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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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IV

Um meinen Ärger noch zu erhöhen, brauchte der Klepper zu dem Weg unglaublich viel Zeit, obwohl ich dem Kutscher einen ganzen Rubel Trinkgeld versprach. Der Erfolg war nur, daß dieser die Peitsche in Bewegung setzte und dem Pferde allerdings für einen Rubel Hiebe verabreichte. Mein Herz wollte aufhören zu schlagen; ich wollte dem Kutscher etwas sagen, konnte aber kein vernünftiges Wort herausbringen und murmelte nur irgendwelchen Unsinn. In diesem Zustand stürzte ich zu dem Fürsten ins Zimmer! Er war eben erst angekommen; er hatte Darsan unterwegs bei dessen Wohnung abgesetzt und war allein. Mit bleichem, grimmigem Gesicht ging er im Zimmer auf und ab. Ich wiederhole noch einmal: er hatte im Spiel gewaltig verloren. Mich blickte er mit einer Art von zerstreuter Verwunderung an.

»Sind Sie schon wieder da?« sagte er mit finsterer Miene.

»Ja, um mit Ihnen Schluß zu machen, mein Herr!« erwiderte ich, nach Atem ringend. »Wie konnten Sie es wagen, mich so zu behandeln?«

Er sah mich fragend an.

»Wenn Sie mit Darsan fahren wollten, so brauchten Sie mir das nur zu sagen, aber Sie befahlen dem Kutscher, das Pferd anzutreiben, und ich ...«

»Ach ja, Sie fielen ja wohl in den Schnee!« Er lachte mir ins Gesicht.

»Darauf antwortet man mit einer Forderung, und deshalb wollen wir zunächst unsere Rechnung miteinander begleichen ...«

Und ich machte mich mit zitternden Händen daran, mein Geld herauszuholen und auf das Sofa, auf ein Marmortischchen und sogar auf ein aufgeschlagenes Buch zu legen, handvollweise, in Häufchen, in Päckchen; einige Goldstücke rollten auf den Teppich.

»Ach ja, Sie haben ja wohl gewonnen? ... Das merkt man an Ihrem Ton.«

Noch nie vorher hatte er mit mir so unverschämt gesprochen. Ich war sehr blaß.

»Hier ... ich weiß nicht, wieviel es ist ... wir müssen es zählen. Ich bin Ihnen etwa dreitausend Rubel schuldig ... oder wieviel ist es? ... Mehr oder weniger?«

»Ich habe Sie ja wohl nicht wegen der Rückzahlung gemahnt.«

»Nein, ich will es Ihnen von selbst zurückgeben, und Sie werden wissen, warum. Ich weiß, daß dieses Päckchen tausend Rubel in Hundertern enthält, da!« Ich versuchte, mit meinen zitternden Händen die Scheine zu zählen, mußte das aber aufgeben. »Ganz egal, ich weiß, daß es tausend sind. Na, also diese tausend Rubel hier werde ich für mich behalten; alles übrige aber, diese Häufchen hier, nehmen Sie als Bezahlung meiner Schuld, als Bezahlung eines Teils meiner Schuld: das sind hier, glaube ich, etwa zweitausend oder vielleicht auch mehr.«

»Aber tausend reservieren Sie doch für sich?« fragte der Fürst mit grinsendem Lächeln.

»Brauchen Sie sie? In diesem Fall ... ich wollte nur ... ich hatte gedacht, Sie würden nicht den Wunsch haben ... aber wenn Sie sie brauchen, so ... da sind sie ...«

»Nein, ich brauche sie nicht«, antwortete er geringschätzig, wandte sich von mir ab und begann wieder im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Und der Teufel weiß, was Ihnen auf einmal eingefallen ist, daß Sie es mir zurückgeben!« Er wandte sich mit impertinent herausfordernder Miene wieder zu mir.

»Ich gebe es zurück, um von Ihnen Genugtuung fordern zu können!« schrie ich meinerseits.

»Scheren Sie sich weg mit Ihren ewigen theatralischen Worten und Gebärden!« schrie er mich an und stampfte wie ein Rasender mit dem Fuß auf den Boden. »Ich wollte Ihnen beiden schon längst mein Haus verbieten, Ihnen und Ihrem Wersilow.«

»Sie haben den Verstand verloren!« rief ich. Und es machte in der Tat diesen Eindruck.

»Sie haben mich beide ganz zermartert mit Ihren tönenden Phrasen; immer nur Phrasen, Phrasen, Phrasen! Über die Ehre zum Beispiel! Pfui Teufel! Ich wollte schon längst mit Ihnen beiden brechen ... Ich freue mich, freue mich wirklich, daß endlich der richtige Augenblick dafür gekommen ist. Ich hielt mich für gebunden und errötete vor Scham darüber, daß ich genötigt war, Sie zu empfangen, Sie ... beide! Aber jetzt halte ich mich durch nichts mehr für gebunden, durch nichts, das mögen Sie wissen! Ihr Wersilow hat mich dazu aufgehetzt, über Frau Achmakowa herzufallen und sie zu beschimpfen ... Wagen Sie nicht, nach alledem noch zu mir von Ehre zu reden! Denn Sie sind ehrlose Menschen ... alle beide, alle beide; oder haben Sie sich etwa geschämt, Geld von mir anzunehmen?«

Mir wurde dunkel vor den Augen.

»Ich habe es als Freund von Ihnen angenommen«, begann ich mit ganz leiser Stimme, »Sie boten es mir selbst an, und ich glaubte an Ihre Zuneigung zu mir ...«

»Ich bin nicht Ihr Freund! Ich habe es Ihnen gegeben, aber nicht deswegen; Sie wissen ja selbst, weswegen.«

»Ich habe das Geld auf Wersilows Konto angenommen; das war allerdings dumm von mir, aber ich ...«

»Sie konnten auf Wersilows Konto kein Geld annehmen ohne seine Erlaubnis, und ich konnte Ihnen ohne seine Erlaubnis kein Geld darauf geben ... Ich habe Ihnen mein eigenes Geld gegeben, und Sie wußten es; Sie wußten es und nahmen das Geld doch, und ich duldete diese verhaßte Komödie in meinem Hause!«

»Was soll ich gewußt haben? Von was für einer Komödie reden Sie? Weshalb haben Sie mir das Geld gegeben?«

»Pour vos beaux yeux, mon cousin!« erwiderte er und lachte mir dabei gerade ins Gesicht.

»Zum Teufel!« brüllte ich. »Nehmen Sie alles, da haben Sie auch noch die tausend Rubel! Jetzt sind wir quitt, und morgen ...«

Und ich warf nach ihm mit dem Päckchen Banknoten, das ich mir zur Verbesserung meiner Lebenslage hatte reservieren wollen. Das Päckchen traf ihn gerade gegen die Weste und fiel klatschend auf den Fußboden. Schnell, mit drei großen Schritten, trat er gerade auf mich zu.

»Wollen Sie zu behaupten wagen«, sagte er in grimmiger Wut, jede Silbe einzeln aussprechend, »daß Sie mein Geld den ganzen Monat über angenommen haben, ohne zu wissen, daß Ihre Schwester von mir schwanger ist?«

»Was? Wie?« schrie ich auf, und plötzlich wurden mir die Beine schwach, und ich sank kraftlos auf das Sofa. Er selbst hat mir später gesagt, ich sei so weiß geworden wie Leinwand. Die Gedanken verwirrten sich in meinem Kopf. Ich erinnere mich, daß wir einander lange schweigend ins Gesicht sahen. Ein Erschrecken schien über sein Gesicht hinzugehen; er beugte sich plötzlich zu mir herab und faßte mich an den Schultern, um mich zu stützen. Ich habe sein starres Lächeln sehr genau im Gedächtnis; in diesem Lächeln lag Mißtrauen und Erstaunen. Ja, er hatte in keiner Weise eine solche Wirkung seiner Worte erwartet, weil er von meiner Schuld überzeugt gewesen war.

Ich wurde schließlich ohnmächtig, aber nur für einen Augenblick; ich kam wieder zu mir, stand auf, sah ihn an, sammelte meine Gedanken – und auf einmal stand unverhüllt die ganze Wahrheit vor meinem Verstand, der so lange geschlafen hatte! Hätte man mir diese Mitteilung schon vorher gemacht und mich gefragt, was ich mit dem Fürsten in diesem Augenblick anfangen würde, so hätte ich sicherlich geantwortet, ich würde ihn in Stücke reißen. Aber es geschah etwas ganz anderes, und zwar ganz gegen meinen Willen: ich verbarg auf einmal das Gesicht in meine beiden Hände und weinte und schluchzte bitterlich. Das geschah ganz von selbst! In dem jungen Mann kam plötzlich das kleine Kind zum Vorschein. Meine Seele war also damals noch zur vollen Hälfte die eines kleinen Kindes. Ich fiel wieder auf das Sofa zurück und rief schluchzend: »Lisa, Lisa, du Arme, Unglückliche!« Da glaubte der Fürst auf einmal vollständig an meine Aufrichtigkeit.

»Mein Gott, wie sehr habe ich Ihnen unrecht getan!« rief er in tiefem Schmerz. »Oh, wie häßlich habe ich von Ihnen in meinem Mißtrauen gedacht ... Verzeihen Sie mir, Arkadij Makarowitsch!«

Ich sprang auf, wollte ihm etwas sagen und trat vor ihn hin, aber ich sagte nichts, sondern lief aus dem Zimmer und aus der Wohnung. Ich schleppte mich zu Fuß nach Haus und kann mich kaum erinnern, wie ich hinkam. Ich warf mich im Dunkeln auf mein Bett, mit dem Gesicht auf das Kissen, und überließ mich meinen Gedanken. In solchen Augenblicken kann man nie klar und folgerichtig denken. Mein Verstand und meine Einbildungskraft hatten sich gleichsam von dem leitenden Faden losgemacht, und ich gab mich sogar Träumereien über ganz nebensächliche, fremdartige Dinge hin. Aber Kummer und Leid brachten sich schnell wieder durch ein dumpfes Gefühl des Schmerzes in Erinnerung, und ich rang wieder die Hände und rief: »Lisa, Lisa!« und weinte wieder. Ich entsinne mich nicht, wie ich einschlief, aber ich schlief fest und süß.

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