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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Jüngling - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Jüngling
translatorH. Röhl
publisherAufbau-Verlag
year1971
printrun3
copyrightInsel-Verlag
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20051017
projectida772644f
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III

Ich war allein eingetreten und befand mich nun in einer Schar unbekannter Menschen; so ließ ich mich denn zunächst an einer Ecke des Tisches nieder, setzte nur kleine Beträge und saß so etwa zwei Stunden lang, ohne mich zu rühren. Diese ganzen zwei Stunden über trug das Spiel einen sehr farblosen Charakter – nicht Fisch nicht Fleisch. Ich ließ wundervolle Chancen ungenutzt und gab mir alle Mühe, nicht ärgerlich zu werden, sondern durch Kaltblütigkeit und vorsichtiges Spiel etwas zu erreichen. Schließlich ergab sich, daß ich in den ganzen zwei Stunden weder verloren noch gewonnen hatte: von den dreihundert Rubeln hatte ich zehn, fünfzehn Rubel verspielt. Dieses elende Resultat erboste mich, und überdies ereignete sich noch ein unangenehmer Zwischenfall. Ich weiß, daß es in diesen Roulettsälen manchmal Diebe gibt, das heißt nicht solche von der Straße, sondern einfach Mitglieder der Spielgesellschaft. So bin ich zum Beispiel überzeugt, daß der bekannte Spieler Afjerdow ein Dieb ist; er spielt auch jetzt noch in der Stadt eine Rolle, er ist mir erst kürzlich in seiner eigenen Equipage mit zwei Ponys davor begegnet; aber er ist ein Dieb und hat mich bestohlen. Aber diese Geschichte später; an diesem Abend trug sich nur das Präludium davon zu. Ich saß diese ganzen zwei Stunden lang an einer Ecke des Tisches, und links neben mir hatte die ganze Zeit über so ein eklig aufgeputzter Kerl seinen Platz, ich glaube, ein Judenjüngling; er ist übrigens irgendwo Kompagnon, schreibt sogar etwas und läßt es drucken. Im allerletzten Augenblick gewann ich plötzlich zwanzig Rubel. Die beiden roten Banknoten lagen vor mir, und auf einmal sah ich, wie dieser Judenjüngling die Hand ausstreckte und mit der größten Seelenruhe eine meiner Banknoten zu sich heranzog. Ich erhob Einspruch, aber er erklärte mir mit der unverschämtesten Miene und ohne die Stimme zu erheben, das sei sein Gewinn, er habe soeben selbst gesetzt und gewonnen; er wollte das Gespräch nicht einmal fortsetzen und wandte sich von mir ab. Leider befand ich mich in jenem Augenblick gerade in einer sehr dummen Gemütsverfassung: ich beschäftigte mich mit einer großen Idee, und so ließ ich denn die Sache schießen, stand schnell auf und ging weg; ich wollte mich mit ihm nicht herumstreiten und schenkte ihm die zehn Rubel. Und es wäre auch schwer gewesen, diese Geschichte mit dem frechen Dieb zum Austrag zu bringen, da ich den richtigen Augenblick bereits hatte vorübergehen lassen: das Spiel hatte schon seinen Fortgang genommen. Und eben das war nun von meiner Seite ein gewaltiger Fehler, der sich in der Folge schwer rächte: drei oder vier Spieler in unserer Nähe hatten unseren Wortwechsel bemerkt, und da sie sahen, daß ich so leicht nachgab, hielten sie mich wahrscheinlich selbst für ein solches Subjekt. Es war gerade Mitternacht; ich ging in das anstoßende Zimmer, dachte ein Weilchen nach, entwarf einen neuen Plan, und als ich zurückgekehrt war, wechselte ich mir beim Bankhalter meine Banknoten in Halbimperiale um. Ich hatte deren nun etwas über vierzig Stück. Ich teilte sie in zehn gleiche Teile und beschloß, zehnmal hintereinander auf Zero zu setzen, jedesmal vier Halbimperiale, einmal nach dem andern. ›Gewinne ich, so ist das mein Glück; verliere ich, um so besser; dann werde ich nie wieder spielen.‹ Ich bemerke noch, daß in diesen ganzen zwei Stunden nicht ein einziges Mal Zero herausgekommen war, so daß schließlich niemand mehr auf Zero setzte.

Ich setzte im Stehen, schweigend, mit finsterem Gesicht und zusammengebissenen Zähnen. Bei meinem dritten Einsatz rief Serschtschikow laut: »Zero!« das den ganzen Abend über noch nicht gekommen war. Es wurden mir hundertvierzig Halbimperiale in Gold ausgezahlt. Ich hatte noch sieben Einsätze und fuhr fort zu setzen, obwohl alles um mich herum sich zu drehen und zu tanzen begann.

»Kommen Sie hierher!« rief ich über den ganzen Tisch hinweg einem Spieler zu, neben dem ich vorher gesessen hatte, einem Herrn im Frack, mit grauem Schnurrbart und rotem Gesicht, der schon mehrere Stunden lang mit unsäglicher Geduld kleine Beträge gesetzt und einen Einsatz nach dem andern verloren hatte. »Kommen Sie hierher! Hier ist Glück!«

»Meinen Sie mich?« antwortete der Schnurrbärtige in verwundertem, drohendem Ton vom Ende des Tisches her.

»Ja, Sie! Da werden Sie alles bis auf den letzten Rubel verlieren!«

»Das ist nicht Ihre Sache, und ich ersuche Sie, mich nicht zu belästigen!«

Aber ich konnte mich schon nicht mehr halten. Mir gegenüber, auf der anderen Seite des Tisches, saß ein älterer Offizier. Als er meine Art zu setzen sah, sagte er halblaut zu seinem Nachbar:

»Sonderbar, Zero. Nein, zu Zero kann ich mich nicht entschließen.«

»Entschließen Sie sich nur dazu, Oberst!« rief ich und setzte von neuem.

»Ich ersuche Sie ebenfalls, mich in Ruhe zu lassen und mich mit Ihren Ratschlägen zu verschonen«, erwiderte er scharf. »Sie schreien hier sehr laut.«

»Ich gebe Ihnen ja nur einen guten Rat. Na, wollen wir wetten, daß gleich noch einmal Zero kommt? Zehn Goldstücke, da, mein Wetteinsatz; haben Sie Lust?«

Ich legte zehn Halbimperiale hin.

»Auf zehn Goldstücke wetten? Das kann ich tun«, versetzte er mit trockenem Ernst. »Ich wette gegen Sie, daß nicht Zero kommt.«

»Auf zehn Louisdors, Oberst.«

»Was soll das heißen: ›auf zehn Louisdors‹?«

»Auf zehn Halbimperiale, Oberst; feiner gesagt: auf zehn Louisdors.«

»Dann sagen Sie einfach ›Halbimperiale‹, und erlauben Sie sich mit mir keine Späße!«

Ich hatte natürlich keine Hoffnung, daß ich die Wette gewinnen würde; es waren sechsunddreißig Chancen gegen eine, daß Zero nicht kommen würde, aber doch hatte ich die Wette vorgeschlagen, erstens, um großzutun, und zweitens, weil ich auf irgendeine Weise die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich lenken wollte. Ich sah nur zu gut, daß mich hier aus irgendeinem Grund niemand leiden konnte und daß man mich das mit besonderem Vergnügen empfinden ließ. Das Roulett drehte sich – und wie groß war das allgemeine Erstaunen, als wieder Zero kam! Es erscholl sogar ein allgemeiner Aufschrei. Und nun umnebelte der Rausch des Gewinnens meinen Geist vollständig. Es wurden mir wieder hundertvierzig Halbimperiale ausgezahlt. Serschtschikow fragte mich, ob ich nicht einen Teil davon in Banknoten nehmen wolle, aber ich murmelte nur etwas Unverständliches zur Antwort, denn ich war faktisch nicht mehr imstande, mich ruhig und deutlich auszudrücken. Im Kopf drehte sich alles, und die Beine waren mir schwach geworden. Ich hatte auf einmal das Gefühl, daß ich nun gleich furchtbar gewagt spielen würde; außerdem hatte ich die größte Lust, noch irgend etwas zu unternehmen, jemandem eine Wette anzubieten, jemandem ein paar tausend Rubel auszuzahlen. Mechanisch scharrte ich mit der Handfläche die Banknoten und Goldstücke zusammen, konnte mich aber nicht so weit sammeln, sie nachzuzählen. In diesem Augenblick bemerkte ich hinter mir den Fürsten und Darsan: sie kamen aus ihrem Pharozirkel und hatten dort, wie ich nachher erfuhr, alles verspielt.

»Ah, Darsan«, rief ich ihm zu. »Hier ist Glück! Setzen Sie auf Zero!«

»Ich habe alles verspielt, ich habe kein Geld«, antwortete er trocken. Der Fürst aber tat seinerseits ganz, als ob er mich nicht bemerke und mich nicht erkenne.

»Da ist Geld!« rief ich und zeigte auf meinen Goldhaufen. »Wieviel brauchen Sie?«

»Hol's der Teufel!« rief Darsan, der ganz rot geworden war. »Ich habe Sie ja wohl nicht um Geld gebeten.«

»Sie werden gerufen«, sagte Serschtschikow zu mir, mich am Ärmel zupfend.

Derjenige, der mich schon ein paarmal und beinahe schimpfend gerufen hatte, war jener Oberst, der die Wette um zehn Halbimperiale an mich verloren hatte.

»Bitte, nehmen Sie!« rief er, ganz rot vor Zorn. »Ich bin nicht verpflichtet, hier lange vor Ihnen zu stehen, und sonst sagen Sie nachher, Sie hätten das Geld nicht bekommen. Zählen Sie es nach!«

»Ich glaube es, ich glaube es, Oberst, ich glaube es ohne Nachzählen; nur schreien Sie mich bitte nicht so an, und seien Sie nicht so böse!« erwiderte ich und scharrte das Häufchen Gold mit der Hand zu mir heran.

»Ich ersuche Sie, mein Herr, mit Ihrem Freudenrausch andere Leute zu belästigen, aber nicht mich«, rief der Oberst in scharfem Ton. »Ich habe nicht mit Ihnen zusammen Schweine gehütet!«

»Sonderbar, daß solche Menschen hier hereingelassen werden, was ist denn das eigentlich für einer? Irgend so ein Jüngling«; hörte ich halblaut sagen.

Aber ich kümmerte mich nicht darum, sondern setzte aufs Geratewohl weiter, und zwar jetzt nicht mehr auf Zero. Ich setzte ein ganzes Päckchen Hundertrubelscheine auf die ersten achtzehn Zahlen.

»Wir wollen fahren, Darsan!« hörte ich hinter mir den Fürsten sagen.

»Nach Hause?« fragte ich, mich zu ihnen umwendend. »Warten Sie auf mich, wir wollen zusammen fahren; ich mache hier Schluß.«

Mein Einsatz gewann; die gewonnene Summe war gewaltig.

»Genug!« rief ich und begann mit zitternden Händen das Gold, ohne es zu zählen, zusammenzuscharren und in die Taschen zu schütten, sowie die Banknotenhäufchen mit den Fingern ungeschickt zusammenzudrücken, um sie alle zusammen in die Seitentasche zu stecken. Auf einmal legte sich die dicke, beringte Hand Afjerdows, der dicht neben mir saß und ebenfalls hohe Einsätze gemacht hatte, auf drei meiner Hundertrubelscheine und deckte sie zu.

»Erlauben Sie, das ist nicht Ihr Geld«, sagte er markant und in ernstem Ton, jedoch mit ziemlich sanfter Stimme. Das war nun jenes Präludium, das später, einige Tage darauf, solche schwerwiegenden Folgen haben sollte. Jetzt kann ich mit meinem Ehrenwort versichern, daß diese drei Hundertrubelscheine mir gehörten, aber zu meinem Unglück regte sich damals, obgleich ich überzeugt war, daß sie mir gehörten, doch noch eine Spur von Zweifel in mir, und für einen ehrenhaften Menschen ist das ausschlaggebend, und ich bin ein ehrenhafter Mensch. Vor allen Dingen aber wußte ich damals noch nicht mit Sicherheit, daß Afjerdow ein Dieb ist; ich kannte damals noch nicht einmal seinen Namen, so daß ich in jenem Augenblick tatsächlich denken konnte, ich hätte mich geirrt und diese drei Hundertrubelscheine gehörten nicht zu den mir soeben ausgezahlten. Ich hatte die ganze Zeit über meinen Geldhaufen nicht gezählt und das Geld nur mit den Händen herangescharrt; vor Afjerdow aber hatte ebenfalls die ganze Zeit über Geld gelegen, und zwar nicht neben dem meinigen, aber wohlgeordnet und gezählt. Und endlich war Afjerdow hier bekannt, wurde für einen reichen Mann gehalten und mit Achtung behandelt: all das übte auch auf mich seine Wirkung aus, und ich protestierte wieder nicht. Ein furchtbarer Fehler! Die größte Dummheit bestand darin, daß ich mich in solcher Ekstase befand.

»Es tut mir sehr leid, daß ich mich nicht genau besinnen kann, aber bin fest überzeugt, daß es mein Geld ist«, sagte ich, und meine Lippen zitterten dabei vor Empörung. Diese Worte riefen bei den Anwesenden sogleich ein Murren hervor.

»Um so etwas zu sagen, muß man sich genau besinnen können, und Sie sagten selbst, daß Sie sich nicht genau besinnen«, erwiderte Afjerdow in unerträglich hochmütigem Ton.

»Wer ist denn das eigentlich? Wie kann man so etwas dulden?« wurde von mehreren Seiten gerufen.

»Das ist bei dem Herrn nicht das erstemal; vorhin hatte er mit Rechberg auch einen Streit um einen Zehnrubelschein«, ließ sich neben mir eine niederträchtige Stimme vernehmen.

»Na, lassen wir's gut sein, lassen wir's gut sein!« rief ich. »Ich widerspreche nicht, nehmen Sie es nur! Fürst ... wo ist denn der Fürst und Darsan? Weggegangen? Meine Herren, haben Sie nicht gesehen, wohin der Fürst und Darsan gegangen sind?« Und nachdem ich endlich all mein Geld verstaut hatte – nur ein paar Halbimperiale hatte ich noch nicht in die Tasche schieben können und hielt sie in der Hand –, stürzte ich davon, um den Fürsten und Darsan einzuholen. Der Leser sieht wohl, daß ich mich nicht schone und mich an dieser Stelle meiner Erzählung ganz so schildere, wie ich mich damals benahm, mit sämtlichen häßlichen Einzelheiten, damit die späteren Vorgänge verständlich werden.

Der Fürst und Darsan waren schon die Treppe hinuntergegangen, ohne sich um mein Rufen und Schreien auch nur im geringsten zu kümmern. Ich hatte sie schon eingeholt, blieb aber noch eine Sekunde vor dem Portier stehen und schob ihm – weiß der Teufel warum – drei Halbimperiale in die Hand; er sah mich erstaunt an und bedankte sich nicht einmal. Aber mir war alles gleich, und wenn Matwej dagewesen wäre, so hätte ich ihm gewiß eine ganze Handvoll Goldstücke gegeben; ja, ich hatte auch wohl schon die Absicht, es zu tun; aber als ich auf die Stufen vor der Haustür hinausgelaufen kam, fiel mir plötzlich ein, daß ich ihn ja schon vorhin nach Hause entlassen hatte. In diesem Augenblick fuhr der mit einem Traber bespannte Schlitten des Fürsten vor, und dieser stieg ein.

»Ich fahre mit, Fürst; ich will zu Ihnen!« rief ich, griff nach der Schlittendecke und schlug sie zurück, um in seinen Schlitten einzusteigen; aber auf einmal sprang an mir vorbei Darsan in den Schlitten, und der Kutscher riß mir die Decke aus der Hand und wickelte sie den Herren um die Beine.

»Hol's der Teufel!« rief ich außer mir. Das war ja, als hätte ich für Darsan wie ein Lakai die Schlittendecke zurückgeschlagen.

»Nach Hause!« rief der Fürst.

»Halt!« brüllte ich und packte den Schlitten, aber das Pferd zog an, und ich kollerte in den Schnee. Es schien mir sogar, als lachten sie. Ich sprang auf und nahm mir sofort einen gerade vorüberkommenden Droschkenschlitten und jagte zum Fürsten, wobei ich das Tempo des Kleppers alle Augenblicke durch Zurufe zu beschleunigen suchte.

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