vom Herzen los bin! Lisa, weiß es Mama? Aber wie sollte sie es nicht wissen: ich weiß ja, wie sie gestern aufstand und mir drohte!... Ach, Lisa! Glaubst du denn wirklich, in jeder Hinsicht recht gehandelt zu haben, hältst du dich nicht im geringsten für schuldig? Ich weiß nicht, wie man heutzutage über dergleichen urteilt und was du darüber für eine Anschauung hast, ich meine in bezug auf deine Mutter, deinen Bruder, deinen Vater... Weiß es Wersilow?«

»Mama hat ihm nichts gesagt; er fragt nicht; gewiß will er nicht fragen.«

»Er weiß es, aber er will es nicht wissen; so wird es sein, das sieht ihm ähnlich! Na, magst du immerhin über die Rolle lachen, die dein Bruder, dein dummer Bruder spielt, wenn er von Pistolen spricht, aber die Mutter, die Mutter! Hast du nicht bedacht, Lisa, daß das für Mama ein Vorwurf ist? Ich habe mich die ganze Nacht damit herumgequält; Mamas erster Gedanke muß doch gewesen sein: ›Das kommt daher, daß ich mich selbst vergangen habe; wie die Mutter, so die Tochter!‹«

»Oh, wie böse und grausam ist das, was du da sagst!« rief Lisa, der die Tränen in die Augen traten. Sie stand auf und ging schnell zur Tür.

»Bleib hier, bleib hier!« rief ich, legte den Arm um sie, nötigte sie wieder zum Sitzen und setzte mich neben sie, ohne den Arm wegzunehmen.

»Ich habe es mir schon, als ich herkam, gedacht«, sagte sie, »daß alles so kommen würde und daß du von mir durchaus eine Selbstanklage verlangen würdest. Nun meinetwegen, dann will ich mich anklagen. Ich habe jetzt eben nur aus Stolz geschwiegen und nichts gesagt, aber du und Mama, ihr tut mir weit mehr leid als ich mir selbst ...« Sie sprach nicht zu Ende und brach plötzlich in heiße Tränen aus.

»Hör auf, Lisa, du brauchst nicht zu weinen und dich nicht anzuklagen. Ich bin nicht dein Richter. Lisa, wie ist es mit Mama? Sag, weiß sie es schon lange?«

»Ich glaube, daß sie es schon lange weiß; aber ich selbst habe es ihr erst kürzlich gesagt, als das eingetreten war«, sagte sie leise mit niedergeschlagenen Augen.

»Und was hat sie gesagt?«

»Sie sagte: ›Trage es!‹«, erwiderte Lisa noch leiser.

»Ach, Lisa, ja, trage es! Tu dir nichts an! Davor bewahre dich Gott!«

»Nein, ich werde mir nichts antun«, antwortete sie in festem Ton und hob die Augen wieder zu mir auf. »Darüber kannst du beruhigt sein«, fügte sie hinzu, »so steht die Sache gar nicht.«

»Lisa, liebe Lisa, ich sehe nur, daß ich hiervon nichts verstehe, aber dafür habe ich jetzt erst erkannt, wie lieb ich dich habe. Nur eines begreife ich nicht, Lisa: alles ist mir ja klar, nur eines kann ich nicht begreifen: warum hast du ihn liebgewonnen? Wie konntest du einen solchen Menschen liebgewinnen? Das ist mir ein Rätsel!«

»Und gewiß hast du dich auch damit die Nacht über herumgequält?« sagte Lisa mit einem leisen Lächeln.

»Warte mal, Lisa, das war von mir eine dumme Frage, und du spottest darüber; spotte nur, aber man muß sich doch darüber wundern, du und er – ihr seid solche Gegensätze! Er – ich habe ja seinen Charakter studiert –, er ist finster und mißtrauisch; vielleicht hat er ein gutes Herz, mag sein, aber dafür ist er im höchsten Grade dazu geneigt, in allem zunächst das Schlechte zu sehen (darin ist er übrigens ganz wie ich!). Er hat eine leidenschaftliche Hochachtung vor edler Denkweise – das gebe ich zu, das sehe ich; aber ich glaube, das ist bei ihm doch nur so ein Ideal. Oh, er neigt zum Bereuen; er verflucht sich selbst ununterbrochen, sein ganzes Leben lang, und bereut, was er getan hat, aber dabei bessert er sich nie; übrigens macht er es auch in dieser Hinsicht vielleicht ebenso wie ich. Er hat tausend Vorurteile und falsche Ideen – und doch keine einzige Idee! Er möchte eine große Tat ausführen und treibt kleinlichen Unfug. Verzeih mir, Lisa, ich benehme mich wie ein Dummkopf: ich kränke dich durch diese Reden und weiß das; ich verstehe das ...«

»Das Porträt, das du da von ihm entwirfst, könnte richtig sein«, erwiderte Lisa lächelnd, »aber du bist meinetwegen zu sehr gegen ihn aufgebracht, und darum ist doch wieder nichts daran richtig. Er ist gleich von Anfang an gegen dich mißtrauisch gewesen, und so hast du ihn denn nie richtig sehen können; mir gegenüber aber hat er sich schon in Luga ganz offen benommen ... Er hatte für nichts Augen als für mich, schon in Luga. Ja, er ist mißtrauisch und nervös, und ohne mich hätte er den Verstand verloren, und wenn er mich verläßt, so wird er den Verstand verlieren oder sich erschießen; ich glaube, er hat das selbst eingesehen und weiß es«, fügte Lisa hinzu, als spräche sie nur für sich und wie in Gedanken versunken. »Ja, er ist dauernd schwach, aber solche schwachen Menschen sind manchmal auch zu einer außerordentlich starken Tat fähig ... Wie sonderbar war das, was du von der Pistole sagtest, Arkadij: dergleichen ist hier nicht erforderlich, und ich weiß selbst ganz genau, welchen Verlauf die Sache nehmen wird. Nicht ich laufe ihm nach, sondern er mir. Mama weint und sagt: ›Wenn du ihn heiratest, wirst du unglücklich werden; er wird dann aufhören, dich zu lieben.‹ Ich glaube das nicht; unglücklich werde ich vielleicht werden, aber mich zu lieben, wird er nicht aufhören. Wenn ich ihm bisher immer mein Jawort verweigert habe, so war nicht dies der Grund, sondern etwas anderes. Ich verweigere ihm schon zwei Monate lang mein Jawort; aber heute habe ich zu ihm gesagt: › Ja, ich werde dich heiraten.‹ Arkascha, weißt du, er ist gestern« (ihre Augen glänzten, und sie umschlang auf einmal mit beiden Armen meinen Hals), »er ist gestern zu Anna Andrejewna gefahren und hat ihr geradeheraus mit aller Offenheit gesagt, er könne sie nicht lieben ... Ja, er hat sich ihr gegenüber vollständig ausgesprochen, und dieses Projekt ist jetzt abgetan! Er hat sich an diesem Projekt nie beteiligt; das war nur so eine Idee des Fürsten Nikolai Iwanowitsch, und diese Quälgeister, Stebelkow und noch ein anderer, wollten ihn dazu drängen ... Siehst du, und zum Lohn dafür habe ich heute zu ihm ja gesagt. Lieber Arkadij, er läßt dich sehr bitten, zu ihm zu kommen, und sei du ihm wegen seines gestrigen Benehmens nicht böse: er ist heute nicht recht wohl und bleibt den ganzen Tag zu Hause. Er ist wirklich krank, Arkadij: glaube nicht, daß er das nur vorschützt. Er hat mich eigens hergeschickt und mich gebeten, dir zu bestellen, daß ihn nach dir ›verlange‹ und er dir vieles mitzuteilen habe; bei dir hier aber, in deiner Wohnung, ginge das nicht recht. Nun lebe wohl! Ach, Arkadij, ich schäme mich, es zu sagen, aber auf dem Herweg habe ich schreckliche Angst gehabt, du hättest mich vielleicht nicht mehr lieb; ich habe mich unterwegs in einem fort bekreuzigt, aber du bist so lieb und so gut! Ich werde dir das nie vergessen! Jetzt muß ich zu Mama. Und du hab ihn wenigstens ein bißchen lieb, ja?«

Ich umarmte sie herzlich und sagte zu ihr:

»Ich glaube, Lisa; daß du ein starker Charakter bist. Ja, ich glaube, daß nicht du ihm nachläufst, sondern er dir, aber dennoch ...«

»Aber dennoch: ›Warum hast du ihn liebgewonnen? Das ist mir ein Rätsel!‹«, fiel sie ein und lächelte plötzlich schelmisch wie in früheren Zeiten. Lisa hatte die Worte: »Das ist mir ein Rätsel!« genauso ausgesprochen wie ich und dabei ganz so, wie ich es bei diesem Satz mache, den Zeigefinger vor die Augen erhoben. Wir küßten uns zum Abschied; aber als sie weggegangen war, befiel mich doch wieder eine heftige Herzbeklemmung.

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